Von Hansjörg Müller
Prag liege westlich von Wien, so versichern die Prager augenzwinkernd, aber es scheint auch westlich von Berlin zu liegen: passiert man vor der Abfahrt am Berliner Ostbahnhof den viel zu großen Alexanderplatz, so glaubt man sich nach Pjöngjang versetzt, während man sich nach der Ankunft in Prag unverkennbar in Mitteleuropa wiederfindet. Beinahe allzu reichlich ist die Fülle der Baudenkmäler, die alle Epochen von der Romanik bis zur Postmoderne umfassen und irgendwann, wenn er noch ein weiteres Barockpalais vor sich auftauchen sieht, das in Berlin eine Hauptsehenswürdigkeit wäre und das hier so nebenbei mitläuft, fragt sich der müde Besucher, ob es ihm wie dem französischen Schriftsteller Stendhal ergehen werde, der in Florenz fürchtete, aufgrund der kulturellen Reizüberflutung wahnsinnig zu werden.
Noch vor zehn Jahren galt Prag als Europas größte Touristenfalle, doch diese Zeiten sind vorbei. Beinahe ist man enttäuscht, dass der Besuch im Restaurant ganz ohne Betrugsversuch abgeht, hatte man sich beim Warten auf die Rechnung doch schon die passenden Worte zurechtgelegt, um dem überraschten Kellner zu zeigen, wie clever man doch ist. Die Zahl der Reisenden, die den Weg nach Prag finden, ist allerdings auch heute noch ungeheuer. Menschenmassen wälzen sich über die Karlsbrücke und auf der Burg, dem Hradschin, ist es beinahe unmöglich, die Stelle zu erreichen, an der 1618 der berühmte zweite Prager Fenstersturz stattfand, der den Dreißigjährigen Krieg auslöste.
Beim Gang durch die Altstadt könnte man vergessen, dass sich Prag einmal hinter dem Eisernen Vorhang befunden hat. Nimmt man jedoch die Zahnradbahn hinauf nach Strahov und geht einige hundert Meter, wird man mit aller Brutalität an den Kommunismus erinnert: nach dem Zweiten Weltkrieg errichteten die neuen Machthaber hier ein Stadion für 240.000 Zuschauer - nein, die Zahl ist kein Schreibfehler. Heute findet sich für die gewaltige Arena keine Verwendung mehr und aus den betonierten Sitzreihen beginnen die ersten Birken zu sprießen. Vielleicht wollten die Kommunisten hier einem akuten Mangel abhelfen: Prag besitzt Zeugnisse aus beinahe allen Epochen der Kunstgeschichte, nur an antiken Ruinen fehlt es. Die Römer sind hier nie gewesen. Ob kommende Generationen das Strahover Stadion einmal mit derselben Ehrfurcht bestaunen werden, wie wir das römische Kolosseum?
Tschechische Politiker, das sind meist gütig aussehende ältere Herren mit attraktiven jungen Blondinen an ihrer Seite. Aktuell scheint Bohuslav Svoboda diese Tradition fortzusetzen, voraussichtlich der nächste Prager Oberbürgermeister, der, wenn er nicht stets mit auserlesener Eleganz gekleidet wäre, auch einen guten Schwejk-Darsteller abgegeben hätte. Als Svobodas Parteifreund, Präsident Václav Klaus, eine Affäre mit einer 25-jährigen Studentin hatte, wurde dies von der tschechischen Öffentlichkeit mit Bewunderung aufgenommen und auf die Frage, was ihm zu Nicolas Sarkozy einfalle, antwortete der tschechische Außenminister, Karl zu Schwarzenberg: „Zunächst einmal, dass er Carla Bruni erobert hat“, was ihm, dem Grafen Schwarzenberg, doch einigen Respekt abringe. Sein Gesprächspartner, ein deutscher Journalist, wird diese Bemerkung wohl mit einem innerlichen Kopfschütteln quittiert haben. Nur als Václav Havel eine Schauspielerin heiratete, reagierte auch mancher Prager Bürger mit Unverständnis: vielleicht lag es nur daran, dass die Dame am Theater in den Weinbergen engagiert war, so etwas wie das Theater in der Josefstadt in Wien, also ein Tempel der leichteren Muse. Vielleicht lag es aber auch am besonderen Status Havels: Tschechiens erster Präsident nach dem Ende des Kommunismus wird immer noch wie ein Heiliger verehrt; er wird geliebt, während sein Nachfolger Klaus bestenfalls respektiert wird.
Sondert der deutsche Bundespräsident politisch korrekte Banalitäten ab und wird dafür, je nach Standpunkt, gefeiert oder verdammt, so ist Václav Klaus tatsächlich ein würdiger Nachfolger Josef Schwejks. Er zweifelt nicht nur am Klimawandel, sondern ist auch der Ansicht, dass die EU nicht mehr sein sollte als eine große Freihandelszone. Dass da ein anderer die Rolle des Revoluzzers für sich beanspruchte, musste den unermüdlichen Dampfplauderer Daniel Cohn-Bendit natürlich ärgern, weshalb der Anführer der Grünen im EU-Parlament bei einem Besuch in Prag seinem Gastgeber erstmal gründlich den Tarif durchgab: künftig sei auf dem Hradschin neben der tschechischen auch die EU-Flagge zu hissen, beschied der „rote Dany“ dem konservativen Klaus. Gott sei Dank werden politische Meinungsverschiedenheiten heute zivilisierter ausgetragen als vor 400 Jahren: wir wissen zwar nicht, was der Präsident dem Fraktionschef geantwortet hat, aber davon, dass Cohn-Bendit Protagonist eines dritten Prager Fenstersturzes geworden wäre, ist uns ebenfalls nichts bekannt.
Prag ist keine multikulturelle Stadt. Der Ausländeranteil beträgt lediglich sechs Prozent und bei diesen dürfte es sich größtenteils um verbliebene Slowaken, amerikanische expats und österreichische Hotelmanager handeln. Trotzdem wächst die Stadt: während die Arbeitslosigkeit in Tschechien um die zehn Prozent beträgt, herrscht in der Hauptstadt nahezu Vollbeschäftigung. Zuwanderer vom Land finden schnell einen Job, vorzugsweise in der Tourismusbranche. Dennoch zeichnen sich am Horizont demographische Probleme ab: die durchschnittliche Tschechin hat lediglich 1,18 Kinder und wenn das Land nicht bald mehr Einwanderer anzieht, wird die Einwohnerzahl bis 2050 von zehn auf acht Millionen zurückgehen. Diese und andere Probleme bespreche ich im Café Slavia mit der 24-jährigen Kunsthistorikerin Jana. Jana hat in Edinburgh studiert; sie liest am liebsten den linksliberalen „Guardian“, die EU findet sie super und die meisten Ideen ihres Präsidenten, etwa über den Klimawandel, hält sie für „ziemlich verrückt.“ Mit etwas mehr Einwanderung hätte sie kein Problem, es würde die Stadt spannender machen, allerdings, so fügt sie nach einem kurzem Zögern hinzu, könne man in Osteuropa die Fehler des Westens vermeiden, etwa indem man die Zahl der muslimischen Einwanderer ein wenig begrenze. So ganz scheint es also auch bei ihr noch nicht zu klappen mit dem „europäischen“ Denken. Für Herrn Cohn-Bendit jedenfalls bleibt noch einiges an Erziehungsarbeit zu tun.
Der Abschied von der Goldenen Stadt fällt schwer. „Prag heißt in ihrer Muttersprache weiblich und zärtlich Praha, sie ist eine Frau“, schrieb der Schriftsteller Gabriel Laub. „Ich kenne keinen Menschen, der sie besucht hat und sich nicht in sie verliebt hätte. Doch sie ist eine Geliebte nicht nur für die Zeit, die man mit ihr gemeinsam verlebt, sondern fürs Leben. Man verlässt sie nie, auch wenn man ihr physisch untreu ist, und man liebt sie, auch wenn man mit ihr verheiratet ist.“ Und sein Kollege Franz Kafka bemerkte über seine Heimatstadt: „Dies Mütterchen hat Krallen, es lässt einen niemals los.“ Auch wir werden in die böhmische Metropole zurückkehren. Allein schon, um zu sehen, ob dann das europäische Sternenbanner über dem Hradschin wehen und weithin von einem Fortschritt künden wird, der heute so unaufhaltsam erscheint wie einst der Sozialismus.
Hansjörg Müller schreibt auch für die kolumbianische Online-Zeitschrift „El Certamen“ (http://www.elcertamenenlinea.com). Eine vollständige Übersicht über seine Veröffentlichungen finden Sie unter: http://thukydidesblog.wordpress.com/