Gastautor / 14.02.2018 / 11:00 / Foto: Hakeliha / 5 / Seite ausdrucken

Oxfam: Ein Absturz vom hohen Sockel

Von Kurt Gerhardt.

Es liest sich ein bisschen wie ein Drehbuch aus Skandalen der katholischen Kirche: schweres sexuelles Fehlverhalten und anschließendes Verschleiern. Das kennen wir doch.

Das mindert nicht die Ungeheuerlichkeit, dass in Haiti in der Zeit nach dem fürchterlichen Erdbeben von 2010 führende Oxfam-Mitarbeiter Spendengelder dazu benutzt haben sollen, Sex-Vergnügungen zu organisieren. Und dass es in der Zentrale in Oxford Verantwortliche gab, die nicht mit der gebotenen Schärfe darauf reagiert haben, aus Furcht, die Organisation könne Schaden nehmen, wenn diese Dinge bekannt werden.

Oxfam ist laut Wikipedia ein internationaler Verbund von verschiedenen Hilfs- und Entwicklungsorganisationen: 

Oxfam arbeitet nach eigener Aussage weltweit dafür, dass sich Menschen in armen Ländern nachhaltige und sichere Existenzgrundlagen schaffen können, Zugang zu Bildung, gesundheitlicher Versorgung, Trinkwasser und Hygiene-Einrichtungen sowie Unterstützung bei Krisen und Katastrophen erhalten. Ein weiteres wichtiges Ziel ist Geschlechtergerechtigkeit. 

Nachdem die Nachrichtenschleusen nun geöffnet sind, ist zu befürchten, dass weiterer Schmutz nach oben gespült wird. Schon jetzt deuten Aussagen – vor allem von  Haitianern – darauf hin, dass diese Untaten Teil einer „Kultur“ waren, die sich in den Kreisen der Helfer und ihrer Vorgesetzten gebildet hatte. Dass es schon einen ähnlichen Skandal unter Oxfam-Mitarbeitern im Tschad gegeben hat, verstärkt diese Vermutung. Dies würde alles als noch schlimmer erscheinen lassen.

Und es schließen sich weitere Fragen an, zum Beispiel nach welchen Kriterien Oxfam  Personal für den Einsatz in Ländern der Dritten Welt auswählte und welche Kontrollen es gab, um Fehlverhalten aufzuspüren und zu verhindern.

Interessant ist, dass diese üblen Nachrichten eine Organisation betreffen, die sich bisher in der Öffentlichkeit und in den Medien einer geradezu sakrosankten Stellung erfreuen durfte. Oxfam schwebte sehr hoch. Und es konnte diese Position dazu nutzen – man könnte auch sagen: missbrauchen – um nicht selten Unsinn zu verbreiten, etwa in Fragen der Entwicklungs- und der Flüchtlingspolitik.

Anlässlich der jährlichen Wirtschaftsgipfel in Davos veröffentlicht Oxfam gewöhnlich Zahlen über die Entwicklung von Vermögen in der Welt. Zentrale Botschaften: Die Reichen leben auf Kosten der Armen. Sie werden immer reicher und die Armen immer ärmer. Seriöse Ökonomen kritisieren diese Darstellungen regelmäßig als ideologisch verzerrt. Der Wirtschafts-Nobelpreisträger Angus Deaton betont, die Zahl der von Armut betroffenen Menschen in der Welt sei in nur drei Jahrzehnten von zwei Milliarden auf eine Milliarde gesunken, als Folge von Kapitalismus, Globalisierung und der Ausbreitung von Märkten. „Das ist kein Scheitern, sondern einer der größten Erfolge der Menschheitsgeschichte. Der Welt ist es insgesamt noch nie besser gegangen als heute.“

Bei vielen deutschen Medien kommen die negativen Botschaften von Oxfam aber besser an als die guten von Deaton und Co. – was natürlich auch mit der sensationsgeneigten Praxis vieler Medien zu tun hat. Oxfams Meinungsmacht rührt nicht zuletzt daher, dass es sich dabei um einen riesigen Verband aus fast zwanzig Einzel-Organisationen handelt, mit einer langen Geschichte; Oxfam wurde schon 1942 gegründet. Es hatte 2016 Einnahmen von knapp einer halben Milliarde Euro zur Verfügung.

Es wäre falsch, Oxfam jetzt insgesamt ins Dunkel zu stellen, denn ohne Zweifel hat Oxfam in der Vergangenheit viel geleistet, um die Not vieler Menschen zu lindern. So, wie das auch viele Helfer anderer Organisationen getan haben und tun.

Blauäugigkeit bei der Bewertung ist allerdings fehl am Platze – und gefährlich, wie der Fall „Oxfam“ zeigt. Ein Mensch ist nicht schon deswegen gut, weil er angeblich die Not anderer bekämpft. Es ist nicht auszuschließen, dass Oxfam selbst durch diesen Fall unangemessen großen Schaden nimmt. Das wäre nicht gut. Es aber von seinem hohen Sockel herunterzuholen, ist richtig.

Kurt Gerhardt ist ehemaliger WDR-Redakteur. Er war von 1983 bis 1986 Landesbeauftragter des Deutschen Entwicklungsdienstes DED im Niger. Mitbegründer der Initiative „Grundbildung in der Dritten Welt". Er ist Vorsitzender der NRO „Makaranta" zur Förderung der Grundbildung in Afrika und Mitinitiator des „Bonner Aufrufs für eine andere Entwicklungspolitik".

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Leserpost

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Jürgen Schnerr / 14.02.2018

Danke für diesen Beitrag! Niemand, auch der nicht, der Gutes will, ist gegen die wohl in jedem Menschen steckenden Untugenden gefeit. Nicht umsonst werden die 7 Todsünden beschrieben und gibt es seit Jesus die 10 Gebote. Um so mehr ist demokratische Kontrolle wichtig. Und da fehlt es fast allen NGOs massiv. Ihre Finanzierung und ihre Tätigkeit sind meist undurchschaubar. Bis hin, wo steckt welcher Milliardär und Großspekulant dahinter. Das ist deren Grundproblem und deshalb unterstütze ich keine dieser Organisationen mehr!

Volker Franzen / 14.02.2018

Genau der richtige Tenor! Nicht generell verdammen, aber vom Sockel stoßen, auf dem es sich viele Organisationen - nicht nur Oxfam - “bequem” gemacht haben.  Alle diese Organisationen müssen ihre Arbeit ständig hinterfragen und transparent machen, um glaubwürdig zu bleiben (oder wieder zu werden).

Andreas Bitz / 14.02.2018

Oxfam habe ich bislang auch unterstützt. Allerdings immer häufiger mit nicht mehr so gutem Gefühl: Oxfam versteht sich als Migrationslobbyist, lesen Sie mal die Forderungen zum Koalitionsvertrag: Familiennachzug uneingeschränkt (auch für Subsidiäre), Maghrebstatten keine sicheren Herkunftsländer… Wie bei einer Vielzahl von NGO, Stiftungen etc. sollen auch bei Oxfam Deutschland zwar Alle Förderer, Unterstützer werden, zahlen, man aquiriert staatliche Zuschüsse. Allerdings ist die “Mitgliedschaft” (wie wird man das?) undurchsichtig.

Karla Kuhn / 14.02.2018

“Ein Absturz vom hohen Sockel”  Wer hat diese Organisation erst auf den “hohen Sockel” gestellt ? Hilfsorganisation haben überhaupt auf keinem hohen Sockel zu stehen. Sie verteilen die Gelder der Spender, nicht ihre eigenen, und darum müßten sich solche Organisationen ganz besonders fair und moralisch verhalten. “...Oxfam-Mitarbeiter Spendengelder dazu benutzt haben sollen, Sex-Vergnügungen zu organisieren. ” Wenn es wirklich so ist, müssen diese Mitarbeiter sofort rechtlich belangt werden. Wenn ich Spender wäre, würde ich ab sofort keinen Cent mehr spenden. Das trifft zwar die Armen in diesen Ländern aber bevor die Anschuldigungen nicht aufgeklärt und zukünftig strenge Kontrollen erfolgen, sollte man die Spendenbereitschaft generell überdenken.

Mark Schild / 14.02.2018

“Es wäre falsch, Oxfam jetzt insgesamt ins Dunkel zu stellen, denn ohne Zweifel hat Oxfam in der Vergangenheit viel geleistet, um die Not vieler Menschen zu lindern.”  Mit dieser Meinung gehören sie aber wirklich zu einer Minderheit. Liegt wahrscheinlich an der WDR-Vergangenheit.

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