Gastautor / 04.04.2023 / 06:40 / Foto: aeroprints / 74 / Seite ausdrucken

Die Bundeswehr und ihr Preis/Leistungsverhältnis

Von Stephan Miller. 

Unzeitgemäße Betrachtungen zum Verteidigungsetat: In Israel macht man aus weniger Geld erheblich mehr Kampfkraft als hierzulande. Grund dafür ist, dass zu viel Geld in der Organisation der Bundeswehr verpulvert wird. 

Die „kaputtgesparte Bundeswehr“ geistert als Schlagwort in diesen Wochen und Monaten durch die Medien. Sprachlich etwas niveauvoller ist auch von der seit Jahren unterfinanzierten Bundeswehr die Rede. Das scheint weitgehend Konsens zu sein, ein Schlagwort, das gegenwärtig in fast jedem Artikel zu Pistorius, der Bundeswehr, oder den sicherheitspolitischen Herausforderungen unserer Zeit Verwendung findet. 

Doch ist das überhaupt die Wahrheit? Der geneigte Leser kann allerdings ohne Sorge sein, es führen mir weder die Linkspartei noch A. Schwarzer oder gar Herr Mützenich die Feder, ich will nur dazu einladen, ein paar einfach zu recherchierenden Zahlen Aufmerksamkeit zu schenken.

Wikipedia, durchaus mit Vorsicht zu genießen, aber in solchen Dingen einigermaßen zuverlässig, gibt für 2021 einen deutschen Verteidigungshaushalt von rund 46,9 Mrd. Euro an. 2021 ist ein gutes Bezugsjahr, denn danach war es ja mit dem „Kaputtsparen“ vorbei. Knapp 47 Mrd. Euro waren also zu wenig. Sie reichten für – ebenfalls Wikipedia entnommen – ca. 330 Kampfpanzer und ca. 1.400 Schützenpanzer/gepanzerte Transportfahrzeuge sowie 235 Kampfflugzeuge, um einmal die populärsten Waffensysteme hervorzuheben.

Wirklich nicht viel Ergebnis, wenn man bedenkt, dass Kampfkraft sich in kampffähigen Systemen widerspiegelt und die Bereitstellung von Kampfkraft der Sinn jeder Armee ist – wozu sonst gibt man das viele Geld aus? So sieht also eine unterfinanzierte Armee aus, denkt man. Aber halt:

Unternehmen wir einmal einen nicht naheliegenden Vergleich: Die Bundeswehr hat einen Umfang von rund 185.000 Soldaten – es mag ein bisschen mehr oder weniger sein, darauf kommt es hier nicht an. Sie ist also nicht viel größer als die israelischen Streitkräfte mit 170.000 aktiven Soldaten. Allerdings betrug im Jahre 2021 der israelische Verteidigungshaushalt, ebenfalls Wikipedia zufolge, 24,3 Mrd. US Dollar. Rechnet man mit dem damals gültigen Kurs von 1,10 US-Dollar für 1 Euro, gab Deutschland annähernd das Doppelte des israelischen Verteidigungsbudgets für die Bundeswehr aus. 

Für die Häfte fast so viele Kampfjets

Das macht stutzig, doppelt so viel Geld für nur um ungefähr 10 Prozent größere Streitkräfte auszugeben, wie schafft man das? Es wird aber noch dramatischer: Für die Hälfte des Geldes bringt Israel fast ebenso viele Kampfflugzeuge in die Luft: 220 – die Luftwaffe verfügt, Zahlen wieder nach Wikipedia, über 235. Und für die Hälfte des Geldes rollen dort nicht 330 sondern 2.500 Kampfpanzer – letztere Zahl ist dem entsprechenden Artikel der Encyclopædia Britannica entnommen, ebenso die der 5.000 gepanzerten Infanterietransportfahrzeuge in Israel gegenüber den alles in allem wohl 1.400 der Bundeswehr. 

Natürlich werden hier Äpfel mit Birnen verglichen. Israel hat keine Bündnisverpflichtungen, plant, sein Heer nur in unmittelbarer Nachbarschaft des Staates Israel einzusetzen, (die Luftwaffe allerdings hat einen erheblich weiteren potenziellen Einsatzraum), Israel hat eine Wehrpflichtarmee mit dreijähriger Dienstzeit. Doch ist das Verhältnis von finanziellem Aufwand und Ergebnis in Kampfkraft bei den israelischen Streitkräften so durchschlagend besser, dass Fragen offen bleiben. Gewiss kann man einwenden, der Staat Israel kämpfe stets um seine Existenz, aber das begründet seine im Verhältnis zur Größe des Landes hohen Militärausgaben, nicht aber die Effektivität, mit der diese ausgegeben werden. Oder andersherum, dass Deutschland pro Kopf erheblich weniger Geld für die Verteidigung ausgibt, war oder ist Folge der geringen Bedrohungslage, kann aber nicht erheblich weniger Kampfkraft für einen erheblich höheren finanziellen Einsatz begründen.

Wo geht das Geld hin? Dem Betrachter springt sofort ins Auge, dass Israel nicht einen einzigen sogenannten Vier-Sterne-General hat. Höchster Dienstgrad ist ein Generalleutnant (drei Sterne), der Chef des Generalstabes. Das deutsche Heer alleine hat davon mindestens drei; das in etwa gleich starke israelische Heer wird von einem Generalmajor (zwei Sterne) geführt. Natürlich gibt es auch keine vier Staatssekretäre im Israelischen Verteidigungsministerium, die jeder einen persönlichen Stab haben, mit dessen Umfang man in Israel wahrscheinlich eine Brigade führen kann. Es gibt unter dem Minister seinen Stellvertreter, der aber im Gegensatz zu unseren beiden parlamentarischen Staatssekretären als Verantwortlicher für den Einsatz der Streitkräfte im Inneren eine echte Aufgabe hat, und einen Generaldirektor, dessen Zuständigkeitsbereich in etwa den der zwei beamteten Staatssekretäre im BMVg abdeckt. 

Organisatorischer Wildwuchs in der Bundeswehr

Man kann – Zahlen dazu gibt es nicht – wohl berechtigt annehmen, dass das israelische Ministerium bei Weitem nicht an die Hälfte der 2.200 Mitarbeiter des BMVg herankommt. Unser völlig überdimensioniertes Ministerium ist eines der bodenlosen Fässer, in denen das Geld verschwindet, ohne sich in politisch nutzbaren militärischen Effekten zu manifestieren; die zahllosen aufgeblähten Stäbe bis hinunter zur Bataillonsebene sind weitere. Deren abwegige Dimension hat zwei Gründe: Erstens verursachen große Stäbe der nächsthöheren Führungsebene durch Anfragen, Auflagen, Meldepflichten usw. Arbeit für die darunter befindliche. Mit dem Ergebnis, dass diese überlastet scheinen und Personal fordern, das dann irgendwann kommt, statt dass man prüft, ob die Erfüllung all dieser Pflichten irgendeine positive Auswirkung auf die Kampfkraft hat und im Falle der Verneinung das Meldewesen strafft. 

Schon vor über 100 Jahren, mitten im ersten Weltkrieg, notierte ein kommandierender General in sein Tagebuch “...Es hat sich leider die fatale Gewohnheit eingebürgert, daß Offiziere höherer Stäbe – in einer Art wohlgemeinter aber höchst lästiger militärischer Neugierde – sich durch Divisionsgeneralstabsoffiziere den ganzen Tagesablauf bis hinunter zu den Kompanien erzählen lassen. 

... ich stelle dies ernstlich ab und halte darauf, daß auch wir unsere Truppen nicht telephonisch mißbrauchen und ihnen dadurch Zeit und Selbständigkeit rauben“

Ersetze „telephonisch“ durch per E-Mail missbrauchen, und man hat die Zustände der heutigen Zeit, die genauso abgestellt werden können und müssen.

Der zweite Grund für organisatorischen Wildwuchs liegt in dem allen Bürokratien innewohnenden Prinzip, Personal zu belassen, wo alte Aufgaben wegfallen, aber stets Personal zu fordern, wenn neue Aufgaben hinzukommen.

Das soll hier genügen, es gibt viele weitere Aspekte, die zur ineffizienten Geldverwendung beitragen, unter anderem die Stationierung in vielen relativ kleinen und daher teuer zu betreibenden Standorten, aber die Erkenntnis ist klar: Weniger die Unterfinanzierung, sondern vor allem Jahre struktureller Fehlentscheidungen begründen den betrüblichen Zustand der Streitkräfte. 

Aus den bewilligten Budgets hätte man, auch geachtet der Einsätze, in all der Zeit erheblich mehr militärische Effekte generieren können. Man hätte nur Interesse und Ehrgeiz daran entwickeln müssen, der Politik ständig das Maximum an führ-, versorg- und verlegbarer Kampfkraft für ein Minimum an Ressourcen bereitzustellen. Und die Politik hätte das fordern müssen. So, wie es die Israelis vormachen.

 

Stephan Miller, Jahrgang 1957, ist pensionierter Offizier und lebt in Brüssel. Seine unspektakuläre Laufbahn brachte ihm ein Studium der Wirtschaftswissenschaften, eine schöne und lange Zeit in der Infanterie, allerlei Stabsverwendungen sowie interessante Einsichten in das Ministerium, die EU und die NATO.

Foto: aeroprints CC BY-SA 3.0 Link">via Wikimedia Commons

Sie lesen gern Achgut.com?
Zeigen Sie Ihre Wertschätzung!

via Paypal via Direktüberweisung
Leserpost

netiquette:

Wolfgang Richter / 04.04.2023

@ Ralf Pöhling - “die Siedler bekommen ihre eigene Miliz und das Land eine Nationalgarde. Nur wir hier in Deutschland machen das mal wieder nicht so, weil man hier kein bewaffnetes Volk will.” Das ist nur halbrichtig, denn aus Gründen von “Integration und Teilhabe” bemühen sich die Politdarsteller seit Jahren redlich, Migranten für die “Sicherheitsdienste” zu begeistern, haben zu dem Zweck gar die Anforderungen an Kenntnisse der Deutschen Sprak in “Wort und Schrift” munter abgesenkt. Immerhin sind in diesen Kreisen eher Wehrfähige zu finden als in den psychisch abgerüsteten Kreisen des Nachwuchses der schon länger hier Lebenden (selbst wenn sie den Weg zu den Sicherheitskräften” finden, sind sie beleidigt, fühlen sich betrogen, wenn sie feststellen, daß sie Gefahr laufen, dort mit anderem als Platzpatronen konfrontiert zu werden), allerdings erkauft mit möglicherweise “Clan-Anbindung”. Aber man kann halt nicht alles haben, muß Prioritäten setzen.

Wolfgang Richter / 04.04.2023

Immerhin hat die Bundeswehr gerade ihre “Kampfkraft” massiv erhöht, denn die Niederländer haben ihre Landstreitkräfte offenbar der Bundeswehr unterstellt, sofern das nicht auch ein Aprilscherz war. Bleibt die Frage, in welchem “Coffeeshop” das ausgedacht wurde, und was es “uns” kostet. Ich weiß auch nicht, wie viel von deren “Gerümpel” real auch einsatzfähig ist. Als die Belgier noch als “Freunde” im Rheinland stationiert waren, war jedenfalls zu beobachten, daß bei Manöverausfahrten ein Großteil der Fahrzeuge kaum den Schießplatz erreichte. Aber Herr Pistorius wird schon wissen, was er sich da eingekauft hat.

Andreas Rühl / 04.04.2023

Lieber Herr Pöhling, gewiss brauchen wir Soldaten, die ihr Land verteidigen. Nur, woher nehmen? Zwingen will man die jungen Leute nicht, zumal, wie ich schätze, die Hälfte des Jahrgangs verweigern wird. Auch wenn man die Frauen mobilisiert, sieht es nicht besser aus. Wie der Krieg in der Ukraine zeigt, ist es möglicherweise der bare Unfug zu glauben, man könne mit gewehr, Patriotismus und mannesmut allein ein Land verteidigen - oder sind Sie im Humorverein? Es wurde alles getan, ueber Jahrzehnte hinweg, den Soldatenberuf unattraktiv zu machen. Gehorchen…oldschool. Da fängt es schon an. Außerdem sind Soldaten ja Mörder und Kriege sind grundsätzlich nicht moralisch. Die Wahrheit ist… Wenn Deutschland zu den Waffen ruft, geht keiner hin, weil niemand dieses “Stück Scheiße” verteidigen will. Wir leben in einem Land, in dessen Hauptstadt es nicht einmal möglich war, die Soldaten auf ihre Pflichterfüllung öffentlich zu verteidigen, ohne dass polizei mit Wasserwerfer die Veranstaltung schützt. Nichts von dem, was sie verlangen, hat sich nur entfernt etwas mit der Realität zu tun. Sie sollten…. Verteidigungsminister werden.

W. Renner / 04.04.2023

@Günter H. Probst, auf den Punkt gebracht.

Klaus Peter / 04.04.2023

Und wieviel Gulaschkanonen hat die BW? Ist vielleicht die einzige Hardware, die noch zu 100% einsatzfähig ist. Oder hat man auch da bereits auf hochbezahlte externe Dienstleister/Lieferservice gesetzt?

W. Rennrr / 04.04.2023

Recht sportlich, 47 Milliarden um im Kongo eine Feldküche betreiben sowie im Kosovo und in Kabul den Verkehr zu regeln. Dafür bekäme in Brrlin fast schon einen Flughafen, wenn man 30 Jahre darauf wartet.

Hagen Müller / 04.04.2023

Die 11 000 Beschäftigten im Beschaffungsamt zu Koblenz nicht vergessen! Oder zählen die gar nicht zur Bunten Wehr?

Karl Dreher / 04.04.2023

Wen wundert das? Solche Verteidigungsminister*innen (Oh mein Gott, dieser fürchterliche Gendergaga, aber zur Poinitierung ausnahmsweise mal so formuliert, weil diese ungedient und desinteressiert, komplett fachinkompetent) strangulieren seit Jahrzehnten unsere Bundeswehr wehrtechnisch, freundlich begleitet von Kohl, Merkel und Scholz. Sie werden willfährig unterstützt von deren Bundestagsabgeordneten ... und unseren staatsfinanzierten “Qualitäts-” Medien! Was soll dabei herauskommen? Immerhin: Der amtierende Verteidigungsminister ist für mich ein Licht am Horizont. Die Finanzierugsfrage kann erleichtert werden z.B. durch Streichung der rd. 100 Genderlehrstühle an Deutschlands Hochschulen, einschließlich allen Personals.  Und wenn unsere Linksrotgrünen dann noch die vielen Tausend neuen Ministerialarbeitsstellen für ihre ansonsten mangels Qualifikation unvermittelbaren neuen Mitarbeiter streichen würden ... es wäre viel gewonnen!

Weitere anzeigen Leserbrief schreiben:

Leserbrief schreiben

Leserbriefe können nur am Erscheinungstag des Artikel eingereicht werden. Die Zahl der veröffentlichten Leserzuschriften ist auf 50 pro Artikel begrenzt. An Wochenenden kann es zu Verzögerungen beim Erscheinen von Leserbriefen kommen. Wir bitten um Ihr Verständnis.

Verwandte Themen
Gastautor / 17.04.2024 / 13:00 / 15

Islamismus: Täter und Wohltäter

Von Sam Westrop. Die globale islamistische Wohltätigkeitsorganisation Islamic Relief arbeitet mit hochrangigen Hamas-Beamten zusammen, darunter der Sohn des Terroristenführers Ismail Haniyeh. Während Mitglieder des Europäischen Parlaments im Januar…/ mehr

Gastautor / 16.04.2024 / 06:00 / 203

Doch, es war alles falsch!

Von Andreas Zimmermann. Wir brauchen eine Aufarbeitung der Corona-Jahre, bei der eben nicht diejenigen das Sagen haben, die die Verantwortung für die Verheerungen dieser Zeit…/ mehr

Gastautor / 13.04.2024 / 15:00 / 6

Aufbau eines menschenwürdigen Gazastreifens (2)

Von Daniel Pipes. In Live-Interviews auf Al Jazeera und in anderen arabischen Medien machen immer mehr Bewohner des Gazastreifens ihrer Abneigung gegen die Hamas Luft.…/ mehr

Gastautor / 06.04.2024 / 14:00 / 13

Der Westen muss Geiselnehmer ächten – nicht belohnen

Von Michael Rubin. US-Präsident Joe Biden erlaubt es der Hamas, Geiseln als Druckmittel für Zugeständnisse Israels einzusetzen. Diese Haltung ist inzwischen eher die Regel als die Ausnahme,…/ mehr

Gastautor / 02.04.2024 / 06:25 / 60

„Traditional Wife“: Rotes Tuch oder Häkeldecke?

Von Marie Wiesner. Der „Tradwife“-Trend bringt die Verhältnisse zum Tanzen: Junge Frauen besinnen sich auf das gute alte Dasein als Hausfrau. Irgendwo zwischen rebellischem Akt und Sendungsbewusstsein…/ mehr

Gastautor / 01.04.2024 / 14:00 / 11

Neue Trans-Kinder-Leitlinie: Konsens statt Evidenz

Von Martin Voigt. Trans-Ideologie ante portas: Der neuen Leitlinie zur Behandlung minderjähriger Trans-Patienten mangelt es an wissenschaftlicher Evidenz. Sie ist nun eine "Konsens-Leitlinie". Pubertätsblocker, Hormone…/ mehr

Gastautor / 30.03.2024 / 14:00 / 6

Islamische Expansion: Israels Wehrhaftigkeit als Vorbild

Von Eric Angerer. Angesichts arabisch-muslimischer Expansion verordnen die westlichen Eliten ihren Völkern Selbstverleugnung und Appeasement. Dabei sollten wir von Israel lernen, wie man sich mit…/ mehr

Gastautor / 30.03.2024 / 06:15 / 44

Wer rettet uns vor den Rettern?

Von Okko tom Brok. Seit der deutschen Einheit ist Deutschland von einem eigenartigen „Rettungsfieber” befallen. Jeder Rettung korrespondierte dabei eine „Wende”. Beide Begriffe wurden dabei…/ mehr

Unsere Liste der Guten

Ob als Klimaleugner, Klugscheißer oder Betonköpfe tituliert, die Autoren der Achse des Guten lassen sich nicht darin beirren, mit unabhängigem Denken dem Mainstream der Angepassten etwas entgegenzusetzen. Wer macht mit? Hier
Autoren

Unerhört!

Warum senken so viele Menschen die Stimme, wenn sie ihre Meinung sagen? Wo darf in unserer bunten Republik noch bunt gedacht werden? Hier
Achgut.com