Philosophen auf dem Laufsteg

Bereits zum 10. Mal fand das philosophische Festival „Phil Cologne“ statt. Star-Intellektuelle wie Peter Sloterdijk und Svenja Flaßpöhler sprachen ebenso wie ein Angstforscher und ein Extremschwimmer.

Bereits zum zehnten Mal versammelte sich auf der phil.cologne, was Rang und Namen in der öffentlichkeitswirksamen Intellektuellenszene hat. Von Peter Sloterdijk über Svenja Flaßpöhler bis hin zu Harald Welzer. Grund genug, vom 8. bis zum 14. Juni einen Fuß in die Stadt der Jecken zu setzen und sich selbst ein Bild vom „Internationalen Festival der Philosophie“ zu machen.

Moment. War auch wirklich drin, was drauf steht? Um es in trendig verpackten Wohlfühlworten zu formulieren: Was sagt der „Faktencheck“ zur Internationalität? Erstens: Drei von insgesamt 28 Veranstaltungen fanden auf Englisch statt, „Woke racism“, „Freiheit für alle!“ und „Männlich, weiblich, trans?“. Und zweitens: Einige der Diskutanten trugen keine deutschen Namen. Internationales Flair möchte da nicht wirklich aufkommen. Muss es aber auch nicht. Qualität hängt in erster Linie nicht von Internationalität ab.

Das zeigte etwa das Gespräch zum Thema „Ab jetzt nur noch Krise?“. Hierzu lud Jürgen Wiebicke den Philosophen und Publizisten Wolfram Eilenberger sowie die Psychologin Birgit Langebartels ein. Unideologisch begaben sie sich in die Arena der wissenschaftsjournalistischen Diskussion. Erfreulicherweise. Heutzutage stellt ein nicht feindlich gesinnter und aggressiver Diskussionsstil keine Selbstverständlichkeit mehr dar.

„Generationelle Melancholie“

So beleuchtete Eilenberger selbstkritisch die „Planschbeckenexistenz“ seiner Generation, der um die 50-Jährigen im Westen. Einer Generation, die keine wirklichen existentiellen Sorgen und Konfrontationen kannte. Erst peu à peu entwickelte sich bei ihr ein Bewusstsein für das Privileg, einen ausschweifenden und gedankenlosen Lebensstil führen zu dürfen. Diese endgültige Erkenntnis kam jedoch erst im Zuge der Coronapandemie.

Denn Krisen, oder wie es die Philosophen der 1920er Jahre nannten, „Grenzsituationen“, ermöglichten es, Sprünge in der individuellen Entwicklung zu machen. Das gelte sowohl auf individueller wie auch auf gesellschaftlicher Ebene. Das neu erwachte Selbstverständnis der Ukraine zum Beispiel zeige das deutlich. Erst Russlands Überfall in die Ukraine entfachte das Feuer des ukrainischen Nationalstolzes.

Auf individueller Ebene, im Falle der Generation X, gäbe es aber noch einen Nebeneffekt: Die Bewusstwerdung über das eigene Fehlverhalten im privaten und öffentlichen Handeln. Eilenberger spricht auch von einer „generationellen Melancholie“. Die Traurigkeit über das eigene Fehlverhalten der Vergangenheit – und das Wissen, die eigenen Fehler der Vergangenheit nicht ungeschehen machen zu können.

Zwischen Ohnmachtsgefühlen und Allmachtsfantasien

Diese soziologisch-philosophischen Analysen erweiterte Langebartels durch ihre psychologische Expertise. Der Einzelne müsse lernen zu akzeptieren, dass er nicht alles beeinflussen könne. Distanzierung und Demut seien hier die Stichworte. Deswegen sei es wichtig, dass der Einzelne lerne eine „richtige“ Balance zwischen Ohnmachtsgefühlen und Allmachtsfantasien zu finden. Manches entziehe sich seiner Kontrolle, manches wiederum stehe in seiner Macht. Wer das verstanden hätte, lebte zufriedener, weil realistisch blickend auf das Leben.

Wie man zu dieser Zufriedenheit gelangt, oder zumindest angstfrei durch die Welt gehen kann, war wiederum Thema einer anderen Veranstaltung, „Heraus aus der Angst“. Ralph Erdenberger diskutierte hierzu mit Borwin Bandelow, Angstforscher, und André Wiersig, Extremschwimmer. Letzterer brachte es direkt auf den Punkt. Angstfrei lebe derjenige, der sich über seine Stärken und Schwächen bewusst sei, sich selbst vertraue, und Vertrauen in seine Umwelt habe. Pointiert fasste Erdenberger diesen Gedankengang mit vier Stichworten zusammen: „Ehrfurcht, gesunder Fatalismus, Geduld und Humor“.

Bandelow ergänzte treffenderweise: „Die Lage ist hoffnungslos, aber nicht ernst“ und „Die Lage ist ernst, aber nicht hoffnungslos“. Wenn sich diese Einstellung zum Leben einige mehr zu Herzen nehmen würden, hätten wir vermutlich weniger „Vorfälle“ mit Messern und in die Menge fahrenden Autos, wie es jüngst der Fall war.

Grundsätzlich bot die phil.cologne ein breites Potpourri unterschiedlicher Diskussionen, die sich mit aktuellen gesellschaftlichen Themen auseinandersetzte. Mal mehr, mal weniger glückte dieser Versuch. Nichtsdestotrotz konnte der Philosophie interessierte Laie aus jeder Veranstaltung etwas für sich mitnehmen. Sei es Gedankenanstöße, Erlebnisberichte oder wissenschaftliche Fakten. Mal schauen, was die nächste phil.cologne zu bieten hat.

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Gerhard Keller / 16.06.2022

@Andreas Roller: Schön, wie Sie kurz und klar die tatsächliche Situation beschreiben. Und ich - schon etwas älter - sehe es wie viele andere auch als angenehme Aufgabe, für die jungen Leute die Errungenschaften zu sichern und ihnen eine schöne Zukunft zu ermöglichen. Die Konfrontation zwischen Jungen und Alten, die jetzt wegen Corona und Klimawandel demagogisch in die Welt gesetzt wird, gibt es nicht. Wenn das Philosophie sein soll, was uns hier vorgesetzt wird, hat sie einen lächerlichen Tiefpunkt erreicht.

Werner Arning / 16.06.2022

Ob Eingeladene der Phil.cologne oder überhaupt ein Philosoph eine Antwort auf die Frage „Angstfrei leben“ geben kann? Nein. Es ist nicht „Aufgabe“ des Lebens, angstfrei zu sein. Es ist nicht „Aufgabe“ des Lebens, sorgenfrei zu sein. Es ist nicht „Aufgabe“ des Lebens, gewaltfrei zu sein. Es ist nicht „Aufgabe“ des Lebens, gerecht zu sein. Es ist nicht „Aufgabe“ des Lebens, schön zu sein, Es ist „Aufgabe“ des Lebens, Angst zu erzeugen. Es ist „Aufgabe“ des Lebens Ungerechtigkeit zu erzeugen. Es ist „Aufgabe“ des Lebens „Ungleichheit“ zu erzeugen. Es gehört zu den „Aufgaben“ des Lebens Fragen zu erzeugen. Nicht das weltliche Leben ist das Ziel. Wie könnte es das, ob seiner Endlichkeit, auch sein? Die Philosophen des weltlichen Lebens geraten an Grenzen. Sie mögen sich bemühen. Ihr Bemühen ist rührend und solange es Gott außer Acht lässt, sinnlos.

Dr. med. Jesko Matthes / 16.06.2022

Planschbeckenexistenz? Wenn die Definition der Generation X (“Golf”) die offiziöse ist, also Jahrgänge 1965 bis 1980, dann fühle ich mich davon angeplanscht mit streng riechender, gelblicher Flüssigkeit. Und warum diese Jahrgänge “im Westen”? War offenbar besser, im Blauhemd zu marschieren und Erich auf der Tribüne zuzuwimpeln oder im VEB Kombinat Pentacon abzukeimen, weil gerade kein Material kam, und Urlaub in Prora oder am Balaton zu machen zu müssen, als sich von dem bei VW am Fließband erarbeiteten Zaster eine Datsche an der Costa del Sol zu bauen, oder was? - Bitteren Scherz und polemischen Zynismus über Chancengleichheit auf dem westöstlichen Diwan beiseite: Es gibt nur wenige Leute, die sich von Philosophen erklären lassen müssen, wie man arbeitet und Spaß hat. Das lasse ich mir lieber von Leuten erzählen, die arbeiten und Spaß haben, und nicht von Akademikern, die sich einen vom Elfenbeinturm runterholen und in der vorlesungfreien Zeit (vulgo: Semesterferien) in die Karibik fliegen. Zum Planschen.

Gerhard Keller / 16.06.2022

Krieg ist natürlich das größte Problem auf der Welt; Friede und Entspannung das größte Kapital. Bis es mit der Klimaschutzpolitik losging mit ihren irrsinnigen Billionenprojekten schon für unsere 1,3 Prozent der weltweiten Treibhausgasemissionen, ging es mit Deutschland stetig bergauf, auch mit der Umwelt - unterbrochen nur durch eine leichte Rezessionen ungefähr alle 10 Jahre. Trotzdem wurde schon im Sommer 1969 an Universitäten von den nun maoistisch-stalinistischen Gruppen der “Kampf gegen den ständig sinkenden Lebensstandard” ausgerufen - nachdem kurz zuvor noch der “Kampf gegen den Konsumterror” angesagt war. Peter Sloterdijk hat die Stimmung des folgenden Jahrzehnts, die in leichten Variationen bis heute anhält, einmal so beschrieben: “Es hat noch nie so viele gut versorgte Leute in Abbruchstimmung gegeben.” Bald danach ist er leider in Rente gegangen.  Deborah Ryszka fängt gleich mit der Rente an.

maciste rufus / 16.06.2022

maciste grüßt euch. ein kamerad pflegte immer zu sagen: “die lage ist hoffnungslos, aber in keiner weise ernstzunehmen.” die menschheit wird irgendwann von der platte geräumt wie die dinosaurier, nur werden wir nicht so imposante knochen hinterlassen… battle on.

Andreas Roller / 16.06.2022

“„Planschbeckenexistenz“ seiner Generation, der um die 50-Jährigen im Westen. Einer Generation, die keine wirklichen existentiellen Sorgen und Konfrontationen kannte. Erst peu à peu entwickelte sich bei ihr ein Bewusstsein für das Privileg, einen ausschweifenden und gedankenlosen Lebensstil führen zu dürfen.” Löblich, daß Herr Eilenberger das so “selbstkritisch” sieht. Offenbar hat er einen ausschweifenden und gedankenlosen Lebensstil geführt. Das trifft nun aber, zumindest nicht für mich und so weit ich das überblicken kann auch nicht auf die meisten anderen Leute meiner Generation in meinem Umfeld zu. Gedankenlos waren wir gar nicht, im Gegenteil. Recht früh schon, als junge Erwachsene erkannten wir in meinem Freundeskreis, welches Glück es ist in dieser Zeit in einem der reichsten Länder der Welt aufzuwachsen und daß unsere vielfältigen Möglichkeiten keineswegs selbstverständlich sind. Und wir erkannten auch, daß das alles einen Preis hat, von den Generationen vor uns erschaffen und erkämpft wurde. Ebenso war, gerade auch in unserer Generation die Erhaltung der Ressourcen, der Natur und nicht zuletzt unserer Wettbewerbsfähigkeit wichtige Themen. Wir reagierten auf diese Erkenntnis mit Dankbarkeit und liebten Deutschland (trotz allem was nicht in Ordnung war). Meine persönliche These ist, daß dazu einfach etwas Bildung, insbesondere geschichtliches Wissen, eine einigermaßen gute Erziehung und ein solides Wertesystem nötig ist um seine eigene Situation in Zeit und Gesellschaft einigermassen einzuschätzen. Ja, rückblickend waren wir wirklich die erste Generation, die ein krisenloses und angenehmes Laben hatte. Aber für diese Erkenntnis brauchte ich nicht erst die “Coronapandemie”

Jörg Themlitz / 16.06.2022

@Hans Meier, Dazu das passende Zitat: “Nicht das Erreichte zählt, sondern das Erzählte reicht.”

Hans Reinhardt / 16.06.2022

Star-Intellektuelle? Ist das sowas wie Chef-Virologen? Was es nicht alles gibt…..

Hans Meier / 16.06.2022

Um mal zur „Basis und den Tatsachen“ zurückzufinden, ich halte „alle diese weichwissenschaftlichen Schwätzer“ die sich da gegenseitige als Philosophen das Image polieren, „für Flüchtige die weder einem Handwerk noch einer praktischen Meisterschaft in kunsthandwerklichen Dingen, oder Reaparaturen von Alltagstechnik“ eine „Fähigkeit zu Bewältigung von Krisen, mittels Intelligenz und motorischem Geschick“ nachkommen können. Der Kluge und der Künstler, schwadronieren nich, „sie präsentieren ihre Werke“, die im Auge der Betrachter Freude, Entsetzen oder das Gefühl von „Ver@rschung“ verursachen. Wenn ich „schon Harald Welzer“ lese, leuchten alle Dioden, die „vor eitlen Idioten warnen“, denen „laufend der Kamm schwillt, bis sie dann gockeln ohne sich selbst“ mangels IQ relativieren zu können. Das „Klassentreffen der Liga der Tagediebe und im Wegstehenden“, sollt besser in „Steinbrüche verlegt werden“ wo mit Werkzeugen geübt werden kann“, um viele so epische, materielle gewichtige Blöcke, „freizulegen, die sich als Grundsteine eignen“.

Thorsten Gutmann / 16.06.2022

Das macht mir wieder Mut, und ich hatte doch tatsächlich schon gedacht, die Lage sei hoffnungslos ernst.

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