Zum Wochenende hätte es am 70. Jahrestag eines Pogroms hinreichend Anlass für große Gedenkreden und breites Medieninteresse gegeben. Stattdessen blieb die Erinnerung an das Istanbuler Pogrom gegen die Griechen nur Gegenstand von Randnotizen.
Am 6. September 1955 gegen 18 Uhr begann in Istanbul ein Zug von angeblich 250.000 Personen durch die Straßen zu ziehen und zu marodieren. Auch am 7. September gingen die Krawalle weiter. Nicht nur von auswärts kommende Schläger übten Gewalt aus, sondern auch Istanbuler Bürger beteiligten sich als Helfer, Täter und Mitläufer.
Muslimische Bewohner Istanbuls sollen in jener Nacht ihre Häuser mit der Landesfahne beflaggt haben, um dem Mob zu signalisieren, welches Haus zu schonen sei – und welches er angreifen konnte. Helfer des Pogroms kennzeichneten andere Häuser mit der Aufschrift „Kein Türke“, um sie zur Plünderung freizugeben.
Eine Minderheit in Einsamkeit
Die Istanbuler Griechen waren hilflos und auf sich allein gestellt. Die Türkei betrachtete sie als unwillkommenes fünftes Rad am Wagen, während Griechenland sie ignorierte. „Auch Griechenland hat diesen Menschen nicht geholfen. Die Istanbuler Griechen sind eine Minderheit in Einsamkeit“, konstatiert Eli Kovi von der Organisation Romion Praxeis. Theofilos Lygkouris brachte es noch drastischer auf den Punkt: „Für die Türken waren wir Gavur (Ungläubige), für die Griechen hingegen türkische Samen.“
Vorausgegangen war dem Pogrom die Nachricht, dass das Geburtshaus Atatürks in Saloniki bombardiert worden sei. Tatsächlich hatte man im Garten des Hauses, das auch zum türkischen Konsulat gehörte, lediglich einen Sprengsatz gezündet, der geringe Sachschäden verursachte.
Die kleine Lokalzeitung Istanbul Ekspres verbreitete die Nachricht in einer Sonderauflage. Erst die zweite Druckwelle löste den Marsch des Mobs aus. Die Zypern-Frage, oft als Ursache genannt, war bestenfalls Nebenschauplatz. Historiker sind sich einig: Der Pogrom war staatlich gewollt und von Geheimdiensten organisiert.
Gewalt in jeder Form
Mord (13 bis 15 Tote), Vergewaltigungen, Zwangsbeschneidungen, Misshandlungen – die Gewalt nahm jede Form an. 32 Griechen wurden schwer verletzt. Von 80 orthodoxen Kirchen wurden bis zu 72 beschädigt oder niedergebrannt, über 30 christliche Schulen gingen in Flammen auf. Friedhöfe wurden geschändet, Priestergräber geplündert.
Dazu kamen rund 3.500 zerstörte Wohnhäuser, 110 Hotels, 27 Apotheken, 21 Fabriken und bis zu 5.000 Läden und Geschäfte. Selbst muslimische Geschäfte blieben nicht verschont. Die Polizei? Schaute zu – oder duldete wohlwollend.
Die Menschen dieses Kalibers, die diesen Mob ausmachten, weilen auch heute unter uns. Und nicht nur sie – auch Mitläufer würden sich wieder finden. Die Gründe liegen auf der Hand: 20 Jahre Erdogan-Herrschaft, sein Bündnis mit den Nationalisten, ein durch Repressionen eingeschüchtertes Land. Ein Teil seiner Anhänger ist bis an die Zähne bewaffnet – und jederzeit abrufbar.
Die Bevölkerung ist wütend auf fast alles und jeden im Land, kann aber keinen Dampf ablassen. Oppositionelle Reaktionen werden verboten, Proteste brutal unterdrückt. Wer die Zielscheibe eines neuen Mobs wäre, ist offen: Kurden, Touristen, Flüchtlinge – Griechen spielen kaum noch eine Rolle. Aber die fast acht Millionen Migranten im Land schüren zusätzliche Spannungen.
Ein dünner Firnis
Und so bleibt der bittere Befund: Ein Pogrom wie das von 1955 erscheint heute zwar nicht wahrscheinlich – doch ausgeschlossen ist es nicht. Die gesellschaftlichen Spannungen, die aufgeheizte politische Stimmung und die jederzeit abrufbare Gewaltbereitschaft bilden einen explosiven Nährboden.
Wer glaubt, die Türkei sei heute gefestigt und immun gegen eruptive Gewalt, unterschätzt, wie dünn die Schicht der Zivilisation auf einem Land liegt, das von Machtgier, nationalistischer Rhetorik und unterdrücktem Volkszorn zugleich geprägt ist.
Ein Funke – und niemand weiß, wer diesmal brennt.
Ahmet Refii Dener ist Türkei-Kenner, Unternehmensberater, Jugend-Coach aus Unterfranken, der gegen betreutes Denken ist und deshalb bei Achgut.com schreibt. Mehr von ihm finden Sie auf seiner Facebookseite und bei Instagram.

Kurden sind lustige Leute: Machen Terror in vielen Staaten, ohne je einen eigenen gegründet zu haben…
@Hans Joachim Gille: Die Durchmischung von Orthodoxen und Sunniten war über Jahrhunderte minimal, außer, man zwang Christen, zum Islam überzutreten, was eher auf dem südlichen Balkan reichlich geschah. Das genetische Argument zählt nicht. Die Haplotypgruppe J2, in Griechenland wie der Türkei verbreitet, ist anatolisch-neolithischen Ursprungs und damit ca. 5-9000 Jahre älter als das orthodoxe Christentum, vom Islam ganz zu schweigen. Ob man Hellene oder Türke ist, orientiert sich zwar auch an der Religion; so ist noch heute jeder gebürtige Grieche automatisch Mitglied der griechisch-orthodoxen Kirche – aber nicht nur; es definiert sich auch am Nationalismus. Die Kemalisten sind aus den Jungtürken Enver Paschas hervorgegangen; und die waren – trotz anfänglich ganz anders lautender Beteuerungen und Bekenntnisse zu einer multiethnischen Gesellschaft – bereit zum Völkermord an den Armeniern und zur Vertreibung der Pontos-Griechen, später zur Unterdrückung der Kurden. Hellene zu sein, das definiert sich spätestens seit Lord Byron und Theodoros Kolokotronis ebenfalls national, an der Westbindung, am Willen der Griechen, für die Freiheit vom Joch des osmanischen Reiches zu den Waffen zu greifen. Tsatsiki allein hilft nicht beim Verstehen des Konflikts.
Ich kannte einen Zeitzeugen von damals, Kurde. Er arbeitete in einem armenischen Kleidergeschäft. Als es losging schmiss er geistesgegenwärtig alles zu Boden, ging zur Tür und sagte dem Mob, hier sei schon alles erledigt und geplündert. So entging der Armenier dieser Katastrophe. Will sagen, nicht nur Griechen, auch Armenier und Juden kamen dran. Die Bombe in Thesaloniki wurde übrigens von einem griechischen Türken gelegt der danach in die Türkei floh und in den 80er Jahren sogar Bürgermeister in einer Stadt wurde. Weder unter Erdogan noch sonst irgendwann wurden diese Taten je aufgearbeitet. Und solange auch die „modernen“ Türken dies nicht tun, werden sie ewig in der Vergangeheit gefangen sein und immer wieder solche Leute wie Erdogan und andere wieder wählen. Oder meinen Sie, Hr. Dener, dass die Opposition völlig aufgeklärt, demokratisch und nicht-nationalistisch ist? Sie ist nur besser als Erdogan. Aber nicht gut. Als ich mal einen Freund, der in Amerika studiert hatte fragte, wieso er so gegen den Westen sei, meinte er, für die Türkei sei es besser sich nach Osten zu orientieren, da seien sie die Nr. 1, aber im Westen seien sie eine kleine Nr. Wahrscheinlich ist er heute Brics-Fan, ich weiss es nicht.
Tja, das Christentum hat’s nicht leicht. Verlassen Sie sich drauf, Herr Dener, wenn Presse und Regierung einen Gedenktag begangen hätten, dann wäre der genauso geheuchelt und verlogen und Sie würden sich wünschen, diese unwürdigen Kranzniederlegungen einzustellen. So ist das natürlich ein Affront gegen Griechenland, mit Gedenken würde daraus ein roter Teppich für die Ausländer und Affront gegen die Türken. Erdogan hat den Kampf gegen den Narzissmus nur noch nicht als Waffe endeckt.
Der griechisch-türkische Konflikt ist uralt. Erst die osmanische Besatzung Griechenlands bzw. Untergang Byzanz’, dann der Befreiungskampf der Griechen im 19.Jahrhundert, Erste Balkankrieg 1912/13, osmanisch-türkische Griechenverfolgungen zwischen 1914 bis 1923, der griechische Feldzug in der Türkei zwischen 1919 bis 1922 inklusive Türkischer Befreiungskrieg (Atatürk), Bevölkerungsaustausch (Zwangsumsiedlung) zwischen Griechenland und Türkei 1923. Dass 1955 immer noch Griechen in der Türkei (Istanbul) lebten, war kein humanistischer Akt, sondern ein halbherziges Aggrement 1923. Verbliebenen Türken in Griechenland wurde Jahr für Jahr die griechische Staatsangehörigkeit entzogen. Das typische Auge-um-Auge-Zahn-um-Zahn wurde zwischen Türken und Griechen besonders ausgelebt. Bis heute schwelen massive Animositäten zwischen beiden Ländern.
hi, in Köln wird auch verdrängt. Man stellt sich an den Rhein und schreit im Pulk den Fluss an. Wie die Brüllaffen.
hi, in Köln wird auch verdrängt. Man stellt sich an den Rhein und schreit im Pulk den Fluss an. Wie die Brühlaffen.