Bislang galt die Regel, dass Therapeuten gegenüber ihren Patienten "keine eigene politische Meinungsüberzeugung zu betreiben“ hätten. Die Bundeszentrale für politische Bildung fördert hingegen das Projekt „Stark in Therapie und Weltanschauungsfragen“.
Seit Sigmund Freud gilt in der Psychotherapie die Abstinenzregel. Seinerzeit allerdings noch in einer schmalspurigen und zudem recht einseitig definierten Version, nämlich als ein vom Patienten bzw. der Patientin ausgehendes sexuelles Verlangen gegenüber dem Therapeuten, dem nicht nachgegeben werden darf, sondern das vielmehr in der Therapie analysiert und interpretiert werden soll. Mittlerweile ist die Psychotherapie ein ganzes Stück vorangekommen, indem sie auch politische Positionen thematisiert und so das Abstinenzgebot deutlich breiter fasst. In Zeiten wie diesen, wo wieder gefordert wird, Haltung zu zeigen, gerät naturgemäß auch das Abstinenzgebot unter Druck.
Das Abstinenzgebot heute
Vor diesem Hintergrund kann es nicht verwundern, dass im Mai 2024 die Bundespsychotherapeutenkammer Rheinland-Pfalz es für sinnvoll hielt, sich zum Abstinenzgebot zu äußern. Selbstverständlich, so heißt es dort, hätten Psychotherapeuten eine politische Meinung, für die sie sich einsetzen und ggf. auch öffentlich positionieren könnten, die sie aber nicht in die Therapie einfließen lassen sollten. Denn die Abstinenzregel sei „Teil eines grundlegenden ethischen Prinzips der Psychotherapie“, um den Patienten nicht zu schädigen. Sie habe eine präventive Funktion und diene dazu, Interessenkonflikte abzuwenden und somit Gefahren für Therapieerfolg und Gesundheit des Patienten vorzubeugen.
Und weiter: Das Abstinenzgebot beziehe sich nicht nur auf sexuelle Kontakte, sondern gebiete „vielmehr eine umfassendere Enthaltsamkeit der Psychotherapeut*innen gegenüber den Patient*innen“, nämlich „keine konkreten politischen Ratschläge nach eigener Überzeugung zu erteilen, keine politischen Positionen und/oder Einstellungen besonders drastisch zu loben oder auch negativ darzustellen (und) keine eigene politische Meinungsüberzeugung zu betreiben“. Möglicherweise adressiert an die Adresse der Therapeuten mit dem ganz besonderen politischen Sendungsbewusstsein wird noch einmal bekräftigend darauf hingewiesen, dass, sollte der Therapeut in eine politische Diskussion mit dem Patienten eintreten, in deren Verlauf er dessen politische Einstellung kritisiert, ein Verstoß gegen das Abstinenzgebot vorliege. Und, in aller Klarheit: „Das Vorbringen persönlicher politischer Auffassungen in der Therapie, ist kein Teil der professionellen psychotherapeutischen Behandlung.“ Geboten sei vielmehr eine diesbezügliche Enthaltsamkeit. Damit sollte doch eigentlich alles gesagt sein.
Trotz dieser eindeutigen, geradezu glasklaren Ausgangslage, die zudem eigentlich nur den langjährigen und von nahezu allen Beteiligten einmal akzeptierten Konsens noch einmal prägnant auf den Begriff bringt, gerät die Abstinenzregel in jüngster Zeit zunehmend unter Druck. Zwei Beispiele sollen das im Folgenden verdeutlichen.
Das erste dokumentiert das Bemühen einer psychoanalytischen Fachgesellschaft (DGPT), die Abstinenzregel auf vergleichsweise subtile – vielleicht besser: pseudointellektuelle – Weise auszuhebeln. Das zweite spielt in Berlin und dokumentiert eine eher rabiate, ganz unverblümte Vorgehensweise: In diesen Zeiten müssen auch Psychotherapeuten Haltung zeigen!
Psychoanalytiker heute
Die DGPT hielt es im Februar 2024 für an der Zeit, der interessierten Öffentlichkeit mitzuteilen, dass sie „das Erstarken des Rechtsextremismus, der zunächst unter ‘Rechtspopulismus‘ firmierte, mit großer Sorge (betrachtet), stellt er doch einen fundamentalen Angriff auf unsere Demokratie dar.“ Die Autoren kommen dabei zu bemerkenswerten Einsichten: „Während vor zehn Jahren noch ein deutlicher Unterschied zwischen ‘Rechtsextremismus‘ und ‘Rechtspopulismus‘ zu verzeichnen war, kann diese Trennung heute so nicht mehr aufrechterhalten werden.“ Sinnigerweise wird als Beleg für diese steile These ein Aufsatz aus der Online Akademie der Friedrich-Ebert-Stiftung aus dem Jahr 2010 aufgeführt.
Im Übrigen würden auch die Recherchen des Verfassungsschutzes eine entsprechende Entwicklung zeigen. So, so. Und, völlig unbeleckt von der Faktenlage, weiter: „Erst kürzlich erregte das Treffen zwischen rechten Politikern und Neonazis in Potsdam, sowie die dort postulierte Umdeutung des Begriffs „Remigration“ – der mit Recht zum ‘Unwort“ des Jahres‘ gewählt wurde, für Entsetzen in der breiten demokratischen Mitte.“ Und weiter: „Da, wo der (Rechts-)Extremismus beginnt, ist allerdings keine Neutralität mehr nötig und sinnvoll, denn als Psychotherapeut:innen und Psychoanalytiker:innen sind wir der Menschenwürde, den demokratischen Grundwerten unserer Gesellschaft, die mit zum Rahmen unserer Arbeit gehören, verpflichtet“ – was immer das im therapeutischen Einzelfall genau bedeuten soll.
Vorneweg: Die Berliner Psychotherapeutenkammer
Vergleichsweise erfrischend direkt geht es bei der Berliner Psychotherapeutenkammer zu. Eine für Ende Juni d.J. angekündigte Fachtagung der Kammer – belohnt mit sechs Fortbildungspunkten – steht unter dem Motto „Zwischen Heilauftrag und Haltung“ und fragt die Therapeuten: „Fühlen Sie sich kompetent im Umgang mit rechtsextremen Ansichten von Patient*innen?“ Die Veranstaltung erfolgt in Zusammenarbeit mit dem Interdisziplinären Zentrum für Radikalisierungsprävention und Demokratieförderung (IZRD) bzw. dessen von der Bundeszentrale für Politische Bildung geförderten Projekt „Stark in Therapie und Weltanschauungsfragen“, abgekürzt sit.. Meine zugegeben nur flüchtige Recherche zum IZRD lässt den Eindruck entstehen, dass sich bei diesem u.a. von der Bundesregierung geförderten Verein der ursprünglich auf Islamismus-Prävention gerichtete Fokus über die letzten Jahre mehr und mehr hin zum Kampf gegen Rechts verschoben hat.
Für die hier interessierende Fachtagung wirbt die Berliner Psychotherapeutenkammer gemeinsam mit dem IZRD bzw. dessen Untereinheit sit. u.a. – wie gesagt – unter der Überschrift: „Fühlen Sie sich kompetent im Umgang mit rechtsextremistischen Ansichten von Patient*innen?“ Gefragt werden die Therapeuten dann, welche inneren Konflikte es in ihnen auslöse, „wenn Menschen, die Ihre therapeutische Hilfe suchen, die Grundpfeiler unserer freiheitlich-demokratischen Gesellschaft ablehnen und sich stattdessen leidenschaftlich nach einem autoritären, nationalistischen und ethnisch ‘reinen‘ Staat sehnen?“
Lange Wartezeit
Wer nun vielleicht denkt, eine solche Konstellation komme in Reinkultur doch wohl nur sehr, sehr selten vor, wird flugs scheinbar eines Besseren belehrt. Unter Berufung auf eine Studie aus 2023 hätten die insgesamt 364 online befragten medizinischen und psychologischen Psychotherapeuten über einen Zeitraum von durchschnittlich 6,9 Jahren es mit 98 Fällen von Rechtsextremismus und 15 Fällen von Linksextremismus zu tun gehabt, wobei die jeweilige Definition ausschließlich den Therapeuten oblag. Abgesehen von dem Problem, ob die subjektive Zuschreibung von Links- oder Rechtsextremismus nun tatsächlich valide war – was stark bezweifelt werden muss –, bedeuten diese Zahlen unterm Strich, dass bei 364 mal 6,9 = 2.512 Behandlungsjahren jeder Therapeut im Schnitt 25,6 Jahre (2512 : 98) warten muss, um in seinem Berufsalltag auf einen Fall von (sich offenbarendem) Rechtsextremismus zu stoßen. Es wird hier also ganz offensichtlich ein Problem herbei halluziniert, das in der täglichen Praxis kaum eine Rolle spielt, selbst wenn die Zahlen seitdem moderat angestiegen sein sollten.
Das Programm der Berliner Tagung startet mit einem Vortrag zu aktuellen Formen von Rechtsextremismus in Deutschland, gehalten von dem Soziologen F. Schilk, einem wissenschaftlichen Mitarbeiter an der Uni Tübingen, der kürzlich immerhin ein Buch über die „Neuen Rechten“ veröffentlicht hat, in dem er sich v.a. mit „konservativen Krisennarrativen“ beschäftigt und zu dem Schluss kommt: „Da sie (die Neue Rechte) ihre Identität aus der Wiederholung der immer gleichen Untergangsballaden schöpft, ist sie als Erzählgemeinschaft zu verstehen.“ Das wäre doch schon mal ein Anknüpfungspunkt für die in Berlin anwesenden Psychotherapeuten, um mit ihren rechtsextremen Patienten ins Gespräch zu kommen.
Ein Impulsvortrag der totalitären Art?
Laut Programm folgt dann ein „Impulsvortrag“ von zwei Berliner Psychotherapeutinnen zu der sich hier tatsächlich aufdrängenden Frage: „Rechtsextremismus – Was hat das eigentlich mit Therapie zu tun?“ Welchen Impuls haben die Zuhörer zu erwarten? Vor allem kein Wort, geschweige denn irgendeinen tragfähigen Gedanken zu der sich hier anbahnenden Kollision mit der Abstinenzregel. Die scheint es in der Gedankenwelt der beiden Vortragenden gar nicht mehr zu geben, aber so ganz wohl ist den beiden bei diesem Thema offensichtlich auch nicht, denn: „Auf den ersten Blick erscheint es vielleicht ungewöhnlich, Rechtsextremismus und Psychotherapie in Verbindung zu bringen – schließlich handelt es sich bei Rechtsextremismus nicht um eine psychische Erkrankung.“ Das musste in der Tat mal gesagt werden.
Dann fahren die beiden fort, wenngleich mit einem deutlichen argumentativen Bruch: „Dennoch sind entsprechende Einstellungen weit bis in die Mitte der Gesellschaft verbreitet, so dass auch Psychotherapeut:innen in ihrer Arbeit zunehmend auf verschwörungsgläubige, rassistische und antisemitische Einstellungen bei Patient*innen treffen.“ Das kann doch wohl nur heißen, dass der Rechtsextremismus in Gestalt entsprechender Einstellungen mittlerweile in der Mitte der Gesellschaft angekommen sei.
Wenn die beiden Therapeutinnen zum Schluss etwas kryptisch fragen „Geht es um ein Verstehen oder um ein Begrenzen?“ stellt sich doch die Frage, welche Art von Begrenzung hier gemeint sein kann. Vielleicht eine inhaltliche Auseinandersetzung, der Versuch einer Umerziehung, ein Abbruch der Therapie oder vielleicht gar eine Begrenzung mit Hilfe von Meldestellen und dem Verfassungsschutz? Ganz offensichtlich haben wir es bei den beiden vortragenden Psychotherapeutinnen mit Aktivistinnen vom Schlag derer zu tun, die die CDU bereits überwiegend den Nazis zurechnen. Erinnert sei in diesem Zusammenhang an die gegen die CDU gerichteten Aufmärsche und Übergriffe nach der gemeinsamen Abstimmung im Bundestag von CDU und AfD Ende Januar.
Das mag etwas paranoid klingen, aber was genau meinen die beiden, wenn es am Ende ihres Abstracts heißt, dass sie in ihrem Vortrag auch „mögliche neue Aufgaben des Berufsstandes auf(zeigen)“. Und was gibt es für Linke heutzutage Befriedigenderes, als Haltung zu zeigen? Die Abstinenzregel stört dabei natürlich nur. Aber vielleicht kennen unsere beiden Aktivistinnen diese Regel nicht einmal, schließlich sind wir in Berlin.
Prof. Dr. med. Dipl.-Psych. Wolfgang Meins ist Neuropsychologe, Arzt für Psychiatrie und Neurologie, Geriater und apl. Professor für Psychiatrie. In den letzten Jahren überwiegend tätig als gerichtlicher Sachverständiger im zivilrechtlichen Bereich.

Talk is cheap until you hire a therapist.
Ich höre unterwegs im Auto immer verschiedene RT Kontrafunk-Sendungen im Podcast-Format (ja, sogar RT Basta Berlin, ist zwar verlässlich 100 % putin-treu wie alles bei RT Kontrafunk, aber trotzdem immer recht amüsant!) sowie, als besonderes Highlight, den Indubio Podcast. Wenn Indubio-Moderierender Gerd Buurmann stellvertretend für seine Hörend:innen gerade mal wieder ausgesprochen theatralisch komplett an der Weltenden verzweifelt, ist das für mich immer die schönste Psychotherapie! Und die einzige, die funktioniert. Da weiß ich dann, ich bin nicht der einzige aus Mainstream-Sicht schwerst Behandlungsbedürftige im Land. Und ich muss nicht vorher in einem Wartezimmer in einem der sonst obligatorisch ausliegenden Spiegel-Magazine blättern bis ich dran bin, um dann beim Einlass ins Therapiezimmer zwecks Erstgespräch mit hochgestreckter linker Faust die Internationale schmettern, um mir das Wohlwollen des strukturell bedingt äußerst wählerischen Therapierend:inx sozusagen im Sturm zu erobern.
Das Psychotherpeuten jetzt den Kampf gegen rechts aufnehmen war zu erwarten. Schließlich hat man sich schon an der „Verleugnung der Apokalypse“ in der Klimakrise abgearbeitet (s.a. Fabian Chmielewski „Die Verleugnung der Apokalypse – der Umgang mit der Klimakrise aus der Perspektive der Existenziellen Psychotherapie“, 3/2019 Psychotherapeutenjournal Seite 253. Ein sehr „erfrischender“ Beitrag von Herrn Chmielewski über Leugner der drohenden Apokalypse
Alle, die ich kenne und die eine Psychotherapie gemacht haben, waren nicht geheilt in dem Sinne, frei von Depressionen zu sein. Ich halte den Ansatz, sich dem Leiden des Klienten zu widmen, schon für falsch. Das ist der Finger in der Wunde. Damit verewigt man den Konflikt. Man muß sich anschauen, wo ihn der Konflikt bremst. Man beachtet seine Probleme nicht weiter und sucht mit ihm Wege, die Bremsen zu lösen. Wenn er merkt, daß er da Fortschritte macht, ohne eine „Lösung“ für sein Problem gefunden zu haben, ja ohne darüber nachgedacht zu haben, dann verschwindet das von selber. Sonst erzählt der einem immer dassselbe.
@Theobald Tiger … das, was Ihre Mitleser geschrieben haben, bedeutet doch keine generelle Ablehnung einer Therapie. Sie rechtfertigen Sich, brauchen Sie nicht. Aber es sind Ihresgleichen, die Klauterbach veranlassen zu behaupten, 1/3 aller Messerstecher sind Psychos. In meinen Augen sind das, bis auf weniger Ausnahmen 100% aller Mörder (nicht Soldaten). Aber, warum sollten wir die therapieren? Wir haben nicht mal genug Therapieplätze für die Opfer oder deren Verwandtschaft. Wenn auch für Therapeuten der Krampf gegen Rechts in einen Vordergrund tritt, werden wir, die optionale Kundschaft, Konsequenzen ziehen müssen. Schreiben Sie Ihren Kollegen, nicht uns.
Liebe Mitforisten, mit einigem Vergnügen habe ich Eure Kommentare (bis jetzt: 18.40 Uhr, 54 an der Zahl) gelesen. Da ist wirklich kein Vorurteil, keine Stammtischweisheit ausgelassen; das Sujet reizt offenbar. Dank übrigens an Klara Altmann und H.-P. Bartocha für ihre Beiträge! Ich schreibe heute unter Pseudonym, das hat Gründe. Ich bin Psychologischer Psychotherapeut und seit über 30 Jahren im Beruf. Ich habe mit 20 Jahren SPD gewählt, dann lange CDU und FDP, seit 2013 aber nur noch jene Partei, die ich als einzige vernunftgesteuerte Partei in den hiesigen „Landschaften der Lüge“ betrachte. Mein Studium hat knapp sechs und meine Vollzeit-Therapieausbildung nochmal drei Jahre gedauert. Die Mehrheit meiner Patienten leidet an Depressionen und Angststörungen. Ich bemühe mich, sie dabei zu unterstützen, wieder Hoffnung zu schöpfen und ihr Leben in die eigenen Hände zu nehmen. Das gelingt freilich nicht immer. Ich gebe mir auch große Mühe, meine Patienten in keiner Weise zu manipulieren, und natürlich ihnen in keiner Weise zu schaden (Gottseidank kann und darf ich als Psychologe nicht impfen; sonst hätte ich einigen erklären müssen, daß ich grundsätzlich gegen jede Art von „Gentherapie“ bin.) Allerdings gibt es auch in meinem Beruf Konflikte: So kann die Abstinenzregel sich übel beißen mit dem Wahrhaftigkeitsgebot. (Dazu mal einen Beitrag von Ihnen, verehrter Prof. Meins?). Wenn z.B. ein Patient mich fragt, woran ich glaube, dann gebe ich ihm Antwort, auch wenn er an etwas anderes glaubt. Und wenn einer mich fragt, was ich für richtig oder falsch halte, dann gebe ich ihm Antwort, mit dem Hinweis, daß ich falsch liegen kann. Das heißt für mich Wahrhaftigkeit. Ohne Wahrhaftigkeit hat Psychotherapie keinen Sinn. Die Sinnfrage steht letztlich immer im Zentrum.
@ Emil.Meins Sie kennen sich ja gut aus mit dem Bürgergeld? Ja, was wollen Sie mehr?