Erik Lommatzsch, Gastautor / 01.02.2021 / 11:00 / Foto: U.S. N.A.R.A / 31 / Seite ausdrucken

Polit-Sprechstunde in der „Charité”

Erfundene Figuren und Geschichten für die Unterhaltung, historische Persönlichkeiten und Konstellationen für das Bildungserlebnis – das ist für Literatur, Bühne, Leinwand und Bildschirm eine vielversprechende, vom Publikum gern angenommene Mischung. Durch derartige Werke dürfte sich wesentlich mehr Wissen (oder auch „Wissen“) über die Vergangenheit in den Köpfen festgesetzt haben als durch forschungsschwere akademische Verlautbarungen.

Der fleißige GEZ-Überweiser hat es der ARD ermöglicht, ihm nun schon die dritte Staffel der „Charité“-Serie zu zeigen (regulär gerade abgelaufen, für Spätseher noch eine Weile hier). Man sollte nicht allzu beckmesserisch sein. Rückblick aus der Maßstabsperspektive der Gegenwart, notwenige Vereinfachung und Verkürzung, auch aufgrund des Spannungsanspruchs – all das gehört zu der oben umrissenen Mischung aus Realität und Fiktion. So auch zur verfilmten Geschichte über das Geschehen an dem weltberühmten Berliner Krankenhaus in verschiedenen Epochen.

Bislang konnte man die Dinge ansehen, durchaus lernen – und versuchen, einiges zu übersehen, augenrollend und fremdschämend. So etwa in der ersten Staffel die Hilfskrankenschwester, die zu einer Zeit, als Kaiser Wilhelm II. gerade mit dem Regieren anfing, ungläubig und vorwurfsvoll einen Medizinstudenten, der zugleich ihr Verehrer ist, fragt, ob er etwa in eine Verbindung eintrete – Anlass zum Aufmerken wäre damals (damals!) ein Nicht-Beitritt gewesen. Auch die Darstellung des fiesen Emil von Behring (Informationen zur historischen Person hier) als geniales, unbeherrschtes Drogenwrack, das sich am Ende doch noch als ganz lieber, progressiver Frauenversteher und -förderer erweist, ist – gelinde gesagt – etwas dick aufgetragen. Derartige Monita ließen sich fortsetzen, auch für die zweite Charité-Staffel, angesiedelt in der Zeit des „Dritten Reiches“. Hier prägt sich beispielsweise die hundsgemeine, auffällig blonde Krankenschwester ein, „Christel“, eine Nazisse wie aus dem Bilderbuch, die eifersüchtig petzen geht, da der von ihr Erwählte ihren sowie weiblichen Reizen insgesamt eher distanziert gegenüber steht… Hat da grad jemand Klischee gesagt? Sei’s drum.

War man von Anfang an nicht so ganz frei vom Verdacht, dass mittels der ARD-Serie nicht nur etwas über Medizingeschichte und historische Verquickungen erzählt werden soll, so beseitigt die – noch aktuelle – dritte Staffel diesbezügliche Zweifel vollständig, der Schulfunkanteil wurde noch einmal heftig gesteigert. Den Hintergrund bilden jetzt die Vorgänge und Folgen des Mauerbaus vom August 1961, die Charité liegt im Ostteil Berlins, unmittelbar an der nun geschlossenen Grenze. Dieses Mal wird jedoch nicht lediglich holzschnittartig und mit Blick auf die Dramaturgie gezeichnet, nein, dieses Mal gibt es glasklare Botschaften für die Gegenwart. Keine trapsenden, sondern trampelnde Nachtigallen, kein subtil verabreichtes Narkotikum, sondern der Holzhammer. Ein „Auftrag“ war es sicher nicht, den die Macher bekommen haben, aber schön „eingebettet“ wurde alles, was der Zuschauer zu Beginn des Jahres 2021 gefälligst zu wissen hat, oder, sofern er es bereits weiß, keinesfalls vergessen darf.

Eine Erziehungsagenda?

Zu sehen ist…

… etwa ein herziges Kind das beinahe draufgeht, weil es nicht geimpft wurde.

… etwa eine Triage-Entscheidung, die zwischen dem sympathischen, älteren Hausmeister und einem zunächst sehr abweisenden Patienten, der aber nichtsdestotrotz natürlich ein Weiterleben verdient hat, getroffen werden muss. (Das geht dann am Ende glücklicherweise für beide gut aus.)

… etwa eine liebe kubanische Krankenschwester, die zurück in ihr Land muss, obwohl sie gern geblieben wäre und die Charité ob der Westabwanderung und -flucht unter massiven Personalschwund leidet.

… etwa ein Hermaphroditismus-Fall, die geschlechtliche Uneindeutigkeit seit Geburt, die äußerst verständnisvoll behandelt wird.

Alles Dinge, die in einer Charité-Geschichte ihren Platz haben mögen – aber waren diese Probleme vor 60 Jahren – neben anderen Aspekten – derartig prononciert alltagsbestimmend, wie es die ARD vermitteln will? Man kann getrost von einer Erziehungsagenda sprechen, übertragene Kurzfassung: Bei den „Corona-Maßnahmen“ schön auf die Regierung hören, sonst Kind oder Opa schnell tot, der aus der Ferne Zugereiste kann stets die nächste Nachtschwester sein und für die Gender- und Allesmöglichegerechtigkeit wird noch immer viel zu wenig getan.

Wie sagte WDR-Intendant Tom Buhrow gerade in aller Bescheidenheit: „Die Menschen lieben, was wir tun und was wir bieten.“ Wer sollte so etwas besser wissen als ein wichtiger ARD-Chef? Demnach müssten „die Menschen“ auch die Vermittlung des Bildes einer zwar nicht defizitfreien, aber doch irgendwie aufbauenswerten DDR lieben, eine weitere, deutliche Linie der dritten Staffel. Da ist nicht nur der – fiktive – etwas selbstsüchtige, junge Arzt, der in den anderen Teil der Stadt „abhaut“, obwohl er dringend an der Charité gebraucht wird. Da ist als Gegenstück die – ebenfalls erfundene – verantwortungsvolle junge Ärztin und aufstrebende Wissenschaftlerin, die den Verlockungen  des Kapitalismus widersteht. Einen Kongress in Westberlin nutzt sie nicht, um dort zu bleiben, sondern kehrt – trotz  des lukrativen Angebots, an einem Forschungsprojekt eines großen Pharma-Konzerns mitzuarbeiten – heldenhaft in die DDR zurück. Gerade als sie den vollen Hörsaal betritt spricht der – einst höchst reale – Gerichtsmediziner Otto Prokop – über Jahrzehnte zweifelsfrei eine, wenn nicht gar die Kapazität seines Faches – bedeutungsschwer die Worte: „…die Erfahrung lehrt uns: Politische Systeme kommen und gehen und sie bringen Grenzen hervor, über die nicht wir, sondern die Zeit entscheiden wird, ob sie von Dauer sind oder nicht.“

Inwieweit die Formulierung – grammatikalisch übrigens ein mittelleichter Unfall und entfernt fühlt man sich an ein Zitat eines Georgiers mit großer Karriere erinnert, da ging es auch ums Durchhalten – tatsächlich von Prokop stammt oder zumindest seinem Denken entspricht, sei dahingestellt; auch sollte man nicht vergessen, dass er aufgrund seines österreichischen Passes wegen einer Grenzüberquerung nicht auf die Entscheidung der Zeit warten musste. Wichtig ist, dass die Worte als eine Schlusssequenz der dritten Charité-Staffel von dem filmisch eindeutig positiven Protagonisten Prokop ausgesprochen werden. Botschaft: War sie eben zu, die gute, noch gar nicht so alte DDR, damit muss man sich abfinden, wenn die Zeit das so entscheidet. Eingesperrt. Kann man eh nix machen, kommt aber sicher irgendwann auch mal wieder anderes, irgendwann... Oder geht es hier schon gar nicht mehr um die –­ DDR?

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Ulrich Heuer / 01.02.2021

Achtung ! Jeder Film, Dokumtation, Krimi, Verbrauchermagazin, Wissenschaftsmagazin, Kultur , Nachrichten usw ist links/grün infiziert. Der WDR wurde schon in den 70iger Jahren unter Kennern Rotfunk genannt. ARD/ZDF usw. sind Propaganda Sender. Hatten wir schon mal. Sogar erlebte Geschichte wird verdreht oder verklärt. Wer nicht ohne Bildschirm auskommt sollte Tierfilme oder Sport schauen.

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