Mit dem 9-Euro-Ticket fielen in diesem Sommer hunderte Punks auf der Nordseeinsel Sylt ein. Ihr Herumgammeln wird jetzt als „Kundgebung“ geadelt, und sie werden von Medien und Politik hofiert.
Zu den wenigen Leichen in meinem Keller gehört eine sehr überschaubare Zeit um die Mitte der 80er-Jahre. Während des Wehrdienstes hatte ich mit Kameraden aus dem Rheinland zu tun, die Kontakte in die (Spaß-)Punkszene hatten. Da sah man sie in so mancher Kneipe vorsätzlich herumlungern und Bier oder Fanta-Korn verklappen, das billiger war als die Wodka-Orange-Variante, aber auch entsprechend schmeckte. Man hörte Bärchen und die Milchbubis („Jung kaputt spart Altersheime“), „Chrisbaumbrennt“ von der Chris Braun Band, Die Goldenen Zitronen („Ohne Beine Sportschau sehen") und die Fidelen Castros. Das war mitunter recht lustig. Diese Menschen gingen erkennbar keiner sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung nach und hatten es auch nicht vor, waren aber in ihrem Nihilismus friedlich und stellten keine Ansprüche. Sie schnorrten jeweils, bis es für das nächste Bier reichte, und gut.
And now for something completely different: zur Nordseeinsel Sylt, oft zu Unrecht pauschal als „Insel der Reichen und Schönen“ bezeichnet. Die gibt es dort zwar auch, jedoch immer schon (konkret: seit Beginn des Tourismus dort vor hundert Jahren) ganz normale Urlauber. Mit unseren Kindern fuhren wir, schon der Nähe zu Hamburg wegen, oft dorthin, wenn es im Sommer am Mittelmeer zu heiß war. So wie zahllose andere Reisende, vor allem Familien, die einfach nur einen entspannten Urlaub auf einer schönen Insel genießen wollten, die endlosen Sandstrände und die tosende Nordsee im Westen, die Dünenlandschaften, das Wattenmeer auf der Ostseite, den weiten Himmel, die frische Luft, die Ruhe.
Es war und ist „zwar etwas teurer“, wie man von den Ärzten („Westerland“) weiß, aber gewiss nicht unerschwinglich für Normalverdiener. Neben den gutbetuchten Promis, die sich seit den 60er-Jahren auf der Insel tummeln, gibt es immer noch die Normalo-Touris, etwa 150.000 (zehnmal so viele wie Sylt Einwohner hat), die in einfacheren Ferienwohnungen logieren oder campen und durchaus auch günstigere Gerichte und Imbisse vorfinden. In den letzten Jahren haben die Preise zwar noch stärker angezogen als woanders und grenzen zuweilen schon ans Unverschämte, aber den Ruf, eine Luxusinsel zu sein, hat Sylt ja schon länger weg.
„Denen die High Society vermiesen“
Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kanzler Olaf ausging, dass alle Welt im Sommer für neun Euro ein Ticket erwerben können solle, welches bundesweit in Regionalzügen gilt. Das war der Punkt, an dem linke Aktivisten Punks auf die Idee brachten, sich eine Weile auf der Urlaubsinsel durchzuschnorren statt in der City ihres gewohnten Habitats. Wobei nicht das Eiland selbst, sondern den Aktivisten zufolge mehr der Gedanke eine Rolle spielte, den Reichen „die Ferien zu versauen“. Also reisten sie zu Hunderten über den Hindenburgdamm an, um hauptsächlich an einem Brunnen vorm Edeka im eher reizlosen Westerland abzuhängen und in industriellen Mengen Bier zu konsumieren. Das sie sich übrigens zunächst von Amazon (!) auf die Insel hatten liefern lassen, weil’s billiger war oder sie das zumindest annahmen. In einem Interview mit der taz sagt die Rapperin FaulenzA:
„Sylt präsentiert sich als Ort, an dem Reiche ihren Snob-Urlaub machen können, ohne von Ärmeren belästigt zu werden. Das ist ein Symbol für eine Gesellschaft, zu der wir keinen Zutritt haben. Deshalb hat es etwas Rebellisches, gerade hier hineinzugehen und denen die High Society zu vermiesen, auch einfach nur mit Party. Schon unsere Existenz stresst sie.“
Wobei sie zu den Reichen und den Snobs schon diejenigen zählt, die vier Euro für eine Kurkarte zum Betreten des Strandes aufbringen können: „Wir dürfen hier nicht an den Strand, es sei denn, wir zahlen die vier Euro. Dagegen haben wir als Demo die Poolparty im Brunnen gemacht – um darauf aufmerksam zu machen, dass der Strand nur für Reiche ist.“
Mit viel Wohlwollen also schon so eine Art politischer Demonstration, womit das Planschen im Pool dem hedonistischen Spaßereignis „CSD“ gleichgestellt ist, der ja auch offiziell als Kundgebung gilt. Das wurde dann sogar, recht punk-untypisch, in eine behördliche Verordnung gegossen, um den zahlungsschwachen Dauergästen die Einrichtung eines „Protest-Camps“ zu ermöglichen. Seit Monatsbeginn zelten die Punks auf der Grünanlage vor dem Rathaus, nachdem den Behörden das Wildpinkeln und unerlaubte Nächtigen am Strand und auf der Promenade zu viel geworden war. Zwar fehlt auch dort jede Infrastruktur, und Bürgermeister Häckel berichtet von unsachgemäßer Nutzung der mobilen Toiletten, die den Punks zur Verfügung gestellt wurden (die nahegelegenen öffentlichen Toiletten, die die Kampierenden bis vor Kurzem ebenfalls benutzt hatten, hatten bereits wegen einer starken Beschädigung der sanitären Anlagen zu Lasten aller Menschen auf der Insel geschlossen werden müssen), aber irgendwie musste man den wilden Haufen unter Kontrolle bringen.
Herumlungern gilt jetzt als politische Kundgebung
Wie das Hamburger Abendblatt berichtet, konnte der Veranstalter (!) „der Versammlungsbehörde glaubhaft darlegen, dass es eine funktionale/symbolische Bedeutung für das Versammlungsthema gibt. Das Thema der Kundgebung soll ,Gentrifizierung von Städten und nationalen Urlaubszielen wie Sylt’ lauten.“ Sie solle außerdem auf „die vergangene Punkkultur auf Sylt“ aufmerksam machen, von der ich wundersamerweise in den vergangenen drei Jahrzehnten nichts mitbekommen habe. Das Versammlungsgebiet sei auf den kleinen Stadtpark am Rathaus beschränkt.
Den politischen Segen hatten die Punks schon vor Wochen erhalten, als Wolfgang Schäuble, der selbst regelmäßig nach Sylt reist, mit zwei ihrer Vertreter öffentlich unter anderem „über die Verteilung des Vermögens in Deutschland diskutierte“, wie der SPIEGEL schreibt. Auch Gregor Gysi machte den Punks seine Aufwartung.
Ihren spiegelverkehrten Klassismus, nämlich die durchaus diskriminierende Überzeugung, wohlhabende Menschen seien per se die schlechteren, müssen die Punks wohl noch einmal überdenken, weil sich nach eigener Aussage das Schnorren auf Sylt durchaus lohnt: die Urlauber seien in Ferienlaune und netter und spendabler als die Leute auf dem Festland.
Im Gespräch mit der taz beklagt FaulenzA, Neonazis trieben sich auf Sylt herum, weshalb man Kontrollgänge veranstalte, um das „Protest-Camp“ zu schützen. Nun ja. Tatsache ist, dass der Hamburger Neonazi Christian Worch im Juni für die Kleinstpartei „Die Rechte“ eine Demo auf der Insel angekündigt hatte, die dann doch abgesagt wurde. Laut nd „hatten Neonazis unter anderem mit dem ehemaligen Ferienhaus von Hitlers rechter Hand Hermann Göring für das Demo-Ziel geworben. Das Motto der geplanten Worch-Aktion lautete: ,Dauerhafte Beibehaltung des 9-Euro-Tickets – Sylt für alle‘." Ein Motto, das Punks und linke Aktivisten allerdings auch unterschreiben könnten, den Hass auf die „Bonzen“ teilt man an beiden Enden des politischen Spektrums.
Ein Brunnenpinkler! Endlich Leben auf der Insel!
Der taz ist der Bonzenhass von links natürlich sympathisch:
„Die Punks bringen ein bisschen Leben auf die Insel, machen es ,etwas bunter‘, wie eine Urlauberin zitiert wird. Mal pinkelt ein junger Mann in den Brunnen, mal sperrt der Bürgermeister diesen mit Zäunen ab, damit keiner darin badet.“ Ein junger Mann uriniert in den öffentlichen Brunnen, was für ein Subkultur-Event – endlich ist mal was los auf der öden Insel!
Das Zeltlager vor dem Rathaus darf bis Ende des Monats stehen, dann läuft auch das 9-Euro-Ticket aus und die Punks werden wohl abreisen. Zumal dann auch die Saison mehr oder weniger vorbei ist und man Touristen, die nicht da sind, nicht um Geld anpumpen kann. Diese Gedanken hat sich FaulenzA noch nicht gemacht:
„Viele wollen auch langfristig hier bleiben. Das Camp werden sie neu beantragen.“
Na dann: viel Vergnügen! Im Winter kann es auf der Nordseeinsel recht ungemütlich werden, die eine oder andere steife Brise dürfte die Bewohner dann schneller aus dem Zeltlager treiben als sie „Haste mal nen Euro?“ fragen können. FaulenzA will jedenfalls zu Weihnachten wiederkommen, sie hat ja ein gesellschaftliches Anliegen:
„Und ich glaube, dass wir hier sind, macht auch etwas mit dem Ort insgesamt. Vielleicht fühlen sich viele der Reichen hier nicht mehr so wohl: Sie haben hier nicht mehr ihren Reichen-safe-Space, an dem sie die Armen nicht sehen müssen.“
Ach, FaulenzA! Die Reichen kaufen sich in Kampen oder Keitum Friesenhäuser mit Reetdach für vier, fünf, sechs Millionen Euro, die sie dann ein paar Wochen im Jahr bewohnen. Die wirklich armen Teufel sind ihre Dienstleister, zum Beispiel Gärtner, von denen tausende aufs Festland gezogen sind, die jeden Tag in überfüllten, verspäteten Zügen über den Hindenburgdamm pendeln müssen, weil Wohnen auf der Insel viel zu teuer für sie ist. Denen wird nur nicht so viel Aufmerksamkeit zuteil wie Euch, die Ihr zwar keinen Bock auf Arbeit habt und vom Geld anderer Leute lebt, aber für linke Medien interessant seid, weil Ihr den „Reichen“ den Urlaub versaut.
So etwas ist wirklich nur in diesem Land denkbar.

Man kann noch froh sei, dass es nur pinkelnde Punks sind, die abgestandene Gerechtigkeitsparolen dreschen und mit einem naiven „Reichen“-Bild gesegnet sind. Es könnten am Ende (wie am Travemünder Grünstrand) auch die grillfreudigen Damen und Herren aus dem Orient sein, die den Hammel vor dem Edeka schächten, das Blut im Brunnen abwaschen, bei heulender Wummermusik ihre üblichen Revierkämpfe austragen und die Insel als ihr persönliches Eigentum betrachten.
Sylt
Nach dem schönen Urlaub im sonnigen, faschistischen Spanien, war meine Lust weiter zur Schule zu gehen, kleiner, als die Ohnmacht dies zu ändern, und nur mein nagelneues superbuntes, im Psychodelic-Stil rot und schwarz gemustertes, unverschämt poppiges Hemd, ließ mich mit leicht affektiertem Stolz, den Gang zum Unterricht in die anstehenden Saison 1969/70 antreten.
Zwei wichtige Ereignisse prägten aus meiner Sicht das Jahr 1970; zum einen, die Auflösung der Beatles, die im Gegensatz zu den Rolling Stones so klug waren und sich als Band verabschiedeten, zum anderen, der lange, dreiwöchige gemeinsame Urlaub mit meinen Eltern, der uns zum ersten Mal auf die Insel Sylt führen sollte. So wurde in den siebziger Jahren, die größte deutsche Nordseeinsel unser Lieblingsurlaubziel – wir verbrachten dort in den Jahren 1970, 1972,1973, 1974 und 1977 unseren Sommerurlaub.
Meine Eltern hatten in einer privaten Unterkunft einer einheimischen Familie ein Zimmer gemietet, im Stadtteil Westerland am Rande Wenningstedts, nicht weit von der Kurklinik entfernt. Der Hausherr war ein friesischer Klassiker, der seine Sätze oft mit: „Kiek mol“ begann, sie trug ihr Haar streng nach hinten gekämmt, war freundlich und sehr geschäftstüchtig.
Sylt 1 Von unserer Pension aus erreichte man in etwa 15 Minuten den sehr schönen und breiten Sandstrand, der zudem mit vielen Körben ausgestattet war. An diesem Teilstück lagen auch die Patienten der Klinik und so wurde der Anblick von kriegsversehrten Männern etwas Alltägliches. Hier konnte man sehen, was sich hinter den von außen nur unmerklich humpelnden Männern verbarg, wenn sie ihre Hosen auszogen – Beinstümpfe, manchmal auf beiden Seiten, ungleichmäßig lang, einige unter dem Knie abgenommen, mal sehr hoch am gewesenen Oberschenkel. Arme hatten sie oft, bei denen man die Teilung der Elle und der Speiche sehen konnte, bei vielen jedoch schaute nur noch ein Stummel in der Verlängerung des Schulterblattes heraus, ein Stummel, der sich manchmal zusammenkrampfte, wenn der Mann den Muskel des Stumpfs anspannte.
Die Männer waren gar nicht so alt, – wer 1944/45 als 16 bis 20jähriger verletzt wurde, war nun, 1970, gerade mal Anfang Vierzig bis 45 Jahre alt, nur eine kleine Minderheit schätzte ich deutlich über 50.
Wir frühstückten in der Ferienpension immer in einem kleinen Anbau, wo alle Gäste zusammenkamen. Einer der Gäste war auch gleichzeitig in der Nordseeklinik in Behandlung, denn er war ein so genannter Kriegsversehrter. Ich versuchte ihm bei unserer ersten Begegnung aus dem Weg zu gehen, drückte mich hinter meinen Eltern aus der zweiten Eingangstür. Bemerkenswert und nicht hoch genug zu schätzen ist der Fakt, dass meine Eltern mit mir anschließend über mein Verhalten sprachen und mir klarmachten, wie notwendig es sei, diesem Menschen freundlich zu begegnen und sogar die Hand zu geben, – die Hand, die keine war; denn hierin lag das Problem:
Sylt 2 Der Mann besaß dort nichts was den Namen „Hand“ rechtfertigen würde – es war ein formloser Klumpen Fleisch, vielleicht nicht einmal das. Wie sollte man zudem einem Wesen ins Gesicht schauen, das über keinerlei Gesichtszüge, über keine sichtbaren Regungen dort verfügte, denn: Es war auch kein „richtiges“ Gesicht vorhanden, wo das Gesicht sein sollte. Die Stelle, wo das Gesicht sein musste, war eine einzige Fleischmasse, ein erstarrtes, wächsernes, fast plastikartiges und völlig zerfurchtes Etwas, hinter dem sich Augen bewegten, die aus einem wiederum starren und verzogenen Umfeld blickten. Dieser Mann war nicht einmal 50 Jahre alt und – so erzählte man uns – im letzten Kriegsjahr als 18jähriger Soldat mit einer Brandbombe in Berührung gekommen, die im Grunde seine gesamte sichtbare Hautfläche zerstörte. Aber: Ich gab im am nächsten Morgen zur Begrüßung die Hand – meine Eltern hatten mich ihm vorgestellt und mein eiliges Verschwinden am Tage zuvor irgendwie entschuldigt. Doch es war auch gar nicht so schlimm diese Hand zu spüren, auch wenn ich sie als ungewöhnlich kalt empfand.
Nur wenige hundert Meter von diesem Bereich entfernt, begann der FKK-Bereich von Wenningstedt, der mich kurzzeitig interessierte, weil ich dieses Phänomen massenhaft nackter Menschen nicht kannte. Außerdem hatte mir meine Mutter schon erzählt, wie es war, als sie Werner Höfer – oh graus – ohne alles, nein, mit Sandalen bekleidet und mit nichts als Sandalen an den Füßen und den dazu gehörenden Socken(!), gesehen hatte. So ganz ohne Frühschoppen und ohne antisemitische Pamphlete.
Sylt 3 Wenn man über die schmalen Holzwege durch die nahen Dünen ging, konnte man manchmal Wolken süßlichen Duftes riechen, die hier durch die klare Luft waberten, – die ersten Hippies waren angekommen! Sie rauchten sich die Revolte aus dem Kopf und jeder zweite pflegte den kleinen Charles Manson in sich.
Auf Sylt perfektionierte ich meine Schwimmkünste. Der Schwimmunterricht im Jahr zuvor, gehörte zu den grauenvollsten Erinnerungen der gesamten Realschulzeit, den unser Sportlehrer, der schon recht betagt wirkende Herr K., fest verwachsen mit seinem weinroten Trainingsanzug, mit deutscher Übungsleiterpädagogik durchzog. Erst im Nordseewasser erreichte ich die Leichtigkeit, die man für die Bewegungen notwendigerweise braucht. Im Freibad Keitum, das zum Teil überdacht war, schaffte ich dann sogar meinen Frei – und Fahrtenschwimmer, letzteren jedoch nur, weil das 3 Meter – Brett an diesem Tag defekt war und ich stattdessen drei Mal vom Einer springen durfte. Da hatte ich großes Glück, denn um keinen Preis der Welt wäre ich aus drei Metern Höhe in die Tiefe gesprungen! Manchmal übrigens, kamen hier Nadja Tiller und Walter Giller vorbei.
In Kampen betrieb die alte Ausdruckstänzerin Valeska Gert den „Ziegenstall“ und der aus der ZDF-Unterhaltungssendung „Der goldenen Schuss“ geschasste Lou van Burg besaß in Keitum eine Bar („Keitumer Keller“), in der auch Kabarett aufgeführt wurde. Man hatte van Burg damals beim ZDF rausgeschmissen, weil er sich scheiden lassen wollte und dies war Ende der 60er Jahre bei jemandem, der in der Öffentlichkeit stand, für die prüden Herren des so genannten „Adenauer-Fernsehens“ noch immer nicht hinnehmbar.
Sylt 4 Wir sahen uns in van Burgs Bar einen Abend mit Jürgen von Manger an. Lou van Burg begrüßte jeden seiner Gäste persönlich, legte seinen Arm um meine Schulter und wies die Plätze an. An jenem Abend lernte ich die Kapitalistenklasse kennen und vorläufig hassen…
In meiner Heimatstadt Hagen gibt es ein Gebiet, welches oberhalb der durch den Basketball bekannten Ischelandhalle und des Fußballstadions, des ehemaligen Zweitligisten SSV Hagen liegt und „der H…“ heißt. Einer dieser Hs, Schulte-H, einer sehr besitzenden westfälischen Familie, saß an diesem Abend an unserem Tisch. Er war ein feister Typ Marke Erhard, in Begleitung eines ebensolchen Individuums und zweier erheblich jüngerer, in klassischer Weise zurechtgemachter Damen, welche nur schlecht ihre Langeweile kaschierten. H beschwerte sich bei Lou van Burg, es wäre ihnen ein separater Tisch versprochen und nun säßen drei weitere Personen am Tisch. Van Burg erklärte ihm allerdings, aus Platzgründen könne man keine Änderungen herbeizuführen und die Sitzordnung wäre immer so, ohne dass sich jemand darüber beschwert hätte. Der Dickwanst wurde kleinlauter, stellte sich nun vor und machte seinen Frieden mit der Situation. Er wurde dann unerträglich gesprächig und erzählte seine Familien, Besitz und anderweitige Geschichten und ich hatte das zweifelhafte Vergnügen, Mitglieder der „feinen Gesellschaft“ den ganzen Abend beobachten zu können, wie sie lachten, aßen, tranken, mit ihren Frauen scherzten, herablassend schwadronierten und unnütz in die Gegend starrten.
Sylt 5 Das von Manger-Programm wurde für mich zur Nebensache, ich hatte in diesen Stunden erlebt, wie eine Abneigungen gegen solche Menschen entstehen konnte und der Eindruck dieses Erlebnisses sollte ein bleibender ein.
1972 hatten wir von Sylt eine Ausflugsfahrt nach Helgoland mitgemacht – bei Windstärke 8! Mein Vater und ich landeten in der Station des Roten Kreuzes. Logisch, das an diesem verhängnisvollen Tag, da mir der Stand erstmals in meinem Leben verloren ging, der FC Schalke 04 mit 5:0 gegen Kaiserslautern das DFB-Pokalendspiel 1972 gewann.
Unangenehm war vor dem nächsten Urlaub im Jahre 1973, dass mein Hamster Schnüffi sich seit Tagen sterbenskrank durch den Käfig schleppte. Was sollte ich tun? Alle meine Tiere vergrub ich nach ihrem Ableben hinter der Garage, die neben dem Haus stand. Wenn ich nun in den Urlaub fahren würde und Schnüffi stürbe ein oder zwei Tage später, vielleicht schmisse man ihn einfach in den Müll – jedenfalls wüsste ich nicht wo er genau wäre und schließlich besaß ich ihn schon eine ganze Weile. Weil er mir so ans Herz gewachsen war, entschloss ich mich ihn zu erschießen. Es war eine Qual, – für mich! Ich nahm ihn aus dem Kasten, setzte ihn auf die Wiese hinter dem Haus und weinte. Immer wieder nahm ich Anlauf. Zwar konnte ich gut mit dem Luftgewehr umgehen, hatte früher dummerweiße als Kind auch schon mal beim Spatzenschießen mitgemacht, doch dieses kleine braune Geschöpf hatte ich sehr lieb. Aber was blieb mir schon anderes übrig? Nach einer halben Stunde Kampf mit mir und meinem Gewissen, entschloss ich mich zur bitteren Notwendigkeit, setzte Schnüffi den Lauf ins Genick und drückte ab. Die Kugel durchschlug den Körper, der überhaupt nicht zuckte. Ich begrub ihn an der Garage und konnte nun beruhigter in den Urlaub nach Sylt fahren.