Zunächst kannte ich „Il vangelo secondo Matteo“ nur ex negativo. Mein Vater, der Pier Paolo Pasolinis Jesusfilm geradezu vergötterte, verbot uns Kindern, ihn bis zu Ende anzuschauen, weil er die Kreuzigungsszenen zu realistisch fand, als dass sie Minderjährigen zugemutet werden könnten. Und auch die epischen Längen dieser ganz und gar ungewöhnlichen Bibelverfilmung ohne Bonbonfarben, Schmalzmusik und US-Pathos war für Kinder eine allzu schwere Kost.
Heute zählt das „Vangelo“, das ich für Pasolinis Meister- und Schlüsselwerk halte, auch zu meinem cineastischen Kanon. An jedem Karfreitag lasse ich, strenges Ritual, die archaischen Bilder und granitenen Sätze aus dem Munde Jesu, die Pasolini fast wortgetreu aus dem Matthäusevangelium übernahm, an mir vorbeiziehen, wobei vorbeiziehen das falsche Wort ist, ich lasse mich hineinziehen, bedingungslos. Wer sein Herz den christlichen Botschaften nicht völlig verschlossen hat, wird sich der Wucht der Darstellung, der Menschenporträts und Landschaftsbilder aus dem einst so Gott verlassenen Süden Italiens und der Worte des Evangeliums in ihrer Einfachheit und Radikalität nicht entziehen können.
Dabei denke ich an das, was mir der Dirigent Enoch zu Guttenberg gesagt hatte – vielleicht der profundeste Interpret Bach'scher Passionen, von denen der Schlusschor der „Matthäuspassion“ Pasolini als Teil seines genialen Weltmusik-„Soundtracks“ diente. In seinen späten Jahren behauptete Guttenberg von sich, er haben seinen Glauben an einen persönlichen Gott verloren, er sei Agnostiker geworden. Sobald er den Taktstock hebe und die ersten Takte einer Matthäus- oder Johannespassion dirigiere, glaube er wieder wie ein Kind zu glauben pflegt, felsenfest, unerschütterlich. Doch wenn der letzte Ton verklungen sei, sei der Zauber wieder verflogen.
Von seinen kommunistischen Glaubensgenossen heftig kritisiert
Mir geht es mit Pasolinis „Vangelo“ ähnlich wie Guttenberg beim Dirigieren der Bachschen Passionen. Wenn Jesus zum ersten Mal als Erwachsener erscheint, verkörpert von dem charismatischen Katalanen Enrique Irazoqui, wenn er am Jordan vor Johannes den Täufer tritt, um sich von ihm taufen zu lassen, und dieser erkennt, wen er vor sich hat, bin auch ich (wieder) ein zutiefst Gläubiger. Ja, dieser ist Gottes Sohn oder, wie es in der Matthäuspassion nach dem Kreuzestod Jesu heißt: „Wahrlich, dieser ist Gottes Sohn gewesen!“ Guttenberg dirigiert die doppelchörige Passage mit einem an- und abschwellenden Crescendo-Decrescendo wie einen Heiligenschein oder einen die Schöpfung überwölbenden Regenbogen. Für ihn ist es die zentrale Stelle der ganzen, mehr als zweieinhalbstündigen Passion. Wenn am Ende des Films und der etwas abrupten Auferstehung Jesu von den Toten das „Fine“ erscheint, verfliegt der Zauber. Oder vielleicht doch nicht ganz und gar?
Pasolinis „Vangelo“ ist eine Glaubensbotschaft, das zu unterschlagen und Pasolini zu unterstellen, er deute das Neue Testament „konsequent atheistisch als universalistische Sozialkritik“, wie Sylke Kirschnick kürzlich auf Achgut schrieb, geht an der Komplexität des Werkes und der Person seines Schöpfers völlig vorbei. Denn das „Vangelo“ ist durchsetzt von irrationalen Elementen, die den Charakter einer rein materialistischen Weltsicht untergraben.
Es sind die Wundertaten Jesu, der Kranke heilt, übers Meer wandelt, Brot und Fisch vermehrt. Es ist die jungfräuliche Schwangerschaft Mariens, die ihren Mann Josef bei Pasolini zunächst ratlos, vielleicht sogar etwas eifersüchtig zurücklässt, und es ist die Gestalt eines Engels, der in entscheidenden Momenten ins Geschehen eingreift und am Ende nach Finsternis und Erdbeben die Auferstehung Jesu verkündet.
Pasolini wurde wegen dieser Passagen von seinen kommunistischen Glaubensgenossen heftig kritisiert, es sei ein „konformistischer Film“, der nicht radikal genug mit der Bibelexegese gebrochen habe. Später rechtfertigte sich Pasolini in einem fragwürdigen Akt beinahe stalinistischer Selbstkritik: „Es gibt einige schreckliche Momente, für die ich mich schäme, die fast gegenreformatorisches Barock sind, abstoßend: die Wunder. Das Wunder der Brote und Fische und Christus auf dem Wasser gehend: das ist ekelhafter Pietismus.“ An anderer Stelle wiederum bekannte er sich dazu, nicht an „Entweihungen“ interessiert zu ein. Das sei eine „Haltung, die ich hasse, sie ist kleinbürgerlich. Ich wollte die Dinge, soweit als möglich erneut heiligen, ich wollte sie remythisieren.“
Lob von der katholischen Kirche
Mit seinem Evangelienfilm hatte sich Pasolini einer schmerzhaften Auseinandersetzung zwischen seinen marxistisch-sozialrevolutionären Überzeugungen, seiner homosexuellen Veranlagung und seiner katholischen Sozialisation unterzogen und konsequent zwischen alle Stühle gesetzt. Kommunisten ziehen ihn des Irrationalismus und Ästhetizismus – letzteres unter Stalin als „Formalismus“ fast ein todeswürdiges Verbrechen für einen Künstler, der sich nicht den Geboten des sozialistischen Realismus unterwerfen wollte – italienische Faschisten randalierten schon vor der Premiere in Venedig 1964 gegen die angeblich zu erwartende „Beschmutzung einer Quelle des christlichen Abendlandes“ und liberale Kritiker spotteten über den „besten aller misslungenen Jesusfilme“.
Lob dagegen kam von unerwarteter Seite, nämlich von der katholischen Kirche. Noch während des Zweiten Vatikanischen Konzils, das sich unter dem Reformpapst Johannes XXIII. vorgenommen hatte, die Tore zur Welt zu öffnen, hatten sich 100 Kardinäle eine Sondervorführung des „Vangelo“ in einem römischen Kino angesehen und zeigten sich tief beeindruckt von dem, was ausgerechnet ein kommunistischer Agitator, dem nichts heilig zu sein schien, geschaffen hatte, ein bekennender Homosexueller zudem, der seine sexuellen Bedürfnisse vor allem auf dem Straßenstrich befriedigte.
Am Ende der Vorführung spendeten die Bischöfe zwanzig lange Minuten Beifall für den Film, der die Welt das sehr menschliche Antlitz Christi wieder entdecken ließ, nicht den triumphierenden Gottessohn (der „Johannespassion“), der sein irdisches Leben mit einem selbstbewussten „Es ist vollbracht“ aushaucht, sondern den leidenden Menschensohn des Matthäusevangeliums, der seinen Vater anfleht, den bitteren Kelch des Leidens an ihm vorübergehen zu lassen und am Kreuz ausruft: „Vater, Vater, warum hast Du mich verlassen?“
„Ist es möglich, dass die Kirche“, bemerkte einmal Loris Capovilla, der Privatsekretär Johannes XXIII., den Papst Franziskus noch 2014 mit 98 Jahren in den Kardinalsstand erhob, „den Film von Pasolini brauchte, um zu erkennen, was Matthäus geschrieben hatte? Offensichtlich ja. Die Kirche brauchte Pasolini, um die traurige Vorstellung eines fernen Gottes, der taub für die Schreie der Menschen ist, zu zerstören. Es bedurfte Pasolini, um die tröstliche Erwartung eines Gottmenschen zum Ausdruck zu bringen, der so menschlich ist, dass er die Menschen, die einzelnen Menschen, sogar Gott ähnlich macht.“
An diese Sichtweise hatte Papst Franziskus nahtlos angeknüpft und die menschlichen Züge Christi an der Seite der Armen und Ausgestoßenen werden auch vom jetzigen Papst Leo XIV. betont, der indes stärker als Franziskus wieder die Glaubensgeheimnisse zur Geltung bringt. Insofern ist das „Vangelo“, das sich seit 1995 auf einer vom Vatikan veröffentlichten Liste „besonders empfehlenswerter Filme“ findet, aktueller denn je.
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Ich kenne den Film nicht. Wenn die Kardinäle aber aufgrund der darin wohl betonten Güte und Menschlichkeit Jesu in Beifallsstürme ausbrachen, macht mich das eher skeptisch. So wichtig sein Edelmut und die Wunderheilungen waren, würden sie uns OHNE die göttliche Dimension des am Ende über Leid und schlussendlich sogar über den TOD „triumphierenden, den Siegpreis der Liebe davontragenden, Gottessohnes“, nicht weiterhelfen. Der – insbesondere im Atheis-/Kommunis-/Säkularismus – immer mal wieder vorkommende Versuch, nur auf die rein humanistischen Aspekte des Nazareners zu schauen und die entscheidend andere Seite zu negieren (o. ganz wegzulassen), degradiert diesen zu einem frein edlen MENSCHEN, der es gut meinte, aber am Ende dennoch hoffnungslos gescheitert ist. Und bezüglich der untoten Gottesfrage, wüsste man dann immer noch, wie dieser zu einer Welt & Menschen steht, die heute mehr denn je Gefahr laufen, sich und diesen Planeten zu zerstören und zu verseuchen. Es ist daher ganz entscheidend, WER DENN da in die Weltgeschichte eingetreten ist! Ein unverdächtiger Religionsverächter hat sie so beantwortet: „Ich bin ein Jude, aber das strahlende Bild des Nazareners hat einen überwältigenden Eindruck auf mich gemacht. Es hat sich keiner so göttlich ausgedrückt wie er. Es gibt wirklich nur eine Stelle in der Welt, wo wir kein Dunkel sehen. Das ist die Person Christi. In ihm hat sich Gott am deutlichsten vor uns hingestellt.“ (Albert Einstein) *** „Wahrer Gott – Wahrer Mensch. In allem uns gleich – AUSGENOMMEN die Sünde“ ***
Die vitale Lebensfreude ist der frigiden Frömmelei vorzuziehen.
Ich war einmal in einer privaten Herberge in Rom, ein mäßig attraktiver adeliger Jüngling war Gastgeber. Er machte mir verdächtig viele Komplimente.
In kindlicher Unschuld betrat ich, bis auf die Unterhose nackt, die Kemenate zweier Novizinnen und fragte sie ganz harmlos in Plauderton über touristisches in Rom aus.
Ich war wie der Hl. Sebastian, nackt bis auf einen Lendenschurz, einen Cocktail schlürfend, ohne jeden unkeuschen Gedanken, wie auf einem Gemälde.
Die attraktivere antwortete heiter, belustigt, nachsichtig, die weniger attraktive war sichtlich schockiert. Das verstand ich erst später.
Tags rauf bat mich der Gastgeber im spießigen Tonfall, eindringlich um „mehr Rücksicht“. Was ich ihm versprach, ohne verstanden zu haben war er eigentlich meinte.
Ich mag der weniger attraktiven Novizin als die Versuchung des Hl. Antonius erschienen sein.
Der edle Jüngling war schwer beleidigt, ob meiner unbewussten Unkeuschheit den Novizinnen und meiner sehr bewussten Keuschheit ihm gegenüber.
Ich wollte weder was von den Novizinnen, noch von ihm. Ich war damals noch ganz natürlich und sah nichts dabei fast nackt im Palazzo zu flanieren und die Gemälde des Hl. Sebastian zu betrachten.
Viele Schwule haben einen „katholischen Geschmack“, Oscar Wilde, Pierre et Gilles, Michelangelo, Leonardo…
Was bleibt vom Katholizismus übrig, wenn man den Glauben subtrahiert? Der Kommunismus!
„Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt.“
Was wird aus dem Glauben, wenn man den Zölibat addiert?
Schwule Schwärmereien für Jesus & Johannes, für den knabenhaften Hl. Aloisius, schwülstige Schwärmereien für die noch zu entjungfernde Maria.
Nur der Protestantismus reduzierte in seiner Herzenskälte den Glauben auf den Führerkult.
„sola scriptura, sola fide, sola gratia“
Der Vatikan, der fromme Puff, von Luther verteufelt, von Nietzsche verehrt. Sola amore!
Notiz an selbst: dringend mal wieder Passolinis Freibeuterschriften lesen, „Die Zerstörung der Kultur des Einzelnen durch die Konsumgesellschaft“.
Zu diesem weltbewegenden Thema möchte ich auch nochne dritte Meinung hören, bevor ich Stellung beziehe.
Viele Dank für diese gerechte Würdigung eines Unbequemen, der – wie wir alle – seine Fehler hatte. Spannende Frage: Wann ist dieser Film (entstanden 1964 !) im deutschen Fensehen das letzte Mal gelaufen? Mglw. 1990 oder -91 im DDF. Spannend die Ausführungen zu den Reaktionen in Italien: Ein Film, der von Komministen, Mussolini-Bewunderern, Liberalalas und Salon-Bolschwisten einvernehmlich abgelehnt wird, während ausgerechnet Kardinäle und Bischöfe der verfemten katholischen Kirche ihn schätzen – ein SOLCHER Film muß einfach gut sein!