Pessach: Fest der Freiheit unter Quarantäne

Was gibt es noch zu sagen, was nicht schon gesagt wurde?

Es ist überraschend und ziemlich merkwürdig, dass wir so völlig unvorbereitet sind, zumindest psychologisch, auf etwas, das dem größten Teil der Menschheit schon immer sehr vertraut war.

Die bekannte Welt wurde in der Vergangenheit schon viele Male von Seuchen heimgesucht, zumindest seit dem 6. Jahrhundert und auf allen Kontinenten. Die Beulenpest, Pocken, Grippe, Cholera – alles wurde immer wieder von Armeen, Forschern und Händlern eingeschleppt. Die Cholera hat mindestens sieben Mal zugeschlagen und wurde 2010 von UN-Friedenstruppen nach Haiti gebracht, das gerade von einem Erdbeben verwüstet worden war.

Womöglich haben die meisten von uns die Geschichte nie studiert, oder wir dachten, dass unserem Zeitalter Pandemien nicht mehr entsprechen. Nun wissen wir es besser, und wir dürfen es nie wieder vergessen.

Diese Seuche ist wie 9/11, Tag für Tag. 

Psychologisch derart unvorbereitet zu sein ist für Juden jedoch durchaus seltsam. Unsere DNA ist so kodiert, dass wir das Schlimmste erwarten können, sie ist darauf geeicht, überall „Unterdrücker“ zu sehen (und dort sind sie dann auch vielfach, stets leicht zu finden). Wir sind daran gewöhnt zu verstehen, dass wir, sofern wir Glück haben, fliehen dürfen und all unsere irdischen Besitztümer zurücklassen.

Allerdings treten wir in die Passahzeit ein, eine Zeit, in der Seuchen unserer Freiheit vorausgingen. Haben wir gedacht, dass sie nie wieder hereinbrechen würden, weder Juden noch Nichtjuden?

Der Todesengel kommt vorbei 

In der Passahgeschichte wird gefeiert, dass Gott uns aus der Sklaverei befreit und uns vor einer echten Plage gerettet hat, nicht vor einer metaphorischen. Werden Ärzte, Wissenschaftler und Regierungschefs nun die Welt retten, mit G-ttes Hilfe? Und wenn nicht, wer wird es dann tun?

Dieses Jahr – alleine und doch miteinander – erfahren wir alle vielleicht einen authentischeren Sederabend („more authentic Sedarim“) als jemals zuvor. Warum? Weil die jüdischen Sklaven in ihren Häusern unter Quarantäne gestellt wurden, als der Todesengel über jeden Haushalt mit blutbeschmiertem Türsturz „hinwegging“, und so seine Mission erfüllte, jedes Erstgeborene, sowohl Mensch als auch Tier, zu töten. Niemand konnte diese Häuser betreten oder verlassen. Die Verzehrung des „Pessachlamms“ (pascal lamb) wurde nur von denjenigen vorgenommen, die sich dazu bereits „angemeldet“ hatten.

Der nächste Gedanke wurde im Internet schon vielfach geteilt: Dass dies das erste Pessach sein könnte, das tatsächlich von einer Pest verhindert wurde. Doch wirklich wahr ist das nicht. Wir alle gehen mit dem Sederabend vorwärts, einige allein, einige nur mit den Angehörigen ihres Haushalts, und viele über Zoom, FaceTime oder Skype.

Lasst uns an diesem Passahfest unsere Vorfahren ehren, die „wandernden Aramäer“, und lasst uns natürlich Gott preisen.

Aber lasst uns auch die außergewöhnlichen Ärzte, Krankenschwestern, Apotheker, Sanitäter, Feuerwehr- und Polizeibeamten und Krankenwagenfahrer loben, die dem Leben dienen, selbst wenn sie ihr eigenes dabei riskieren; die uns alle retten, genau wie die ägyptischen Hebammen Schifra und Pua, Moses' Schwester Miriam und die Tochter des Pharaos, Bat-ya, als sie das im Schilf weinende jüdische Baby rettete und adoptierte – wie auch Gott uns mit der Trennung des Roten Meeres rettete.

Menschliche Akte lebensrettender Freundlichkeit sind heldenhaft, und alle können sie uns der vollendeten Erlösung näherbringen.

Lasst uns beten, dass wir alle, sowohl Juden als auch Nichtjuden, „übergangen“ und nicht dem Tod preisgegeben werden.

Foto: Phyllis Chesler

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Leserpost

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Werner Arning / 17.04.2020

Die entscheidende Hilfe kommt nicht selten von völlig unerwarteter Seite. Wie hier von der Tochter des Pharao. Oft ist dieses dem Helfer nicht einmal bewusst. Und doch hat er seine Aufgabe erfüllt. Ob er wollte oder nicht.

Johannes Schuster / 17.04.2020

@Frances Johnson: Das mit dem Judentum und dem Christentum als sein Folger ist so eine Sache wie das Vater unser und das Kaddisch. Von Ewigkeit zu Ewigkeit der Ewigkeiten. mit den Elementen des Kaddisch beginnt jede römisch - katholische Floskel und der Appellativ an die Gemeinde. Und wenn ich rekonstruieren will, wie die Feiern im Tempel Davids wohl ausgesehen haben mögen, glaube ich, daß man in der russisch - griechisch orthodoxen Kirche ein gutes Abbild davon bekommt. Jedenfalls werden die Hohepriester wohl eher wie ein Pope ausgesehen haben, als wie ein heutiger Rabbiner mit der Mode aus der Zeit der Industrialisierung. Was der Religiosität fehlt ist die Tiefe und das trift alle Glaubensformen, ob sie sich selber nun als Religion oder Zustand begreifen. Und diese metaphysische Armut bricht sich in Krisen Bahn. Außerdem geschieht noch, daß die Schriften anfangen keine Antworten mehr zu liefern, oder sie liefern diese erst recht nur in der Krise. Damit zentriert sich Identität um selbige. Wenn ich zwischen Leben und Existenz unterscheide, dann ist die Feststellung von Frau Chesler sogar nicht einmal auf das Leben bezogen, sondern auf die Existenz. Wenn ich nun an Pessach unterstelle, daß es um das Leben ging und die Existenz der Sklaverei zufiele, die nur bedeutet nicht Leben zu sein, dann ist die Kopplung des Ereignisses Corona an Pessach sogar äußerst dünn. Wenn man mit einer gewissen Chuzpe behauptet hätte: Wir hatten ein wundervolles Pessach, was scherte uns Corona, dann wäre das ein “Le Chaim”, auf das Leben und eine Verachtung der Existenz, ein Trotz gegen den subordinierenden Umstand. Das wäre auch der Sinn eines schicksalshaften Sabbat, daß diese Reservation für das Leben über den 7 Tag hinausreichen würde. Wenn Corona von den Menschen und ihren Gefühlen bestimmt ist, kann daraus kein göttliches Maß abgeleitet werden. Denn nicht Gott hat Corona verkündet, sondern Herr Drosten. Und Drosten als Jesus des Coronismus dastehen zu lassen ist nicht kanonisch.

Frances Johnson / 17.04.2020

Ja, bei Juden und Christen hat das alles natürlich eine beachtliche religiöse Dimension. Jetzt die Bücher zu studieren macht eine Entfaltung im Verständnis. Wir verstehen, was die Sintflut gewesen sein könnte oder auch Sodom, selbst wenn wir es so nicht auslegen heute, sondern als Laune der Natur betrachten. Der Gefangenenchor aus dem Nabucco bekommt einen neuen Sinn. Die oft qualvolle frankensteinförmige Lebensverlängerung sollte in Frage gestellt werden. Am Ende wird wieder die Sinn- und Schicksalsfrage gestellt werden. Vielen Dank für Ihre weisen Worte. Das Christentum kennt auch solche Parallelen. Das Verstecken und Weglaufen der Jünger nach der Ermordung von Jesus durch die Römer mag als Beispiel dienen. Über Jahrhunderte versteckten sich die Christen, bis Kaiser Konstantin umfiel. Ich frage mich, wie viele Epidemien es wirklich gab. Schließlich gab es auch mehr als nur sechs Extinktionen. Über kleinere Verläufe wissen wir letztlich nicht viel. Aber ich will Ihnen sagen, dass es mich beeindruckt, wenn Orthodoxe ihren Rabbiner nicht allein unter die Erde gehen lassen. Bei allen Regeln ist die Regel Nr.1 für mich, dass man auf irgendeine Weise menschlich bleibt. Es hat mich viel Mühe gekostet, den Wein zu finden, den ich sonst in Norditalien selbst abhole. Aber es ist wichtig, diesen Firmen jetzt ihr Einkommen zu sichern. Ich habe eine größere Charge bestellt, als ich dort sonst mitnehme. Ich habe Stellung bezogen und unterstütze nicht die staatseigenen Kliniken - nein, Mrs. Chesler - ich unterstütze statt dessen die unter Shutdown leidenden Zoos und Händler. Was der Staat, der uns hier in Europa viel wegnimmt, vermasselt, muss ich nicht wieder gutmachen.

Johannes Schuster / 17.04.2020

Eine Hysterie wird dann zur Wahrheit, wenn ihr Element der Furcht in die metaphysische Deutung übergeht. Das ist gelungen. Mich erinnert das an die Szene aus Ghostbusters als die Rabbiner an der Absperrung die Schtreimel schütteln und beten. Man sollte bei dieser ganzen Unterhaltung aus “Apocalypse Now” auch bedenken, daß die Statistik später das Erlebnis nicht stützt. Ich sag nur Schweden. Man hatte einen intensiven Sederabend - gut und später müssen alle feststellen, es war Hypochondrie. Wie transzendental ist eine kollektiv erlebte Neurose und was soll das mit dem Exodus zu tun haben ? Shaken not stirred. Dann noch die Preisfrage: An was glaubt man, an den Menschen, das Virus und die News, oder an Gott ? Torah oder Interaktion ? Das fünfte Element, die Liebe, die macht Seder besonders, jedes Mal und so geschah es auch am Tisch der Jünger, die diesen Tag feierten, jedes Pessach vor der Passion. Und was hat das mit Corona zu tun ? Kommt Corona von Gott oder aus China ? Aber es ist guter Lesestoff, der anregt.

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