Kiews Feldzug gegen Russland offenbart Moskaus Mangel an kampfkräftigen Soldaten. Seit Mitte Juli verstärken die russischen Behörden die Militärwerbung, während die Regionen die Prämien für neue Soldaten erhöhen.
„Der Krieg ist zu wichtig, um ihn den Generälen zu überlassen“ – dieses Zitat von Georges Clemenceau, dem französischen Premierminister während des Ersten Weltkriegs, spiegelt eine Überzeugung wider, die vermutlich auch Wladimir Putin teilt: Die politische Führung muss die Kontrolle über den Krieg behalten, um ruinöse Fehlschläge zu vermeiden.
Auch in diesen Tagen erlebt Russland ein Fiasko. Für seinen Krieg in der Ukraine braucht Moskau ständig neue Soldaten – ein Ergebnis der russischen Kriegsführung, die hohe eigene Verluste in Kauf nimmt. Schätzungen der US-Geheimdienste zufolge beliefen sich diese Verluste bereits im Dezember 2023 auf 315.000 Mann (Achgut berichtete).
Viele der derzeit an der Front stehenden Soldaten sind Reservisten ohne umfassende Kampferfahrung. Das gilt auch für die andauernden Gefechte in der Oblast Kursk, wo überwiegend Wehrpflichtige stationiert sind. Sie konnten den vier gut ausgebildeten ukrainischen Brigaden kaum Widerstand leisten; daher gilt: Will Moskau den Feind vom eigenen Territorium vertreiben, benötigt es mehr Männer.
Wladimir Putin erklärte, dass der Angriff auf die Oblast Kursk zu einem Anstieg der Vertragsabschlüsse mit dem Verteidigungsministerium geführt habe. Dies bestätigte auch Wjatscheslaw Bobrenjow, der Leiter des Rekrutierungszentrums in Kursk. Er berichtet von einer Verdreifachung der Interessenten – bis zu 15 Personen sollen sich in der vergangenen Woche pro Tag gemeldet haben. Ähnliche Entwicklungen wurden auch aus der Region Kostroma gemeldet.
Sanfter Druck, sich den Streitkräften anzuschließen
Das Hauptinstrument zur Rekrutierung neuer Vertragssoldaten sind üppige Prämien. Mehr als die Hälfte der russischen Regionen hat in diesem Sommer die Zahlungen erhöht und setzt dies fort. Ende Juli verdoppelte Putin zudem die bundesweite Prämie. Noch nie war es für ausbildungslose Menschen in Russland einfacher, so viel Geld zu erhalten.
Moskau hat sich bei dieser Entwicklung an die Spitze gesetzt und im Juli eine Rekordzahlung von 1,9 Millionen Rubel (18.600 Euro) eingeführt. Dies ist bemerkenswert, da der Kreml stets bemüht war, die Bevölkerung der Hauptstadt vom Kampfgeschehen fernzuhalten. Diese Haltung wurde inzwischen aufgegeben. Zwar besteht kein direkter Zwang, doch wird sanfter Druck ausgeübt, sich den Streitkräften anzuschließen.
So unterstützt der bekannte Propagandist Wladimir Solowjow die Rekrutierung in Moskau über seinen Telegram-Kanal. Das staatliche Fernsehen fördert ebenfalls den Dienst, indem es über „Menschenmassen, die in den Krieg ziehen wollen“, und über die Vorteile für neue Soldaten berichtet.
Auf dem sozialen Medium „VKontakte“ gibt es bereits hunderte von Anzeigen für weibliche Mediziner, die von regionalen Behörden geschaltet werden. Zuvor wurden Frauen in solchen Kampagnen kaum erwähnt.
Was in den staatlichen Medien und in der Werbung jedoch nicht thematisiert wird, ist der Mangel an Truppen an der Front, den westliche Analysten als neuralgisches Problem identifizieren und den mittlerweile sogar einige kremlnahe Kommentatoren, wie kürzlich Juri Kotjonok, vorsichtig einräumen.
Der Kreml reagiert darauf mit finanziellen Anreizen. Am 31. Juli 2024 erhöhte Putin per Dekret die bundesweite Prämie für Soldaten, die zwischen Ende Juli und Jahresende in den Krieg ziehen, auf 400.000 Rubel (4.000 Euro) pro Monat. Die vorherige Prämie von 195.000 Rubel (1.900 Euro) war nach der „Teilmobilmachung“ vor fast zwei Jahren eingeführt worden.
Immer höhere Prämien
Putin empfahl den regionalen Behörden ebenfalls, die Zahlungen an die neuen Vertragssoldaten entsprechend anzupassen. Mindestens 27 Regionen haben schnell reagiert und die regionale Einmalzahlung auf 400.000 Rubel oder mehr erhöht. Etwa zehn Regionen, darunter Chakassien und die Region Archangelsk, hinken jedoch hinterher und zahlen nur 50.000 bzw. 100.000 Rubel (490 bz. 980 Euro). Dies könnte auf ihre defizitären Haushalte zurückzuführen sein.
In Regionen wie Nordossetien wird die Summe von 400.000 Rubel aus verschiedenen Quellen finanziert: 100.000 Rubel stammen aus dem regionalen Budget, 100.000 Rubel von lokalen Verwaltungen, 100.000 Rubel von der Geschäftswelt, und weitere 100.000 Rubel werden in Form eines Gutscheins für Ausrüstung geleistet.
In anderen Regionen, wie dem Leningrader Gebiet, werden zusätzlich Landzertifikate oder 400.000 Rubel angeboten, die jedoch erst nach Vertragsende ausgezahlt werden. Lokale Verwaltungen in Großstädten wie Ufa oder Krasnojarsk stocken ebenfalls die Prämien auf, während die meisten Regionen die Zahlungen aus ihren eigenen Budgets leisten.
Einige traditionell subventionierte Regionen im Nordkaukasus, wie Adygeja, Kabardino-Balkarien und Karatschai-Tscherkessien, bieten mit über einer Million Rubel (9.800 Euro) die höchsten Prämien im Land und gehören damit zu den zehn Regionen mit den höchsten Gesamtzahlungen im Nordkaukasus. Moskau führt diese Liste an, gefolgt von der Region St. Petersburg.
Die genauen Gründe für die hohen Zuwenden in den südlichen Regionen Russlands wurden in den Medien nicht genannt, könnten jedoch mit der Logistik zusammenhängen, da die Ausbildung der Soldaten im Süden, insbesondere in den Regionen Rostow und Stawropol, stattfindet.
Anstieg der Propaganda
Das staatliche Fernsehen hat die Kampagne zur Förderung des Militärdienstes nach dem Ende der Frühjahrseinberufung Mitte Juli intensiviert. Der Höhepunkt der aktuellen TV-Kampagne fiel zeitlich mit Putins Dekret zur Erhöhung der Prämie zusammen.
Ein ähnlicher Anstieg der Propaganda war Anfang April nach dem Angriff auf das „Krokus City Hall“ zu beobachten, für den die russischen Behörden die Ukraine verantwortlich machten, während der IS die Verantwortung übernahm. Damals zeigten die staatlichen Sender „Freiwillige“, die auf den „Terroranschlag“ reagierten und „faschistisches Gesindel“ bekämpfen wollten.
Ein weiterer Höhepunkt der Propagandakampagne folgte auf den Einmarsch ukrainischer Truppen in die Region Kursk, als mehrere Regionen, darunter Kostroma und Archangelsk, einen Anstieg der Vertragsabschlüsse meldeten. Wladimir Solowjow besuchte am 11. August 2024 in seiner Sendung das zentrale Rekrutierungszentrum in Moskau und behauptete, dass nun „mehr als 100 Menschen pro Tag“ Verträge unterzeichnen würden.
Besonders beworben werden von den staatlichen Kanälen Regionen wie Moskau, St. Petersburg, die südlichen Gebiete wie Krasnodar, Dagestan und Nordossetien sowie Sibirien und die Region Chabarowsk, wo die Prämien knapp unter den von Putin empfohlenen Beträgen liegen.
„Russland 24“ berichtete in einem Beitrag über St. Petersburg, dass jeder, der möchte, von dort aus in den Krieg ziehen könne – „eine Anmeldung ist nicht erforderlich“, und „für Auswärtige stellt St. Petersburg sogar eine Unterkunft während der Dokumentenerstellung zur Verfügung“. „Russland 1“ meldete am 7. August, dass die Rekrutierungszentren im Krasnodar-Gebiet „rund um die Uhr“ arbeiten und Menschen „aus verschiedenen Regionen“ anreisen.
Ganze „Familien“ in den Militärdienst
Obwohl die meisten Regionen die Anzahl der Vertragsabschlüsse nicht öffentlich bekannt geben, häufen sich im Rahmen der jüngsten Kampagne solche Meldungen. So sollen in der Region Krasnodar in diesem Jahr über 6.000 Personen in den Militärdienst entsandt worden sein.
Der vom Verteidigungsministerium betriebene Fernsehkanal „Swesda“ berichtete am 6. August, dass im Gebiet Chabarowsk „noch mehrere hundert Personen“ in den letzten Tagen einen Vertrag mit dem Verteidigungsministerium abgeschlossen hätten. „Russland 1“ meldete in einem regionalen Beitrag, dass ganze „Familien“ in den Militärdienst eintreten.
Das Thema „Familie“ wurde auch als Motiv genannt, warum sich künftige Vertragssoldaten zu diesem Schritt entschließen. So betonte der „Erste Kanal“ am 13. August im Morgenprogramm, dass Kinder „stolz“ auf ihre Väter seien, die sich entschieden hätten, einen Vertrag zu unterzeichnen, „damit ihre Familien in Sicherheit leben können“. In dem Beitrag wurde auch die „Mutter eines russischen Soldaten“ gezeigt, die lächelnd erklärte, sie warte auf die Männer, die an die Front gingen, „mit einem Sieg“.
In Moskau ist zudem eine besonders aufwändig gestaltete Rekrutierungsseite mit dem Namen „Dobrovolets.Moskva“ online. Die Seite und der zugehörige Telegram-Kanal „Voenkom na linii“ wurden Ende Juli 2024 reaktiviert, kurz nachdem die Stadtverwaltung überraschend in das Rennen um Vertragssoldaten eingestiegen war und die höchste Einmalzahlung in ganz Russland anbot. Zuvor hatte Moskau lange Zeit nur bescheidene 50.000 Rubel pro Monat während des Vertragsdienstes und etwa 100.000 Rubel pro Monat bis zur Abreise zur „Spezialoperation“ angeboten.
„Papa, du bist ein echter Held“
Wladimir Solowjow peitscht diesen Trend auf seinem Telegram-Kanal voran. Ein besonders populärer Beitrag des Moderators über den Vertragsdienst vom 9. August verzeichnete zwei Millionen Aufrufe. Darin wird ein Video gezeigt, in dem ein Mädchen ihren Vater am Bahnhof mit den Worten „Wir warten auf unsere Väter im ganzen Land, Papa, du bist ein echter Held“ begrüßt.
Am 6. August erklärte der Wehrkommissar der Region Saratow, Alexej Lukitschew, in einer Videokonferenz, dass die „wichtigste Aufgabe derzeit die Vertragsrekrutierung ist“. Er drohte, dass „der Tag kommen wird, an dem ich diejenigen rekrutiere, die für Sie sehr wichtig sind“, und dass der Gouverneur es erlaubt habe, „Führer und Untergebene vom Schutz zu entbinden, wenn es notwendig wird“.
Dass der Staat die Rekrutierung neuer Soldaten mit Hochdruck vorantreibt, ist nicht nur auf die militärische Lage zurückzuführen, sondern hat auch politische Hintergründe. Im Zentrum steht die Popularität des Präsidenten, dem es bislang nicht gelungen ist, die ukrainischen Truppen aus der Oblast Kursk zu vertreiben.
Das Meinungsforschungsinstitut WZIOM hat einen rekordverdächtigen Rückgang der Zustimmungswerte für die Arbeit des russischen Präsidenten sowie des Vertrauens in Wladimir Putin verzeichnet, wie das Portal „Agentstvo“ am 23. August berichtete.
„Sagen Sie bitte, vertrauen Sie Wladimir Putin oder nicht?“
Laut einer Veröffentlichung auf der WZIOM-Website sank der Zustimmungswert für die Arbeit des Präsidenten in der Woche vom 12. bis 18. August um 3,5 Prozentpunkte auf 73,6 Prozent. Eine Woche zuvor, vom 5. bis 11. August, lag dieser Wert noch bei 77,1 Prozent. Die Befragten wurden gefragt: „Billigen Sie die Arbeit des Präsidenten insgesamt oder nicht?“
Das Vertrauen in Putin verringerte sich laut WZIOM im gleichen Zeitraum um 2,6 Prozentpunkte auf 78,2 Prozent (eine Woche zuvor: 80,8 Prozent). Die Frage lautete: „Sagen Sie bitte, vertrauen Sie Wladimir Putin oder nicht?“
„Agentstvo“ hebt hervor, dass dies laut den WZIOM-Daten der stärkste Rückgang beider Indikatoren seit Beginn des Krieges ist. Der Zustimmungswert für die Arbeit des Präsidenten fiel während des Krieges unter die Marke von 73,6 Prozent, insbesondere im Sommer und Herbst 2023, nach dem Aufstand der Wagner-Gruppe. Das bisherige Tief von 72,6 Prozent wurde in der Woche vom 7. bis 13. August 2023 erreicht.
Die aggressive Mobilisierungspolitik des Kremls, die darauf abzielt, möglichst viele Männer für den Krieg in der Ukraine zu rekrutieren, könnte – falls sie über mehrere Jahre hinweg fortgesetzt wird – gravierende Auswirkungen auf die demografische Entwicklung Russlands haben und die ohnehin schrumpfende Gesellschaft weiter destabilisieren.
Laut „Rosstat“ verringerte sich die Bevölkerung Russlands im Jahr 2023 um 244.000 Personen und beträgt nun 146,2 Millionen. Die höchsten Geburtenraten wurden in Tschetschenien (2,66), Tuwa (2,44) und der Republik Altai (2,03) verzeichnet, während die niedrigsten Werte in der Region Leningrad (0,88) und in Sewastopol (0,98) registriert wurden.
Das Arbeitsministerium führt den Rückgang der Geburtenrate auf die sinkende Zahl von Frauen im Alter von 20 bis 29 Jahren und auf die Unsicherheiten auf dem Arbeitsmarkt zurück. Dass jetzt immer mehr junge Männer im Wehrdienstalter im Krieg fallen, anstatt Familien zu gründen, wird diese Entwicklung zusätzlich verstärken.
Anweisung, ein Bevölkerungswachstum zu erreichen
Als Wladimir Putin im Februar 2022 den Krieg begann, strebte er danach, als Präsident in die russische Geschichte einzugehen, der die von ihm als zu Russland gehörenden Territorien außerhalb der Landesgrenzen wieder in den Moskauer Staat integriert. Die russische Propaganda hat ihn seit Kriegsbeginn in genau diesem Licht dargestellt.
Eine langfristige Fortsetzung der Kämpfe könnte dieses Vermächtnis jedoch gefährden. So besteht die Möglichkeit, dass Russland am Ende des Krieges seiner demografischen Grundlage beraubt sein könnte. Putins Anweisung an die Regierung, bis 2024 ein Bevölkerungswachstum zu erreichen, mutet vor diesem Hintergrund hilflos an.
Russland wäre nicht der erste Staat in Europa, dessen Versuch, ein Problem mit Gewalt zu lösen, in eine noch größere Misere geführt hat. Welche Bereiche von Gesellschaft und Staat davon betroffen sein werden, bleibt abzuwarten. Sicher ist jedoch, dass die Russische Föderation längst nicht mehr in demselben Maße auf Soldaten zurückgreifen kann wie einst die Sowjetunion. Zumindest aus diesem Blickwinkel betrachtet, müsste Moskau ein dringendes Interesse an einem baldigen Kriegsende haben.
Möglicherweise wird dies im kommenden Jahr Realität werden. Wadim Skibizki, der stellvertretende Leiter des Hauptnachrichtendienstes des ukrainischen Verteidigungsministeriums, ist der Ansicht, dass derzeit beide Seiten um die vorteilhafteste Position für mögliche Verhandlungen ringen. Substanzielle Verhandlungen könnten jedoch frühestens in der zweiten Hälfte des Jahres 2025 beginnen.
Dr. Christian Osthold ist Historiker mit dem Schwerpunkt auf der Geschichte Russlands. Seine Monographie über den russisch-tschetschenischen Konflikt ist in der Cambridge University Press rezensiert worden. Seit 2015 ist Osthold vielfach in den Medien aufgetreten.