Quentin Quencher / 27.08.2017 / 10:43 / Foto: Brücke-Osteuropa / 12 / Seite ausdrucken

Patriotismus jetzt auch grün-kompatibel

Wenn sich etwas in der Gesellschaft verändert, ist das immer auch an den verwendeten Wörtern zu erkennen. Manchmal ist es umgekehrt, dann sollen Wörter die Gesellschaft verändern. Mit einer gegenderten Sprache beispielsweise, überhaupt, allen Formen des politisch korrekten Sprechens, etwas was Bewusstsein schaffen oder es verändern soll. Manipulative Sprachübungen sind das, könnte man sagen. Dennoch sollten wir nicht dem Trugschluss unterliegen, und bei jedem der diese neuen Sprachübungen verwendet, ein verändertes Bewusstsein vermuten. Oft ist es nur Anpassung an den Zeitgeist oder Opportunismus, verbunden mit der Absicht, sich nicht durch die eigene Sprache bloß zu stellen. Die Sprache ist dann Tarnung.

Genau daran musste ich denken, als ich zwei Zitate von prominenten Grünen las. Özdemir unterstellte der AfD mangelnde Vaterlandsliebe, berichten die Zeitungen. Ein Ausrutscher, könnte man denken, er will ja nur den Blauen einen Spiegel vorhalten. Sicher, das spielt mit rein, dennoch, der unverkrampfte Umgang mit dem Wort »Vaterlandsliebe« ist neu bei den Grünen. Die Europaabgeordnete Rebecca Harms nannte den Nationalstaat noch eine „gefährliche und hochriskante Idee“ und dürfte damit in ihrer Partei nicht in einer Minderheitenposition sein. Oder sollte man besser sagen: war. Ob das noch so ist, steht in Frage, denn auch der grüne Oberbürgermeister von Stuttgart, Fritz Kuhn, spricht neuerdings von Patriotismus. Wörtlich sagte er: „Es ist quasi eine pa­triotische Pflicht, dass derjenige, der einen Zweitwagen kauft, sich für ein Elektroauto entscheidet.“

Wir haben Wahlkampf und Wahlkampf ist wie Werbung. Die versucht ja, wenn sie wirksam sein soll, die emotionale Schiene des Wählers anzusprechen. Damit ist es keineswegs sicher, ob es einen Bewusstseinswandel bei den Grünen hin zu Vaterlandsliebe oder Patriotismus gibt, sondern lediglich wahrscheinlich, dass man dort glaubt, mit entsprechenden Bildern Stimmen gewinnen zu können.

Es wird nichts nützen, man wird diese Bilder den Grünen nicht abkaufen, zu gekünstelt wirken diese Aussprüche aus grünen Mündern. Dennoch ist es bemerkenswert, weil die verwendeten Wörter anzeigen, dass sich etwas geändert hat. Nicht bei den Grünen natürlich, sondern in der Bevölkerung und beim Wähler. Dessen Stimme will man, also erzählt man ihm, was er hören will. Vaterlandsliebe wird nicht mehr unbedingt als etwas Gestriges angesehen, etwas was es zu überwinden gilt, wenn man Frau Harms glaubt, sondern als etwas Erstrebenswertes. Und wer kann den schon etwas gegen patriotische Pflichten haben, es kommt nur darauf an in welchen Kontext wir sie stellen. Über Kennedys Spruch: „Frage nicht was dein Land für dich tun kann, sondern was du für dein Land tun kannst,“ regt sich doch auch keiner auf. Also wird mal schnell die gewünschte E-Mobilität mit Patriotismus verknüpft.

Wenn schon die Grünen glauben, mit diesen Bildern arbeiten zu können, mit solchen die sie noch vor ein paar Jahren an den öffentlichen Pranger gestellt hätten, dann hat sich sich wirklich was verändert. Die verwendeten Worte, die ja immer mehr als nur Worte sind, zeigen es an.

Von Quentin Quencher ist gerade ein Buch neu erschienen: "Chlorhähnchen esse ich jederzeit" hier oder hier. Dieser Beitrag erschien zuerst auf seinem Blog Glitzerwasser hier.

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Leserpost

netiquette:

Burkhart Berthold / 28.08.2017

Prämien haben nicht geholfen, Propaganda hat nicht geholfen, jetzt kommen die Grünen mit Patriotismus und Herr Schulz mit der Quote. All das zeigt (u.a.), dass die Kisten im freien Wettbewerb gescheitert sind.

Robert Hurwitz / 28.08.2017

Den Grünen per se jeglichen Patriotismus abzustreiten, ist ziemlich lachhaft. Genauso lachhaft ist es zu glauben,  rechte Nationalisten seien Patrioten.  Das Gegenteil trifft zu. Es waren immer Patrioten die im Kampf gegen den Faschismus ihr Leben riskierten. Wer Patriotismus mit Nationalismus gleichsetzt, leidet vielleicht an Demenz.  

Jochen Brühl / 27.08.2017

Wenn die Grünen von Vaterland und Patriotismus sprechen ist das so glaubwürdig wie das zölibatäre Leben für Rolf Eden.

Thomas Nuszkowski / 27.08.2017

„Frage nicht was die Grünen für dich tun können, sondern wie du die Grünen am besten los wirst.” So finde ich es irgendwie zeitgemäßer. Das ausgerechnet einer der grünen Deutschlandhasser der AfD mangelnde Vaterlandsliebe vorwirft ist an Unverschämtheit kaum zu überbieten. Umgekehrt wird ein Schuh daraus.

Tobias Gerber / 27.08.2017

Worte ist etwas anderes als Wörter. Wenn schon, denn schon. Viele Grüße T. Gerber

Fritz Kolb / 27.08.2017

Die grünen Worthülsen erinnern mich an die noch nicht lange zurückliegende Veggie-day Kampagne. Das lässt hoffen. Und zwar darauf, dass sich damit die Grünen endgültig ins politische Off schießen. Als außerparlamentarische Opposition haben sie dann die Chance, ihr Image als sauertöpfische, ideologiegeprägte Regulierungspartei zu überdenken.  Dann müssen sie sich auch nicht mehr mühsam mit artfremden Themen wie Autotechnik beschäftigen, was ja von vornherein, mangels jeglicher Kompetenz,  scheitern muß.  Selbst mit größtmöglicher Unterstützung der Brüder im Geiste bei der sogenannten deutschen Umwelthilfe.

Herbert Müller / 27.08.2017

Dass die Grünen plötzlich patriotische Gefühle hegen, kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, zumal noch vor kurzem von der grünen Jugend das Schwenken von Deutschlandfahnen bei Fußballspielen als gefährlicher Patriotismus bezeichnet wurde. Alles nur Wahltaktik, bzw. grüne Taqqyia. Die haben von den Muslimen gelernt.

Winfried Sautter / 27.08.2017

Da wir uns mit der Energiewende, der Flüchtlingskrise und dem Grexit in Europa isoliert haben, muss halt wieder das nationale (Sonder-) Bewusstsein reaktiviert werden. Das patriotisch gekaufte E-Auto ist die grüne Version von “Am deutschen Wesen wird die Welt genesen”.

Gabriele Kremmel / 27.08.2017

Grüne Patrioten, was für ein Widerspruch. Ich nenne es fischen außerhalb des Ökoteichs.

Rudolf George / 27.08.2017

Ich vermute dahinter den Versuch, den Begriff “Vaterland” bis zur Unkenntlichkeit zu verhunzen, um ihn damit zu entsorgen.

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