Thomas Rietzschel / 11.01.2017 / 19:05 / 3 / Seite ausdrucken

Pack schlägt sich, Pack verträgt sich. Eine Gaunerkomödie

Was für eine Geschichte! Geheimabsprachen, Aufteilung der Herrschaftsgebiete unter der Hand, Wortbruch und dann der Showdown auf offener Bühne. Verhältnisse wie in einem Mafia-Film der schlichteren Machart: Zwei Gangs haben beschlossen, gemeinsam abzukassieren, weil das mehr bringt, als um die Macht zu streiten. Weil aber nur einer den Hut aufhaben kann, wird man sich einig, dass zunächst der eine Bandenchef und dann der andere die Geschäfte führen soll. Jedem werden die gleiche Zeit zugebilligt. Großes Ganovenehrenwort, in die Hand versprochen.

Dann aber kommt es, wie es kommen muss. Als der Zeitpunkt der Ablösung heranrückt, pfeifen die bereits Gekrönten auf ihre Zusage. Von dem vereinbarten Wechsel wollen sie nichts mehr wissen. Sie wären ja schön blöd, wenn sie das Zepter aus der Hand gäben. Die anderen, die ihnen zuerst in den Sattel halfen, haben das Nachsehen. Dass Sie es im umgekehrten Fall genauso halten würden, ändert nichts daran, dass sie es jetzt sind, die dumm dastehen. Das wurmt.

Hauen und Stechen

Die Gelackmeierten sinnen auf Rache. Sie wollen ihrerseits blankziehen, indem sie den gemeinsam hinterlassenen Schmutz unter dem Teppich vor kehren, ohne sich länger um Ehre und Ansehen zu scheren. Und schwuppdiwupp ist der schönste Bandenkrieg im Gange, ein Hauen und Stechen, wie es dieser Tage im Kampf um den Vorsitz des EU-Parlaments für Schlagzeilen sorgt.

Weil die Roten, die den Posten zuerst, die erste Hälfte der Legislaturperiode, mit ihrem Mann aus Würselen besetzt hatten, davon nicht lassen wollen, haben die Schwarzen ein Papier aus der Ablage gefischt, das eigentlch das geteilte Geheimnis der Paten bleiben sollte. Datiert ist es auf den 24. Juni 2014. Unterschrieben haben es Martin Schulz und Manfred Weber, der erste für die S & D, die „Progressive Allianz der Sozialisten und Demokraten“ im EU-Parlament, der zweite als Fraktionsvorsitzender der „Europäischen Volkspartei“ (EVP), bei der CDU und CSU dick eingeschrieben sind. Von beiden Seiten wurde in der geheimen Verschlusssache festgelegt, sich gegenseitig bei der Wahl eines ihrer Vertreter zum EU-Präsidenten zu unterstützen. Gemeinsam wollt sie einmal diesen einmal jenen für jeweils ins Amt hieven. Mit einer „Zusatzvereinbarung“ stiegen die Liberalen nachträglich ein.

Ein politischer Schwindel, so gesetzwidrig organisiert wie die krummen Geschäfte der Mafia. In der Wirtschaft würde das den Tatbestand unerlaubter Preisabsprachen erfüllen. Das Bundeskartellamt müsste einschreiten und saftige Geldbußen verhängen. In der Politik freilich wäre damit wenig gewonnen. Da deren Verdächtigen dem Steuerzahler ohnehin auf der Tasche liegen, müsste er am Ende noch für die finanzielle Bestrafung ihres Schachers um Posten und Ämter aufkommen.

Dann fliegen die Fetzen

Das Syndikat hat sich die Demokratie längst unter den Nagel gerissen. Statt um die Macht zu konkurrieren, indem sie dem Bürger unterschiedliche Angebote machen, bilden die Parteien ein Kartell, dessen Mitglieder sich intern darauf verständigt haben, die Demokratie gemeinschaftlich auszuplündern. Solange dabei jeder seinen Schnitt macht, keine der etablierten Partei, egal ob an der Regierung oder in der Opposition, zu kurz kommt, laufen die Geschäfte denn auch wie geschmiert. Erst wenn einer den Hals nicht voll bekommt, fliegen die Fetzen. Dann hauen sie sich gegenseitig in die Pfanne.

Wir erleben eine Gaunerkomödie wie jetzt eben im Kampf um den Chefsessel im EU-Parlament. Wer am Ende des Stückes über wen triumphiert, werden wir in wenigen Tagen, am kommenden Montag, den 17. 01. 2017, erfahren. Dann ist Wahltag im EU-Parlament. Und danach? Danach wird es nicht lange dauern, bis die Streithammel wieder ein Herz und Seele sind.

Der nächste Deal, ausgehandelt hinter verschlossenen Türen, kommt so sicher wie der nächste Sommer: Pack schlägt sich, Pack verträgt sich, solange die Bürger nicht dazwischen gehen. 

Sie lesen gern Achgut.com?
Zeigen Sie Ihre Wertschätzung!

via Direktüberweisung
Leserpost

netiquette:

Matthias Haus / 12.01.2017

Es ist kaum noch zu ertragen wie die Steuerzahler von diesen Schmarotzern mit einer Selbstverständlichkeit ausgenommen werden. Das dieser Verwaltungsapparat EU eine Arbeitsbeschaffung für Zweitklassige Politiker ist ,dürfte wohl immer mehr Menschen klar werden. Von Charakter oder Anstand ihren Wählern gegenüber ganz zu schweigen.

Karla Kuhn / 11.01.2017

Ich schließe mich Herrn Herrmann an. Genau so ist es.

Dietrich Herrmann / 11.01.2017

Der übelste Skandal daran ist doch, dass es anscheinend kein einziges Mittel gibt, auf demokratischem Wege diesen gaunerhaften Wahnsinn. genannt EU, zu beenden. Diese Handaufhalter und Korruptis müssen doch gechasst werden können !!??  Mit dem Wissen über solche Machenschaften sollte KEIN Europa-Bürger mehr zu diesen Wahlen gehen!

Leserbrief schreiben

Leserbriefe können nur am Erscheinungstag des Artikel eingereicht werden. Die Zahl der veröffentlichten Leserzuschriften ist auf 50 pro Artikel begrenzt. An Wochenenden kann es zu Verzögerungen beim Erscheinen von Leserbriefen kommen. Wir bitten um Ihr Verständnis.

Verwandte Themen
Thomas Rietzschel / 08.06.2019 / 12:00 / 54

Katzbucklers Erwachen

Spät kommt sie, die Einsicht der Wirtschaft: unverhofft, unfassbar, unerhört für die Politik. Die Kanzlerin rang vergebens um Fassung. Wie der Blitz aus heiterem Himmel…/ mehr

Thomas Rietzschel / 31.05.2019 / 06:25 / 56

Die Politik, das Grundgesetz und die Meinungsfreiheit

Der Termin liegt bald eine Woche zurück. Die Sonntagsreden sind gehalten und verhallt. Siebzig Jahre Grundgesetz abgefeiert, als sei es um die Straßenverkehrsordnung oder einen…/ mehr

Thomas Rietzschel / 27.05.2019 / 12:00 / 14

Die Ohnmacht des Wortmächtigen

„Wie modrige Pilze“ zerfielen ihm die Worte im Mund, heißt es in einem fiktiven Brief des fiktiven Lord Chandos an den englischen Philosophen und Staatsmann…/ mehr

Thomas Rietzschel / 12.05.2019 / 14:00 / 15

Altmaiers Strategie für den Niedergang

Mit der mittelständischen Wirtschaft weiß die Politik wenig anzufangen. Handelt es sich doch, zumal bei den Familienbetrieben, um Firmen, in denen die Eigentümer noch auf…/ mehr

Thomas Rietzschel / 08.05.2019 / 16:00 / 24

Spahn kennt kein Pardon

Der Mann hat sich nicht im Griff. Seit er zum Minister aufgestiegen ist, spielt Jens Spahn den Gesundheitssheriff. Zuerst hat er ein Gesetz auf den…/ mehr

Thomas Rietzschel / 03.05.2019 / 13:00 / 38

Drei Tage, die Afrika bewegten

Was hatte die deutsche Bundeskanzlerin während der letzten Tage in Afrika verloren? Wollte sie schon einmal den neuen Sommer-Blazer ausführen, cremefarben und weiblich tailliert? Hat…/ mehr

Thomas Rietzschel / 30.04.2019 / 11:00 / 31

Die gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit aus Bielefeld

Seit 2006 wartet die Friedrich-Ebert-Stiftung mit Erhebungen zur rechtsextremen Einstellung der Deutschen auf. Zusammengefasst erscheinen die Ergebnisse alle zwei Jahre. Um die Sammlung der Daten sowie…/ mehr

Thomas Rietzschel / 27.04.2019 / 13:01 / 45

Der Habeck-Index

Wer heute Politikern wie Robert Habeck vertraut, sollte sich nicht wundern, wenn er morgen aus seiner Wohnung fliegt. In einem Interview, das eben in verschiedenen…/ mehr

Meine Favoriten.

Wenn Ihnen ein Artikel gefällt, können Sie ihn als Favoriten speichern.
Ihre persönliche Auswahl finden Sie Hier
Favoriten

Unsere Liste der Guten

Ob als Klimaleugner, Klugscheißer oder Betonköpfe tituliert, die Autoren der Achse des Guten lassen sich nicht darin beirren, mit unabhängigem Denken dem Mainstream der Angepassten etwas entgegenzusetzen. Wer macht mit? Hier
Autoren

Unerhört!

Warum senken so viele Menschen die Stimme, wenn sie ihre Meinung sagen? Wo darf in unserer bunten Republik noch bunt gedacht werden? Hier
Achgut.com