Das Album mit dem langen Ambient-Intro, den raffinierten Soundeffekten und der außergewöhnlichen Cover-Artwork war meine erste Begegnung mit künstlerischer Avantgarde.
Ich muss zehn oder elf gewesen sein. Ich war zu Besuch bei einem Jungen aus der Nachbarschaft, der drei Jahre älter war als ich und eigentlich mit meinem großen Bruder zur Schule ging. Ich war damals schon sehr musikaffin, weshalb wir uns wahrscheinlich über irgendwelche Bands unterhielten. Das war zu der damaligen Zeit nicht nur ein großes Thema unter Jugendlichen, sondern auch eines, mit dem man als Grünschnabel bei den Größeren punkten konnte.
Allerdings kannte ich bis dahin nur, was im Radio oder Fernsehen lief. Also, die aktuellen Hits. Von daher bestand für mich die gesamte Popmusik aus dreiminütigen Songs, die zum Ziel hatten, ein Hit zu werden und in Radio und TV gespielt zu werden. Ich saß also bei diesem drei Jahre älteren Nachbarsjungen im Zimmer, als er feierlich eine Langspielplatte auflegte und sagte: „Hör dir das mal an!“
Ich weiß noch genau, wie verblüfft ich war, dass minutenlang praktisch nichts (oder nicht viel) passierte. Gleichwohl gaben mir diese schwebenden Klänge das Gefühl, wie ein Vogel über eine idyllische Landschaft zu fliegen. Was ist das denn? Ist das überhaupt Musik? Ich meine, wozu sollte denn jemand so etwas machen, das nicht im Radio gespielt wird und mit dem man nicht in die Charts kommen kann?
Hommage an Syd Barrett
Nach einer gefühlten Ewigkeit kam wie aus dem Nichts das inzwischen legendäre Gitarrenarpeggio, welches dann doch noch den Einsatz von so etwas wie einer Band einläutete, die den abgehobenen Sphären vertrautes Terrain entgegensetzte. Die Rede ist natürlich von „Shine On You Crazy Diamond“, dem Opener von Pink Floyds neuntem Album „Wish You Were Here“, das diesen Monat sein 50-jähriges Jubiläum feiert. Nach einer Weile kam dann auch noch richtiger Gesang dazu. Allerdings erfuhr ich erst sehr viel später, worum sich der Text dreht.
Der Song ist eine Hommage an den Namensgeber, ehemaligen Sänger, Gitarristen und Mastermind von Pink Floyd, Syd Barrett, der Ende der 60er Jahre ein paar Trips zu viel eingeworfen und dann nicht mehr die Kurve gekriegt hatte. Er war der Grundpfeiler, auf den seine Bandkollegen ihre sagenhafte Karriere aufbauen konnten. Im Übrigen ergeben die Anfangsbuchstaben der elementaren Satzglieder des Songtitels, „Shine“, „You“ und „Diamond“, den Namen Syd.
Ein weiterer Albumtrack, der ebenfalls Syd Barrett gewidmet ist, ist das wunderschöne, balladenhafte Titelstück „Wish You Were Here“. Immer wieder toll auch das Intro zu dem Song, bei dem nach einer Sendersuche plötzlich eine Gitarre aus einem Radio ertönt, zu der dann ein Gitarrist, der im selben Zimmer wie der Hörer zu sitzen scheint, ein Solo spielt. Super gemacht! Auf die Idee muss man erst mal kommen.
Gespenstische Szene
Nach Erzählungen der Band sei während der Aufnahmen plötzlich eine seltsame Gestalt im Kontrollraum des Studios aufgetaucht. Im ersten Moment wussten sie gar nicht, um wen es sich bei dem aufgedunsenen, glatzköpfigen Fremden mit den rasierten Augenbrauen handelte. Erst nach und nach wurde ihnen klar, dass ihnen nach Jahren der Funkstille ihr ehemaliger Bandleader Syd Barrett einen Besuch abgestattet hatte.
Die Bandmitglieder waren von dieser gespenstischen Szene regelrecht schockiert. Aber vielleicht hatte sie auch etwas Gutes, indem sie die Vier einander wieder etwas näherbrachte. Denn die Aufnahmen zu „Wish You Were Here“ standen unter einem denkbar schlechten Stern. Trotz – oder gerade wegen – des großen Erfolgs des Vorgängers „The Dark Side of the Moon“ hatte sich der Richtungsstreit innerhalb der Band immer weiter verschärft und drohte sie auseinanderzureißen.
Dazu kam eine tiefgehende Enttäuschung, ja geradezu ein Ekel vor den Machenschaften des Showgeschäfts. Davon handeln die beiden anderen Albumtracks „Welcome to the Machine“ und „Have a Cigar“, in denen es um die Machtbesessenheit und Profitgier der Plattenbosse geht. In letzterem kommt mit der Zeile „Oh, by the way, which one's Pink?“ („Oh, übrigens, wer von euch ist Pink?“), erstmals der Charakter ins Spiel, der zur Hauptfigur des Konzeptalbums „The Wall“ von 1979 werden sollte.
„Sie verbrennen dich!“
Weil weder Roger Waters noch David Gilmour die Leadstimme zu „Have a Cigar“ hinbekommen hatten, holten sie den befreundeten Musikerkollegen Roy Harper zu Hilfe, der zufällig auch gerade in den EMI Studios an der Abbey Road Aufnahmen machte. Seine schmierige Interpretation transportierte die Message des Textes perfekt: „And did we tell you the name of the game, boy? We call it riding the gravy train.“ („Und haben wir dir gesagt, wie das Spiel heißt, Junge? Wir nennen es den Goldesel reiten.“).
Die verbitterte Kritik am Musikbusiness sollte sich auch im Albumcover widerspiegeln, das von der legendären Londoner Grafikdesign-Agentur Hipgnosis gestaltet wurde. Die Idee zu dem Cover hatte Hipgnosis-Gründer Storm Thorgerson, der Waters Abneigung gegen die Musikindustrie aus erster Hand kannte. „Sie verbrennen dich!“, hatte Waters zu Thorgerson einmal gesagt, woraufhin ihm das Bild mit dem brennenden Mann in den Sinn kam.
Aubrey „Po“ Powell, Mitgründer und Co-Chef von Hipgnosis, der das Cover-Foto geschossen hat, erzählt in der sehenswerten Doku „Squaring The Circle“, dass es damals ja noch keine digitale Bildbearbeitung gab und man den Mann wirklich anzünden musste. Der Wahnsinnige, der sich dafür hergab, war der Hollywood-Stuntman Ronnie Rondell, der sich auf den Einsatz bei Filmszenen mit Feuer spezialisiert hatte. Die Fotosession fand dann auch auf dem Gelände der Warner Bros. Studios in Burbank nahe Los Angeles statt.
Ungeplanter Quantensprung
Powell erinnert sich, dass Rondell schon bald keine Lust mehr hatte. Die Aktion war ja auch nicht ganz ungefährlich. Unter dem Anzug und der Perücke musste er feuerfeste Kleidung tragen und sein Gesicht mit einer speziellen Paste einschmieren. Da der Wind ungünstig blies, hatten die Flammen trotzdem schon seinen Bart angesengt. Schließlich überredete ihn Powell noch zu einer letzten Aufnahme, die dann auch für das Cover verwendet wurde; zumindest für die europäische Ausgabe des Harvest-Labels (Columbia wählte für die amerikanische Version ein alternatives Foto).
Im Rückblick war „Wish You Were Here“ meine erste Begegnung mit avantgardistischer Kunst. Vielleicht auch deshalb, und weil dieses Hörerlebnis bei mir einen so tiefen Eindruck hinterlassen hat, ist es mein Lieblingsalbum von Pink Floyd. Gegenüber dem Vorgänger „The Dark Side of the Moon“, den man als konsequente Weiterentwicklung ihrer vorherigen Alben betrachten kann, stellt „Wish You Were Here“ einen regelrechten Quantensprung in der Entwicklung der Band dar.
Das lange Ambient-Intro und die sensationellen Soundeffekte hatte man von Pink Floyd in dieser Raffinesse und Qualität noch nicht gehört. Und offenbar ist „Wish You Were Here“ auch eines dieser Alben, das quasi aus Versehen, zu einem, wenn nicht dem besten Album der Band geworden ist. Toningenieur Brian Humphries berichtete in einem Interview, dass die Musiker anfangs völlig planlos im Studio herumsaßen, quatschten, Darts spielten und sich betranken, bis schließlich mit einem Mal alles wie von selbst ging.
Im Mainstream gelandet
Trotz allem wurde das Album nach seiner Veröffentlichung sehr kontrovers aufgenommen. Einige Kritiker verrissen es als einfallslos und warfen der Band einen Mangel an aufrichtigem Mitgefühl für ihren ehemaligen Bandmate Syd Barrett vor. Gleichsam wurde es zu einem großen Verkaufserfolg und erreichte den ersten Platz der britischen und US-amerikanischen Albumcharts. Allmählich stieg „Wish You Were Here“ dann auch in der Kritikergunst und gilt heute nicht nur als eines der besten Alben der Band, sondern auch als Klassiker der progressiven Rockmusik.
Die nächste Floyd-Scheibe erschien 1977 und sollte das erste Konzeptalbum meiner Plattensammlung werden. In den drei zentralen Stücken von „Animals“ beschreibt Waters verschiedene Menschentypen anhand von Tiercharakteren, in denen sich nicht zuletzt auch seine kulturpessimistische und misanthropische Weltanschauung ausdrückt. Zudem präsentierten sich die vier Engländer auf dem Album überraschend rockig, was angeblich der aufkommenden Punk-Bewegung geschuldet war.
Der ganz große Durchbruch gelang Pink Floyd schließlich 1979 mit der Hit-Single „Another Brick in the Wall“, die in allen relevanten Charts auf Platz 1 kam. Mich persönlich irritierte daran jedoch dieser ominöse Disco-Beat, der überhaupt nicht zu dem Bild passte, das ich von dieser außergewöhnlichen Band hatte, und den ich als Anbiederung an den Massengeschmack empfand. Nichtsdestoweniger sind sie durch das Album und den Film „The Wall“ zu einer der größten Bands aller Zeiten geworden; aber auch zu einem Teil des Mainstreams, dem sie nie angehören wollten.
Hans Scheuerlein verarbeitet auf der Achse des Guten seit 2021 sein Erschrecken über die Tatsache, dass viele der Schallplatten, die den Soundtrack seines Lebens prägten, inzwischen ein halbes Jahrhundert alt geworden sind.
Beitragsbild: Pink Floyd - Album Art Exchange, Fair use, via Wikimedia Commons
