Michael Miersch (Archiv) / 24.11.2006 / 12:45 / 0 / Seite ausdrucken

Postmoderne Schamanen

Kolumne von Maxeiner & Miersch erschienen am 24.11.2006 in DIE WELT

Die Stadt Kassel hat einen hochmodernen ICE-Bahnhof, den wir auf unseren Reisen häufig passieren. In letzter Zeit legen wird dort immer eine Gedenkminute für die Idee der Aufklärung ein, denn an der Universität Kassel ist Aberglauben offiziell zur wis-senschaftlichen Disziplin erklärt worden. Es gibt dort einen Lehrstuhl für „biologisch-dynamische“ Landwirtschaft. „Hinter dem Begriff steht nichts anderes als das esote-risch-okkulte Weltbild des Anthroposophen Rudolf Steiner,“ schreibt Thomas Deich-mann von der Zeitschrift NOVO über die Kasseler Voodoo-Wissenschaft. Folgerichtig widmen sich die Beteiligten den astralischen Kräften des Rindermistes und den Vor-zügen bei Mondschein im Acker vergrabenen Kuhhörnern.

Auch unser Agrarminister Horst Seehofer sucht in landwirtschaftlichen Fachfragen religiösen Beistand – allerdings nicht in Kassel sondern im Kloster Plankstetten. Die Ergebnisse sind freilich die gleichen. Im Kloster residiert des Ministers Vertrauter Gregor Maria Hanke, katholischer Abt, künftiger Bischoff und Gegner der grünen Gentechnik. Der fromme Mann ist der Meinung, man solle „dem lieben Gott nicht ins Handwerk pfuschen“, was dem Minister offenbar als wissenschaftliche Expertise aus-reicht, um die Zukunftstechnologie weiter auf Eis zu legen. Agrarwissenschaftler, Bio-logen und die damit befassten Bundesforschungsanstalten haben gegen den göttli-chen Rat jedenfalls nichts zu melden. In Sachen Gentechnik macht Seehofer die Kü-nast und sein CSU-Generalsekretär Söder gibt den Greenpeace-Pressesprecher.

Und wo wir gerade bei Gottes Schöpfung sind: Es gibt ja Leute, die den biblischen Schöpfungsbericht ein bisschen sehr wörtlich nehmen. Wenn es nach den Kreatio-nisten geht, dann ist die Erde 6000 Jahre alt. Evolution? Entwicklung der Arten? Nix da! Stattdessen ist „intelligentes Design“ angesagt, ein neues Etikett unter dem man seinen Glauben als gleichwertige wissenschaftliche Theorie salonfähig machen will. Was erste private Schulen in Hessen offenbar ermutigte, die kreationistische Lehre als satisfaktionsfähige Alternative in den Unterricht einfließen zu lassen. Der Boden dafür ist fruchtbar: Laut eine Infratest-Dimap-Umfrage glauben 29 Prozent der Deut-schen nicht, dass Affe und Mensch gemeinsame Vorfahren haben. „Das Problem ist, dass wir in Deutschland wissenschaftsfeindliche Strömungen haben, die zum Teil aus einem nicht vorhandenen Fachwissen zum Thema Evolution resultieren,“ sagt Ulrich Kutschera, Evolutionsbiologe aus Kassel (Womit die Ehre der Uni-Kassel wie-der hergestellt ist).

Aberglaube, Verschwörungstheorien und Hokuspokus sollte man gnädig belächeln, so lange sie Privatvergnügen bleiben: Jedem Tierchen sein Pläsierchen. Homöopa-thie, Astrologie, Wünschelruten und intelligentes Design faszinieren die Menschen in wachsender Zahl - und manchmal versetzt Glaube ja bekanntlich Berge. Wenn postmoderner Schamanismus allerdings die Hoheit über politische Entscheidungen gewinnt, dann sind wir auf dem Weg in ein anderes Universum. „Es war kein Zufall, dass die moderne Demokratie und die moderne Wissenschaft zur gleichen Zeit - in der historischen Epoche der Aufklärung - geboren wurden“, schreibt der Lord Dick Taverne, Mitglied des britischen Oberhauses, in seinem Buch „Der Siegeszug der Irrationalität“ (The March of Unreason) und er fügt hinzu: „Der gegenwärtige Trend, uns von den Werten der Aufklärung zu distanzieren, wird unsere Gesellschaft nicht zivilisierter machen.“

Die Aufklärung brachte den Sieg über Hexenverfolgung, Aberglauben und religiöse Dogmen, wir verdanken ihr zu einem großen Teil unseren Wohlstand und den Fort-schritt der Zivilisation. Eine Gesellschaft, die ihre Achtung vor wissenschaftlichen Beweisen verliert und Aberglaube als gleichwertig betrachtet, läuft Gefahr jedem Scharlatan hinterherzulaufen - nicht nur auf der Suche nach einem Heilpraktiker.

 

 

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