Gastautor / 01.02.2012 / 22:47 / 0 / Seite ausdrucken

Polenz in den Fußstapfen von Steiner

Von Kevin Zdiara

Nachdem Ruprecht Polenz, Mitglied des Bundestags, Vorsitzender des Auswärtigen Ausschuss und christdemokratischer Politiker mit einem Herz für Hamas und Taliban, seine Recherche bezüglich einer antisemitischen Hetzrede des Großmuftis von Jerusalem im Januar dieses Jahres offenbar ergebnislos abgeschlossen hat, möchte er sich nun vor Ort ein Bild von der Lage machen. In der Ankündigung seiner Israel-Reise warnte er alle „Israeliker“ – so lautet seine abschätzige Bezeichnung für Menschen, denen das Schicksal Israels am Herzen liegt –: „Polenz reist nach Israel“.

In Israel will er unter anderem die renommierte Sicherheitskonferenz von Herzliya besuchen. Aber als pflichtbewusstes Mitglied der Deutsch-Israelischen Gesellschaft und als (Facebook-) Freund von zahllosen Antisemiten, Israelhassern und Anhängern der rechtsextremistischen türkischen Gruppierung die Grauen Wölfe weiß er, was sich gehört, und fuhr als erstes nach Sderot, der israelischen Stadt, die unmittelbar an den Gazastreifen grenzt und das Ziel von tausenden Raketen und Granaten geworden ist.

Am Dienstag hatte Herr Polenz den „bewegenden Worten“ des Oberbürgermeisters von Sderot gelauscht, berichtete er seinen Freunden (bei Facebook). Der eigentliche Erkenntnisgewinn seines dortigen Besuchs war nicht so sehr die Anerkennung des Dauerterrors, dem die israelische Stadt seit mehr als 11 Jahren ausgesetzt ist. Der wackere Parlamentarier aus dem Münsterland merkt hierzu lapidar an, dass man in Sderot aktuell nicht das Gefühl habe, gefährdet zu sein. Die dort lebenden Menschen hätten das „Gefühl ständiger latenter Unsicherheit“, so der Küchenpsychologe Polenz. Ob die 160 Raketen alleine in der ersten Hälfte von 2011 oder die Raketen auf die südlich von Sderot gelegene Eschkol-Region in der letzten Woche auch nur gefühlt waren, möchte man den Abgeordnete da fragen. 

Statt einfach einmal ohne Umschweife die Bedrohung, der Israel ausgesetzt ist, anzuerkennen, nutzte Polenz selbst den Besuch in Sderot, um wieder einmal mit dem Finger auf Israel zu zeigen. Und weil Polenz das immer gern unter Verwendung von israelischen oder jüdischen Kronzeugen tut, schloss er seinen Bericht aus Sderot mit einer Äußerung des dortigen Oberbürgermeisters: „Der Bürgermeister hatte auch von dem Leid der Kinder im Gazastreifen gesprochen. ‚Die Kinder wollen in Frieden leben‘, hatte er gesagt. ‚Wahrscheinlich müssen die Eltern von den Kindern lernen.‘“

Was will uns Polenz dann mit diesem Zitat, das auch von Rolf Zuckowski hätte stammen können, sagen? Zum einen, dass irgendwie beide Seite – Israel und die Hamas – gleich schlimm sind. Andererseits scheint es Herrn Polenz aber bei seinem Eintrag auf Facebook entgangen zu sein, dass die Raketen aus dem Gazastreifen nicht etwa von selbst nach Israel fliegen, sondern unter der Oberaufsicht der Hamas abgefeuert werden, mit der er sich 2009 noch zum Tee traf. Auch dass die Kinder im Gazastreifen nicht unter dem archaischen Regime der Moslembrüder leiden, die diese in Kindergärten, Schulen und Sommercamps mit ihrem Hass indoktrinieren, meint der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses, sondern er spielt auf die israelische Blockade an, die ihm schon lange ein Dorn im Auge ist. Seinen Beitrag über Sderot könnte man auch eine sehr einseitige Äquidistanz nennen.

Auf Facebook teilte er uns am Mittwoch mit, dass er vom amtierenden Vorsitzenden des Auswärtigen Ausschuss in der Knesset Meir Sheetrit mit den Worten begrüßt wurde: „You are one of the greatest supporters of Israel.“ Da Ruprecht Polenz ein überaus ironiefreier Mensch ist, hatte er natürlich nicht verstanden, dass Herr Sheetrit nur einen Witz gemacht hatte. Weitere Termine, die Polenz auf seiner Homepage für Mittwoch ankündigte, waren unter anderem Treffen mit dem israelischen Minister Dan Meridor und dem Knesset-Abgeordneten Shaul Mofaz.

Bei dieser Gelegenheit wird der CDU-Politiker wahrscheinlich den israelischen Kollegen einen sofortigen und bedingungslosen Münsteraner Diktatfrieden vorlegen, dessen drei Kernforderungen heißen: „Israel muss alle Siedlungen aufgeben, Israel muss Jerusalem teilen, Israel muss mit der Hamas sprechen.“ Dumm nur, dass in Israel niemand auf Ruprecht Polenz hört.

Im Anschluss wird der Bundestagsabgeordnete zu einem Gespräch mit Gershon Baskin zusammenkommen, der so etwas wie der Wolfgang Thierse Israels ist. Ein knuddeliger, netter Onkel mit grauem Vollbart, der zu viel ‚Eis am Stiel‘ geguckt hat und wie Herr Polenz der Meinung ist, dass Israel nur die Siedlungen aufzugeben muss, damit Leute wie der Mufti von Jerusalem plötzlich Frieden statt antisemitischer Hetze predigen, die Hamas Wunderkerzen statt Raketen anzündet und die Mörder der Fogel-Familie in Zukunft an Holzfiguren statt an jüdischen Hälsen schnitzen.

Den krönenden Abschluss seiner Israelreise bildet jedoch ein Besuch des unter anderem von der linksradikalen und antizionistischen Stiftung „New Israel Fund“ finanzierten jüdisch-arabischen Waldorfkindergartens ‚Ein Bustan‘.

Als hätten es die Kinder mit der anthroposophischen Indoktrination nicht schon schwer genug, werden sie nun ganz offiziell von Polenz zum Zwecke einer Schmähkampagne gegen seine Kritiker in Deutschland missbraucht. Hierzulande hatten es Menschen gewagt, Polenz‘ Anbiederungsversuche an die Taliban und die Hamas zu kritisieren sowie gleichzeitig den im Namen des Kindergartens auftretenden Förderverein in Deutschland zu hinterfragen. Letzterer haftete sich selbst das Gütesiegel eines „eingetragenen Vereins“ an, obwohl der Verein bis heute, also über 12 Monate nach seiner Gründung, nicht eingetragen ist.

Darin sah Polenz seine Chance, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Er beteiligte sich an einer beispielslosen Hetzkampagne gegen eine deutsche Bloggerin, die diese beiden Umstände kritisch beleuchtet hatte, und nutzte dazu sein Facebook-Fußvolk. Er selbst stellte die Menschen ‚nur‘ an den Pranger, seine aufgehetzten (Facebook-) Freunde hingegen sahen in Polenz‘ Diffamierung eine implizite Aufforderung Leib und Leben der so Geschmähten zu bedrohen. Mit seinem Besuch vor Ort knüpft er also an seine Facebook-Kampagne an.

Grundsätzlich ist ja nichts einzuwenden gegen einen Kindergarten, zumal gegen einen, der vorgibt für Völkerverständigung zu arbeiten. Ob das jedoch im Umkehrschluss bedeutet, dass die vielen gemischten Kindergärten überall in Israel nicht an Frieden und gegenseitiger Verständigung interessiert sind, beantwortet weder die Homepage des Kindergartens noch Ruprecht Polenz. Warum es aber gerade Solidarität mit einem Kindergarten sein muss, der auf den Lehren von Rudolf Steiner basiert, das weiß wiederum nur der Bundestagsabgeordnete. In der Selbstdarstellung des Kindergartens wird vor allem der verwendete Waldorf-Ansatz hervorgehoben, der, so heißt es dort, „einzigartig zu Ein-Bustans zweisprachiger und multikulturellen Gemeinschaft passt.“

Man sollte sich an dieser Stelle in Erinnerung rufen, was der Begründer und die bis heute höchste Autorität in Sachen Waldorf-Pädagogik Rudolf Steiner vom Judentum und vom Zionismus hielt.  Ersteres bezeichnete er als „Zersetzungsferment“ im abendländisch-neuzeitlichen Zivilisationsprozess und schrieb bezüglich dessen Einfluss auf Wissenschaft und Kindererziehung: „Alle unsere Theologie, Jurisprudenz, Pädagogik sind von Zersetzungsstoffen angefüllt. Die Zersetzung ist ja schon zum Kindergift pädagogisch in den Kindergärten geworden.“ Auf diesem theoretischen Fundament lässt sich hervorragend ein Kindergarten im jüdischen Staat errichten!

Der Chefideologe der Waldorfpädagogik wusste aber auch, dass die Antisemiten „ungefährliche Leute“ sind. Ganz im Gegensatz zu den intellektuellen Gründungsvätern des jüdischen Staates, über die Steiner schrieb: „Viel schlimmer als die Antisemiten sind die herzlosen Führer der europamüden Juden, die Herren Herzl und Nordau.“ Ein Schelm, wer bei Polenz‘ Wahl eines anthroposophischen Kindergartens Böses denkt.

Doch der Israel-Reise von Polenz ging eigentlich eine erfreuliche Nachricht voraus. Wie Polenz in einem Mitgliederbrief der CDU Münster bekanntgab, wird er nicht mehr zur Bundestagswahl 2013 antreten. Es geschehen noch Zeichen und Wunder, denkt man da. Er gab uns aber ein Versprechen mit auf den Weg „Meine Ärmel bleiben hochgekrempelt bis zum letzten Tag der Legislaturperiode.“ Was nur meint Polenz mit dieser Ankündigung: wird er eigenhändig alle israelischen Siedlungen in der Westbank beseitigen? Oder den israelischen Außenminister Avigdor Lieberman zum Faustkampf auffordern? Wird er eventuell Eurthytmie erlernen und zusammen mit Ismail Haniye das Wort ‚Schalom‘ tanzen? Wir sind jedenfalls gespannt.

P.S.: Für die Nachfolge von Polenz im Auswärtige Ausschuss hat sich übrigens in der letzten Woche die CDU-Abgeordnete Erika Steinbach ins Gespräch gebracht. Sie soll in einer nicht-öffentlichen Sitzung dieses Ausschusses Israel Rassismus vorgeworfen haben. Damit jetzt keiner auf dumme Gedanken kommt, Frau Steinbach ist natürlich Mitglied in der Deutsch-Israelischen Gesellschaft und wollte Israel ‚nur‘ kritisieren, weil sie sich „große Sorgen um manche Entwicklungen dort“ macht.

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