Wenn Journalisten wissen wollten: Warum schreiben Sie noch immer über Sex, Herr Kolle? wurde er in seinen späten Jahren richtig fuchtig. Ja, fragen Sie denn einen Arzt, warum er noch immer Menschen behandelt? bellte er dann. Die Frage klang für ihn so, als habe sich das Riesenthema Sex längst erledigt. Und nur er, Oswalt Kolle, der Nervsack, ritte weiter darauf herum.
Noch mehr ärgerte er sich aber wohl über die Geringschätzung, die da mitschwang. Dieselbe Journaille, die jahrelang von ihm gelebt hatte, ihn belagert, belabert, ausgequetscht und seine Ehe mit Marlies observiert hatte in der Hoffnung, endlich in meterdicken Lettern exklusiv melden zu können: SEX-PAPST LÄSST SICH SCHEIDEN!, dieselben Gestalten also fragten ihn jetzt mitleidig: Haben Sie denn gar nichts anderes auf dem Zettel als die ewige Sexchose?
Sauer wurde er, weil er dann wieder mal merkte: gemocht hatten sie ihn nie, die so genannten tonangebenden Kreise. Immer war er irgendwie äh-bäh geblieben. Schmuddelkind einer Ära, welche keiner die Ära Kolle nannte, vielmehr hochtrabend „die sexuelle Revolution“. Dabei war er, Sohn eines berühmten Psychiaters, Boulevardjournalist mit Näschen für den Wind des Wechsels, allen weit voraus gewesen, die später die Fahne der sexuellen Befreiung schwenkten. Hatte mit seinen Aufklärungsserien ab 1960 („Dein Kind/Mann/Frau, das unbekannte Wesen“), mit Büchern und mit Filmen wie „Das Wunder der Liebe“ Pionierarbeit geleistet. Erstmals nachkriegsdeutsche Schlafzimmer entmufft, wo man beim GV das Licht zu löschen und wortlos in die Missionarsstellung zu gehen pflegte. Er erlöste Frauen aus ihrer Duldungsstarre, predigte Männern nimmermüde, sich im Bett gefälligst etwas geschickter und, jawohl, auch zärtlicher anzustellen. Er wollte mehr als den Leuten zeigen, wie man den Nippel in die Lasche kriegt. Gedankt wurde ihm das nie, nicht von den Elitären.
Dass er bei den Konservativen aneckte, mit Zensoren, Kirchen, moralischen Aufrüstern zu kämpfen hatte – nebbich. Diesen Streit hatte Kolle gesucht. Er machte ihn berühmt und reich, wurde zu seinem Lebensthema. Einem seiner Söhne erzählte er (und der erzählte es kürzlich Henryk M. Broder), wie er, Kolle, mal in einer Lufthansa-Lounge auf den damaligen Erzbischof von München und Freising traf. Kardinal Josef Ratzinger habe laut gesagt: „Es stinkt hier“ und sei stracks abgezogen.
Aber auch die Linken mochten ihn nicht. Für sie war Kolle (Ideologien in der Tat abgeneigt) bloß ein Profitgeier, der den doofen Massen billige Sexualakrobatik vertickte, zwecks Ablenkung vom Klassenkampf. Im Grunde ein Systemknecht! Während den Linken Sex ja hoch politisch vorkam – nach dem Vögeln lasen sie bei Wilhelm Reich nach, was für eine gesellschaftliche Funktion ihr Orgasmus hatte.
Auch später, als seine große Erfolge längst Geschichte waren und das Anwesen in Kampen auf Sylt schon lange verkauft war (wo er Gäste mit einem Sauna-Telefon beeindruckt hatte, das gegen Stromschlag gesichert war); als auch sein Landsitz im holländischen Breukelen den Besitzer gewechselt hatte und er einen vom Flughafen Amsterdam mit einem zerbeulten Landrover abholte statt, wie früher, mit einem Iso Rivolta – auch da, als er längst kleinere Brötchen backte, wetterte er leidenschaftlich wie eh und je gegen die Mucker, die Spießer, die Sexualneurotiker, die Pfaffen, ja, immer, überall und besonders, gegen Letztere. In dieser Beziehung ist er niemals altersmild geworden. Schöne, aufrichtige Sätze sagte er, wie diesen: „Ich bin ein freier Autor, Mitglied einer aussterbenden Gattung. Wenn ich krank bin, spüren wir das gleich in der Haushaltskasse.“
Große Auszeichnungen hat er nie gekriegt, nur Goldene Leinwände. Was für ein Land. Claus Peymann, ein arroganter, abzockerischer Theaterkommunist wie aus Brechts gleichnamigem Gedicht, wird bejubelt wie ein Großer. Kolle wurde immer klein geschrieben. Zeit, ihm ein Denkmal zu setzen, Inschrift: „Er hat mitbewirkt, dass wir so schnakseln dürfen, wie wir wollen: die dankbaren Generationen ab 1960“.