Keine Pressekonferenz, keine internationalen Reporter. Zuhause empfängt Platon Lebedew ein russisches Fernsehteam, zwei Stunden vor Redaktionsschluss. Seine Kinder hatten ihn am Freitagabend abgeholt und nach Hause, nach Moskau, gebracht. Unweigerlich denkt man an Chodorkowski, der im Privatjet ausgeflogen und in Berlin von Hans-Dietrich Genscher empfangen wurde. Doch Lebedew scheint die mangelnde Aufmerksamkeit nicht zu stören. Nicht einmal 24 Stunden nach seiner Freilassung sitzt er geduldig in seinem Sessel und beantwortet die vorsichtigen Fragen der Journalistin.
Dabei wurde Lebedew noch vor Chodorkowski verhaftet. Ein halbes Jahr länger verbrachte er im Gefängnis. Seine Verhaftung sah man als Warnung für den Yukos-Chef. Warum dieser nicht ausreiste, ist nicht klar. Weniger Monate später saß er neben seinem Stellvertreter auf der Anklagebank. “Frei!”, steht nun auf Lebedews Website, “nach 3859 Tagen in Gefangenschaft”. So richtig hat er es wohl nicht verstanden. Nachdenklich schaut er in den Garten und zeigt auf einen meterhohen Baum. Zum letzten Mal hat er ihn gesehen, als es noch ein kleiner Strauch war. Vieles hat sich in den über zehn Jahren Abwesenheit getan. Seiner jüngste Tochter, die er das erste Mal im Gefängnis gesehen hatte, begegnet er nun endlich in Freiheit.
Beim Interview am vorletzten Samstag fragt die Journalistin auch nach den Finanzen. “Sie sind ein sehr reicher Mann gewesen, wie sieht es jetzt aus?”, will sie wissen. Ganz ruhig erklärt Lebedew, dass er seit den frühen Neunzigern wohlhabend ist, daran hätte sich bis heute nichts geändert. Mehr sagt er nicht, Spekulationen über Hunderte von Millionen auf Schweizer Konten gibt es - wie etwa bei Chodorkowski - nicht. Sein Geld hat Lebedew ebenfalls mit Banken und Öl verdient, als Stellvertreter Chodorkowskis. Wie bei seiner Bank “Menatep”, so auch im Ölkonzern “Yukos”. Immer war Lebedew an an der Seite des charismatischen Geschäftsmannes, mit dem ihm seit vielen Jahren eine tiefe Freundschaft verbindet. Vielleicht war das der Grund dafür, dass Chodorkowski nach der Verhaftung Lebedews nicht ins Ausland geflohen war. Um seinen alten Freund nicht im Stich zu lassen. Aber wäre dieser auch in Haft geblieben, wenn Chodorkowski nachgegeben hätte?
Von Anfang an galt die gesamte Aufmerksamkeit Mihail Chodorkowski. Während in russischen Medien Lebedew zumindest erwähnt wurde, fand man seinen Namen nur selten in westlichen Medien. Chodorkowski symbolisierte den Widerstand gegen das Regime, war der unbezwingbare Märtyrer. Mit zahllosen Journalisten führte er jahrelange Briefwechsel, schrieb Kolumnen für angesehene Zeitungen. Lebedew war medial gesehen nur ein Nebendarsteller. Er eignete sich nicht zum Widerstandskämpfer.
Platon Lebedew hatte nie das ikonenhafte etwas, das Chodorkowski verkörperte. Während sein Freund im Gerichtssaal meist stand und lächelte, saß Lebedew in sich zusammengesunken auf der Anklagebank, trank aus einer kleinen Flasche Milch und stand nur auf, wenn er es musste. Früh erkrante er im Gefängnis an Hepatitis, womöglich sogar an Krebs. Aber das wisse er noch nicht.
Lebedew war ein Gefangener, mit dem man mitfühlte und dem man die Freiheit wünschte. Bei Chodorkowski fragte man sich gelegentlich, ob es vielleicht wirklich sein Schicksal sei, diesen Weg zu gehen und gestärkt aus dem Straflager zu kommen, um an die Spitze der russischen Widerstandsbewegung zu treten. Dabei war es wohl schlicht Chodorkowskis Charakter, der es nicht erlaubte, Schwäche zu zeigen und Verzweiflung zu offenbaren. Lebedew, der ebenfalls immer standhaft und optimistisch blieb, merkte man sie dennoch an. Auch, wenn er sich weigerte, das Gnadengesuch zu unterschreiben und früher freizukommen. “Das wäre sinnlos”, meint er dazu. Näher geht er nicht darauf ein.
Auch in seiner Art zu sprechen unterscheidet sich stark von Chodorkowski. Er sagt, was er denkt, spricht mal schnell, mal langsam, betont die Wörter unterschiedlich. Nicht wie Chodorkowski, der in seiner ruhigen, unbeirrbaren Art jedes Wort mit Bedacht wählt und dem man höchstens an den Augen ansieht, wenn er etwas mit Nachdruck betonen will. Lebedew spricht auch wesentlich offener über seine Freilassung und die Amnestie.
Auf die Frage, ob vor der Freilassung ein Vertrag mit Putin geschlossen wurde, antwortet Lebedew sehr direkt. “Andere Frage: Sind wir frei? Ich würde es so sagen, dass man uns aus der Strafkolonie gelassen hat. Wenn es aber darum geht, wie wir unser Leben gestalten, sind uns die Hände gebunden.” Er kann sich mehr erlauben, als Chodorkowski, den die Medien auf Schritt und Tritt begleiten und dessen Aussagen auf die Goldwaage gelegt werden.
Wann er denn vorhabe, seinen Weggefährten endlich in Freiheit zu treffen, fragt die Reporterin. Dazu kann Lebedew nichts sagen und erklärt den interessanten Zufall, der dieses Treffen gerade unmöglich macht. Während Chodorkowski wegen offener Anklagepunkte gut daran tut, nicht nach Russland zurückzukehren, hat Lebedew noch keinen Reisepass. Ob er ihn bald bekommt, das kann er nicht sagen. Ins Ausland muss er aber auch aus anderen Gründen. Nach fast elf Jahren Gefängnis will er sich untersuchen lassen. “Es hat sich das ein oder andere angesammelt”, sagt er.
Aber natürlich hat Chodorkowski schon angerufen. Mit “erregter und zitternder Stimme” habe Chodorkowski gesprochen, eigentlich mehr geschrien. Die nächste Frage der Journalistin bekommt Lebedew nicht mit. Nachdenklich schaut er ins Leere, bis er zu reden anfängt. “Wissen Sie, wir tun immer so, als wären wir Freunde”, sagt er und hält kurz inne. “Aber eigentlich sind wir fast Brüder.” So beantwortet sich auch die Frage, die ihm niemand stellen will. Die Frage, wie es für ihn ist, in Chodorkowskis Schatten zu stehen.
Zum Schluss will die Journalistin wissen, ob er in die Politik will. “In unserem Land ist Geschäft auch immer Politik. Wenn Sie die reine Politik meinen, dann nein. Das interessiert mich nicht.” Dann lächelt er verschmitzt. “Ich werde Sie in einiger Zeit sehr überraschen. Aber das besprechen wir zu einem anderen Zeitpunkt.”