Falls Sie bis eben nicht gewusst haben, wofür das Kürzel IASS steht oder gedacht haben, es handle sich um eine Weiterentwicklung des International Space Station, kurz ISS, dann machen Sie sich nichts daraus. Anders als GNTP oder DSDS ist IASS kein Begriff, der beim Paarduell mit Jörg, Frank und Anne jemals abgefragt würde. Er steht für Institute for Advanced Sustainability Studies.
Das Institut, pardon: Institute, ist ein eingetragener Verein, der am Tropf der Öffentlichen Hand hängt. Er wird, wie man der IASS-Homepage entnehmen kann, vom Bundesministerium für Bildung und Forschung und vom Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Brandenburg "gefördert". Dafür beantwortet das Institute Fragen ganz im Sinne der Fragesteller, also seiner Förderer. Zum Beispiel: "Wie trägt Deutschland zu einer globalen Energiewende bei?" Indem es mit gutem Beispiel vorangeht: "Die deutsche Energiewende hat internationale Signalwirkung. Das weltweite Interesse am Umbau des deutschen Stromsektors ist immens." Ja, Völker der Welt, schaut auf dieses Land und seine Windräder!
Überhaupt wird die internationale Zusammenarbeit ganz groß geschrieben. So hat das IASS eine Kooperation mit der in Katmandu weltberühmten Nepalesischen Akademie für Wissenschaft und Technologie "im Bereich der Forschung zur Nachhaltigkeit" vereinbart. Man hat sogar bereits "eine Absichtserklärung" unterschrieben. Natürlich in Katmandu.
Aber das ist es nicht, worauf ich hinaus wollte. Ich bin über das IASS nur gestolpert, weil ich vor ein paar Tagen während einer längeren Autofahrt ein Interview mit dessen Chef, Prof. Dr. Ortwin Renn, gehört habe. Er ist nämlich auch ein international anerkannter deutscher Risikoforscher.
In dieser Eigenschaft wurde er gefragt, wie man nach den Ereignissen von Brüssel mit dem "Gefühl der Angst" umgehen sollte. Indem man sich mit der Statistik vetraut macht, antwortete Renn: "Es ist in Europa wahrscheinlicher, vom Blitz getroffen zu werden, als ein Opfer eines Anschlags zu werden, wir können uns auch durch Wissen manchmal ein stückweit von der Angst befreien."
Ich dachte, mich trifft der Blitz. Obwohl ich natürlich weiß, dass man mit Hilfe der Statistik alles beweisen kann, auch dass deutsche Professoren weltweit zu den dümmsten gehören, weil sie die wenigsten Nobel-Preise bekommen. Und mir fiel ein, dass nach den Anschlägen von 9/11 ein paar akademisch verbildete Klugscheißer die Zahl der Terroropfer ins Verhältnis zu der Zahl der Verkehrstoten in den USA setzen und daraus die Empfehlung ableiteten, die blöden Amis sollten sich nicht so anstellen, kämen doch bei Verkehrsunfällen weit mehr Menschen ums Leben als bei Terroranschlägen.
Solche Überlegungen werden immer nur im Zusammenhang mit Terroranschlägen angestellt. Würde es ein verblödeter Nachhaltigkeits- oder Risikoforscher wagen, den Eltern der Schüler, die beim Absturz der Eurowings-Maschine vor einem Jahr in den Alpen zu Tode gekommen sind, zuzurufen: "Haltet inne und denkt daran, die Wahrscheinichkeit, von einem Blitz getroffen zu werden, ist größer als die, in einer Maschine zu sitzen, deren Kopilot Selbstmord begehen will!", würden ihn die Angehörigen der Getöten in kleine Stücke reißen und an die Geier verfüttern. Das Risiko, so zu enden, kann aber vernachlässigt werden, denn kein Mensch käme auf die Idee, so etwas zu sagen, nicht einmal ein Junkie im Crystal-Meth-Rausch. Und falls doch, würde Deutschlandradio Kultur den Notarzt rufen, statt das Erbrochene zu senden.
Beitragsbild: User:Vmenkov CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons

Lieber Herr Broder, Sie haben Recht, mit der Statistik lässt sich mancher Unsinn behaupten. Wie zum Beispiel wenn Herr Schulze oder Frau Roth die Anzahl der Immigranten auf die 500 Millionen Europa Bürger verteilen, wohl wissend, dass 95% von ihnen (stark untertrieben) die meisten Länder in kürzesten Zeit gen Deutschland, Schweden oder vielleicht noch 2 bis drei weitere Staaten verlassen würden
Nö, Herr Broder, das war nix. Es ist für Deutsche in der Tat wahrscheinlicher, bei einem Flugzeugabsturz ums Leben zu kommen, als bei einem Terrornschlag. Für die Bewohner von Borno State gilt das Gegenteil, zugegeben, aber das ist nicht der Punkt. Der Punkt ist, dass in den Medien nicht ständig vor Flugreisen gewarnt oder davon gefaslt wird, dass German Wings "Europa mitten in Herz" getroffen habe.
Das Risiko in Europa oder sonst wo auf diesem Planeten an der Nutzung der Kernenergie zu sterben ist statistisch viel geringer als durch einen Terroranschlag zu sterben. Trotzdem muss man Da sehr große Angst haben.
...widerlich wie in Zeiten von Political Correctness der Terror durch Muslime verharmlost wird. Angesichts von über 160 Toten seit Januar 2015 könnte ich - wäre ich auch so zynisch - behaupten, die Wahrscheinlichkeit, Flüchtlinge könnten durch Übergriffe von Rechten ums Leben kommen ist geringer als von einem Meteoriten getroffen zu werden...
Ähnlich Geistvolles war von einem Gast, einem Psychologen - man möge mir verzeihen, dass ich den Namen wieder vergessen habe - letze Woche im ARD-Morgenmagazin zu hören. Kernaussage dort: so schlimm die Attentate auch seien, im deutschen Straßenverkehr gäbe es jählich mehr Tote als durch die Terrorbomben. Ich halte diese Relativierung für eine bodenlose Unverschämheit und eines Psychologen unwürdig. Denn man vergleicht damit Äpel mit Birnen und hat nur das Ergebnis im Kopf: den Tod der Menschen, gleichgültig, ob durch Gewalt oder Unglücksfälle. Terror ist sinn- und zwecklos. Es ist Morden um des Mordens selbst willen. Im Straßenverkehr legen Menschen Strecken mit bestimmten Zielen zurück. Und wenn es der Spaß an einem Sonntagsausflug mit dem mehr oder minder schwer erarbeitetem Spaßmobil sei. Sie tun es nicht, um darin zerbombt zu werden. Ich brauche keine Relativierer, die mir vorsagen, das Leben sei per se eine tödliche Angelegenheit, weil es früher oder später eben durch den Tod endet.
Danke, Herr Broder, fuer diesen Artikel. Nicht vergessen sollte man, dass uns ein ehemaliger deutscher Botschafter in Israel, Rudolf Dreßler, in der Bruessel-Sonder-Eil-Sendung "Hart aber fair", erklaert hat, es sei gefaehrlicher, in Frankfurt (ich nehme an, er meinte Frankfurt am Main) zu leben als in Israel. Er bezog das auf die Anzahl der Verkehrstoten (wenn ich mich richtig erinnere) in Ffm im Vergleich zu den Opfern durch Terror in Israel...
Zu dieser Erkenntnis sind möglicherweise viele Menschen auch ohne besagten Risikoforscher gelangt. Denn hinter der gebetsmühlenartig wiederholten Aussage: "Wir lassen uns von den Terroristen nicht unsere Lebensweise nehmen, denn dann hätten sie erreicht, was sie wollten", erkenne ich genau diese Botschaft: Ist mir doch egal, die Wahrscheinlichkeit, dass es mich trifft, ist nicht so hoch.