Für Einfachgestrickte ist Putin Russland und Russland ist Putin. Folgerichtig nötigen sie Bäckereien, ihren Russenzopf umzubenennen. Was für ein undifferenzierter, opportunistischer Prosecco-Moralismus zur täglichen Imagepflege.
Für Einfachgestrickte ist Putin Russland und Russland ist Putin. Folgerichtig nötigen sie Bäckereien, ihren Russenzopf umzubenennen. Die Basler Großbäckerei Sutterbegg nennt das süße Gebäck nun Nusszopf, bei der Confiserie Steinmann in Thun heißt es nun Hefestollen, in der Baser Edelconfiserie Gilgen: Hefesüßgebäck. Großartig! Jetzt muss sich Putin vor Schreck gleich mit beiden Händen am Tisch festkrallen.
Die russische Geschichte ist jahrtausendealt, Putin etwas weniger. Mit Russland assoziere ich Gorbatschow, Kasparov, Marina Owsjannikowa, Dostojewski, Leo Tolstois „Krieg und Frieden“, Matrjoschka-Puppen, Wodka, Mongolensturm, Peter der Große, Lenin, Stalingrad und so weiter und so fort. Was hat das mit Putin zu tun?
Putin hat den barbarischen Einmarsch in die Ukraine befohlen. Nicht der Russenzopf. Putin ist Russe. Aber Russland ist nicht Putin. Man ist stets auf der sicheren Seite, wenn man jetzt pauschal die gesamte russische Kultur verteufelt und cancelt. Was für ein undifferenzierter, opportunistischer Prosecco-Moralismus zur täglichen Imagepflege.
Ich habe in Sankt Petersburg einen jungen Kollegen. Er ist orthodoxer Jude, in der Ukraine geboren, hat einen russischen Pass, seine gesamte Verwandtschaft ist russisch-ukrainisch durchmischt, er entzog sich dem Kriegsdienst und verlegte sein Business nach Armenien. Als auch dort der Krieg ausbrach, floh er in die Türkei. Ist er für Putins Krieg mitverantwortlich?
Claude Cueni (66) ist Schriftsteller und lebt in Basel. Er schreibt jeden zweiten Freitag im BLICK. Sein neuester Roman heißt „Dirty Talking“, davor erschienen bei Nagel & Kimche die Romane „Genesis – Pandemie aus dem Eis“ und „Hotel California“.
Liebe Leserinnen und Leser,
gerne können Sie Achgut.com auch in den Sozialen Medien folgen.
Hier die Links zu unseren Kanälen:
https://www.facebook.com/achgut
https://twitter.com/Achgut_com
https://t.me/achgutofficial
https://gettr.com/user/achgutofficial
Beitragsbild: Arpingstone via Wikimedia Commons
lKein denkender Mensch wird die russische Kultur in toto verteufeln . Was wäre Europa ohne Tolstoi und Dostojewski und ohne Tschaikowski und Prokowjew ( ein Ukrainer übrigens) ?
Wenn man allerdings Politische Figuren unter Kultur subsumiert, wird’s schon schwierig.
Dann waren in Russland von Lenin über Stalin bis Putin allerdings Teufel in persona am Werke, und das über Jahrzehnte. Und in Deutschland waren sie wesentlich kürzer aber durchaus auch an den Hebeln der Macht.
Daran haben wir heute noch zu kauen…l
@Bunkus : Да здравствует дружба между народами. Сто грамм. Слава труду! Hick!
Klitschko hat gesagt: „Wie könnte ich Russen hassen – meine Mutter ist Russin!“ Was brauchts der Worte mehr. Hoffentlich wird er dafür nach dem Sieg nicht hingerichtet. Zwar liebäugeln unsere Politiker mit dem Krieg, aber sie dürfen doch aussteigen, wenn Massen von Kollaborateuren erschossen werden. Oder ist das dann geheim zu halten? Nur mal hypothetisch so.
@Hubert Bauer: Rußland war nie demokratisch. Mit Gorbatschow und Jelzin wurde es ziemlich liberal. Aber das betraf nur die persönlichen und auch – eingeschränkt – mediale Freiheiten. Die Macht blieb immer fest in den Händen der Oberen, unter denen es freilich einigen Streit gab. Putin wurde von Jelzins US-Beratern zum Nachfolger erkoren und befördert. Die russische Öffentlichkeit kannte ihn damals kaum. Der einzige Fernsehkanal, den man bis 2000 noch in punkto Objektivität mit dem damaligen westlichen Mainstream vergleichen konnte (die anderen waren schlimmer), NTV berichtete im März 2000 über die im Herbst 1999 beim Versuch der Wohnblocksprengung ertappten FSB-Agenten. Also über ein mißlungenes Verbrechen unter Putins Verantwortung – kurz vor den Präsidentschaftswahlen, wo Putin (natürlich) trotzdem „gewählt“ wurde. Im Mai kam die Rache: Steuerpolizei und FSB stürmten die NTV-Redaktion, das Personal wurde ausgetauscht. Seitdem ist auch NTV brav und linientreu. Ich war damals teilweise selbst in Moskau. Mir kann keiner aufschwatzen, das sei nur böse westliche Propaganda. Solch billige Ausreden hatten wir schon in der DDR mehr als genug. – Konnten die Russen jemals über ihre Regierung selbst entscheiden? Konnten wir das denn? Ich habe es im Herbst 1989 versucht: es wurde abgewürgt. Das mittelfristige Ergebnis erleben wir jetzt. – Übrigens sehe ich in der verlogenen „Unterstützung“ des Westens für die DDR-Opposition manche Parallele zum heutigen „Stand with Ukraine“. In beiden Fällen heißt das nicht, daß SED oder Putin die Guten wären. Sondern daß der Westen mit denen unter einer Decken steckt. Die Mächtigen halten zusammen, das Volk schlägt sich, der Rubel rollt.
Im Lebensmittelgeschäft erbat ich mir heute eine Tüte „Russisch Brot“, nette Verkäuferin zeigte mir die, heißen just etwas anders, dazu erstand ich noch eine Flasche Wodka Putinoff, und all das werde ich nachher vertilgen, musikalische Untermalung dazu „Rasputin“ von Boney M. – Ich denke nicht im Traum daran, wegen des Scheixxxkrieges irgendwas an meinen Vorlieben zu ändern, zumal vorhin so eine mittelalte Tusse, radfahrend, mich auf Gehweg ermahnte Platz zu machen. Dem Idiom nach eindeutig keine Russin, sondern Ukrainerin. Und das ist nur eine unter mittlerweile zahlreichen Erfahrungen mit diesen Leuten.
За дружбу! Auf die Freundschaft! Prost!
Neulich war hier irgendwo auf der Achse zu lesen, die Gesellschaft sei onanisiert.
Passt auch hierzu haargenau.
Heute setzt man ein sogenanntes Zeichen, welches natürlich völlig sinnfrei ist, ohne jedes persönliche Risiko.
Und schon kann man sich auf der Seite der Guten, ja sogar der Widerstandskämpfer einreihen.
Ob jemand russische Musik boykottiert oder sein Leben riskiert, macht für diese neuen „Helden“ keinen Unterschied.