Gastautor / 29.04.2016 / 08:00 / Foto: Roboiitgrs / 6 / Seite ausdrucken

Parteienkunde in der Schule – Politisch-korrekt vorverdaut

Von Johannes Kaufmann.

Die Zulassung von Schulbüchern ist ein langwieriges Verfahren. Überhaupt zählt das Buch nicht gerade zu den schnellsten Medien. Das kann im Politikunterricht schon mal zu Problemen führen. Politiklehrer, die 2006 nach der Gründung der Piratenpartei abgewartet haben, bis ein Schulbuch die neue politische Bewegung aufgreift, verpassten die Aufnahme eines aktuellen Themas, das ihre Schüler womöglich stark interessierte, in ihren Unterricht und riskierten, auf Unterrichtsmaterial zu warten, das bei Erscheinen bereits veraltet sein würde.

Reihen wie „Schroedel aktuell“ schaffen bei diesem Problem Abhilfe. Der Schulbuch-Verlag veröffentlicht auf seiner Internetseite Arbeitsblätter zu aktuellen Themen. Das ist löblich, aber nicht unproblematisch. Zum Beispiel, wenn Schüler aufgefordert werden, ein Parteiprogramm zu bewerten, das noch gar nicht erschienen ist. So geschehen beim Arbeitsblatt „Wahlprogramm: Was die AfD wirklich will“, das Politiklehrer für den Unterricht in den Klassenstufen 7 bis 10 für 1,40 Euro hier erwerben können.

Die Quelle, anhand derer die Schüler ermitteln sollen, „was die AfD wirklich will“, ist die tendenziöse Kommentierung eines durchgesickerten Entwurfs durch das Recherchezentrum „Correctiv“, erschienen in der „Zeit“. Etwas mager, möchte man meinen. Im Sinne der für Schulbücher stets eingeforderten Multiperspektivität und Quellenvielfalt würde man zumindest eine zweite Quelle erwarten, in der die Partei, um deren Kern es hier ja immerhin geht, selbst zu Wort kommt. Doch dem Text wird lediglich noch eine Karikatur mit derselben Aussage zur Seite gestellt.

Statt der Schüler dechiffriert jetzt der Politkommissar

Die Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW) findet das völlig in Ordnung so. „Das entspricht dem Stand, wie man sowas macht“, behauptet der Vorstandsvorsitzende in Niedersachsen gegenüber der Braunschweiger Zeitung. Das Arbeitsblatt betreibe Aufklärung über die AfD. Dass dies allein auf Grundlage einer kommentieren Sekundärquelle geschehe, sei normal, schließlich seien politische Formulierungen, zumal in Parteiprogrammen, häufig „zu verschwiemelt“, um von den Schülern „dechiffriert“ werden zu können.

Also übernimmt man das „Dechiffrieren“ offenbar kurzerhand selbst und legt den Schülern das politisch-korrekt Vorgekaute und Vorverdaute zum anschließenden Verspeisen vor. Das eröffnet interessante Möglichkeiten – auch für den Deutschunterricht. Jeder, der sich schon mal durch eine Novelle von Heinrich Kleist quälen musste, weiß, wie „verschwiemelt“ die Formulierungen in den Endlossätzen dieses Klassikers sind. Vielleicht sollte man Schülern das Lesen solcher Primärtexte in Zukunft generell ersparen und Romane und Ähnliches einzig auf Grundlage von Verrissen im Feuilleton einer Zeitung bewerten lassen.

Im Falle des Arbeitsblatts des Schroedel-Verlags zum AfD-Programm verraten schon die gefetteten Überschriften, wohin die Reise geht. „Mehr Waffen, mehr Polizei, mehr Schadstoffe“. Das stand so auch in der „Zeit“, aber ob das für die jungen, manipulierbaren Schüler auch wirklich eindeutig genug ist? Vielleicht hätte man daraus besser „Die AfD will uns alle vergiften“, machen sollen, nur um sicher zu gehen, dass die Botschaft auch ankommt. Aus dem Bekenntnis der AfD zur „traditionellen Familie als Leitbild“ macht das Arbeitsblatt „Frauen zurück an den Herd“. Aus der Forderung, die „rasante Besiedlung Deutschlands aus anderen Kulturen zu stoppen“, wird die etwas eigenwillige Überspitzung „Deutschland den Deutschen – Ausländer raus also“. Aus dem geforderten Verbot der Vollverschleierung – in Frankreich längst Gesetz – wird „Muslime schikanieren“.

Politisch korrekte Indoktrination statt Erziehung zum kritischen Denken

Mit der in der Schule propagierten Hilfe zu kritischer Meinungsbildung hat das wahrlich nichts zu tun – das ist pure Meinungsmache. Dass der Landesvorsitzende GEW das so richtig findet, muss erschrecken. Es zeigt, dass es der GEW nicht darum geht, kritische Schüler zu erziehen, sondern einzig und allein, die politisch-korrekte Meinung zu lehren.

Die AfD dürfte sich angesichts des Arbeitsblatts des Schroedel-Verlags in ihrer Überzeugung bestätigt sehen, dass sie vom „Establishment“ aus Lehrern, Professoren, Politikern und vielen Medien marginalisiert und diffamiert wird. AfD-Sprecher Jörg Meuthen erinnert in einem Beitrag auf seiner Facebook-Seite entsprechend gleich an „die dunkelsten Stunden unserer Geschichte“ und spricht von „politischer Indoktrination“. Ersteres mag übertrieben sein, mit Letzerem hat er leider Recht.

Johannes Kaufmann (Jahrgang 1981) arbeitet als Wissenschaftsredakteur bei der Braunschweiger Zeitung. Neben Wissenschaftsthemen von der Grünen Gentechnik über die Infektionsforschung bis zur Lebensmittelsicherheit beschäftigt er sich vor allem mit der Geschichte der israelischen Armee.

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Leserpost

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Gerald Meier / 01.05.2016

Politisch Links war immer von sich überzeugt. Reflektionsfrei. Mitte der 70er Jahre las ich auf der Schultafel in Nordhessen (nicht DDR!): “Die 3. Welt kann ohne Sozialismus nicht überleben”. Die damalige Unbegründetheit machte es zu einer Kaderschulung. Seit dem interessiere ich mich für Politik.

Karla Kuhn / 01.05.2016

Fazit: Wer es sich leisten kann, schickt seine Kinder auf eine Privatschule. Die anderen müssen wohl oder übel die Manipulationen über sich ergehen lassen. Aber glauben Sie mir, wer wie ich in der DDR zur Schule gegangen ist und von A-Z nur manipuliert und belogen wurde, schärft ganz besonders seine Sinne. Die meisten meiner Mitschüler haben im Unterricht brav mitgearbeitet und in ihrer Freizeit Westfernsehen geschaut. Außerdem lagen Westschallplatten bei uns hoch im Kurs.  Die Kinder heute informieren sich über ihr Smartphon und lassen die Leher labern.  Ich denke, daß die meisten von ihnen sich nicht verdummen lassen.  Das ist doch immer schon so gewesen, je mehr versucht wird, etwas schlecht zu reden, um so interessanter wird es. Trotzdem, hier ist die Staatsanwaltschaft gefragt, da der Bildungsauftrag -wenn es so ist- mißbraucht wird.

Knoch Walter / 30.04.2016

Ich sitze da und weiß nicht, was ich schreiben soll. Ich sitze deshalb da und weiß nicht, was ich schreiben soll, weil in diesem unseren Land Dinge geschehen, Entwicklungen - ja - abgeschlossen sind, die ich mir vor einigen Jahren nicht in meinen schlimmsten Träumen hätte vorstellen können. Schulbuchverlage verschreiben sich der Indoktrination, ihre Propagandapakete, erhalten - wie es nach diesem Beitrag scheint - den behördlichen Segen und werden im Dienste von PC und ideologischer Gleichschaltung in den Schulalltag integriert. Gesetzliche Vorgaben, Elternrecht, ... Makulatur ... Kinderseelen, Kinderherzen, werden zur Knetmasse in den Händen von Ideologen;  werden im täglichen Unterricht - in einer staatlichen Pflichtveranstaltung - einer Gehirnwäsche unterzogen. Ein Staat missbraucht die Schulpflicht. All das geschieht offen. Man hat es gar nicht mehr notwendig, Gesetzesüberschreitungen, den Bruch von Gesetzen wenigsten noch pro forma mit einem Mäntelchen abzudecken Und nichts regt sich in unserer Freiheitlich Demokratischen Grundordnung. Kein Aufschrei, kein Widerstand, nicht in den privatwirtschaftlichen Qualitätsmedien, nicht in den mit einem Programmauftrag versehenen Öffentlich-Rechtlichen Anstalten ohne Binnenpluralität. Kein Aufschrei der Lehrerverbände, deren Mitglieder diesen staatlichen Missbrauch Tag für Tag umsetzen müssen. Kein Staatsanwalt schaut auf die Finger der Kultusbehörden. Quo vadis? - Wo gehst du hin? brauche ich nicht mehr zu fragen. Es reicht die - rhetorische - Frage: Wo bist du hin gekommen, Bundesrepublik Deutschland? - Auf den Hund. Und ich fürchte fast, mit der letzten Feststellung den treuen Begleiter des Menschen zu beleidigen.

Lothar G. Kopp / 29.04.2016

Vielen Dank für diese aufschlussreichen Informationen. Eine erhellende Analyse ist das. Meinung machen ist ja an sich nichts Verwerfliches, allerdings sollte sich die Schule dabei zurück halten. Der Schroedel-Verlag hat sich keinen Gefallen getan. Ihn und seine Printprodukte wird man künftig sicher kritischer betrachten. Wie sagte Theodor W. Adorno einst:  Wir brauchen eine Erziehung zur Mündigkeit. Und die beginnt mit Widerspruch. Schüler zur Kritik zu befähigen, davon sind dieser Verlag und der niedersäschische Landesvorsitzende der GEW weit weit weg. So ist das, wenn politische Bildung drauf steht und Indoktrination drin ist. Der Grat zwischen Aufklärung und Manipulation ist sehr schmal. Es wäre Aufgabe von Menschen, die sich mit Bildung befassen, genau dies zu thematisieren. Alle anderen haben in der Bildung nichts zu suchen.

Magdalena Schubert / 29.04.2016

Eigentlich fehlen mir ja jeden Tag die Worte. Obwohl mich im Grunde fast nichts mehr überrascht. Neulich stolperte ich über einen Bericht in einem Mainstreamblatt mit der Überschrift: “Berliner Polizei - Warme Worte für die AfD” Der Journalist empörte sich darüber, dass zwei Polizisten nach einem Einsatz bei einer AfD Veranstaltung diese Partei als demokratisch bezeichnet hatten, im Gegensatz zu den linken Krawallmachern. Es gab deshalb auch eine Anzeige eines Anwalts, denn, man höre und staune: Den Beamten stünde eine Bewertung dieser Partei nicht zu! Sie hätten die Pflicht, unparteiisch und neutral zu berichten! Sollte das nicht auch für Journalisten gelten!? Und erst recht für Lehrer,  die doch eine ganz besondere Verantwortung haben!? Den Schülern eine dermaßen willkürliche und subjektive Interpretation eines Parteiprogramms vorzulegen, ihnen quasi “einzubläuen”, dass diese Partei gaaanz gaaanz böse und unwählbar ist, das ist schon ein starkes Stück und hat mit fairer und objektiver Meinungsbildung nichts mehr zu tun -  und genauso wenig mit Demokratie.

Oliver Kohlhaupt / 29.04.2016

Herr Kaufmann, Sie implizieren mit Ihrem Artikel, dass es Ihnen schon einmal gelungen ist, einen glitschigen Zitteraal sicher mit bloßen Händen gefangen zu haben - ohne Stromschlag! Ähnlich sehe ich das mit dem Versuch, die AfD “kritisch” zu reflektieren. Irgendwie fehlt in Ihrem Artikel der Vorschlag, wie “kritisches Denken” hinsichtlich der AfD aussehen könnte. Die genannten Punkte im Arbeitsblatt kann man sicherlich mit mehr “Kritik” untersetzen - grundsätzlich falsch sind diese jedoch nicht! Der Schroedel-Verlag unternimmt immerhin den Versuch, das Denken einer rechtspopulistischen AfD abzubilden, bei der wir alle erst ab dem 1. Mai wissen, was wirklich drin ist! Bislang konnte man diese Partei lediglich an ihren Wahlprogrammen und Aussagen der Parteispitze messen, die alles andere als widerspruchsfrei waren. Des Weiteren kommt der Populismus der AfD häufig nicht ohne Polemik und Hetze aus - regelmäßig wird dabei die Würde Anderer verletzt! Jungen Menschen diese Kleingeistigkeit auch noch “kritisch” erklären zu müssen, kann ich mir im Politikunterricht durchaus als Zumutung für den Lehrer vorstellen. Kritische Auseinandersetzung kann demnach nur dort gelingen, wo eine gewisse Ernsthaftigkeit und Widerspruchsfreitheit politischer Positionen gegeben ist. Alles andere erachte ich als den kläglichen Versuch, Pudding an die Wand zu nageln! Entscheidender ist die Frage, warum sich ein Herr Meuthen an “die dunkelsten Stunden unserer Geschichte” erinnert fühlt, wenn das Grundgesetz Ausgangspunkt aller Bewertungen für “Lehrer, Professoren, Politikern und vielen Medien” ist, um die politische Richtung der AfD zu bestimmen. Die Vermittlung der freiheitlich-demokratischen Grundordnung wird schnell als “politische Indoktrination” von den Petrys, Höckes, und Meuthens umgedeutet, wenn sie zur Marginalisierung von Standpunkten führt, die dem Kern unserer Demokratie widersprechen. Schauen wir, was der 01. Mai bringt…        

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