Knallhart recherchiert haben vor Weihnachten die Kinoredakteure des Spiegel. Sie wollten der aktuellen Begeisterung Hollywoods für Stoffe aus der NS-Zeit mal so richtig kritisch auf den Grund gehen. Die Ergebnisse der mit großem Aufwand geführten Untersuchung (vier Autoren, vier Seiten) sind atemberaubend. Festhalten: Hollywood instrumentalisiert Geschichte; die umfassende historische Bildung des Publikums ist nicht das allererste Ziel der Traumfabrik – auch nicht im Umgang mit NS-Themen. Potztausend! Wer hätte das gedacht? Demnächst finden die cineastischen Wühlmäuse auch noch heraus, dass Bud Spencers Kommissar Rizzo den Kampf gegen die neapolitanische Kamorra nicht umfassend abbildet.
Die Empörung wäre da allerdings geringer. Denn hiesige Denker leiten aus der Einzigartigkeit deutscher historischer Verbrechen gern einen diffusen Sonderstatus und eine immense Bedeutung des Landes ab. Adorno erklärte in einem solchen Anfall von nationalem Snobismus wegen der Nazi-Untaten gleich das Gedichteschreiben an sich für unmöglich. Und bis heute ist eben der Glaube verbreitet, nichtdeutsche Kulturschaffende dürften unsere Geschichte nur mit größter Vorsicht anfassen. Das gilt speziell, aber keineswegs nur für die Zeit des Nationalsozialismus. Besonders groß ist allerdings immer der Argwohn, wenn “das Ausland” Stoffe aus der Nazizeit künstlerisch verarbeitet. Unsere Kulturszene reagiert dann gern mal beleidigt – siehe die aufgeregten Reaktionen auf Jonathan Littells “Die Wohlgesinnten”. So was, da nimmt uns doch jemand das Monopol auf die Untiefen der Täterpsyche weg! Und jetzt kommt zu allem Überfluss auch noch Hollywood und kreiert Filme, die historisches Material der NS-Diktatur als Vorlage für, nun ja, für Hollywood-Filme eben nehmen. Filme also, die Geschichte zwar nicht verfälschen, aber vereinfachen, um emotionalisierendes Kino zu produzieren. Das geht nun gar nicht.
Natürlich wird Tom Cruises Stauffenberg der Komplexität des Themas nicht “gerecht”. Das war auch nicht zu erwarten. Aber wir werden wohl damit leben müssen: Hollywood interessiert sich in seiner Themenwahl nur bedingt für die Befindlichkeiten deutscher Feuilletonisten. So funktioniert Popkultur.