Das Wort „konservativ“ wird gerne missdeutet, indem es als Gegensatz zu „progressiv“ oder „modern“ positioniert wird, also im Sinne von rückschrittlich, anti-modern oder feindlich gegenüber Entwicklung und Veränderung. Das ist dummes Zeug.
Die Fragmentierung der westlichen Gesellschaften bedient sich bestimmter Begriffe, um den Zerfall in politische Lager zu markieren und zu rechtfertigen. Positionen werden als unvereinbar, sogar unversöhnlich angenommen: „progressiv“ gegen „konservativ“, „links“ gegen „rechts“. Die so markierten Brüche betreffen schließlich alle Bereiche der Gesellschaft, sogar ursprünglich unpolitische wie Poesie und Kunst. Auch wenn die daraus entstehenden Kontroversen zunächst den kreativen Diskurs beleben, tragen sie zunehmend zur Spaltung der Gesellschaft und zur Gefährdung des zum Überleben notwendigen Zusammenhalts bei. Sieht man genauer hin, zeigt sich, dass die Unversöhnlichkeit dieser Begriffe eine Konstruktion ist.
So wird das Wort „konservativ“ meist missdeutet, indem man es als Gegensatz zu „progressiv“ oder „modern“ positioniert, also im Sinne von rückschrittlich, anti-modern oder feindlich gegenüber weiterer Entwicklung und Veränderung. Dabei meint es eigentlich (vom lateinischen conservo hergeleitet) „bewahren“, „retten“ oder „am Leben erhalten“. Und eine Haltung, die Veränderung zu verhindern versucht, wäre im eigentlichen Sinn des Wortes nicht konservativ, bewahrend, sondern destruktiv, zerstörend.
Denn um der Bewahrung des schon Erreichten willen muss sich das Vorhandene immer wieder erneuern. Um zu überleben, muss sich das, was bewahrt werden soll, an veränderte Gegebenheiten adaptieren und damit selbst verändern. Da es dem Konservativen ums Überleben geht, kann er nicht ablehnend sein gegenüber Entwicklung und Neuerung. Sondern nur besorgt um die Gefahren, die von Neuerungen ausgehen, die Verwirrungen, die sie stiften, die Wunden, die sie schlagen. Daher versucht der Konservative zu verhindern, dass sich die Neuerung von ihrer Tradition abtrennt, was wiederum destruktiv wäre, wie wenn sich eine Pflanze, indem sie wächst, von ihren Wurzeln löst.
Die Wurzeln immer im Auge
Diese Gefahr besteht heute überall, im Gesellschaftlichen wie im Privaten. Ein Mensch, der „vergisst, wo er herkommt“, der seiner Herkunft abgeschworen hat, vielleicht aus gutem Grund, ist ab ovo weniger stabil als jemand, der gerade und organisch aus seiner Herkunft emporwächst und seine Ursprünge, seine Wurzeln immer im Auge hat und respektiert. Oft ist die Abwendung von früheren Positionen unvermeidlich, die Entfernung von einem früheren Milieu, sogar die drastische Abwendung.
Selbst Pflanzen, obwohl sie unvermeidlich immer am Ort ihres Entstehens wurzeln, führen die sonderbarsten Bewegungen aus, neigen und biegen sich, um ans Licht zu kommen oder um anderen, sie behindernden Pflanzen auszuweichen. Auch Menschen tun alles Mögliche, um sich vom Ort ihrer Herkunft zu entfernen. Oft geschieht diese Bewegung nicht freiwillig: sie werden vertrieben oder müssen sich drohenden Gefahren entziehen. Der „Blick zurück“ kann verdüstert sein nach erlittenem Unrecht. Er muss dennoch immer erfolgen. Die Erinnerung an die Herkunft, die Besinnung auf die eigene Geschichte gehört zu den Parametern des Menschlichen.
Die westliche Gesellschaft hat eine Periode von Revolutionen, radikalen Veränderungen und Erschütterungen hinter sich und findet sich wieder in Sphären des Immateriellen und Losgelösten, die ihre Verwurzelung eingebüßt haben. In der Eile, im Eifer der Neuerungen, wird dann manches verworfen, was bewahrenswert wäre. Um ein einziges Beispiel zu nennen: die Bibel.
Nicht progressiv, sondern barbarisch
Dieses großartige, informative Buch, dieser Schatz an früher Menschheitserfahrung und ewig gültigen Gleichnissen, an Poesie, Psychologie und hilfreichen Metaphern, wird von vielen „progressiven“ Menschen wegen einiger restriktiver Stellen abgelehnt. In den meisten Fällen sind diese Restriktionen zeitbedingt und können unter veränderten Umständen relativiert werden. Obwohl das bekannt ist, bieten die biblischen Verbote und Einschränkungen radikalen Erneuerern immer wieder Vorwände, das gesamte biblische Denken zu verwerfen. Viele Jüngere kennen dieses Buch überhaupt nicht mehr. Und sind damit um viele Erkenntnisse ärmer, die sie in ihrem hochtechnisierten Alltag dringend nötig hätten.
Daher ist eine Haltung, die ständig Neues schaffen will, ohne zugleich zu bewahren, nicht progressiv, sondern barbarisch. Sie führt zu kultureller Verarmung, indem sie die großen Leistungen früherer Generationen, auf denen das Neue aufbaut, vernachlässigt und vergessen macht. Sie führt zum Verlust an Motivation, indem das Wissen um das Eigene, der Stolz auf das schon Erreichte verloren geht, der ein Antrieb ist für Neues, Weiteres und Weiterreichendes. Das wirklich Progressive strebt die Veränderung an, um fortzusetzen, zu bewahren und gesund zu erhalten, ist also im Kern ein konservatives Projekt. Und das Konservative lebt um des Progressiven, der Entwicklung und des Wachstums willen, deren Absicherung sein eigentliches Ziel ist.
Verlust oder Verleugnung des Konservativen, wie in unseren Tagen verbreitet, ist genauso destruktiv wie ein Blockieren des Fortschritts. Das konservative Element der Gesellschaft dient unserer Entwicklung, unserem Vorwärtskommen wie das progressive. Die beste Beschreibung des eigentlich „Konservativen“ gibt der biblische Prophet Hesekiel im gleichnamigen Buch 34, Vers16: „Ich will das Verlorene suchen und das Verirrte zurück bringen, und das Verwundete heilen und das Schwache stärken“.
Chaim Noll wurde 1954 unter dem Namen Hans Noll in Ostberlin geboren. Sein Vater war der Schriftsteller Dieter Noll. Er studierte Kunst und Kunstgeschichte in Ostberlin, bevor er Anfang der 1980er Jahre den Wehrdienst in der DDR verweigerte und 1983 nach Westberlin ausreiste, wo er vor allem als Journalist arbeitete. 1991 verließ er mit seiner Familie Deutschland und lebte in Rom. Seit 1995 lebt er in Israel, in der Wüste Negev. 1998 erhielt er die israelische Staatsbürgerschaft. Chaim Noll unterrichtet neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit an der Universität Be’er Sheva und reist regelmäßig zu Lesungen und Vorträgen nach Deutschland. Chaim Nolls Buch Der Rufer aus der Wüste – Wie 16 Merkel-Jahre Deutschland ramponiert haben. Ist hier im Achgut-Shop bestellbar.
Ein gekürzte Fassung dieses Textes erschien 2024 im Kulturmagazin Opus.
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