Thomas Eppinger, Gastautor / 03.11.2018 / 14:01 / Foto: Pixabay / 11 / Seite ausdrucken

Pittsburgh: Die Täter-Opfer-Umkehr

Am 27. Oktober 2018 ermordete Robert Bowers in Pittsburgh elf Juden, weil sie Juden waren. Es war der größte antisemitische Anschlag in der Geschichte der Vereinigten Staaten. Doch die Trauer um die Opfer und eine überfällige Debatte über den auch in Amerika erstarkenden Antisemitismus werden überlagert von einer Propagandaschlacht um die Deutungshoheit über das Verbrechen.

Die Tree of Life Synagoge befindet sich in Pittsburghs jüdisch geprägtem Stadtviertel Squirrel Hill und ist ein weitläufiges Gebäude, in der auch die Dor Hadash und New Light Gemeinden ihre Gottesdienste abhalten. So fanden am Morgen dieses Shabbat drei Gottesdienste in verschiedenen Räumen statt, als Bowers um 9.45 Uhr in die Synagoge eindrang, bewaffnet mit einem AR-15-Sturmgewehr und drei Glock-Pistolen, „All Jews must die!“ schrie und zu feuern begann. Um 10.15 Uhr wurde er beim Verlassen des Gebäudes von der Polizei gestoppt, er schoss vier Beamte nieder, wurde selbst getroffen und ergab sich wenig später.

Die Opfer

Joyce Fienberg, Psychologin und Mutter von zwei Söhnen, forschte vor ihrer Pensionierung am Learning Research and Development Center der University of Pittsburgh. Ihre Kollegen beschreiben sie als großzügigen, fürsorglichen und zutiefst nachdenklichen Menschen. Sie wurde 75 Jahre alt.

Richard Gottfried, 65, verschenkte zu Halloween an die Kinder in der Nachbarschaft Zahnbürsten statt Süßigkeiten. Gemeinsam mit seiner Frau Margaret Durachko führte er eine Zahnartpraxis. Sie galten als unzertrennlich.

Rose Mallinger war 97, als sie ermordet wurde. Jeder in der Nachbarschaft kannte die kleine, quirlige alte Dame, die es liebte, in ihrem Heimatbezirk spazieren zu gehen. In all den Jahrzehnten hatte sie kaum einen Gottesdienst in der Synagoge versäumt.

Jerry Rabinowitz, 66, erfreute sich als hingebungsvoller Arzt großer Beliebtheit. „Er war einer der nettesten und liebevollsten Menschen, die ich je getroffen habe“, sagte einer seiner Patienten, denen er nicht nur Doktor, sondern Freund war, fassungslos über den Verlust.

Cecil (59) und David Rosenthal (54) lebten gemeinsam in einer Wohnung in Squirrel Hill. Die beiden Brüder meisterten ihr Leben trotz geistiger Behinderung humorvoll und waren bei allen beliebt und respektiert.

Bernice (84) und Sylvan Simon (87) galten als freundliches, hilfsbereites Ehepaar, deren Tür immer offenstand. Die beiden verbrachten ihr ganzes Leben zusammen. Sie starben in derselben Synagoge, in der sie 1956 geheiratet hatten.

Daniel Stein war vor Jahren Präsident der New Light Gemeinde. Der frischgebackene Großvater war für seinen trockenen Humor und seine Hilfsbereitschaft bekannt. Er wurde 71 Jahre alt.

Irving Younger hatte zwei große Leidenschaften: seine Familie und seinen Glauben. Seiner Tochter und seinem Enkelsohn sei er der wundervollste Vater und Großvater gewesen, nie hätte er über irgendwen ein böses Wort verloren, beschreibt ihn eine Nachbarin. Younger, der früher ein kleines Immobilienbüro betrieben hatte, wurde 69 Jahre alt.

Melvin Wax, 87, war eine der Säulen der New Light Gemeinde, die 2017 ins Haus der Tree of Life Synagoge übersiedelt war, weil sich ihre ungefähr hundert, meist älteren Mitglieder keine eigenen Räumlichkeiten mehr leisten konnten. Melvin Wax kam immer als Erster und verließ die Synagoge als Letzter. Auch an diesem Tag.

Vier Polizisten und zwei weitere Besucher der Synagoge wurden verletzt, darunter Rose Mallingers Tochter Andrea.

Schuldig: Trump, Israel und die Juden

Das Blut der Opfer war noch nicht vom Boden gewischt, begann auch schon das Ausschlachten des Massakers für die jeweilige politische Agenda.

Donald Trump eröffnete eine Debatte über Sicherheit und kritisierte das Fehlen einer bewaffneten Security. Im Gegenzug machten alle Trump-Kritiker direkt oder indirekt den Präsidenten persönlich für das Attentat verantwortlich, schließlich würde er permanent Gewalt und antisemitischen Verschwörungstheorien die Schleusen öffnen.

Die bekannte Journalistin Julia Ioffe beschuldigte die Juden in den USA und in Israel: „Und ein Wort zu meinen jüdischen amerikanischen Mitbürgern: Dieser Präsident macht es möglich. Hier. Wo Du wohnst. Ich hoffe, die Übersiedlung der Botschaft dorthin, wo Du nicht wohnst, war es wert.“ Und in Großbritannien fragte Jenny Tonge, Mitglied des House of Lords mit einer langen antisemitischen Vorgeschichte, ob „Bibi“ und der aktuellen israelischen Regierung jemals der Gedanke gekommen sei, dass es ihre Aktionen gegen die Palästinenser wären, die den Antisemitismus wieder entzündeten.

Nichts davon ist plausibel

Dass bewaffnete Security den Täter stoppen hätte können, ist zweifelhaft, zumal der Attentäter vier Polizisten niedergeschossen hat, bevor er sich ergab. Außerdem mag es in Europa zwar zum gewohnten Bild gehören, dass Juden nur schwer bewacht beten können, aber eine solche Normalität wünscht sich in den Vereinigten Staaten niemand.

Israel und/oder die Juden für den Antisemitismus verantwortlich zu machen, ist seit jeher eine beliebte Strategie aller Antisemiten von links bis rechts. Diese Täter-Opfer Umkehr ist dermaßen grotesk, dass man an dieser Stelle nicht darauf eingehen muss. Aussagen wie jene von Ioffe oder Tonge richten sich von selbst.

Und Trump? Dass er sich von den plärrenden Antisemiten in Charlottesville nicht distanziert hat, wirft man ihm zu Recht vor, und „White Supremacists“ und andere Rassisten mögen sich durch seine Rhetorik beflügelt fühlen. Doch dass Antisemiten seinetwegen beginnen würden, Juden zu ermorden, ist zu weit hergeholt. Zumal der Attentäter alles andere als ein Anhänger Trumps war, den er für eine Marionette hielt, die von den Juden gesteuert werde, um „die Weißen zu beherrschen“.

Bowers Hass richtete sich zuletzt vor allem gegen HIAS („Hebrew Immigrant Aid Society“), eine Hilfsorganisation für jüdische Immigranten. In seiner Weltsicht gehörte Trump zu den „Globalisten“, die Schuld daran hätten, dass Amerika „mit Juden verseucht“ sei, und solange diese Leute an der Regierung wären, „könne man Amerika nicht wieder groß machen“. In der amerikanischen Geschichte gab es jede Menge Massenmörder, Attentäter und Amokläufer, unabhängig vom gerade vorherrschenden gesellschaftlichen Klima und unbeeinflusst von Stil und Rhetorik des jeweiligen Präsidenten.

„Der 27. Oktober, ein Tag von Massaker und Massenmord, der Tag des schlimmsten Massenmordes an Juden in der Geschichte der USA, wurde systematisch gekidnappt, um alles andere zum Thema zu machen, nur nicht die Opfer“, fasste Seth J. Franzman in der Jerusalem Post die Reaktionen bitter zusammen: „Dies war die Antwort auf das schlimmste Massaker an Juden in der Geschichte der USA. Beschuldigt Israel. Beschuldigt Juden. Beschuldigt Trump.“

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Leserpost (11)
H. Störk / 03.11.2018

Ob “bewaffnete Security” den Angreifer hätte stoppen können? Es wäre zumindest den Versuch wert gewesen, letztlich hat die Polizei ihn auch nur mit Waffengewalt stoppen können. The only way to stop a bad guy with a gun is a good guy with a gun. Bewaffnete Security ist nicht nur in oder vor Synagogen sinnvoll, sondern überall, wo sich große Zahl unbewaffneter Menschen, d.h. potentieller Opfer versammelt - auch z.B. an Schulen. Davon abgesehen ist es absurd, Trump für die Tat eines Trump-Hassers verantwortlich zu machen.

Sabine Heinrich / 03.11.2018

Auf den Artikel als solchen möchte ich nicht eingehen, wohl aber auf das, was Frau Maack geschrieben hat, Endlich einmal erhalten Terroropfer ein Gesicht, werden als ermordete Menschen - jeder für sich - uns vor Augen geführt und machen es dadurch schwerer, zur Tagesordnung überzugehen. -  Hat jemals eine Zeitung, ein Fernsehsender bei uns den Opfern vom Breitscheidplatz ein Gesicht gegeben? Schändlich, wie die Opfer dieses Verbrechens völlig ignoriert wurden, während der Massenmörder überall volle Aufmerksamkeit genossen hat. Ich empfand das als pervers! Und diesen Eindruck - dass es an jeglicher Empathie für die Opfer fehlt, es in den Medien keinerlei Unterstützung für sie gibt, sie kein Gesicht bekommen, das Leid ihrer Angehörigen und Freunde ignoriert wird; über die bestialischen Verbrechen durch Eingewanderte hingegen mit “gebührender” Zurückhaltung berichtet wird - das macht mich zornig! Ach ja - in den in meinen Augen linken “Redaktionsnetzwerk Deutschland” angeschlossenen “Lübecker Nachrichten” hieß es heute in einem ausführlichen Artikel über das Verbrechen über das 18jährige Opfer der Massenvergewaltigung von Freiburg- und nun können wir uns ja beruhigt zurücklehnen - abschließend: ” Sie wirke stabil, hieß es von der Polizei”. (LN vom 3.11.18. Stormarnausgabe, Beilage S. XII) Also - alles gut, nachdem diese junge Frau von mindestens 7, höchstwahrscheinlich jedoch bis zu 15 Männern vergewaltigt wurde. Ich könnte ko….! Was soll dieser Satz??? Keine Frau steckt auch nur die Vergewaltigung durch einen Mann weg! Sie kann nur stabil wirken, weil man sie mit Medikamenten ruhiggestellt hat - aber darüber werden wir in den MSM wohl nie etwas erfahren - und über ihr weiteres Schicksal. Ich hoffe, dass sich bald ein Opferschutzverein gründet, der ideologisch unabhängig ist! Der Weiße Ring hat sich ja leider selbst ins Abseits befördert.

Wilfried Cremer / 03.11.2018

@ Frau Maack, ja, etwas über die Opfer lesen, das ist am Besten.

Karla Kuhn / 03.11.2018

Herr Koch, es sind aber nicht nur die Dummen, leider. Denen könnte man es ja noch nachsehen. Überall auf der Welt gibt es “Strippenzieher” , nur heute lassen sich die “Strippen” recht gut verfolgen, dank auch dem Internet . Darum wundert es mich, daß es trotzdem immer wieder versucht wird.  Vor allem, wenn es um OPFER und ihre Angehörigen geht !!

C. J. Schwede / 03.11.2018

Danke, dass Sie die Opfer aus der Anonymität geholt haben. Allein diese kurzen Beschreibungen haben mich zu Tränen gerührt und an das Wesentliche erinnert. Danke!

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