Air Tuerkis / 09.04.2019 / 16:30 / 15 / Seite ausdrucken

Postsozialismus: Die Zukunft der Vergangenheit

Postsozialismus – was soll das sein?
 Frei nach Norbert Bolz würde ich sagen: Ich kenne keinen Postsozialismus, ich kenne nur die sozialistische Post. Eigentlich sogar mehrere, zum Beispiel die Washington Post oder die Huffington Post. Einmal war ich sogar selbst Postsozialist beziehungsweise sozialistischer Postbote: Als ich etwa drei Jahre alt war und meine Eltern an der Steuererklärung saßen, fuhr ich mit meinem Bobby-Car zwischen der im Wohnzimmer sitzenden Mutter und dem am Schreibtisch sitzenden Vater hin und her und transportierte Steuerbescheide, Rechnungen und so weiter. Da ich komplett auf Transferleistungen seitens meiner Eltern angewiesen war, war ich ein großer Verfechter der Verteilungsgerechtigkeit. 

Nein, Spaß beiseite: Es gibt keinen Postsozialismus. Der Sozialismus wurde nicht von Karl Marx erfunden und wird nicht final besiegt sein, wenn Marx widerlegt wurde. Sozialismus finden wir in der Sowjetunion genauso wie im alten Rom, in der Russischen Revolution genauso wie in der Französischen. Der Sozialismus ist letztendlich nicht die Frage nach dem Besitz an Produktionsmitteln, der Sozialismus ist ein Urtrieb des Menschen. Ludwig von Mises schreibt in „Liberalismus“: 

„Die antiliberale Politik ist Kapitalaufzehrungspolitik. Sie empfiehlt, die Gegenwart auf Kosten der Zukunft reichlicher zu versorgen.“ 

Das trifft es ziemlich genau. Der Mensch als Individuum muss täglich mit sich selbst ringen, um aufzustehen und zur Arbeit oder in meinem Fall zur Schule zu gehen. Er muss mit sich selbst kämpfen, um kurzfristige Interessen aufzugeben, um längerfristige Interessen verwirklichen zu können. Das Lustprinzip muss überwunden werden – das ist ein wesentlicher Punkt des Erwachsenwerdens.
 Genau den gleichen inneren Kampf ficht jede Gesellschaft mit sich aus, das nennt man den Grad der Zivilisation. Man kann einem Linken nicht klarmachen, dass systematische und notlose Staatsverschuldung keine gute Idee ist.
 Im Sozialismus wird immer von der Substanz gelebt. Infrastrukturprogramme werden ausgelassen, um gegenwärtige Umverteilungsmaßnahmen zu finanzieren. Daher war das DDR-Straßennetz gegen Ende so eine Art ägyptischer Flughafen nach dem 6-Tage-Krieg. Da die Wahl zwischen dem paradiesisch goldenen Apfel und der verdreckten Kartoffel immer wieder falsch ausgeht, gab es immer Sozialismus, gibt es an allen Ecken Sozialismus und wird es auch immer Sozialismus geben. Letztendlich sind Sozialisten also Kinder, und solange nicht alle Menschen vernünftige Erwachsene werden, wird's wohl so bleiben.
 Und das Ganze sage ich nicht, weil ich als liberaler Jugendlicher gerne als besonders erwachsen gelten will – wirklich. Ganz im Ernst jetzt! 

Wir können den Sozialismus nicht ausmerzen

Wenn man sich die Zeit nach dem „real existierenden“ Sozialismus anschaut, kann man nicht wirklich etwas Einheitliches feststellen. 
Auf den Sozialismus gab es viele Antworten: Christlicher Konservatismus mit starkem sozialen Einschlag in Polen, ein neuer Sozialismus in Weißrussland oder starker Wirtschaftsliberalismus in den baltischen Staaten, der die westlichen Staaten in den Schatten stellt (Estland liegt nach dem EFR der Heritage Foundation vor allen anderen NATO-Staaten). In anderen Staaten wie Russland, der Ukraine oder Bosnien gibt es hingegen stark planwirtschaftliche Elemente. Wir haben rechte Regierungen etwa in Ungarn und linke zum Beispiel in der Slowakei. Auch in Deutschland haben wir Postsozialismus: Aber die Ossis kamen vom Regen in die Traufe. Endlich waren sie über den klassischen Sozialismus hinweg, schon kam Merkel und brachte einen neuen, grünen Sozialismus. Als nach jahrzehntelanger Sehnsucht endlich die Westmark in den Osten kam, musste sie bereits nach einem Jahrzehnt dem Euro das Feld räumen. Irgendwie verständlich, dass man sich in Zeiten des Kulturmarxismus den gestrigen Sozialismus zurückwünscht und Sahra Wagenknecht wählt. Post-neosozialistischer Paläosozialismus – aber ich schweife ab. Man kann schwerlich eine einheitlich postsozialistische Linie entdecken und schon gar nicht ein Prinzip ablesen. 

Sicherlich: Wir können in unserer Generation sozialistische Tendenzen zurückdrängen und bekämpfen. Wir können eine wirtschaftsliberale Ordnung etablieren. Wir können gegen die Zerstörung unserer Kultur und Zivilisation, die Dekonstruktion von Familie und Erziehung ankämpfen und so versuchen, den Grad der Zivilisation hochzuhalten. Trotzdem können wir den Sozialismus nicht ausmerzen oder auslöschen. 

Jede Hochkultur kam an einen Punkt, an dem sie ihre erwachsene Kultur aufgab und eine schöne Gegenwart auf Kosten der Zukunft ausleben wollte: Verlust der Wehrfähigkeit, ausufernde Staatsausgaben, sexuelle Perversion – eben Sozialismus. Wir können natürlich anfangen, von einer besseren Zukunft im Postsozialismus zu träumen. Aber dann müssten wir an eine Zukunft mit besseren Menschen als heute und gestern glauben. Und wir sind ja keine Rousseau-Hippies. Die wesentliche Essenz des Liberalismus ist schließlich, dass wir nicht an den guten oder schlechten Menschen glauben, sondern den realen Menschen mit seinen Vor- und Nachteilen zugrunde legen. Wir schaffen keine Menschen und sehen, dass es gut war. 

Realismus heißt die Devise

Im alten Rom fing man irgendwann an, sich zu weigern, in das Militär einzutreten. Die großen Legionen, die halb Europa unterworfen hatten, verfielen und wurden schrittweise durch ein Heer aus Reichsfremden ersetzt. Germanen sollten für römisches Geld die Germanen davon abhalten, Rom zu plündern – hätte ja klappen können. Man machte den germanischen Analphabeten Odoaker zum obersten Heerführer Westroms, der bedankte sich und stürzte den letzten Kaiser, einen jugendlichen Milchbubi – Romulus Augustulus. Zu dieser Zeit litt das Imperium Romanum bereits unter Inflation, Zentralisierung und Bürokratisierung – kommt einem alles bekannt vor. Aber auch Caesar schon beschenkte das einfache Volk mit Land und Geld, um sich an der Macht zu halten. 

In Frankreich kamen im auslaufenden 18. Jahrhundert kluge Köpfe unters Fallbeil des tugendlichen Terrorismus (so eine Art Antifa). Man führte die Dezimalzeit ein und erfand eine neue Religion des höchsten Wesens – alles, um die gewachsene Ordnung zu zerstören. In völliger Überforderung mussten schließlich französische Bataillone plündernd durch Italien ziehen, um den ganzen Wahnsinn zu finanzieren.
 In Deutschland kam in den 1930er Jahren ein vegetarischer, drogensüchtiger Künstler an die Macht, der Autobahnen bauen ließ und das als gelungene Arbeitsbeschaffungsmaßnahme propagierte. Finanziert wurde das durch die Zukunft. Erst wurden die Juden enteignet, als das nicht mehr gereicht hat, musste man einen Angriffskrieg gegen ganz Europa führen. Inzwischen sind wir an dem Punkt angekommen, an dem Studenten auf Theaterbühnen masturbieren und den Zuschauer an Ausscheidungsprozessen teilhaben lassen. Eine Generation, aufgewachsen im Reichtum des Wirtschaftswunders, wandte sich ausgerechnet dem Sozialismus zu, unter dem Millionen Menschen parallel schlichtweg verhungerten. Der Geist dieser 68er geißelt Deutschland bis heute. Odoaker wäre mir doch irgendwie lieber... 

Heute haben wir ein Militär mit der Angriffsfähigkeit der Windstärke 1, bald keine produzierenden Unternehmen mehr und ein Volk, das glaubt, die Gefahr gehe von CO2 aus. Dezimalzeit war gestern, heute halten wir uns nicht mit Uhrzeigern auf, sondern kämpfen gleich gegen die Sprache, die Nation, die Kultur oder die Geschlechter. Ach und im Galopp für Windmühlen natürlich – ohne an die Folgen für die Zukunft zu denken. Gerade um diesen Wahnsinn zu beenden, müssen wir unseren Kampf für Freiheit und Fortschritt und gegen Sozialismus entschieden fortsetzen.
 Wir sollten uns allerdings nicht – in kindlicher Manier, wie es Sozialisten tun – an einer unerreichbaren Gesellschaftsutopie festklammern und nicht versuchen, den Himmel auf die Erde zu holen. Realismus heißt die Devise des Liberalen.
 Postsozialismus?
 Die ersten, die tatsächlich an den Postsozialismus glaubten, waren die Marxisten. Ihrer Auffassung nach folgt auf das Zeitalter des Sozialismus der Kommunismus, also der – Postsozialismus. 

Air Tuerkis ist Schüler und 16 Jahre alt. Er betreibt den Schüler-Blog Apollo-News.

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Volker Derouaux / 09.04.2019

Guten Abend Air Turkis, ein sehr guter Text. Kompliment. Mehr davon!

Rolf Lindner / 09.04.2019

Sehr gut erkannt. Es ist ein Paradoxon. Alle Gesellschaftsutopien - an erster Stelle der reale und der theoretische Sozialismus - kranken daran, dass sie von einem falschen Menschenbild ausgehen oder noch schlimmer unterzahllosen Opfern den neuen Menschen schaffen wollen. Zum realen Menschenbild gehört aber auch, dass ein Teil den Traum vom Sozialismus immer wieder neu träumt. Vielleicht ist das sogar in gewisser Weise notwendig, damit die Macht der Gierigen nicht ins Unendliche wächst und okay, solange eine Seite nicht übermächtig wird. Es ist das Pendel der Geschichte, das in Deutschland zur Seite der Utopie ausschlägt. Hoffen wir und tun dazu das Unsere, dass es bald wieder ohne allzu viele Opfer in die Richtung der Realität schwingt.

Helmut Bühler / 09.04.2019

Bleibt nur noch eines zu ergänzen: Die Partei des drogensüchtigen Vegetariers trug das “Sozialistisch” nicht nur im Namen - es war auch Programm und kaum weniger wichtig und politikbestimmend als das “Nationale”.

Wolfgang Kaufmann / 09.04.2019

Minderleister, also Dumme und Faule, die heute nicht mehr so heißen dürfen, begehren die Früchte fremden Fleißes und wollen ernten, wo sie nicht gesät und geackert haben. Das ist die Triebfeder des Sozialismus. – Und in einer sozialen Pyramide, wo es wenige Alte und Kluge gibt und viele Junge und Naive, wird der Sozialist die Stimmen der Teens gewinnen. Daher soll das Wahlrecht auf Kinder ausgeweitet werden. Konsequenterweise müsste man dann die alten weißen Säcke beiderlei Geschlechts ab 60 entmündigen.

Gerhard Schuster / 09.04.2019

“Wer mit 20 Jahren nicht Sozialist ist, der hat kein Herz, wer es mit 40 Jahren noch ist, hat kein Hirn.” i.S.v. Georges Clemenceau (auch Winston Churchill zugeschrieben) weist der Autor ein Entwicklungsdefizit auf. Der einen Hänsel ist der anderen Gretel, so unterschiedlich die Inhalte der Weissagungen dieser kindlichen Propheten auch sein mögen, wichtig für die jewalige Anhängerschaft ist, dass das eigene Weltbild bestätigt wird.

Hans-Peter Dollhopf / 09.04.2019

Weil Sie noch sehr jung sind, weiß man nicht, auf welche Seite es Sie in Zukunft vielleicht verschlagen mag. Eines weiß ich. Ich möchte nicht auf der anderen Seite stehen.

Dr. Inge Frigge-Hagemann / 09.04.2019

Und wieder: Bravo! Unbedingt weitermachen. Junge Leute wie Sie braucht diese, leider in vielen Fällen dekadente Gesellschaft, die viel zu vielen Plattheiten (Energiewende, Klimakirche, ‘böses’ CO2, ‘tolle’ E-Autos u.v.m.) unreflektiert auf den Leim geht.

Hubert Bauer / 09.04.2019

Respekt!

Dirk Jürgens / 09.04.2019

Kleiner Lektüretipp: Igor R. Schafarewitsch, Der Todestrieb in der Geschichte. Erscheinungsformen des Sozialismus. Deutsche Übersetzung von 1980. Da steht schon alles drin. Außer dem Bezug zum deutschen Nationalsozialismus. Aber den können wir uns selber hinzudenken. So wie die feuchten Träume der Grünen von Enteignungen. Der Deutsche fühlt sich halt nur wohl, wenn anderen etwas weggenommen wird. Auch wenn er selber nichts davon hat.

Alex Meier / 09.04.2019

Hut ab Air Turkis! Ein grandioser Beitrag, der leider schlecht getimt veröffentlicht wurde, weil gerade alle Aufmerksamkeit einer „Kunst“-Performance auf der Achse gilt.  Egal, die die Sie gelesen haben, werden Sie schätzen. Danke!

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