Oliver Marc Hartwich, Gastautor / 24.06.2009 / 09:08 / 0 / Seite ausdrucken

Pritschenwagenskandal: Eine sehr australische Affäre

Hat dieses Land eigentlich keine anderen Sorgen? Seit Tagen berichten Australiens Zeitungen über kaum ein anderes Thema außer jenem Skandal, der hier unter dem Namen ‘Utegate’ geführt wird.

Dass Skandale immer mit dem Anhängsel -gate versehen werden, daran hatte man sich auch in Australien seit Watergate gewöhnt. Aber man hatte dabei ganz übersehen, dass es nicht ausreicht, nur XYZ-gate zu sagen, um aus einer Mücke einen Elefanten zu machen. Doch der Reihe nach.

Fangen wir einmal mit der Frage an, was eigentlich ein Ute ist. Ein Ute ist eine sehr australische Autovariante, nämlich ein Pickup in Limousinenform. Man stelle sich einen gewöhnlichen Mittelklassewagen vor, dem die Rückbank amputiert und an ihrer Stelle eine offene Ladefläche verpasst wurde, und fertig ist der Ute.

Ein ebensolches Fahrzeug hatte Premierminister Kevin Rudd kostenlos für seinen Wahlkampf zur Verfügung gestellt bekommen. Von wem? Von einem befreundeten Autohändler, der auch noch in unmittelbarer Nachbarschaft der Rudds wohnt. Praktisch, wenn man solche Freunde hat.

Praktisch aber auch, wenn man Autohändler ist und den Premierminister in seinem Freundeskreis weiß. Besonders dann, wenn die australische Regierung gerade dabei ist, ein Subventionsprogramm für Autohändler vorzubereiten.

So kam es, dass besagter Autohändler sich bei seinem alten Kumpel, dem Premierminister, meldete und nachfragte, wie er denn am besten an die Staatsknete kommen könnte. Was danach geschah, darüber wird seit Tagen in Australien gestritten.

Angeblich hatte nämlich das Büro des Premierministers dafür gesorgt, dass man sich im Finanzministerium fürsorglich um die Belange des Autohändlers kümmerte. Es sei schließlich nicht irgend ein Autohändler. Jedenfalls sagte das ein Beamter aus dem Ministerium bei einer Anhörung im australischen Senat. Auch an eine Email zu der Angelegenheit wollte er sich erinnern, die er vom persönlichen Wirtschaftsberater des Premiers erhalten habe. Er könne sich aber auch irren.

Von diesem Moment an gewann die Affäre eine gewisse Eigendynamik. Der Premierminister und sein Finanzminister dementierten eiligst, dass es eine Vorzugsbehandlung gegeben hätte, und auch von einer Email besagten Inhalts sei ihnen nichts bekannt. Der Oppositionsführer witterte hingegen einen Riesenskandal und forderte vorsorglich den Rücktritt der Regierung, wie man das eben als Oppositionspolitiker so macht.

Einen Tag später veröffentlichte die Murdoch-Presse den angeblichen Inhalt der belastenden Email, die keinen Zweifel an der Vetternwirtschaft zu lassen schien. Zwei Tage später nahm sich dann die australische Bundespolizei der Angelegenheit an, durchsuchte die Privatwohnung des Beamten aus dem Finanzministerium und fand dabei schnell heraus, dass die Email offenkundig eine Fälschung ist. Abgeschickt wurde sie nämlich nicht aus dem Büro des Premierministers, sondern im Finanzministerium - vielleicht sogar von dem Beamten selbst, der die Affäre ausgelöst hatte.

Damit war die Regierung aus dem Schneider, nur der Oppositionsführer hatte plötzlich ein Problem. Wie konnte er so schnell den Rücktritt der Regierung verlangen, wo sich die Beweislage doch als ausgesprochen dürftig darstellte? Und überhaupt: Wie kam es, dass er vom Inhalt der gefälschten Email wusste, noch ehe davon in den Medien oder im Senat die Rede war? Hatte er sich etwa von einem Maulwurf im Finanzministerium mit Informationen versorgen lassen? Und hatte der Maulwurf sich seine Informationen selbst zurecht gelegt?

Aber selbst wenn es denn tatsächlich so gewesen wäre, dass der Premierminister die Anfrage seines Autohändlers an das Finanzministerium weitergeleitet hätte, so wäre es doch nur ein Sturm im Wasserglas gewesen. Denn das Förderprogramm für Autohändler ist noch nicht einmal in Kraft getreten und die Weiterleitung eines Antrags an die entsprechende Stelle ist für sich genommen auch noch keine Korruption, solange der Antrag danach anhand der üblichen Kriterien geprüft wird.

Macht aber alles nichts, denn da in der australischen Politik sonst nichts los ist, stürzten sich sämtliche Medien auf alle Einzelheiten der angeblichen Affäre. Wer ist dieser Beamte aus dem Ministerium? Was wusste die Opposition? Hatte der Finanzminister wirklich keine Kenntnis von dem Autohändler, wie er dem Parlament versicherte?

Seinen absurden vorläufigen Höhepunkt erreichte der angebliche Skandal, als der Premierminister den Oppositionsführer aufforderte, wegen der im Finanzministerium gefälschten Email zurückzutreten. Nur in Canberra kann man so eine Forderung für logisch halten.

So kam es jedenfalls, dass die australische Öffentlichkeit seit Tagen von der Welt da draußen quasi abgeschnitten ist. Angeblich findet im Iran gerade eine Revolution statt, Barack Obama hat womöglich mal wieder die Weltwirtschaft gerettet, aber was juckt das alles den gemeinen Australier? Wir haben Utegate, den aufregendsten Politkrimi in der Geschichte der südlichen Hemisphäre, den ultimativen Showdown in Canberra, wo sich sonst die Kängurus und Wombats Gute Nacht sagen.

Auf der anderen Seite ist das aber auch ein gutes Zeichen: Dieses Land hat sonst wirklich keine Probleme, wenn man sich auf eine solche Nicht-Affäre stürzen kann. In England würde wegen so was kein Journalist auf seinen After Work-Pint verzichten.

Utegate erinnert an die beschauliche alte BRD, in der man sich auch monatelang über verstrahltes Molkepulver oder Würmer im Fisch aufregen konnte - es war ja sonst alles in Ordnung. Nachdem hier im vorigen Monat die Arbeitslosenzahlen gefallen waren, im ersten Quartal Australiens Wirtschaft sogar wieder wuchs und der australische Dollar plötzlich zum Höhenflug ansetzte, da gab es wirklich sonst nichts, worüber man sich ernsthaft hätte aufregen können. Sogar das Wetter ist wieder etwas besser geworden.

Merke: Manchmal kann man den Zustand eines Landes an seinen Skandalen erkennen. Gönnen wir den australischen Journalisten also die ungewohnte Aufregung. Wir freuen uns schon auf den nächsten Sack Reis, der in der Parlamentskantine von Canberra umfällt. Aber spätestens dann müssen auch einmal Köpfe rollen.

 

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