Was macht eigentlich gerade die „Islamische Gemeinschaft in Deutschland“ (IGD), für deren Vorsitzenden, den Multifunktionär und unermüdlichen Moscheen-Erbauer Ibrahim El-Zayat sich gerade die Münchner Staatsanwaltschaft und die Polizei interessieren (“Ermittlungen gegen Islam-Funktionäre”, http://www.ksta.de/html/artikel/1233584156089.shtml)?
Findet man vielleicht etwas zu den aktuellen Vorwürfen über die “Bildung einer kriminellen Vereinigung” auf der Webseite der IGD: http://i-g-d.de/ ? Eine kleine religiöse Erbauung oder Rechtleitung könnte ich auch mal wieder vertragen. Die Staatsgewalt scheint mein Interesse wohl geahnt zu haben: “Die Domain ‚i-g-d.de’ wurde gesperrt”, schreibt der Portalbetreiber lapidar.
Eine der ältesten muslimischen Institutionen in Deutschland - einfach so ins mediale Mittelalter zurückgeworfen! Ein schwerer Schlag. Die IGD soll laut Wikipedia die “mitgliedsstärkste Organisation von Anhängern der Muslimbruderschaft in Deutschland sein“. Wenn jemand für das Konzept der islamischen Parallelgesellschaft steht, dann ist es die IGD. Entsprechend hat sie sich offenbar ihren Provider ausgesucht.
Unter Hunderten möglicher Anbieter entschied El-Zayats IGD sich für einen mit dem programmatischen Namen “Parallels”. Zufall? Oder ironische Anspielung auf gängige Vorhaltungen? Die Firma mit ihren 800 Mitarbeitern gibt sich nach außen hin jedenfalls harmlos, sie ist ein internationales IT-Joint Venture unter russischer Führung mit Hauptsitz in der Schweiz. Das Unternehmen befasst sich neben Web-Hosting mit “Optimized Computing, Desktop-Virtualisierung, Virtualisierungs- und Automatisierungssoftware ... über alle wichtigen Hardware-, Betriebssystem- und Virtualisierungsplattformen hinweg”.
Für den Systemdialog zwischen Computern scheint „Parallels“ das, was Rita Süßmuth für den interkulturellen Dialog ist – die beste Gewähr für die wenigstens virtuelle Toleranz inkompatibler Rechnerwelten. Das könnte die IGD am Ende überzeugt haben. Nach den Humorwochen des Zentralrats der Muslime, die Ayman Mazyek letztes Jahr ausgelobt hatte („Allah will Humor“), das zweite Beispiel binnen Kurzem dafür, dass der Islam zur Selbstironie fähig ist. Mohammedwitze erzählen kann inzwischen jeder Türsteher und jeder Grünenchef. “Parallels” als Dienstleister für einen islamistischen Verein - das zeigt eine feine, sympathische Souveränität. Aber es kommt noch besser. Jedenfalls für mich.
Die Firma selbst bietet nämlich ein Programm an, das die Anhänger von Messias Steve mit denen des Propheten Bill und anderer Verkünder endlich vereinen könnte: „Desktop 4.0 für Mac“. Damit lässt sich auf meinem Macbook ein Windows-PC oder ein LINUX nachahmen, „um mit diesem parallel zu Ihren Mac OS X-Programmen zu arbeiten.“ Das ist wie ein muslimisches Freitagsgebet im Kölner Dom. Oder eine katholische Messe in der Fatih-Moschee von Bremen-Gröpelingen, die der islamistischen „Milli Görüs“-Bewegung gehört, gegen die die Behörden ebenfalls ermitteln. Allerdings wurde noch nicht das entsprechende Programm geschrieben, mit dem man auf Windows-Plattformen einen Original-Mac generieren kann. 1,5 Milliarden Windows-Nutzer wären wohl eher schwer beleidigt, wenn sie sähen, welche Freuden ich als Mac-User jeden Tag genieße, ohne dass ich mir mit einem Suizidattentat das Anrecht auf 72 Jungfrauen erarbeiten müsste.
Heftige Verstimmungen und Beleidigungen, wir kennen das ja aus anderen Bereichen, könnten womöglich die tödlich Folge sein. Gar nicht erst riskieren. Bleiben wir also bei “Windows auf Mac”.
Wenn „Desktop 4.0“ so virtuos zwischen den Welten operiert wie Ibrahim El-Zayat, der tagsüber, wie der Kölner Stadtanzeiger schreibt, “von Köln-Nippes aus seine weit verzweigten Geschäfte organisiert, eine wichtige Rolle im Spektrum der deutschen Islam-Verbände bekleidet“, für „Milli Görüs“ europaweit “Immobilen betreut” und abends noch in Schäubles Islam-Konferenz mitredet, dann werde ich mit dem Programm bestimmt auch keine Probleme beim Kennenlernen der unterschiedlichsten Plattformen haben.
„Clash of Civilizations“ war gestern, auch in der Welt der Bits und Bytes. Heute lädt sich die eine Welt ihr Paralleluniversum souverän ins Haus bzw. auf die Festplatte und bietet gleichzeitig Programme für den Dialog untereinander an. Die lassen sich natürlich nur verkaufen, solange die Welten, besonders die eine, ansonsten weiterhin hübsch für sich bleiben. Ab und zu bekommt die eine aus der anderen allerdings unliebsamen Besuch. Da gilt es, das politische und gesellschaftliche Immunsystem zu stärken. Zwar: kein Staatsanwalt wird sich für die Nebenwelt Windows auf meinem Mac interessieren, und meine notorisch unterverzweigten Geschäfte bleiben auch unbehelligt. Nur mit Virenangriffen auf meinem Mac sollte ich wohl rechnen, wie man sie unter Windows schon immer kennt. Eine Bereicherung würde ich das nicht nennen wollen. Aber wenigstens ist sie multiviral und auszuhalten. Nimmt sie überhand, müsste ich sie allerdings sperren.
Parallel zum laufenden Dialog, versteht sich.