Deutschland ist erleichtert. Der Tenor: Endlich ist er weg, dieser bissige Mehdorn, der offenbar in den Mails seiner Mitarbeiter rumschnüffeln lässt. Alles gut also in Corporate Germany. Wirklich? Natürlich nicht. Denn die Mailscans waren nicht Mehdorns Privatspleen, sondern sind Ausdruck eines weit vertreiteten Grundmisstrauens, das in vielen Unternehmen herrscht. Da regiert allzu oft Paranoia als Prinzip. Und um jeglichem sozialromantischen “die da oben sind’s” vorzubeugen, sei klargestellt: Misstrauen regiert nicht nur auf Vorstandsebene, sondern auf allen hierarchischen Ebenen und macht sich in alle Richtungen breit. Mitarbeiter haben Angst vor ihren Vorgesetzten oder den Topentscheidern, die fürchten ihre Mitarbeiter ebenso wie Spionageaktionen anderer Firmen. Mir wurde von Vorstandschefs berichtet, deren Büros man nur mit ausgeschalteten Handies betreten darf, aus Angst vor Abhöraktionen. Reichlich würdelos, das alles.
Das Faszinierende an dieser Art Paranoia indes ist, dass sie die Gründe ihrer Existenz selber schafft. Wer Angst vor Abhöraktionen hat, hört ab, um mitzubekommen, wer ihn abhört. Wer fürchtet, dass der Flurfunk über ihn schnattert, der schnattert selbst umso mehr. Am Ende kommt eine Situation heraus, ähnlich wie sie Michel Foucault antizipierte: Das Panoptikon als allumfassendes Misstrauen. Jeder beäugt jeden. Der Einzige, der in diesem Schnüffelkapitalismus aus dem Blick gerät, ist der, um den es eigentlich gehen sollte: der Kunde.