Die Angelsachsen haben ein beachtliches Talent für griffige Wort- und Namensschöpfungen. Das liegt zum einen an ihrem offenbar im Volkscharakter verankerten Sinn fürs Merkantile, zum anderen an der Kürze und Prägnanz vieler Wendungen der englischen Alltagssprache im Gegensatz zu den immer etwas weitschweifigeren deutschen Entsprechungen. Deshalb geht schon jedes deutsche Großunternehmen und gefühlt auch jeder zweite deutsche Handwerksbetrieb mit einem englischen „Claim“ auf Kundefang. Claim heißt im englischen soviel wie Wer-be-bot-schaft (vier Silben statt einer). In der Kürze liegt die Würze.
Nun erreicht uns aus Großbritannien die Meldung, wonach es in Zukunft verboten sein soll, lebende Hummer in einen Topf mit kochendem Wasser zu werfen, der bislang auch in Deutschland gängigsten Art, die überaus wohlschmeckenden, aber auch wehrhaften Krustentiere zwecks Verzehr zu töten. Das „Living Boiling“ sei mit den bestehenden Tierschutzgesetzen nicht mehr vereinbar, heißt es in der aktuellen Tierschutzstrategie der Labour-Regierung unter Keir Starmer. Die britische Administration will nun neue Leitlinien zum Töten von Hummern in der Gastronomie veröffentlichen, in der das Kochen von Hummern, die „noch bei Bewusstsein sind“, ausdrücklich als nicht mehr zulässig eingestuft wird.
Natürlich wurde das Vorhaben von Tierschutzorganisationen umgehend „begrüßt“, wie es immer so schön heißt. „Wenn lebende, bei Bewusstsein befindliche Tiere in kochendes Wasser gegeben werden, erleiden sie mehrere Minuten lang unerträgliche Schmerzen. Das ist Folter und vollkommen vermeidbar“, wird ein gewisser Ben Sturgeon, Geschäftsführer von „Crustacean Compassion“ im „Guardian“ zitiert. „Crustacean Compassion“ heißt so viel wie „Mitgefühl mit Krustentieren“, was fast genauso wunderbar klingt wie Hummer schmeckt. Die vorherige Betäubung der Tiere mittels Elektroschocks könne eine Alternative sein, meint Mister Sturgeon, der immerhin nicht ein sofortiges Verbot des Fangs und Verzehrs der bemitleidenswerten Kreaturen fordert.
In Maine eine Art Alltagsspeise
Ich gebe zu, dass es mir selbst nicht ganz wohl ist, wenn ich mir vorstelle, ich würde kopfüber in einen Topf mit kochendem Wasser geworfen. Außerdem halte ich Hummer für außerordentlich faszinierende Tiere. Man sollte sie also etwas respektvoller behandeln, bevor sie auf dem Teller landen. In Kanada werden sie zum Teil an Bord der Fangschiffe mittels Überdrucks getötet und dann noch roh zerlegt und schockgefrostet, was den Vorteil hat, dass man sie nicht schon vorgekocht geliefert bekommt, sondern selbst so zubereiten kann, wie man es für richtig hält.
Hummer gilt in Deutschland als luxuriöse Festtagsspeise. Und weil wir die Festtage gerade glücklich hinter uns gebracht haben, wird man zumindest bis Ostern warten müssen, wobei hier das Osterlamm immer noch Vorrang genießt, das man glücklicherweise nicht lebend in den Ofen schiebt. Das ist in Trumpistan anders, wo Lobster an der Ostküste, namentlich in Maine, als eine Art Alltagsspeise gilt, eine besonders köstliche.
Allein aus diesem Grund würde ich gerne wieder einmal in die USA fliegen, um mir ein Hummerbrötchen zu genehmigen, die amerikanische Entsprechung des deutschen Krabbenbrötchens. Dafür wird ein Baguette-Brötchen mit Butter bestrichen, gegrillt und dann mit reichlich kaltem Hummerfleisch belegt. Eventuell kommt noch Mayo oder flüssige Butter obenauf. Hummer satt, wo gibt es das schon und noch dazu zu erschwinglichen Preisen!
Das vielleicht berühmteste aller Hummergerichte
Ähnlich verhält es sich in „Putins Reich“, wie Russland heute unter weitgehender Vernachlässigung seiner rund 145 Millionen Einwohner, die nicht Putin heißen, genannt wird. Hier zählt die Kamtschatka-Königskrabbe ebenfalls fast zu den Grundnahrungsmitteln. Die spinnenartigen Krustentiere, die ursprünglich vor allem in Japan und Alaska heimisch waren, wurden in den 60er Jahren nahe Murmansk von Wissenschaftlern angesiedelt und haben sich seither an der gesamten nordpazifischen Küste bis Norwegen verbreitet.
Die Monster mit Spannweiten von fast zwei Metern zu fangen und aufzuessen ist insofern ein Dienst an der Meeresökologie, weil sie zu den invasiven Arten zählen. Ähnliches versucht man an der italienischen Adria mit den invasiven Blaukrabben, die die Fanggründe der Muschelfischer im Podelta bedrohen. Leider haben sie wesentlich weniger Fleisch unterm Panzer als eine Königskrabbe. Deren Fleisch eignet sich ideal für kalte Cocktailsalate, als Suppeneinlage oder für Sushi-Rollen.
Hierzulande muss man schon ins Gourmetrestaurant marschieren, um sich an einem Hummergericht delektieren zu können. In München war das Traditionslokal „Boettners“ lange Zeit ein Hotspot der Schickeria und der Hummerfans. Es wurde 2016 zunächst von Alfons Schuhbeck übernommen und ist seit 2020 ein italienisches Allerweltrestaurant. Sic transit gloria mundi! Seitdem gibt’s hier auch nicht mehr das vielleicht berühmteste aller Hummergerichte: Hummer Thermidor. Am 9. Thermidor (27. Juli) 1794 endete mit dem Sturz von Maximilien de Robespierre die blutigste Phase der Französischen Revolution. Einen Tag später wurde der Tugendterrorist und unerbittliche Asket hingerichtet. Hummer zählte nicht zu seinen Leibspeisen.
Georg Etscheit schreibt auch für www.aufgegessen.info, den von ihm mit gegründeten gastrosophischen Blog für freien Genuss.
Erscheinungsdatum: 21. November 2025, Achgut Edition. ISBN: 978-3-911941-02-0, Kochbuch mit 40 Rezepten und 42 farbigen Illustrationen. Printausgabe Hardcover. Auch als E-Book erhältlich, 160 Seiten, 29,00 Euro.
Beitragsbild: Carl Purcell - Own work, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons


@ Emil Meins: klar liegt es nahe, die Kudzu-Knollen zu Bioethanol zu fermentieren, hat man auch seit Jahrzehnten versucht (als Nahrungsmittel ist sie nur von beschränktem Nutzen). Aber es gibt bisher keine kommerzielle Produktion, wie bei der angeblichen Wunderpflanze Jatropha, die einst als billige Pflanzenölquelle angepriesen wurde und dann in der Versenkung verschwand. Es ist am Ende doch meist schwieriger als erhofft. Was invasive Spezies angeht, fiel mir gleich die Wollhandkrabbe ein, die in Deutschland als Plage gilt, in ihrem Ursprungsland China aber eine teure Delikatesse ist. Klingt schon eher nach Geschäftsmodell.
Wollt ihr sie alternativ erschiessen? Finden es Sardinen lustig, sich im Netz zu Tode zu zappeln? Nun, dann wird’s bei britischen Staatsbanketten künftig wohl nur noch von 7 grünen Jungfrauen bei Vollmond tot gestreichelte Hummer geben. Ob der Hummer sich dabei wohler fühlt? Weiss jemand wissenschaftlich gesichert, ob Krustentiere überhaupt ein Schmerzempfinden haben? Da man als solches im Tagesgeschöft schon mal ein Bein oder eine Schere verliert, wäre dies von der Natur aus doch eher hinderlich, zumal Hummerkliniken und die Verfügbarkeit von Schmerzmitteln am Meeresgrund noch recht rar sind. Vielleicht sollte man sich auch mal bewusst sein, dass von Tieren milliardenfach mehr Tiere als von Menschen verspeist werden. Wohlgemerkt bei lebendigem Leibe. Ein einziger Ameisenbär vertilgt alleine schon 30- bis 60.000 Ameisen pro Tag, frei laufende Hauskatzen in Südafrika mehrere Millionen Mäuse.
die „schnellste“ Tötungsart ist das Spalten des Hummers durch einen halbierenden Schnitt längs der Körperachse.
Wird oft für rohe Zubereitungsarten genutzt,wobei das Tierschutz-Technisch auch wieder heikel ist.
Für Hummer Newburg ist das die einzig mögliche Tötungsart,um die durch das „Hummer-Mark“ gerötete Sauce herzustellen
Weil Thermidor bei mir Assoziationen an Thermomix auslöste, habe ich mal nachgeschaut: es gibt dafür tatsächlich auf cookidoo entsprechende Rezepte!
Und „Aufessen“ ist tatsächlich die beste Methode bei „invasiven Arten“, so bringt man sie am schnellsten zum Verschwinden. Auf den Teller damit!
(Wir wollen hier natürlich Missverständnissen vorbeugen: kein Kannibalismus! Aber auf Ideen kommen könnte man schon…)
Etliche südlicher gelegene Länder haben z.B. Probleme mit der Kudzu-Pflanze aus Asien, die am Tag bis zu fast 30 cm wächst, und im Jahr bis zu 30 Meter und alles überwuchert. In der Schweiz ist sie schon eine Plage und in etlichen Staaten der USA.
KUDZU (Pueraria lobata/montana) ist eine extrem schnell wachsende, invasive Kletterpflanze aus Ostasien, die wegen ihrer stärkehaltigen Wurzel und der Verwendung als glutenfreies Bindemittel (Kuzu) bekannt ist, aber auch als Heilpflanze für Verdauung und Menopause gilt, sowie zur Nikotin und Alkoholentwöhnung benutzt.
Ist eine Leguminose, die Stickstoff binden kann und bis zu 180 kg schwere Speicherknollen bildet, und essbar. Produziert ungeheure Mengen an Grünmasse und ist kaum auszurotten. Warum das, wie Hanf auch, nicht genutzt wird, bleibt mir ein Rätsel. Stattdessen baut man Mais und spritzt ihn mit Glyphosat.
Es wird aber nur intensiv daran geforscht, wie man die Pflanze ausrotten kann, statt sie zu verwenden.
„Die britische Administration will nun neue Leitlinien zum Töten von Hummern in der Gastronomie veröffentlichen, in der das Kochen von Hummern, die “noch bei Bewusstsein sind„, ausdrücklich als nicht mehr zulässig eingestuft wird.“
Jetzt weiß ich auch den Grund für das grottenschlechte Fernsehprogramm, aus Wiederholungen alter Tatorte, Quizsendungen und Kochshows, sowie Nazi-Horrordokus, nebst sonstiger verlogener Medienberiesung und Smartphone-Gedaddel:
man will uns bewußtlos machen, um uns dann „artgerecht und human“ den Garaus machen zu können, ganz im Einklang mit Tierschutz, , annalenaschem Völkerrecht und Menschenwürde. Aha!