Durch Putins Ukraine-Krieg wird für die Hungernden dieser Welt das Getreide knapp. Der Hunger wird wieder zur Kriegswaffe. Das stärkt die Erinnerung der Ukrainer daran, dass Stalin ihr Volk in den 1930er Jahren buchstäblich aushungern wollte.
Putin weiß, was er „Väterchen“ Stalin schuldig ist, der Junge will dem Alten nachfolgen und die Ukraine unterwerfen, am besten als souveränen Staat von der Landkarte tilgen. Als der Schnauzbärtige noch Herr im Kreml war, verfügte Moskau noch nicht über die Raketen, die es Putin heute erlauben, das Land in Schutt und Asche zu legen.
Stalins Methoden des Terrors waren – damals in den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts – aber natürlich nicht weniger barbarisch. Sprache, Kultur und Kunst des Volkes sollten „russifiziert“, die ukrainische Kultur zerstört und durch eine sowjetisch-kommunistische ersetzt werden. Kleriker und Intellektuelle wurden reihenweise an die Wand gestellt, in Massengräbern verscharrt. Dichter, Schriftsteller, Künstler und Hochschullehrer zur Gehirnwäsche nach Sibirien deportiert, allein 1931 über 50.000. Als die Rechnung trotzdem nicht aufgehen wollte, weil sich auch das Landvolk, die Bauern, diesem „Fortschritt“ verweigerten, verfiel Stalin auf die Idee, die Ukraine kurzerhand auszuhungern.
Dazu bedurfte es keiner hochentwickelten Waffen. Es genügte der brutale Einsatz moralisch verkommener und ideologisch indoktrinierter Genossen, um den Bauern das Getreide aus den Scheunen und das Vieh aus den Ställen zu stehlen. Die Beute wurde ins kapitalistische Ausland verscherbelt. Mit den Erlösen wollte die Partei technisches Know-how und moderne Fabrik-Ausrüstungen kaufen, um die Sowjetunion zu einer führenden Industriemacht aufzurüsten. Ganz im Sinne Lenins, der bereits 1921 erklärte: „Der Bauer muss ein wenig Hunger leiden, um dadurch die Fabriken und die Städte vor dem Verhungern zu bewahren.“ Dazu bedürfe es freilich eines gewissen „Zwangs, auf den die verelendete Bauernschaft sehr heftig reagiert“. Gleichwohl sollte aus den hochtrabenden Plänen Lenin nichts werden, nichts außer Hunger und Not. Stalin hielt daran fest.
Millionen Hungertote
Russland, die ganze Sowjetunion, blieb ein rückständiges Agrarland, das nun nicht einmal mehr über Bauern verfügte, die es hätten bestellen können. Unter dem Regime der Parteifunktionäre gingen die Ernten drastisch zurück. Dem politisch verfügten „Holodomor“, auf deutsch „Hungertod“, erlagen in der Ukraine 1932/33 bereits 3,5 Millionen Menschen. Ein Verbrechen, über das die Sowjetunion den Mantel des Schweigens spannte. Erst nach ihrer Auflösung 1991 kam heraus, dass die Zahl der Opfer noch sehr viel größer war. Die private Lagerhaltung war den Bauern verboten. Nicht einmal das Saatgut durften sie behalten. Die verelendeten Hofbesitzer wurden zur Kollektivierung gezwungen, in Kolchosen und Sowchosen, die weniger ernteten, als sie aussäten.
Wer es wagte, einen Notvorrat zu verstecken, wurde liquidiert. Es ging nicht nur um den Weizen und den Acker, sondern um einen Völkermord, den viele Länder unterdessen als Genozid anerkannt haben, Deutschland jedoch nicht. Unter anderem auch deshalb, weil der Begriff erst 1948 legal definiert worden sei, wie der Sozialdemokrat Michael Roth, Staatsminister im Auswärtigen Amt, erklärte. Es gibt nichts, wozu der deutsche Amtsschimmel nicht in der Lage wäre. Hieß das doch zugleich, dass auch der Holocaust, da er vor der Definition des Begriffs 1948 stattfand, nicht als Genozid anzusehen wäre, ebenso wenig wie der Völkermord an den Armeniern während des Ersten Weltkriegs. Auf den Begriff gebracht wird doch alles immer erst nachher, nachdem es geschehen ist.
Festzuhalten bleibt: Stalin hatte die Ukraine brutal unterjocht, doch nachdem er später auch wesentlich zum Sieg über Hitler und sein nationalsozialistisches Regime beigetragen hatte, sollte es damit sein Bewenden haben. Erst als die Sowjetunion zusammenbrach, durfte die Ukraine sich wieder auf sich selbst besinnen.
Weniger Waffen für mehr Weizen?
Eine glückliche Revision diktatorisch gelenkter Geschichte, mit der sich Putin freilich nicht abfinden kann, will er „Väterchen Stalin“ politisch die Treue halten. Sein neuerlicher Feldzug gegen die Ukraine stockte indes schneller, als er vom Zaun gebrochen war, weil die Ukrainer partout nicht willens sind, sich ihr Land, ihre geographische und kulturelle Heimat noch einmal rauben zu lassen.
Um dennoch irgendwie ans Ziel zu kommen, droht Putin nun seinerseits und diesmal der ganzen Welt mit der Waffe des Hungers, wenn auch ganz anders als Stalin ehedem. Statt dem überfallenen Gegner das Getreide zu stehlen, blockiert er durch den Krieg die großen Häfen und damit den Export von Weizen, Mais und Ölsaaten. Ein raffinierter Schachzug. Führte er doch erstens zu Lebensmittelengpässen in vielen Ländern, was diese wiederum veranlassen könnte, zu überlegen, inwieweit sie sich die Solidarität mit der überfallenen Ukraine leisten können, ob es nicht besser wäre, weniger Waffen zu liefern, um dafür wieder mehr Getreide für die Versorgung der eigenen Bevölkerung zu bekommen. Immerhin sitzen derzeit bereits noch 33 Millionen Tonnen der vorjährigen Ernte in den Silos, den Häfen, auf Schiffen und Eisenbahnwaggons fest.
Mit der Bedrohung der globalen Versorgungssicherheit könnte es Putin gelingen, den Westen sowie das ohnehin Not leidende Afrika und Asien dazu zu bringen, sich von der Ukraine abzuwenden und das Land damit seiner wichtigsten Einnahmen zu berauben. Die Ukraine würde also abermals ausgehungert, diesmal nicht durch den plumpen Diebstahl der landwirtschaftlichen Güter, sondern durch die Unmöglichkeit, sie gewinnbringend zu verkaufen.
Mag Putins größenwahnsinniger Plan, die Welt hungern zu lassen, am Ende auch nicht aufgehen. Im Krieg gegen die Ukraine könnte Stalins Strategie des Hungers als Waffe wieder erfolgreich funktionieren. Und das umso mehr, als das Ausland – konzentriert auf die Lieferung militärischen Geräts für den bewaffneten Kampf – bisher kaum mitbekommen hat, dass es, abgesehen von der Aussetzung der Öl-, Gas- und Kohle-Lieferungen, noch andere Bereiche gibt, in denen Putin den Stalin unserer Tage macht.

@Peter Holschke: Sie sollen hier keine Fakten verbreiten, sondern Haltung zeigen.
Ich denke, die grüne Landwirtschaft nach deutschem Vorbild ist die wirkliche Ursache des Problems. Mais für Biogas und den Tank und mit Solarzellen und Windmühlen zugepflasterte Äcker richten viel mehr Schaden an, als die Russen es jemals wollen. Der Engpass mit dem Getreide beruht übrigens darauf, dass die Lieferanten wegen der Sanktionen gegen russische Banken nicht bezahlt werden und wer nichts bezahlt, bekommt halt auch nichts. Das ist seit allen Zeiten so üblich.
Na solche Vergleiche und Zuweisungen haben mir auf der Achse noch gefehlt. Tut mir leid Herr Rietzschel, mit solchen Texten biedern sie sich entweder bei den „Guten“ an oder sind selbst der Propaganda der letzten Zeit aufgesessen.
Der Westen verhängt ein Wirtschaftsembargo gegen Rußland, und dann ist Rußland schuld, daß nichts geliefert wird? Eine Menge afrikanischer Staaten weigert sich, die Sanktionen gegen Rußland mitzumachen, eben weil sie auf die Lieferungen angewiesen sind, sie werden dafür noch kritisiert, und am Ende ist wieder Putin schuld? +++ Merken Sie eigentlich nicht, daß Ihre Putin-Kritik kontraproduktiv ist, wenn sie so durchsichtige Propaganda darstellt? Wenn das das beste ist, was Sie haben, schweigen Sie und sammeln Sie bessere Vorwürfe. +++ Putin ist ein eiskalter Machtpolitiker, aber er ist nicht verrückt, nicht blauäugig und schon gar nicht dumm. Man mag ablehnen, was er tut, aber die rationale Überlegung, die dahintersteckt, muß man schon für vorhanden halten. Wer sie nicht sieht, führt damit nicht den Beweis, daß es sie nicht gibt. +++ Ist es nicht die Ukraine, die die eigenen Häfen vermint und damit den Schiffsverkehr verhindert? Ist es nicht die Ukraine, die ihren Ruf als Kornkammer politisch einsetzt? Ist es nicht die Ukraine, die die Notwendigkeit, sie zu schützen, ausdrücklich damit begründet, daß sie die Nahrungsmittel für etliche Länder liefert? Darf die Ukraine die Lieferungen aussetzen? Darf Rußland das dagegen nicht?
@ Luhmann: Ich kann nicht für die „Putleristen“ sprechen, da ich bis zum Donbass-Feldzug Putins wenig Sympathien für Putin empfand. Was mir einfach zu denken gibt, sind 20 Jahre Krieg, 4 zerstörte Länder und 0 Siege von Seiten des Westens. Vielleicht sind wir die „bad guys“? Vielleicht sind wir nicht so gut, wie wir alle glauben? Vielleicht sind wir die gleichen Trottel wie unsere Grossväter… die sind für „Gott und Vaterland“ oder „King and Country“ aufs Schlachtfeld gestürmt und haben Leute umgebracht, die unter anderen Umständen gute Freunde hätten sein können. Heute ist der Fetisch „Freiheit“ und „Demokratie“, für die einige locker den Dritten Weltkrieg in Kauf nehmen würden. Dabei geht es um ein Land, dass nicht einmal die tiefen Beitritts-Standards der EU erfülllt…
Nur so als Tipp: Wenn Putin Geschichte ist, werden die Davos-Men & -Women wieder Polen und Ungarn piesacken, Covid-Massnahmengegner als Rechtsextreme diffamieren und die „Achse des Guten“ zum Faschistenblatt erklären. Pardon: Der grösste Feind sitzt immer noch in Berlin, Brüssel oder Washington – und nicht in Moskau. Falls Sie es wirklich nicht mitbekommen haben: Wir brauchen keinen Putin, um Europa zu ruinieren. Auch die USA wickelt sich seit dem Ende des Kalten Kriegs von selber ab. Dass wir vor zwei Jahren weder Masken noch Desinfektionsmittel selber herstellen konnten, grenzt an Hochverrat. Das war nicht Putin. Das war unsere „Elite“, deren einzige Motivation grenzenlose Gier ist.
Faktenchecker bitte ans Werk!
Soweit auch der Spiegel irgendwo ganz hinten in seinen Artikeln mit reißerischer Überschrift berichtet, hat die Ukraine ihre eigenen Häfen vermint, um so die Aus- und Einfahrt von Kriegsschiffen (und Handelsschiffen) zu erschweren/verhindern.
Die Häfen werden also zuerst durch die Ukraine blockiert und erst dann von russischen Kriegsschiffen. In den Telefonaten mit Macron und Scholz hat der böse Wladimir darauf hingewiesen und versprochen, dass Russland die Öffnung der Minengürtel für die Ausfuhr von u.a. Getreide nicht militärisch missbrauchen wird.
Das kann man glauben oder nicht, genau wie der hier behauptete absolute Größenwahn eines Stalinerben.
Der gute Herr Habeck soll in Davos sinngemäß geäußert haben, dass (alle) Sanktionen aufrecht erhalten werden sollten, auch wenn das Hunderttausende Tote (zum Beispiel durch Hunger) weltweit zur Folge haben würde. Das ist natürlich was gaaaanz anderes.
Im übrigen lehne ich JEDE kriegerische Handlung gegen andere Staaten/Völker ab!
Also Putin lässt die Welt verhungern, weil er die Getreidelieferungen blockiert. Ich kanns nicht glauben, selten so einen
Blödsinn gelesen. Zur Zeit der Sowjetunion war es die USA und Kanada die ihren ideologischen Feind und Gegner mit
Weizenlieferungen versorgten. Jetzt sanktioniert der Westen Russland und den Journalisten im Rundfunk und Fernsehen kann es gar
nicht schnell genug mit den Sanktionen gehen . Da blockiert doch der böse Putin den Export. Einfach unglaublich was der sich erlaubt. Viele Grüße an die Achgut Leser deren Kommentare ich liebe.