Fabian Nicolay / 02.12.2021 / 16:00 / Foto: The Kiddie Ranch / 19 / Seite ausdrucken

Plötzlich wieder „Gehorsam“

„Gehorsam“, das deutsche Ur-Unwort, der ewig verweigerte Orgasmus einer frigiden Kulturnation im Klemmgriff ihrer „Erinnerungskultur“. Jetzt endlich kann er wieder eingefordert werden, hoch offiziell.

Momentan muss ich oft an meine Schulzeit vor 40 Jahren denken. Kontroverse Diskussionen über die junge deutsche Vergangenheit führten wir alle mit unseren Lehrern, den linken und den konservativen, aus unterschiedlichen Gründen ähnlich verbissen. Doch die bedeutsamste Fragestellung lautete in den Fächern Sozialkunde, Philosophie, Religion, Geschichte oder Deutsch immer gleich: Wie konnte sich so etwas Monströses wie die Nazi-Ideologie in den Hirnen einer kompletten Gesellschaft festsetzen? Wie konnte das einer „Kulturnation“ passieren, einer angeblich christlichen Wertegemeinschaft? Wie konnten die Menschen schweigen im Angesicht des offensichtlichen Unrechts? Warum konnte es gerade in Deutschland geschehen?

Ja, das war damals auf dem Gymnasium … unser Erinnern sollte dazu dienen, dass so etwas NIE wieder geschehe! Und wir Enkel der mit Schuld Beladenen, der Täter, sollten tunlichst daran denken, dass unser Schweigen in Zukunft Zustimmung bedeuten könnte, sollte es je wieder zu etwas Ähnlichem kommen. Das habe ich und hoffentlich auch viele meiner Klassenkameraden verinnerlicht. Und damit sind wir mitten im Dilemma. Wofür man uns den kritischen Sinn geschärft hat, das drängt sich augenblicklich geradezu auf. Es fühlt sich so an wie das, wovor uns unsere Lehrer gewarnt haben, es riecht so und es schmeckt so.

Ausdeutung von neuen Volksfeinden

„Qui tacet, consentire videtur“ – wer schweigt, stimmt zu – heißt es schon im mittelalterlichen Kirchenrecht. Es soll klarstellen, dass ein Widerspruch nie still erfolgen darf, sondern nur wirksam wird, wenn er laut erhoben wird. Unser Erbe sei die Erinnerung und das Aufbegehren gegen den Faschismus und die Menschenfeindlichkeit. Wehret den Anfängen! Das ist doch unser Auftrag.

Nun – wir befinden uns gerade in einer Phase experimenteller Sozial-Archäologie. Die Umstände mögen anders sein, aber das Muster der Geschehnisse weckt zwangsläufig unangenehme Erinnerungen. Die Alarmanlage, die bislang zuverlässig anschlug, wenn sich jemand im verhängnisvollen Denkarsenal bedienen wollte, sie bleibt stumm, als habe jemand den Code geknackt.

Wir erfahren an Leib und Seele, wie er funktioniert, der Prozess einer sukzessiven Invasion ethischer Verwerfungen, der schuldhafte Rückfall in eine Ideologie tatkräftig umgemünzter Pseudo-Rechtmäßigkeit und in die kollektive Behauptung einer Gemeinschaftsveranlassung, deren Kern das Solidarisch-Volksgesundheitliche, die Ausdeutung von neuen Volksfeinden, Sündenböcken und Abweichlern ist. Im Angesicht des Autoritären, Unnachgiebigen und Strafenden wird der Masse eingetrichtert: Widerstand ist zwecklos und asozial. Das ist die deutsche kleinbürgerliche Wiederaufbereitung kritischer Massen im schnellen Brüter politischer Allmachtsphantasien. „Demokratisch“ herbeigeführt und lustvoll medial zelebriert.

Sie haben es verdient, gescholten, verdammt und bestraft zu werden

Über die Frage, mit welcher endemischen Krankheit wir es gerade zu tun haben, wird nicht diskutiert. Das nach wie vor panische Narrativ einer mörderischen Krankheit, die das Gesundheitssystem überschwemmen und wegspülen wird, ist gesetzt und darf nicht hinterfragt werden – gerade weil die Fakten ein anderes Bild zulassen, als das einer Horror-Show, in der eine Nation von Hypochondern Dauergast ist.

Es hat sich als Prämisse etabliert, dass die drohende Gefahr gleichgesetzt werden kann mit der Rechtmäßigkeit jeder erdenklichen sozialen Härte, mit Bußgeldern und Überlegungen, wie man sonst noch die halsstarrigen Impf-Verweigerer drangsalieren kann. Dieser Prämisse folgt: Sie haben es verdient, gescholten, verdammt und bestraft zu werden.

Haben denn die Söders, Kretschmanns, Müllers und die neue Ampel-Koalition diese urdeutschen Fragen nicht im Kopf? Sind sie schon der Krankheit der neo-autoritären Faschismen erlegen, die eine Gesellschaft mit Kollektiv-Verhaltensregeln zu infizieren weiß, bevor diese nachdenken darf? Markus Söder nutzt ja schon selbst das Propaganda-Vokabular der Dreißiger-Jahre, wenn er von „Gift“ redet und damit Menschen meint, die nicht seiner Meinung sind.

Taube Drohnen einer verzagten Republik

Die Politik dieser Tage scheut sich nicht vor konstruierten Legitimationen, vor Lügen und Diffamierungen, um die Frage nach der Verhältnismäßigkeit zu diskreditieren. So darf das Ungeheuerliche wieder ausgesprochen werden, dessen Wesenskern der deutsche Topos des (drohenden) Untergangs schlechthin ist.

Söder, der Volkstribun, der er ja so gerne wäre, Kretschmann, der Stalinist, der er immer noch ist, Müller, der verstolperte Berliner Mitläufertyp, der mal so richtig groß rauskommen möchte – sie alle eint der Rausch der Macht im Angesicht der herbeigesehnten Stunde Null. Und sie vergessen, dass die Veranlassung ihrer Widersacher eigentlich ihre eigene Legitimation bedeutet, solange sie diese achteten (frei nach Voltaire). Aber sie treten die Legitimität des Widerspruchs mit Füßen.

Eigentlich leiden sie unter der Großmannssucht, die im Schatten einer übergroßen Matrone nie zur Geltung kommen durfte. Sie leiden an der jahrelang erzwungenen Bescheidenheit demokratischer Kultur, die ihnen den autoritären Spieltrieb, das Strafende und Zynische immer versagt hat. Jetzt, wo die Bienen-Königin abtritt, wollen sie endlich mal zeigen, was in ihnen steckt, den tauben Drohnen einer verzagten Republik, die „geschichtliche Größe“ immer als Schande empfunden hat, aber jetzt unter Corona und Klima endlich wieder zur alten Strahlkraft emporgejubelt werden darf, weltgeschichtlich anerkannt – koste es, was es wolle.

Wenn da nicht das Volk im Wege stünde, der Souverän, dieses Hindernis vor der großen weltpolitischen Kulisse. Wenn doch nur endlich der Vater wieder seinem Kind eine schallende Ohrfeige verpassen könnte, damit es jämmerlich zusammenzuckt und nie wieder wagt aufzumucken! Das deutsche Volk gehorche unter der unfassbaren Brutalität der geschichtlichen Herausforderung (bitte mit lang gerolltem „r“).

„Gehorsam“, das deutsche Ur-Unwort, der ewig verweigerte Orgasmus einer frigiden Kulturnation im Klemmgriff ihrer „Erinnerungskultur“. Jetzt endlich kann er wieder eingefordert werden, hoch offiziell. Der Kotau des Untertanen vor seiner Obrigkeit ist die Voraussetzung. Das ist endlich der Höhepunkt der deutschen Vater-Kind-Beziehung. Schwarze Pädagogik for ever!

Foto: The Kiddie Ranch via Wikimedia Commons

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Leserpost

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Wolfgang Richter / 02.12.2021

@ Jochen Grünhagen - “Wo wird das enden und wie wird es enden?” Könnte ja sein, daß “wir” morgen aufwachen und ein ganz anderes Problem haben, das offenbar von der “Politik” absichtlich aus dem Fokus der Öffentlichkeit gehalten wird. In der Ukraine zu beiden Seiten des Donezk-Beckens stehen sich derzeit je ca. 10 Divisionen (ca. 110 000 und 120 000) gegenüber, hoch gerüstet, zumindest auf der russischen Seite. Und die Ukrainische Führung wird mit ständigen Unterstützungsbekundungen seitens diverser NATO-Führer ermuntert. Wenn ich dann heute in einem Nebensatz unseres Provinzblättchens lese, daß auch das Maasmännchen in den letzten Zügen seiner Amtsführung der Ukraine den Beistand zusichert, graust es mich schon ein wenig, auch wegen des bekannten Zustandes der Bundeswehr. Ich habe noch die selben Vorgeplänkel im Vorfeld der Kriegserklärung Georgiens gegen Rußland 2008 im Gedächtnis, u. a. ein möglicher NATO-Beitritt Georgiens. Nach ein paar Tagen war das militärische Abenteuer der Georgier im Keim erstickt, ohne daß die NATO auch nur einen Finger rührte. Für letzteres ist die NATO möglicherweise in der Ukraine schon zu tief verstrickt. Vielleicht sollte Södolf anstelle von “Ungeimpften-Bashing” mal den Blick gen Osten wenden und hoffen, daß Putins Panzer und Flieger rechtzeitig bremsen, wenn sie Kiew erreicht haben.

Marcel Seiler / 02.12.2021

Ich halte die deutsche Selbstgeißelung für falsch. In anderen Ländern passiert ähnliches: Das freiheitliche England hat eine brutale Cancel Culture; an den US-Universitäten fliegt raus, wer nicht konform ist; Australien (oder ist es Neuseeland? Beide?) versucht Zero-Covid – alles Länder mit unbezweifelbarer liberaler und rechtsstaatlicher Tradition, alle Kriegsgegner von Nazi-Deutschland. Man kann hier nicht einfach “das deutsche Wesen” verantwortlich machen. Ich weiß auch nicht, was schuld ist, aber alles auf “deutschen Gehorsam” zu schieben, greift viel zu kurz.

Moritz Cremer / 02.12.2021

von der dictablanda des Merkelismus hin zum vierten Reich der grünblutroten “öko/hygiene"faschos; fdp als Steigbügelhalter, so widerlich ...

S.Buch / 02.12.2021

Merkel, Söder, Scholz und wie sie alle heißen, die Wiedergeburten des Sozialismus, üben sich in einer ganz besonderen „Erinnerungskultur“: Hermann Göring im Nürnberger Prozess zur Frage, wie die Deutschen das alles hätten akzeptieren können: Es ist sehr einfach und hat nichts mit dem Nationalsozialismus zu tun; es hat mit der menschlichen Natur zu tun. Man kann es in einem nationalistischen, sozialistischen, kommunistischen, monarchischen oder demokratischen Regime tun: Das Einzige, was eine Regierung braucht, um Menschen zu Sklaven zu machen, ist Angst.“ Entdeckt jemand Parallelen zur Gegenwart?

Axel Kracke / 02.12.2021

Die eiserne offizielle „Lehre aus der Vergangenheit“ lautet: es darf in Deutschland nie wieder staatliche Vernichtungslager mit mindestens 6 Millionen Toten geben. Das ist der Benchmark. Erst bei Überschreiten dieser Schwelle darf von einem Unrechtsstaat gesprochen werden, ansonsten ist es „Verhöhnung der Opfer des Holocaust“…

M.-A. Schneider / 02.12.2021

Großartig, dem ist nichts hinzuzufügen!

Peter Petronius / 02.12.2021

Der Deutsche als “Der ewige Diederich Heßling” (anno 1914)? Ne, das ist mir zu pauschal. Das “my country, right or wrong” von ca. 1816 stammt von einem US-Amerikaner.

Thomas Taterka / 02.12.2021

@Ludwig Luhmann - Ludwig van Luhmann ! Sie versuchen ganz geschickt, hier die Leute aufs Eis zu jagen, das muß ich Ihnen lassen . Bisher hat’s noch keiner gemerkt . Soviel Humor in der Verstellung hätt’ ich Ihnen gar nicht zugetraut . - Sie müssen hier sehr gelitten haben , dafür haben Sie mein Mitgefühl . In Beethoven finden Sie bestimmt noch etwas Trost , will ich für Sie hoffen .

Ralph Felix Keller / 02.12.2021

Es riecht so, es schmeckt so und es stinkt so!

S.Niemeyer / 02.12.2021

Zweiter Versuch mit meinem Post, der zum Zeit-Ullrich Artikel irgendwie nicht anlandete: Vor 77 Jahren wurden alle britischen Soldaten auf ihren Einsatz in Deutschland vorbereitet mit den “Instructions for British Servicemen in Germany 1944” (Originaltext & deutsche Übersetzung als KiWi Taschenbuch). Es seien mir Zitate erlaubt: S. 22: “...in Hitlers Ideologie stecken viele tief verwurzelte deutsche ‘Komplexe’ wie etwa der Judenhass als ein Wunsch, über andere Menschen zu herrschen, und eine Bereitschaft zu glauben, dass sie selbst die Opfer sind.”  S.29: “Er [Hitler] kommandierte sie herum, und das gefiel den meisten. Es ersparte ihnen die Mühe des Nachdenkens. Sie mussten lediglich gehorchen und konnten das Denken ihm überlassen. Sie glaubten, dass es sie auch von der Verantwortung befreite.”  S.7: “Alles in allem ist der Deutsche nämlich brutal, solange er siegreich bleibt, wird aber selbstmitleidig und bettelt um Mitleid, wenn er geschlagen ist.”  S.32: “Diese Mischung aus Sentimentalität und Gefühlskälte zeugt nicht von einem ausgewogenen Selbstbewusstsein. Die Deutschen haben ihre Gefühle nicht gut im Griff. Sie weisen einen hysterischen Charakterzug auf. Sie werden feststellen, dass Deutsche häufig bereits in Wut geraten, wenn auch nur die kleinste Kleinigkeit danebengeht.”    Die Merkel-Ära hat Charaktere und Strukturen hervor- und hochgebracht, die dem Totalitären dienen.

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