Verteidigungsminister Boris Pistorius ist der mit Abstand beliebteste Politiker Deutschlands. Warum eigentlich?
Wegen der Beliebtheit von Boris Pistorius kocht in der SPD gerade die Gerüchteküche, ob er den unbeliebten Olaf Scholz als Kanzlerkandidaten ersetzen soll, falls er dies überhaupt will (siehe hier und hier). Die SPD sehnt sich wieder mal nach einem Heilsbringer à la Martin Schulz. Anscheinend hat man in der SPD noch nicht gemerkt, dass der Wähler ein schlechtes Produkt auch dann nicht kauft, wenn es neu verpackt ist. Kamala Harris lässt grüßen.
Die Frage, ob die SPD mit Pistorius bessere Chancen hätte als mit Scholz, und ob er einen besseren Kanzlerkandidaten oder vielleicht sogar Kanzler geben würde, sei hier nicht weiter erörtert. Die Frage ist eher, was das Geheimnis von Pistorius’ großer Beliebtheit in den wöchentlichen Umfragen der Meinungsforschungsinstitute ist. In der Frage zur Beliebtheit eines Politikers geht es um die Zufriedenheit mit den Leistungen und um die persönlichen Sympathiewerte, also Können und Auftreten beziehungsweise Ausstrahlung. Da die wenigsten Bürger einen Spitzenpolitiker persönlich kennen, ist die Beurteilung natürlich sehr subjektiv und hängt stark von dem medialen Bild ab, also dem, was uns die Medien zu bestimmten Personen erzählen – also wie sie sind und was sie tun.
Pistorius kannte kaum einer, als er im Januar 2023 Verteidigungsminister wurde. Vorher war der gebürtige Osnabrücker niedersächsischer Innenminister, wobei er sich nicht durchgängig mit Ruhm bekleckert hat, wie Achgut.com seinerzeit berichtete. Als Verteidigungsminister wurde er in sehr kurzer Zeit nicht nur bekannt, sondern – will man den Umfragen glauben – auch sehr beliebt. Der Grund war erst einmal, dass Vorgängerinnen wie Ursula von der Leyen und Annegret Kramp-Karrenbauer die Latte für diesen Job schon tief gelegt hatten, die dann von Christine Lambrecht noch einmal abgesenkt wurde. Pistorius folgte auf die als unfähig und überforderte Lambrecht, die deutlich zeigte, dass sie nur eine Quotenanstellung war und mit Verteidigung wenig am Hut hatte. Sie wurde eine der Lieblingsziele für die Medienhäme.
Dann kam Pistorius, eigentlich auch eine Verlegenheitslösung, weil es in der ersten Reihe niemanden für das Amt gab. Nach Lambrecht ging eine gefühlte Erleichterung durch die Bevölkerung (und spürbar auch durch die Bundeswehr): Endlich mal wieder ein Mann, einer, der selbst auch gedient hat, der kompetent herüberkam und zunächst unaufgeregt seine Arbeit machen wollte. Dazu kam er im Auftreten und Aussehen als der Normalbürger daher, einer, mit dem sich viele identifizieren können, nicht der abgehobene Hauptstadtblasen-Schwätzer.
Scheinriese unter Zwergen
Und siehe da, der Pistorius-Hype war geboren. Aus Mangel an anderen fähigen Ministern war Pistorius neben Faeser, Lauterbach, Baerbock, Habeck, Schulze oder Paus der vermeintliche Riese. Eigentlich war er nur der Einarmige unter Armlosen (Claudio Casula in "Boris der Große"), aber es reichte, dass er von den Medien gehypt wurde und dann auch schnell zum beliebtesten Politiker Deutschlands avancierte.
Dann setzte der Herdentrieb der Bürger beziehungsweise der Umfrageteilnehmer ein: Weil Pistorius in den Umfragen als beliebt und kompetent galt, hielten ihn plötzlich alle dafür. Zwar waren seine Leistungen bescheiden, aber er leistete sich keine Skandale oder Peinlichkeiten, und das reichte im Kabinett Scholz schon für den ersten Platz aus, zumal Verteidigungsminister zur Zeit des Ukrainekrieges ein Selbstläufer war: Er konnte mehr Unterstützung und mehr Waffenlieferungen für die Ukraine fordern und war damit auf der richtigen Seite.
Hypes gab es in der Politik schon viele, und wie jeder Hype enden sie so schnell, wie sie gekommen sind: Martin Schulz, Theodor zu Guttenberg, die Piratenpartei, die Schillpartei, demnächst wohl auch Karl Lauterbach und Sahra Wagenknecht mit ihrem Bündnis. Wird Pistorius nicht Kanzlerkandidat, wird er einem zukünftigen Kabinett, in dem die SPD als zurechtgestutzter Juniorpartner um die wenigen Ämter streiten muss, wohl nicht mehr angehören und schnell wieder vergessen werden.
Wird er Kanzlerkandidat, dann wird die SPD trotzdem bestenfalls ein etwas weniger schlechtes Ergebnis als mit Scholz einfahren, aber trotzdem als Verlierer vom Platz gehen. Sollte Pistorius dann noch mal Minister werden, ist das Medienauge längst auf jemand anderen gerichtet.
Sebastian Biehl, Jahrgang 1974, arbeitet als Nachrichtenredakteur für die Achse des Guten und lebt, nach vielen Jahren im Ausland, seit 2019 mit seiner Familie in Berlin. Vor Kurzem erschien von ihm „Ein Volk sucht seinen Platz. Die Geschichte von Orania und dem Freiheitsstreben der Afrikaaner.“ Dieses kann hier oder hier bestellt werden.
Beitragsbild: Wolfgang Wilde - Niedersächsisches Ministerium für Inneres und Sport, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

In the land of the blind the one-eyed man is king…
So ist das mit den Zwergen, die im winterlichen Abendlicht lange Schatten werfen.
QED. Der Einäugige ist der König unter den Blinden.
Eingeklemmt zwischen heute Journal und Schnulzenfilm, hält den so mancher schlicht gestickte TV Glotzer für den idealen Traumschiffkapitän
##### Pistorius hat gerade im Augenblich auf seine Kanzlerkandidatur verzichtet ##### Allah sei gepriesen ! Who`s Next ?? Traut sich jetzt vielleicht
die „ Schwäbische BeissZange “ ??
Sehr geehrter Herr Biehl,
wenn ich an der Stelle von Pistorius wäre, würde ich meinen Hut bestimmt nicht in den Ring werfen. Die Ampel hat drei Jahre Deutschland platt gemacht und bis Januar hat das noch nicht einmal der deutsche Michel vergessen. Den Kampf kann noch nicht einmal der Hulk gewinnen.
Mfg
Nico Schmidt
Es gab vor allzu geraumer Zeit schon mal einen Obergefreiten, der uns einen Krieg gegen Russland austragen ließ; um es mal höflichst griffig zu formulieren. Ergebnis bekannt. Das war jetzt ein Kurzbeitrag für die geschichtlich Zukurzgekommenen. Schönen Abend !