Gastautor / 06.04.2016 / 10:00 / Foto: Blanke Vla / 2 / Seite ausdrucken

Oh wie bös‘ ist Panama!

Von Roger Letsch.

Was haben wir uns alle aufgeregt! Reiche Asoziale, Drogenbosse und Politiker nutzen Offshore-Konten in Panama! Das konnte doch keiner ahnen! Das scheue Reh namens Kapital liegt unter Palmen und wir sitzen hier im kühlen Europa und schauen neidisch zu. Da haben unfähige Regierungen seit Jahrzehnten Gesetze gemacht, die genau das möglich machen und wir beklagen uns, dass die Möglichkeiten genutzt werden. Firmen und windige Geschäftsleute nutzen also die bestehenden Gesetze konsequent aus und gehen sogar noch ein Stückchen weiter? Eine Unverschämtheit! Das ist ja, als würde man auf einer Straße 110 km/h fahren, wo doch nur 100 km/h erlaubt sind – weil man im Geist noch die Messtoleranz abzieht und das Ergebnis mit Nieselregen multipliziert. Sowas macht doch keiner! Wir doch nicht!

Bono und die irischen Steuergesetze

Kann sich noch jemand an den internationalen Aufschrei erinnern, als bekannt wurde, dass die Band U2 des Weltverbesserers und Afrikaschuldenerlassers Bono nur deshalb in Irland so wenig Steuern zahlt, weil die Einnahmen über eine niederländische Holding laufen? Nun, es gab keinen Aufschrei. Auch Apple, dessen Logo zwar einen ärmlichen angeknabberten Apfel zeigt, nagt Offshore nicht eben am Hungertuch. Die aufgelaufenen Gewinne würden in der Höhe einem kleinen Lande als BIP gut zu Gesicht stehen.  An diese offene Art der Steuervermeidung und Gewinnverschiebung haben wir uns aber gewöhnt. Vielleicht, weil Bono sozial so toll engagiert ist oder die Geräte mit dem Apfel so sexy sind?

Steuervermeidung ist wie Doping bei der Tour de France – jeder strampelt nach seinen Möglichkeiten bzw. denen der beteiligten Ärzte/Anwälte, aber alle strampeln mit. Und am Rand stehen die begeisterten Fans und glauben, ihr Team sei das einzig Saubere. Jakob Augstein, der begeisterte Fähnchenschwenker vom Team „Sozialismus“ sieht sich nun in seiner Meinung bestätigt, dass es nämlich der Kapitalismus ist, der Betrug dieser Art erst möglich macht und solches Verhalten fördert.

Nicht der Kapitalismus funktioniert so, sondern der Mensch

Aber nicht der Kapitalismus zeigt, wie er wirklich funktioniert, sondern der Mensch – er wächst mit seinen Aufgaben und Möglichkeiten. Warum sollte das ausgerechnet beim privaten finanziellem Vorteil anders laufen? Ist es eine Frage des Gesellschaftssystems? Spielt es eine Rolle, ob Sozialismus, Monarchie, Despotie, Plutokratie oder wie auch immer geartete Demokratie – die Menschen handeln auf individueller Ebene sehr ähnlich. Ein Blick in die Liste der bisher bekannten Personen des Panama-Leaks zeigt denn auch einen interessanten Querschnitt der „Menschen mit Möglichkeiten“, ganz unabhängig von der Regierungsform oder dem Demokratisierungsgrad ihrer Herkunftsländer. Argentinien, Ukraine, Russland, Saudi-Arabien, Island, Großbritannien…nicht ganz leicht, hier einen gemeinsamen gesellschaftlichen Nenner zu finden. Außer natürlich dem Dreiklang aus Gelegenheit, Geld und Goodfellas. Fehlt ihnen auch nur eines davon, lieber Leser, sind Sie immun gegen diese Form der Steuervermeidung. Aber seien Sie nicht zu stolz auf sich. Sobald diese drei Dinge auch bei Ihnen beisammen sind, ist noch genug Gelegenheit der Versuchung zu widerstehen, eine kleine „Firma“ in Delaware oder den Virgin Islands zu gründen.

Hitler war nur in seiner asketischen Attitüde ein armer Mann, der vor dem bayerischen Finanzamt sein Einkommen klein rechnete, Funktionäre der Kommunistischen Partei Chinas stopfen sich genauso ungeniert die Taschen voll wie europäische Staatslenker und Revolutionsführer in Lateinamerika. Gier kennt keine Ideologie, sondern ist ein menschliches Wesensmerkmal, wenn auch kein angenehmes und keines, das man sich selbst gern attestiert.

Ausgerechnet die in letzter Zeit zurecht viel gescholtenen Medien im nicht immer zurecht kritisierten Kapitalismus schafften es aber schon wieder, die Decke über einem unappetitlichen Skandal wegzureißen. Der Westen schafft es, internationale Netzwerke aus Journalisten zu bilden, die den internationalen Netzwerken der Schattenwirtschaft, der Kriminalität und der Steuerflucht etwas entgegensetzten können.  Um die mediale Öffentlichkeit in Staaten, die keine demokratisch/kapitalistischen Systeme haben, ist es sehr viel schlechter bestellt.

Eine Umma aus tugendhaften Menschen?

Augsteins gedanklicher Sozialismus funktioniert, wie der Islam sich gern selbst sieht: als Umma aus tugendhaften Menschen, denen Blick auf das „Große Ganze“ gerichtet ist. Frei von Begierden, frei von Fehlern, überall Perfektion, nirgends Individualität. Kapitalismus und Marktwirtschaft funktionieren dagegen eher wie der Katholizismus: unterschiedlichste Menschen voller Schwächen, Fehler, Glaube, Unglaube, Zweifel, Verrat und Vergebung.

Entscheiden Sie selbst, was besser funktioniert und die Realität besser abbildet. Dann dürfen Sie vielleicht sogar mal etwas mehr Gas geben, weil ihre Navi-App keine Blitzer meldet und bei der nächsten Steuererklärung die Mehrwertsteuer aus den Park-Quittungen vom Weihnachsteinkauf herausrechnen. Sie müssen ja nicht gleich zur Beichte gehen.

Zuerst erschienen auf Roger Letschs Blog unbesorgt.de hier.

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Leserpost

netiquette:

Waldemar Undig / 06.04.2016

Ja, wir sind alle fehlbar. Dennoch kann mehr Transparenz bei Offshore-Firmen nicht schaden.

Christoph Fischer / 06.04.2016

Ich denke einige wollten gar nicht unbedingt Steuern vermeiden, sondern nur einen Teil ihres Vermögens nicht in Euro,  nicht in der EU und schlicht dem Finanzamt nicht bekannt wissen. Ich jedenfalls würde das wollen.

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