Walter Schmidt / 14.03.2010 / 11:46 / 0 / Seite ausdrucken

Pädagogen und Pädophile - Takt und Respekt

Am 1.1..2006 nahm ich abends an einer Lesung des Bestsellerautors Bernhard Bueb (“Lob der Disziplin”) in der Buchhandlung Lehmann´s in Leipzig teil. In der anschließenden diskussion sprach ich Bueb auf die radikale Wende in seinem pädagogischen Denken seit 1968 an und wollte von ihm wissen, wie jemand, der damals noch allen Schülern die größtmögliche Freiheit zur Erprobung ihrer Fähigkeiten und Talente zugestehen wollte und dabei bestrebt war, ihnen möglichst wenig Schranken zu setzen, nunmehr das glatte Gegenteil vertreten könne, was ich mir nur dadurch erklären könne, daß er als “Konjunkturritter” auf einer neuen pädagogischen Welle der Disziplin reite, weil er offensichtlich gemerkt habe, daß dies beim Leser z.Zt. sehr gut ankommt. Bueb räusperte sich, ging mehr oder weniger nicht auf meine Kritik ein und setzte in der Verkündung seiner neuen pädagogischen Heilslehre fort.

Bei erneuter Lektüre des Bestsellers “Lob der Disziplin” sind mir im Zuge der Aufdeckung zahlreicher Mißbrauchsfälle an der Odenwaldschule, an der auch Bueb als Lehrer und Erzieher von 1972 bis 1974 wirkte, nachdem er zuvor von 1971 bis 1972 Assistent des Leuchtturmpädagogen Hartmut von Hentig an der Universität Bielefeld gewesen war, einige Passagen in dem o.g. Buch aufgefallen, welche die Vermutung zulassen, daß die vom Autor propagierte Disziplin sich nicht allein auf das Miteinander von Lehrern und Schülern im Unterricht, sondern zugleich auch auf die zwischenmenschlichen Beziehungen jenseits des Unterrichts bezog.

“Nur wer früh gelernt hat, Verzicht zu üben, Autoritäten anzuerkennen und Verantwortung zu übernehmen, kann später sein Leben selbst bestimmend in die Hand nehmen,” heißt es bereits im Klappentext zu Buebs “Lob der Disziplin”. Vor dem Hintergrund der Mißbrauchsfälle seines langjährigen Freundes, des ehemaligen Schulleiters der Odenwaldschule Gerold Becker, bekommen derartige Thesen für mich zumindest teilweise einen ganz neuen Klang.

In seinem Buch berichtet Bueb des weiteren von einem Vorfall in Salem, bei dem mehrere Schüler des Nachts aus dem Internat ausbrachen, um sich in eine Disco in der nahegelegenen Kleinstadt zu begeben.

“Der Mentor hatte nachts die leeren Betten entdeckt und die Suche sofort eingeleitet. Nach einigen Aufregungen konnten die drei ausfindig gemacht werden. Sie standen vor ‘Gericht’ wegen unerlaubten Aussteigens und Alkoholkonsums; außerdem hatten sie zunächst nicht die Wahrheit gesagt, sondern eine Geschichte erfunden, um weitere Schüler zu decken, die nicht erwischt worden waren.”

Wohlgemerkt:

Das sagt ein Autor, der selbst nach Aufdeckung der Mißbrauchsfälle seines langjährigen Freundes Gerold Becker, der bis heute nicht die Wahrheit sagt, sich noch immer vorbehaltlos hinter seinen “alten Kameraden” stellt und dies als eine Frage der Ehre bezeichnet.

Eine weitere Passage in Buebs “Lob der Disziplin”, die sich im wesentlichen auf die Entdeckung des Talents einer offenbar hochbegabten Violonistin in Salem bezieht, enthält m.E. durchaus einige an Pädophilie grenzende Untertöne:

“Die sympathische, eigenwillige Ausstrahlung des Mädchens erhöhte (...) den Zauber ihres Geigenspiels, als sie öffentlich aufzutreten begann.”

Bueb verallgemeinert im weiteren:

“Einen jungen Menschen zum Glauben an sich selbst, an die ihm eigenen Talente, zu Selbstvertrauen und daraus resultierender realistischer Selbsteinschätzung zu verhelfen ist die höchste Herausforderung an jeden Pädagogen und zugleich Prüfstein seines Könnens.”

Noch heute bezeichnet Bueb seinen Kumpel Becker als einen begnadeten Pädagogen und vermag nicht nachzuvollziehen, daß dieser hochbegabte Lehrer und Erzieher sich an Schülerinnen und Schülern der Odenwaldschule vergangen haben soll.

“Eltern und Lehrer müssen es als einen ihrer Aufträge ansehen, die Begabungen, die jenseits des Akademischen in jungen Menschen stecken, mit ihnen zusammen herauszufinden.”

Auch dieser Satz bekommt m.E. vor dem Hintergrund der pädophilen Neigungen so mancher Lehrkräfte an der Odenwaldschule der 70er Jahre und danach einen völlig neuen Klang.

Schließlich heißt es in Buebs “Lob der Disziplin”:

“Der Belehrung am Vormittag muß die Bildung durch gemeinsame Tätigkeiten folgen. Durch Erlebnispädagogik sowie viele Formen tätiger Bildung (...) können Lehrer noch mehr ‘Menschenbildner’ und auch ‘Menschenfischer’ werden. Sie müssen die Kinder entdecken, die nicht an sich selbst glauben und deren Begabungen verborgen bleiben.”

Ob dieses Zitat sich u.a. auch auf die Entdeckung der Sexualität von Minderjährigen bezieht, darauf geht der Autor von “Lob der Disziplin” wohlweislich nicht ein. Die Begriffe “Menschenbildner” bzw. “Menschenfischer” erinnern jedenfalls fatal an jenes Ideal vom “neuen Menschen”, das sowohl der Nationalsozialismus als auch der Kommunismus verwirklichen wollten und das selbstredend auch der Begründer der Odenwaldschule Paul Geheeb, von dem man heute weiß, daß er ein Päderast war, ebenfalls verfolgte.

Wie sagte doch Bernhard Bueb, angesprochen auf die Vorfälle des Mißbrauchs von Schutzbefohlenen durch den ehemaligen Schulleiter der Odenwaldschule Gerold Becker gegenüber dem “Stern” vom 11.03.2010:

“Ich kann die Vorwürfe gegen Gerold B. bis heute nicht in Einklang mi der Person bringen, die ich ausschließlich als Freund und fürsorglichen Pädagogen kenne.”

Und auf die Frage, warum er, Bueb, Becker in späteren Jahren niemals auf die Vorwürfe angesprochen habe antworteteder Bestsellerautor von “Lob der Disziplin”:

“Für mich war das eine Frage von Takt und Respekt.”

Eine solche Aussage erinnert in der Tat an das Schweigekartell zahlreicher alter Kameraden der deutschen Wehrmacht, die nach 1945 nicht darauf angesprochen werden wollten, was sie bei ihren erlebnispädagogischen Ausflügen in zahlreiche deutsche Nachbarländer mit Ansehen mußten.

Dabei war die Auffassung, was es heißt “Takt” und “Respekt” zu zeigen in der Tradition der Reformpädagogik ursprünglich durchaus eine andere, galt es doch vonseiten des Lehrers und Erziehers dem Schüler den nötigen “Respekt” entgegenzubringen, der letztendlich erst die Entfaltung seiner Anlagen und Talente im Prozeß einer ganzheitlichen Erziehung “vom Kinde aus” ermöglichen sollte.

Wenn es nach den Vorfällen an der Odenwaldschule auch nur eine einzige, winzige Chance gibt, den humanen Kern der deutschen Reformpädagogik zu retten, so sollten Bernhard Bueb aber vor allem Gerold Becker und sein langjähriger Lebensgefährte Hartmut von Hentig endlich ihr unerträgliches Schweigen brechen und zu einer brutalstmöglichen Aufklärung der Skandale im südhessischen Heppenheim beitragen.

Siehe auch:
http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/0,1518,683439,00.html

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