Es gibt Sätze, die altern nicht – sie werden leider wahr. Einer davon wird dem letzten iranischen Schah Mohammad Reza Pahlavi zugeschrieben: Wenn er gehe, werde der Nahe Osten explodieren. 1979 hat man darüber gespottet oder weggehört. Heute sehen wir, was aus der Region geworden ist: ein Gelände aus Stellvertreterkriegen, Milizen, Terrorfinanzierung und permanentem Erpressungspotenzial – und mitten darin ein Regime in Teheran, das seit Jahrzehnten Gewalt exportiert und im eigenen Land Freiheit erstickt. Man muss kein Monarchist sein, um diesen Zusammenhang nüchtern zu benennen. Aber man sollte wenigstens bereit sein, zuzuhören – besonders dann, wenn die Menschen im Iran selbst auf der Straße sprechen.
Denn im deutschsprachigen Raum entsteht gerade wieder ein Narrativ, das mit dem Ton der persischsprachigen Originalquellen nur begrenzt zusammenpasst. Hierzulande werden Proteste schnell als „Wirtschaftsprotest“ etikettiert: Inflation, Währung, Sanktionen. Natürlich ist wirtschaftliche Not real. Aber wer den Ton der Straße ernst nimmt, hört vor allem etwas anderes: eine politische Botschaft, systemkritisch und unmissverständlich. Die Menschen rufen nicht nach einem Maßnahmenpaket. Sie rufen nach einem Ende der Islamischen Republik.
In persischsprachigen Livestreams und Augenzeugenberichten sind wiederholt Parolen zu hören wie „Javid Shah“ (sinngemäß: „Lang lebe der Schah“), „In akharin nabarde – Pahlavi barmigarde“ („Dies ist die letzte Schlacht – Pahlavi kehrt zurück“), Sprechchöre rund um „Reza Pahlavi“ – und auch „Reza Shah, ruhat shad“ (sinngemäß: „Reza Schah – möge deine Seele in Frieden ruhen“). Das muss niemandem politisch gefallen. Aber wer solche Rufe pauschal ausblendet, verniedlicht oder als bloße „Manipulation“ abtut, produziert kein „ausgewogenes“ Bild, sondern ein bequemes.
Ein Punkt wird im deutschen Diskurs fast nie erklärt, ist aber zentral: „Pahlavi“ ist nicht nur ein Familienname – es ist ein kultureller Code. „Pahlavi“ bezeichnet auch die mittelpersische Schriftsprache der Sassanidenzeit, also eine vorislamische kulturelle Referenz. Und: Erst 1925 wurden im Iran im Zuge staatlicher Modernisierung Nachnamen verbindlich eingeführt. Reza Schah wählte den Namen „Pahlavi“ dabei bewusst – als Signal einer Rückbindung an die vorislamische, mittelpersische Traditionslinie und als programmatische Abgrenzung von der religiös-rechtlichen Umklammerung durch Klerikerherrschaft. Genau diese symbolische Setzung erklärt, warum der Name bis heute politisch so aufgeladen ist.
Darum kann „Pahlavi kehrt zurück“ für viele doppeldeutig sein: Es kann die Person meinen – und zugleich die Idee eines Iran, der Freiheit nicht religiös definiert, sondern staatlich und rechtlich aus der eigenen Geschichte heraus. Wer diese Bedeutung unterschlägt, versteht weder die Anziehungskraft des Begriffs noch die besondere Allergie des Regimes gegen diesen Namen.
Worum es hier nicht geht: nicht um die Behauptung, alle Iraner wollten „dies“ oder „jenes“ – die Straße ist plural. Und nicht um die Illusion, man könne aus dem Ausland die Zukunft Irans bestellen. Worum es geht, ist schlichter: Wenn wir über Iran sprechen, sollten wir die Stimmen aus dem Land so wiedergeben, wie sie tatsächlich klingen – auch wenn sie nicht in deutsche Schablonen passen.
Dr. med. Nahid-Ingrid Jung, geb. 1961 in Würzburg, arbeitet als HNO-Fachärztin in Berlin. Von 1970 bis 1978 besuchte sie die Deutsche Schule Teheran. Seit 2022 wertet sie persischsprachige Originalquellen und Livestreams zur Lage im Iran aus.
14 Tage – ein Artikel. Wie armselig! Die Ignoranz nicht nur der Mainstream- sondern auch der Alternativmedien gegenüber der Revolution im Iran ist wenig überraschend (auch der Sudan hat ja kein Schwein interessiert und tut es immer noch nicht). Man interessiert sich auch in den Alternativmedien (die alle jeden Tag immer mehr enttäuschen) zwar sehr dafür, wie Linke sich vor den Diktator und Drogen- und Menschenhändler Maduro schmeissen, aber kaum dafür wie mutige Menschen für Freiheit kämpfen. Da wird auf Achgut gerade mal auf ein (eher mittelmäßiges, wenig informatives Youtube Video verwiesen – als gäbe es keine deutschsprachigen Exil-Iraner, die viel zu sagen hätten), aber die Mühe einen eigenen Artikel zu schreiben (Dank an die Gastautorin!), macht sich keiner. Braucht kein Mensch solche Medien, die hauptsächlich um sich selber kreisen und eine Revolution mutiger Menschen gegen eine der schlimmsten Dikaturen des Planten verpennen.
Danke für die Aufklärung. Der Beitrag gefällt mir sehr gut.
Ich halte es für nicht schlimm, wenn dem sich im Wachkoma befindenden Konsument der „Haltungsmedien“ keine nähere Berichterstattung zu teil wird. Es ändert sich dadurch ja nichts an den Geschehnissen. Sinnvoll halte ich es allemal hierzulande den Ball flach zu halten. Unsere zugewanderten Anhänger des Propheten und ihre Brüder*innen im Geiste dürften nämlich mit der Situation dort nicht kommod gehen. Sollten sie dies uns mitteilen, kommt uns eine Anti-Israel-Demo wie ein Kindergeburtstag vor.
In Deutschland leben viele Menschen aus allen Nationen und Ethnien, darunter auch jeweils große Gruppen, deren Mitglieder (auch) die deutsche Staatsangehörigkeit besitzen, z.B. die Iraner bzw. Perser (Anm.: Viele iranische Staatsangehörige wollen nicht als Iraner, sondern als Perser „gelesen“ werden, so meine Erfahrung aus einem Sprachkurs.). Diese Doppelstaatlergruppen üben über ihre deutsche Staatsangehörigkeit immer wieder Druck auf die deutsche Regierung aus, daß diese doch bitte Druck auf die Regierung in ihrer ehemaligen Heimat ausüben sollen (Anm.: Womit sich diese Doppelstaatler in meinen Augen als Deutsche disqualifizieren, wenn ihr Herz doch offenkundig an ihrer alten Heimat hängt – Exkurs: Von deutschstämmigen US-Amerikanern hört man solche Aufrufe nie.) Nun, wenn eine jeweilige deutsche Regierung auf die Interessen der vielen Doppelstaatlergruppen regiert und deren jeweiligen (Ex-)Heimatländer angeht, dann kommen wir Deutsche bald noch mehr in Teufels Küche. Lieber Doppelstaatler, lasst Eure (Ex-)Heimatländer endlich hinter Euch und werdet Deutsche, nehmt Euch ein Beispiel an den deutschstämmigen US-Amerikanern.
Auf youtube existiert unter dem Überschrift: ‚ IRAN-PROTESTE: Schreien für Gaza – Schweigen zum Iran‘ ein Video | Kommentar (3 min 40 s) des Ex- ARD-Tageschau-Sprechers Constantin Schreiber. Bitte anhören und weiterempfehlen! Ein (vermutlich) weitgehend inhaltsgleicher Kommentar bei der WELT befindet sich hinter der Bezahlschranke. Die Kollegen von Tichy wiederum haben den WELT-Beitrag bereits kommentiert (ohne Bezahlschranke). Offenbar gilt: Alle reden – einer schweigt. Walther. Obwohl doch das Predigen seine Lust und Leidenschaft ist.
@Düring: sehr gut formuliert!
Es heißt doch immer, Moslems seien zu höheren Gedanken als religiösen gar nicht fähig. Und nun fordern die das Ende der Islamischen Republik statt Umsetzung der islamischen Weltherrschaft? Paßt nicht in „deutsche Schablonen“.