Kein Zweifel: Das Maß aller Dinge kann nur die Menschenwürde sein. Auch in den internationalen Beziehungen. Wenn Papst Benedikt XVI. dieses Thema in seiner Rede vor der UN-Vollversammlung anspricht, sagt er etwas, dem alle zustimmen können. Er, das Oberhaupt der auf die Universalität setzenden katholischen Kirche, erinnert damit die Weltgemeinschaft an ihr Fundament.
Schön und gut. Nur, die Herrschaften, die im Saal sitzen, repräsentieren Vieles und Vielfältiges, sie eint nicht die Menschenwürde sondern der Kompromiss über die Menschenwürde. Das haben zuletzt wieder die Diskussionen über die Unruhen in Tibet und die Proteste beim Olympia-Fackellauf gezeigt.
Dass Benedikt sich auf die Institutionen beruft und damit auf die Institutionalisierung von Werten abzielt, zeugt von den römischen Traditionen des Christentums und implizit von seinem Gefangensein darin. Das bedeutet: Es kann nur die gute Absicht erkennen. Die gute Absicht aber ist heutzutage weitgehend vorgetäuscht.
Die UN-Vollversammlung gilt zwar als Ort des Dialogs, sie ist aber auch ein Schlachtfeld der Rhetorik und nicht zuletzt Austragungsort eines Marathons der Absichtserklärungen. Die UNO kann mit ihrer Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte argumentieren. Diese wurde im übrigen vor 60 Jahren, 1948, formuliert, aufgrund des Schocks des Zweiten Weltkriegs und des Holocaust. Aber wer ist schon die UNO, wenn nicht die Summe ihrer Mitglieder. Selbst im Sicherheitsrat ist es nicht anders. Im Klartext: Man kann China wegen Tibet zwar zur Räson rufen, aber China muss damit einverstanden sein. Schließlich hat es ein Vetorecht.
Dieses Dilemma beherrscht alle internationalen Institutionen. Auch das IOC. Weshalb die Vergabe der Olympischen Spiele an Peking? Hat man aus der Erfahrung mit Berlin 1936 nichts gelernt? Die Nazis haben sich durch die Ausrichtung der Spiele eine erfolgreiche Imagefälschung verschaffen können und so mehr Zeit und Möglichkeiten gehabt, den Krieg vorzubereiten, den Krieg und den Holocaust.
Die internationalen Institutionen sind nicht Orte des Maximums sondern des minimalen Konsenses und damit schlechte Verteidiger der Menschenwürde. Sie beruhen auf der Überlegung, dass der Schurke, der mit am Tisch sitzt, seinen Coup nicht ausführen kann. Er wäre sozusagen unter Kontrolle. Ist er das?
Die Wahrheit ist, es gibt keine internationale Gemeinschaft der Werte. Die Universalität der Menschenrechte kann zwar angemahnt werden, und Benedikt XVI. hat es vor der UN-Vollversammlung zurecht getan, aber die Durchsetzung bleibt eine Frage der Praxis. Warum will ein Polizeistaat wie China die Olympischen Spiele ausrichten, wenn nicht zum Zweck der Imageverbesserung? Wem aber will China damit gefallen? Die Mehrheit der Staaten in der Welt, auch der UN-Mitglieder, pfeift auf die Menschenrechte. Und das tagtäglich. In der Summe aber, das heißt auf den Versammlungen der UN, des IOC oder der UNESCO berufen sie sich darauf.
Es kostet ja nichts. Es ist ein Label, wie das Ökosiegel im Supermarkt. Dem Label der Menschenwürde seinen ursprünglichen Sinn abzugewinnen ist schwieriger denn je. Ist die Manipulation doch effektiver als die Repression. Internationale Institutionen können den Frieden verlängern, aber nicht die Freiheit garantieren. Das ist ein Paradoxon, aber auch ein Problem. Es ist vor allem ein Problem.