Richard Wagner / 06.12.2010 / 02:04 / 0 / Seite ausdrucken

Postpolitischer Depeschendienst

Vorab ist zu sagen: Der Informationsüberschuss hat die gleichen Folgen wie der Informationsmangel. Beide erzeugen als Nebeneffekt Verschwörungstheorien. Wenn es schon genügt, Hacker zu sein, um als Widerständler zu gelten, betrifft das nicht nur den Widerstand sondern auch den Zustand der offiziellen Ordnung. Was ist das für eine Öffentlichkeit, in der ein Michael Moore als überlebensgroßer Systemkritiker in Erscheinung treten kann? Sie erinnern sich noch an Michael Moore?


Es ist schon ein paar Jahre her, und inzwischen hat der Protest weitere Formen angenommen. Formen, die wir ebenfalls bereits kannten. Wikileaks ist die neueste davon. Das Prinzip von Wikileaks ist, öffentlich nicht Zugängliches an Daten ins Netz zu stellen. Zuletzt ging es bekanntlich um die Veröffentlichung tausender Depeschen des amerikanischen Außenministeriums. Der Akt wird von der Wikileaks-Initiative als Transparenz schaffend bezeichnet und vielleicht auch betrachtet.

Zumindest im Fall der Depeschen handelt es sich um nichts weiter als um eine Enthüllung. Erreicht wurde damit, dass die Journalisten weltweit ihre Bunte-Welt-Seiten am Wochenende bestücken konnten. Und das war es dann auch. Welche Regierung wird sich schon über den Inhalt von Depeschen aufregen? Schließlich wurde die Diplomatie eingeführt, um genau solche laufende Grobheiten zwischenstaatlicher Natur sinnvoll zu kaschieren.

Die Grobheiten werden nicht wegen der Öffentlichkeit verhüllt, und auch nicht wegen der politischen Klasse. Es geht einzig und allein um die Kultivierung eines brauchbaren Verhandlungsjargons, der es erlaubt, sich öffentlich über etwas zu einigen, über das man sich de facto gar nicht einigen kann, sondern nur de jure. Verkehrte Welt, heißt es dann regelmäßig, und, dass alle nicken, hat wenig mit der Realität zu tun, und noch weniger mit der Wahrheit. So gesehen, ist alles, was sich hinter den Kulissen abspielt, der Öffentlichkeit nicht nur egal, sondern auch für den Erfolg laufender Verhandlungen unerheblich.

Die von Wikileaks veröffentlichten Depeschen sollen uns ja nicht mehr und nicht weniger als die erfolgreich erbeutete Wahrheit vor Augen führen. Eine Wahrheit, die für den Vorgang der diplomatischen Einigung aber völlig belanglos ist. Klatsch macht nur Sinn, wenn nicht alle der Beteiligten, sich dem Klatsch widmen. An der Diplomatie aber sind alle beteiligt, und zwar in der gleichen Weise.

Das Politikum von Wikileaks besteht nicht in seinen Aktionen, sondern in seiner eventuellen Abschaltung und Kontensperre. Damit liefern die politische Klasse und die offizielle Öffentlichkeit den Verschwörern neuen Stoff. Mehr noch, sie verhelfen den Verschwörungstheorien zu neuer Glaubhaftigkeit.

Unsere Öffentlichkeit, die mehr denn je teil jenes medialen Zirkus geworden ist, der uns 24 Stunden am Tag zu seinen Vorführungen einlädt, scheitert nicht an der komplexer gewordenen Ordnungsproblematik, sondern an der Chaotisierung der Daten und des Datenflusses. Die Verursacher dieser Chaotisierung sind aber nicht die Hacker, sondern die Experten, die die Daten unentwegt interpretieren. Und zwar im Auftrag der politischen Klasse. Eine Verschwörung? Oder bloß eine Verschwörungstheorie?

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