Gunter Weißgerber / 25.11.2016 / 06:00 / Foto: Kremlin.ru / 10 / Seite ausdrucken

Putin und seine Trolle: Die wollen nicht spielen

Putins Trolle sind mittlerweile in mehrfacher Bataillonsstärke unterwegs. Spät, aber immerhin, hat das auch die EU erkannt. "Die Zeit" berichtet: „Das Europaparlament prangert antieuropäische Propaganda Russlands in der EU und ihrem Umfeld an. Die russische Regierung setze zahlreiche Instrumente ein, um die EU auch in deren Mitgliedstaaten zu verunglimpfen und damit den Einfluss Russlands zu stärken, stellte das Parlament in einer Entschließung fest. So unterstütze die russische Regierung in der EU aktiv rechtsextreme, populistische und europafeindliche Parteien sowie Bewegungen, welche Grundwerte wie Demokratie und Einhaltung der Menschenrechte verneinten.“

Endlich und doch viel zu spät diese klaren Worte. Viel zu spät, weil der seit 2015 inflationär drehende Vertrauensverlust in die Europäischen Institutionen kaum noch aufzuhalten ist. Wer zu spät kommt... Dieser fehlende Mut zur eigenen Erkenntnis lässt sich auch gut am fehlenden Mut im Umgang mit den Totalitarismen des 20. Jahrhunderts sezieren.


Am 23. September 2008 beschloss das Europaparlament eine denkwürdige Erklärung anlässlich des Hitler-Stalin-Paktes von 1939. Der 23. August wurde zum „Europäischen Gedenktag für die Opfer von Stalinismus und Nazismus“ erklärt. 
Es waren klare, wenn auch bezüglich des Stalinismus wenig korrekte Worte, von denen sich das Parlament seit dem immer weiter entfernte. 

Es mag mit Unfähigkeit zur treffenden Bezeichnung des Stalinismus zusammen hängen - eine entschuldigende Chimäre statt der korrekten Selbstbezeichnung Kommunismus. Weil es Lenin war, der Massenmord legitimierte. Stalin hatte Lenin potenziert, das Liquidieren politischer Parteien wie der Sozialdemokratie (Menschewiki) und ganzer Gesellschaftsschichten jedoch nicht erfunden. 



Zwei Fliegen mit einer Klappe, perfekt und effektiv

Das Europaparlament scheute sich damals, bis zum Kern vorzustoßen. Es versperrte sich bis vor kurzem ebenso der verqueren Putinschen Propaganda, die auf Lenins und Stalins Umdeutungs“technologien“ beruht, nur jetzt mit Hilfe der modernen Kommunikationsmittel wesentlich schlagskräftiger ist. 

Auch hat es Putin leichter als seine kommunistischen Vorgänger. Die Substitution des komplizierten Dialektischen Marxismus-Leninismus durch „Russisches Blut und Russischen Boden“ verfängt viel besser, gerade auch bei Europas Rechtspopulisten. Für die Linkspopulisten bietet er die gewohnte Moskauer Sicht auf Washington. Zwei Fliegen mit einer Klappe, perfekt und effektiv.



Effektiv, weil Europas Denker und Lenker bis auf die Visegrad- und baltischen Staaten sich nicht wirklich mit der Terrorgeschichte in Ostmitteleuropa und der Sowjetunion beschäftigen wollten.
 Weder bei der korrekten Bezeichnung des Grauens von damals unter kommunistischem Namen noch bei dem, was Putin an Wirklichkeitsumstülpung zu leisten vermag.

 Zum Glück haben wir derzeit zwei Ostdeutsche in unseren Spitzenämtern, die genau wissen, was Totalitarismus bedeutet. 
Ich weiß, dass es gerade unter den Achse-Lesern viele gibt, die Merkel und Gauck in den Ruhestand wünschen. Lassen Sie mich sagen: Wenigstens an diesem Punkt, im Wissen, wer und was Putin ist, sind diese beiden ein Glück für uns.

Andere Politiker hätten Putin die Krim und die Ukraine schon längst in den Schlund gedrückt. 
An vielen anderen Punkten bin ich, gerade was die Bundeskanzlerin angeht, ebenso kritisch auf Achse wie viele andere hier und anderswo.

 Zu Putins Propagandafeldzug fiel mir dieses Interview mit Sudel-Ede ein. Ich wünsche Erbauung.

 Nachtrag zum feigen Umgang mit Totalitarismen: Wer den islamistischen Terror vom Islam trennt, begeht denselben Fehler wie diejenigen, die die Opfer von Nationalsozialismus und Kommunismus von den Ideologien Nationalsozialismus und Kommunismus getrennt sehen wollen.

Selbst die Heilige Inquisition könnte man nicht aus der Geschichte des Christentums löschen, weil sie angeblich nichts mit der Katholischen Kirchenlehre zu tun hätte. Das würden sicher nicht einmal die überzeugtesten Christen behaupten. 

Auch diesen Widerspruch spüren die Leute und suchen deshalb ihre Wahrheiten woanders - und wenn es in den Kellern und Gemächern dunkler Mächte ist.

Gunter Weißgerber ist ehemaliger Bundestagsabgeordneter der SPD (1990 - 2009) und gehörte in der DDR zu den Leipziger Gründungsmitgliedern der Partei

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Leserpost

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Karl Mallinger / 26.11.2016

Ich mag Wladimir Putin nicht besonders. Ich mag die EU aber ebensowenig. Und GERADE DESHALB, weil ich WEDER das Putin-Regime in Russland NOCH die EU mag, bin ich für so viel Demokratie wie möglich, gerade und vor allem auch für direkte Demokratie.

Michael Scheffler / 25.11.2016

Der Autor sollte sich lieber damit beschäftigen, warum bei uns linksextreme Ansichten hoffähig sind und auch die Symbole linker Diktaturen wie Roter Stern, Che Guevara etc. offen zur Schau gestellt werden können. Dass man die Entdemokratisierung Deutschlands unter Merkel (Aushebeln des Parlaments in fass allen wichtigen Belangen wie Energie und Einwanderung) mit einem passenden Bundespräsidenten ann der Spitze derart durch die rosa Brille sehen kann, ist schon bemerkenswert.

U. Langer / 25.11.2016

Sehr geehrter Herr Weißgerber, ich finde es schon sehr erstaunlich, dass Sie uns hier Frau Merkel und Herr Gauck als Glücksbringer im Kampf gegen den Totalitarismus unterjubeln wollen. Bloß so zur Erinnerung: Herr Gauck bezeichnet Menschen, die nicht seiner politischen Meinung sind als „Dunkeldeutsche“ und ist der Auffassung, dass man z.Z. in der Politik keine Probleme mit der deutschen Elite sondern nur mit der Bevölkerung hat. Frau Merkel führt eine Regierung an, deren Mitglieder Andersdenkende u.a. als Pack und Dumpfbacken bezeichnen und eine Zensur im Internet unter Leitung einer ehemaligen Stasimitarbeiterin eingeführt haben. Etwas Gutes finde ich in Ihrem Artikel natürlich auch. Ihre darin gemachten Aussagen zu Herrn Putin zeigen mir, wie erfolgreich die Hasspropaganda unserer Staatsmedien offensichtlich ist. Ich würde es sonst nicht für möglich halten! MfG

Volkmar du Puits / 25.11.2016

Sehr geehrter Herr Weißgerber, nach dem Ende cder DDR habe ich einmal nachgeforscht, ob der kommunistische Weg irgendwo ohne Terror eingeschlagen wurde. Das Ergebnis bestätigt Ihre Darstellung vollständig. Ich sympatisiere weder mit den damaligen Kommunisten noch mit den heutigen Linken. Nur braucht es keine Propaganda aus Moskau, die EU zu diskreditieren, das schaffen ihre Repräsentanten durch freies Handeln selbst hinlänglich. Rußland und Putin sind Fakten, die man nicht aus der Welt schaffen kann. Der jetzt vom Westen gewählte Weg der halbherzigen Sanktionierung erscheint - wieder mit Blick auf die Geschichte - kaum erfolgversprechend. Der 2. Weltkrieg war sicher schwerer zu bewältigen als das (mit Ausnahmen gehandhabte!) Einreiseverbot für systemnahe Personen. Warum sich jemand um die symbolischen Beschlüsse des EU-Parlamentes kümmern sollte (die schöne Wertung: “rechtlich nicht bindend” für Parlamentsbeschlüsse wurde kürzlich in Deutschland erfunden!), erschließt sich mir nicht. Also, wie ist Ihrer Meinung nach der richtige Umgang? Die Krim zu befreien fehlen (zum Glück) Wille und Fähigkeit. Welche realistische politische Alternative zum “in den Schlund drücken” sehen Sie? 

Thomas Schenk / 25.11.2016

Interessant ist es schon, es als einen Segen zu bezeichnen dass wir eine FDJ Protagonistin für Agitation und Propaganda als Kanzlerin und einen von der Stasi als „IM Larve“ benannten Bundespräsidenten mit offensichtlichen Kontakten zur Staatssicherheit, haben. Es wäre Ihnen scheinbar lieber, die Ukraine und die Krim verschwänden im Schlund der USA. Wenn Sie meinen in Putin den großen Schurken auf Expansionskurs ausgemacht zu haben, empfehle ich Ihnen die Eroberungspolitik der USA und die daraus resultierenden Konsequenzen zu studieren. Schwierig ist diese Recherche nicht, denn die USA erlauben selbstbewusst einen tiefen Blick in Ihren „Schlund“: In 2015 haben die USA nach eigenen Aussagen 23.144 Bomben auf 6 Arabische Länder abgeworfen; natürlich für den Weltfrieden, schließlich ist Obama Friedensnobelpreisträger. Die Ergebnisse dieser „Friedenspolitik“ erleben wir in Form von Völkerwanderungen nach Europa. Der engste Verbündete der USA im Arabischen Raum, Saudi Arabien, ist Spitzenreiter bei der Förderung des Islamischen Terrorismus. Bei der Durchsetzung von Frauenrechten hingegen, so habe ich gehört, soll dieser enge Verbündete der USA wohl keine Spitzenposition einnehmen. Selbst wenn Putin alles daran setzte,  Medien und Politiker in Deutschland zu beeinflussen, könnte er wohl kaum je das Niveau erreichen, welches die USA seit Jahrzehnten mit einem ausgefeilten Abhörsystem in Verbindung mit der ungebremsten und in Deutschland wissentlich hingenommenen Bespitzelung von Unternehmen, Privatleuten und Politikern erreichen. Gekrönt wird dieses US-Amerikanische Gängelungssystem von Institutionen wie Atlantik-Brücke, Aspen- Institute und weiteren transatlantischen „Thinktanks“, zu denen natürlich auch erwähnte Kanzlerin und der Bundespräsident beste Beziehungen pflegen. „Geeigneter“, weil linientreuer Politikernachwuchs wird in Form von „Young Leader“ Programmen beigesteuert. Putin ist offenbar nicht bereit die Hegemonialmacht der USA mit Ihren Expansionsgelüsten hinzunehmen. Die USA sind nicht bereit ein gutes Verhältnis der Europäer mit Russland zu akzeptieren. Entsprechende Äußerungen von US-Amerikanischen Spitzenpolitikern sind belegt. Man muß kein Putin-Versteher sein, um die Notwendigkeit guter nachbarschaftlicher Beziehungen für dringend notwendig zu halten. Man ist auf einem Auge blind, oder mit einer bedenklichen Nähe zu transatlantischen Netzwerken ausgestattet, wenn man das alte Spiel USA gut, Russland böse weiterspielt.

Georg Dobler / 25.11.2016

Sorry, ich habe nicht verstanden was der Artikel sagen will. Was ist “Dialektischer Marxismus-Leninismus”, Wer ist “SudelEde”? Einen Propagandafeldzug machen doch Alle. Was sind die Think-Tanks anderes? Trump ist frauenfeindlich wird seid Monaten berichtet. Schaut man genauer nach findet man Artikel, wonach er als erster New Yorker Bauunternehmer Frauen in Führungspositionen gebracht hat, weil er sie für Kompetenter hält. Also warum auf Putins Propaganda rumhacken. Er tut was Alle tun.

JF Lupus / 25.11.2016

Merkel und Gesinnungsgenossen haben die europäische Idee auf dem Gewissen, nicht Putin. Dass der gegen die EU schiesst, ist logische Konsequenz aus der Ablehnung, die Merkel und Co ihm entgegenbringen. Deutschland und die EU sind kaum noch freier oder demokratischer als Putins Russland. Dank Merkel, Maas und Co.

Elmar Knoll / 25.11.2016

Die Totengräber der europäischen Idee sind nicht Putin und seine vermeintlichen Trolle. Das Problem sind abgehobene Politbürokraten in den eigenen Reihen. Auch in der SPD.  Zum Beispiel der Herr Schulz oder der unflätige Herr aus Schleswig-Holstein.. Das Theater mit der Ukraine haben die EU-Granden auf Befehl aus Washington vom Zaun gebrochen. Hauptsächlich deshalb, weil sich der Herr Soros und Co. mit ukrainischen Staatsanleihen verzockt haben.  Den Schaden bekommt der Herr Soros dank dem Schmierentheater inzwischen von den Steuerzahlern in der EU unfreiwillig ersetzt. Für mich ist das ein guter Grund ist, nie mehr die SPD, die CDU oder die Grünen zu wählen.

Dirk Mueller / 25.11.2016

Satire ?

Klaus Delacroix / 25.11.2016

Mir machen unsere westlichen “Demokraten” mittlerweile viel mehr Angst als Putin. Anlass zur Hoffnung gibt, dass Trump und Putin versuchen wollen, in Frieden miteinander auszukommen. Der Autor wäre aber besser in den MSM aufgehoben.

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