Mit meiner Zeit bei den Sankt-Georgs-Pfadfindern verbinde ich einen ganz bestimmten Geruch, eine Melange aus Putzmittel, den Ausdünstungen nachlässig gewaschener Körper, Toilettenmief und einer Spur Weihrauch. Es ist das Aroma katholischer Pfarrheime und konfessionell ausgerichteter Jugendbildungsstätten in der hessischen „Pampa“. In solchen Einrichtungen trafen wir uns regelmäßig, um unsere wöchentlichen Gruppentreffen abzuhalten oder übers Wochenende an irgendwelchen Seminaren teilzunehmen, wo man mit klobigen Edding-Markern unter Anleitung pädagogisch versierter Fachkräfte ambitionierte Konzepte aufs Flipchart krakelte, die jedoch meist nur ansatzweise zur Ausführung kamen.
Denn schönste an diesen Sitzungen waren immer die bunten Abende, wo wir eine Form der Unterhaltung betrieben, die man mittlerweile als hochgradig inkorrekt bezeichnen würde. Aus heutiger Sicht kann sogar das Bekenntnis der Sankt-Georgs-Pfadfinder (DPSG) zur katholischen Kirche als inkorrekt gelten. Doch ich versichere, nur gute Erfahrungen mit dieser Institution gemacht zu haben. Mir ist kein übergriffiger Geistlicher begegnet, im Gegenteil: Ich fand in unserem Kuraten, einem kroatischen Franziskanerpater, immer einen uns in väterlicher Freundschaft zugewandten, glaubwürdigen und charismatischen Priester, mit dem wir viele schöne Feldgottesdienste feierten, die ich in späteren Jahren mit der einen oder anderen ökologisch motivierten Laienpredigt bereichern durfte.
Die pädagogischen Seminare und wöchentlichen Gruppentreffen im Pfarrzentrum waren eher Pflichtübungen unseres Pfadfinderlebens. Die Kür, das waren die kleineren und größeren Fahrten und Zeltlager, entweder irgendwo in der Nähe unseres Heimatortes oder in Nachbarländern wie Frankreich, Italien und Dänemark. Darunter eine halsbrecherische Floßfahrt auf einem Hochwasser führenden Fluss in Zentralfrankreich. Wir praktizierten das, was heute naturferne, grün wählende Städter gerne im Munde führen, aber eigentlich nicht mehr kennen: Nähe und Liebe zur Natur, auch wenn sie einem zuweilen Unannehmlichkeiten bereitete in Form von Kälte, Nässe, Insekten und allerlei unkalkulierbaren Ereignissen. In Zeiten elterlicher Totalüberwachung mittels Handys und Tracking-Apps wäre das wohl nicht mehr denkbar.
Man arbeitet pflichtschuldig die eigene Vergangenheit auf
Natürlich war unser Pfadfinderleben nicht immer spektakulär oder gar potentiell lebensgefährlich wie unser Floßabenteuer. Die Regel waren sogenannte Sommerlager, die in Regen und Matsch versanken, Winterlager ohne Schnee und Nachtwanderungen, die nur den Jüngsten, Wölflinge genannt, Angst einjagten. An ernsthafteren körperlichen Auseinandersetzungen unter uns Jungmännern, zu denen sich später auch ein paar Mädchen gesellten, kann ich mich nicht erinnern. Es ging doch insgesamt sehr gesittet und bürgerlich zu im Pfadfinderstamm „Normannen“ zu Eltville am Rhein, trotz des martialischen Namens. Wir waren schließlich nicht die Kolpingjugend oder der Fußballverein.
Als DPSGler verfügten wir über ein nicht unbeträchtliches Elitenbewusstsein. Das schweißte uns zusammen. Die Herkunft der Pfadfinderei aus der Sphäre des Militärischen, gegründet von einem wohl etwas dünkelhaften britischen Offizier, ist unverkennbar, ablesbar vor allem an der Kluft genannten Uniform, aber eben auch an einem gewissen Standesbewusstsein. Das muss nichts Schlechtes sein, auch wenn in einer so egalitären Gesellschaft wie der unsrigen alles, was den Kopf ein wenig aus der Masse hervorstreckt, umgehend als elitär und unsolidarisch gebrandmarkt wird.
Für mich war es eine unvergessene Zeit und an diesen Erfahrungen, die mein Leben bis heute bereichern, ändert auch die Tatsache nichts, dass die Pfadfinderei längst im woken Mainstream angekommen sind. Brav hat man sich erst vergangenes Jahr in „Deutsche Pfadfinder*innenschaft Sankt Georg“ umbenannt, man hisst die Regenbogenfahne neben der Flagge mit Georgskreuz und Pfadfinderlilie und arbeitet pflichtschuldig die eigene Vergangenheit auf.
„Nicht körperliche sexualisierte Gewalt“
Diesmal geht es nicht um die Nazi-Vergangenheit, denn glücklicherweise wurden die meisten deutschen Pfadfinderbünde schon kurz nach der „Machtergreifung“ verboten, sondern um Missbrauchsfälle, vulgo „sexualisierte und spirituelle Gewalt“, ein schwammiger Begriff, mit dem man trefflich andere Menschen diskreditieren und alte Rechnungen begleichen kann.
Eine „Studie“, basierend auf Befragungen und Archivmaterial, kam zu dem Ergebnis, dass der Verband „durchsetzt sei von sexualisierter Gewalt“. Die Täter seien überwiegend männliche Leiter, die ihre Vertrauens- und Machtposition ausgenutzt hätten. Daneben gebe es auch sexualisierte Gewalt, die von gleichaltrigen Jugendlichen ausgehe. Konkrete Zahlen wurden nicht präsentiert, nur das Ergebnis einer Befragung von 400 Pfadfindern, von denen 56 Prozent angegeben hätten, selbst bereits „nicht körperliche sexualisierte Gewalt“ erlebt zu haben, als da sind „Beleidigungen, Gesten, anzügliche Nachrichten“.
Etwas konkreter wurde eine ähnliche Untersuchung, die der Verband Christlicher Pfadfinderinnen und Pfadfinder (VCP), das evangelische Pendant zur DPSG, in Auftrag gegeben hatte. Demzufolge sei seit 1973 „mindestens 344 Personen im Verantwortungsbereich des VCP sexualisierte Gewalt widerfahren. In mehr als einem Drittel der Fälle gingen die „Forschenden“ sogar von Vergewaltigungen aus.
Ich muss nicht betonen, dass jeder Falle einer zu viel sein kann, doch 344 Vorkommnisse in einem Zeitraum von einem halben Jahrhundert machen sich doch recht überschaubar aus. Natürlich wird immer wieder eine „Dunkelziffer“ reklamiert. Doch Dunkelziffern haben es an sich, dass niemand weiß, wie hoch sie sind. Oft scheinen sie wohl nur den Zweck zu erfüllen, ein Problem größer erscheinen zu lassen, als es ist.
Wie weit einschlägige Tatbestände („Mikroaggression“) noch ausweiten?
Auch wenn es sich zugegebenermaßen nur um anekdotische Evidenz handelt: Ich selbst kann mich an keinerlei „Übergriffe“ erinnern, weder verbal noch non-verbal, dabei waren wir doch, zumindest von einem gewissen Zeitpunkt an, alle brünftige, mit Testosteron vollgepumpte Halbstarke. Doktorspielchen im Zelt? Fehlanzeige. Irgendwelche sexualisierte Mutproben, wie sie in einer der Studien angeprangert werden, kannten wir auch nicht. Dabei mangelte es ab einem gewissen Zeitpunkt gewiss nicht mehr an Mädchen in unseren Reihen, ob zu Hause oder auf großer Fahrt. Alles in allem, so scheint mir rückblickend, waren wir sogar ziemlich prüde.
Vielleicht schafft ja erst das andauernde Missbrauchsgerede den Nährboden für solche Übergriffe? Darüber sollte man einmal nachdenken, wie auch darüber, wie weit man den Katalog einschlägige Tatbestände („Mikroaggression“) noch ausweiten kann, will man nicht Gefahr laufen, dass der Kontakt zwischen den Geschlechtern völlig zum Erliegen kommt. Auf jeden Fall wird den einschlägigen Forschungsinstituten die Arbeit nicht ausgehen. Um sexualisierte Gewalt in Zukunft einzudämmen, sei „ein tiefgreifender Umbau der Verbandsstrukturen nötig“, heißt es in der DPSG-Studie. In diesen Prozess müssten Betroffene einbezogen werden, und er müsse von einem „externen Gremium begleitet“ werden.
Wäre doch schade, wenn Pfadfinder künftig nur noch in miefigen Gruppenräumen unter den supervisionären Blicken dickrandig bebrillter Missbrauchsbeauftragter herumsitzen müssen, als sich die den wilden Wind des Lebens um die Ohren wehen zu lassen.

Ist ja schön, dass der Autor nie Übergriffe erlebt oder gesehen hat, aber das ist bestenfalls anekdotisch relevant. Ich habe auch gute Erinnerungen an katholische Jugendfreizeiten, das besagt jedoch nichts im Hinblick darauf, dass sich Geistliche zweifellos an Kindern und Jugendlichen vergangen haben und Kindesmissbrauch ein ernsthaftes Problem in der Kirche ist (übrigens nicht nur in der katholischen) und war. Viele Opfer können übrigens bei Befragungen gar nicht mehr aussagen, weil sie sich umgebracht haben (ich denke an mehrere Suizide von Opfern von Übergriffen im Kloster Ettal, wo sich mehrere längst erwachsene Männer, die als Kind Opfer waren, umgebracht haben). Aus meiner Sicht ist der Artikel absolut haarsträubend („Vielleicht schafft ja erst das andauernde Missbrauchsgerede den Nährboden für solche Übergriffe?“), der Autor sollte sich m.M. nach vielleicht mal intensiver mit der einschlägigen Fachliteratur zum Thema Gewalt beschäftigen und mal selbst mit Opfern sprechen. Ich habe die Artikel von Herrn Etscheit zu anderen Themen immer geschätzt, aber hier kann man nur sagen: Si tacuisses. Warum die Redaktion den Artikel durchgewunken hat, bleibt ebenfalls rätselhaft. In Zeiten der Epstein-Files dachte ich, wir seien alle etwas kompetenter mittlerweile beim Umgang mit der Thematik.
Ich wollte als Jugendlicher so gerne zu den Pfadfindern. Meine Vater war strikt dagegen. Heute weiß ich warum. Pädophiles Vorfeld. Damals dachte ich, er wollte mir den den Spaß verderben. Heute weiß ich, er wollte mich schützen und konnte/wollte seine wahren Gründe mit mir nicht teilen. Er ist schon sehr lange tot. Also an dieser Stelle: Danke. Er wusste, daß sich der pädophile Abschaum gerne als Kinderfreund tarnt. War mir erst während des Zivildienstes klar. Wie meine Betreuerin sagt, als ich sagte, ich mach hier Alles aber kein Baden, Windelwechsel… „Ganz ruhig. War ein Test. Männer die sich darum reißen, sind verdächtig. Natürlich nicht jeder Kinderfreund. Ist klar. Wie hieß nochmal dieses Nobelinternat, das sich als Pädosumpf entpuppte.