Arnold Vaatz, Gastautor / 30.01.2014 / 14:16 / 6 / Seite ausdrucken

Offener Brief an Roland Jahn

Arnold Vaatz

Herrn
Roland Jahn
Der Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR

Lieber Roland,

vielen Dank für das Buch von Tobias Wunschik „Knastware für den Klassenfeind“. Es ist die erste umfassende und sorgfältig recherchierte Dokumentation der Zwangsarbeit in den DDR- Haftanstalten. Dieses Thema gehört in die Lehrpläne der Schulen und in die politische Debatte. Dass der Terminus „Zwangsarbeit“ im Buch sorgfältig vermieden wird, ist dabei eine kleine Feigheit am Rande, die ärgerlich1 aber verzeihlich ist. Ich danke dem Autor und der Behörde für diese Arbeit und wünsche ihr gute Verbreitung.

Ich habe selbst etwa fünf Monate in der Strafvollzugseinrichtung Unterwellenborn verbracht und im Stahlwerk Maxhütte gearbeitet. Meine Befürchtung, dass die Komponente „Arbeit“ des DDR-Knastalltags in Vergessenheit gerät und irgendwann – weil nicht mehr beweisbar – gar bestritten wird, ist nun zwar gegenstandslos. Im Folgenden drängt es mich aber, zu erklären, wieso mir das Buch trotz seines unbestrittenen Wertes nahezu unerträglich ist (woran allerdings weder der Autor noch die Behörde eine Schuld trägt).

Titel und Stoßrichtung des Buches offenbaren nämlich, dass die Ausplünderung der Häftlinge in den Strafvollzugseinrichtungen der DDR und die allgegenwärtige Bedrohung ihrer Gesundheit keine Zeile wert wäre, wenn die Knastarbeit allein für den DDR-Bedarf verrichtet worden wäre. Deshalb erfuhr sie auch über zwanzig Jahre lang kaum eine Erwähnung. Erst seit klar ist, dass die Konzerne des Westens damit Geschäfte machten, erregt sie öffentliche Aufmerksamkeit. Erst damit eignet sie sich die Häftlingsarbeit in der DDR nämlich für linke Feindbildpflege, und dies und nur dies gibt ihr überhaupt einen Nachrichtenwert.

Nicht IKEA ist nämlich verantwortlich für die in den 80er Jahren im Westen herrschende Distanzlosigkeit zu den Diktaturen im Osten.
Nein: Die Linke im Westen war es, die von dem unwiderstehlichen Drang getrieben war, sich den Nomenklaturen im Osten anzubiedern, die nach Moskau oder Ostberlin pilgerte um dann zuhause die westdeutsche Öffentlichkeit zu beschwichtigen und über den Charakter des Sowjetimperiums zu täuschen (auch ein Blick auf die Biografie des BSTU-Direktors Altendorf ist hier sehr aufschlussreich). Sie war es, die systematisch Jeden als „Friedensstörer“, „ewig Gestrigen“ und „Kalten Krieger“ in die rechte Ecke stellte, der sich von derart Beschwichtigungen nicht beirren ließ. Sie war es, die eifernd und fanatisch den letzten Ort der Dokumentation von DDR-Verbrechen, die Erfassungsstelle Salzgitter, noch 1989 schließen wollte. Ihr Verhalten war es, welches dem DDR-Apparat ein Gefühl der Sicherheit und Unantastbarkeit vermittelte und ihn zu der schneidenden und zynischen Arroganz ermutigte, mit der er seine schmutzigen und menschenverachtenden Techniken bis tief in den Herbst 1989 hinein als Kampf für Frieden und Fortschritt drapierte.

Schließlich: Wer, wenn nicht diese Beschwichtiger aus der linken Szene Westdeutschlands tragen die Schuld daran, dass ihre Beschwichtigungen auch auf fruchtbaren Boden fielen? So dass – wie der übrige Teil der Gesellschaft - auch die Konzerne diese Weißwäsche der sozialistischen Regime im Osten für bare Münzen nahmen und kein moralisches Fehlverhalten darin sahen, mit der DDR Handel zu treiben? Hätten die Konzerne damals die Frage über die Lippen gebracht, ob denn die ihnen vom Außenhandel der DDR vermittelten Produkte durch Unrecht zustande gekommen sein könnten, so wäre die westliche Empörungsindustrie augenblicklich über sie hergefallen und hätte ihre Bösgläubigkeit an den Pranger gestellt. Also fiel es den Konzernen leicht, solch unangenehme Fragen auszusparen: Das garantierte ruhige Geschäfte und brachte die Beschwichtiger nicht auf die Palme.

Dass der deutsche Nachrichtenmarkt die Kunde von der Zwangsarbeit erst vermittels des Vehikels „Schuften für den Westen“ annimmt, ist nun angesichts des bisher Gesagten leider weiter nichts mehr, als eine freche Demonstration der Beschwichtiger von gestern: Sie zeigen damit, dass sie die deutsche Öffentlichkeit wieder einigermaßen im Griff haben; dass sie die unangenehmste Widerlegung ihrer politischen Überzeugungen, die Revolution von 1989, nun verdaut und wie immer das letzte Wort haben.

Ein Nebenertrag ist, dass nun diejenigen, die den lebensgefährlichen DDR-Knast zu verantworten haben, aufatmen können: Sie führen die Hitliste der Menschenverachtung nicht länger an. An ihre Stelle zerrte man ein paar naive, unpolitische Wirtschaftsmanager wegen ihren zwar unappetitlichen aber vergleichsweise harmlosen Geschäften; Leute, die von diesen Verhältnissen profitiert haben mögen, im Einklang mit dem damaligen Zeitgeist auch am liebsten nichts über sie wissen wollten, aber zur Einrichtung des Knast-Regimes selbst nicht das Geringste beigetragen haben. Dies finde ich reichlich absurd.

In der Hoffnung auf Dein Verständnis, für meine Sicht der Dinge und dafür, dass ich diesen Brief öffentlich mache (die Debatte ist längst öffentlich), verbleibt mit herzlichem Gruß

Dein
Arnold Vaatz

Der Autor ist Stellvertretender Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Von 1990 bis 1992 war er Sächsischer Staatsminister in der Staatskanzlei und von 1992 bis 1998 Sächsischer Staatsminister für Umwelt und Landesentwicklung.

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Leserpost (6)
Robert Machnik / 01.02.2014

Ich habe damals als junger Lehrling den Umgang mit den Häftlingen in der Maxhütte erlebt. Einer nahm mir schmächtigen Jüngelchen wortlos ein bleischweres Schweißkabel ab, mit dem ich mich verzweifelt quälte. Habe es leider noch nicht mal geschafft, Danke zu sagen und eine Zigarette hervorzuholen, so prompt und infernalisch kam das Gebrüll des Bewachers, der augenscheinlich bedauerte, keine Waffe und keinen Schießbefehl zu haben. Leute, wie Sie, Herr Vaatz, sind die letzten Mahner, die uns erinnern, was der Sozialismus für eine Sauerei war und ist und immer sein wird. Durch die Hirne vor allem der indoktrinierten Westdeutschen wabert größtenteils das Grundgefühl, Kommunismus sei etwas doch Gutes und Erstrebenswertes, wenn man es nur richtig mache. Ihnen und den unerträglichen Menschen in den roten und grünen Parteien, die uns täglich in den Medien mit ihren feuchten Unterdrückungsträumen und ihren abscheulichen Physiognomien behelligen, aber auch Ottonormalbürger, der gar nichts zu raffen scheint, muß man täglich die Wahrheit entgegenschleudern. Vielen Dank, daß Sie es tun! Vergessen Sie dabei bitte auch nicht Ihre eigenen Parteikollegen (das Wort Genosse benutzte man früher zu Recht als Umschreibung von Ganove und Kumpan), die sich längst auch von sämtlichen bürgerlichen Werten verabschiedet haben!

Bernd Naumann / 31.01.2014

Sehr geehrter Herr Vaatz, natürlich ist jeder Ihrer Zeilen zuzustimmen. Aber Polemik über die Vergangenheit ist billig, ohne Folgen kann man sich als aufrechter Konservativer gerieren. Aber sonst? Heute ist die CDU weiter links als es die SPD zu Zeiten Schmidts war. Auseinandersetzung mit den Trägern der kommunistischen Ideologie, der massenmörderischsten des 20. Jahrhunderts? Fehlanzeige, jedem von den “Linken” konstruierten Gerechtigkeitsproblem versucht man eilfertigst abzuhelfen, fast entschuldigend, nicht allen Forderungen der Kommunisten entsprochen zu haben. Kommunistischen Terror beim Namen nennen, in Hamburg, in Berlin, überall wo es Antifa gibt? Weit gefehlt, die CDU verstärkt den Kampf gegen rechts. Wo ist da Ihre Polemik Herr Vaatz? Die CDU hat den ideologisch begründeten Energiewendewahnsinn nicht beendet, sie hat mit der Abschaltorgie der weltweit sichersten Kernkraftwerke diese noch weiter verschärft, das industrielle Rückrat Deutschlands aufs Spiel setzend. Ich habe von Ihnen, Herr Vaatz, keinen Widerspruch vernommen. Die sogenannten öfftl. rechtl. Sender sind zu linksgrünen, USA- und israelfeinlichen Propagandaeinrichtungen verkommen. Wo waren Ihre Worte zum Beschluss diesen Moloch mit weiteren 100en Millionen zu mästen? Wo ist Ihr Widerstand gegen die wahnwitzige, naturwissenschaftlich längst widerlegte Genderideologie? Wo Ihre Einwände gegen den Bruch der Brüsseler Verträge (Eurorettung)? Was tun Sie gegen die Ausbreitung von Gewalt gegen Polizisten, was gegen das Anwachsen zutiefst demokratiefeindlicher religiöser Bewegungen? Wo bleibt Ihr Widerstand gegen ständig weitere Sozialausgaben, zu Lasten von Schuldenabbau, Wissenschaft und Technik? Zeigen Sie Rückrat als Konservativer auch dann, wenn die weitere Alimentierung als MdB gefährdet wird. Oder schweigen Sie immer.  

Dr. Günther Heinzel / 30.01.2014

Herr Vaatz, aus tiefstem Herzen danke ich Ihnen für diesen Artikel. Jedes Wort sitzt. Ihrem Artikel wünsche ich allerweiteste Verbreitung. Ich hoffe, auch Herr Jürgen Schmude findet Gelegenheit, diesen aufmerksam und selbstkritisch zu studieren. Er war derjenige, der noch wenige Tage vor den Leipziger Demonstrationen lauthals die Abschaffung der Zentralstelle Salzgitter gefordert hatte. Schauen Sie mal gelegentlich im Netz nach, welche tollen Ehrungen ihm in den Jahren danach noch zuteil geworden sind. Nicht, daß ich sie ihm neide, umgotteswillen. Es grüßt Sie der ehemalige Zonen-Knast-Insasse Dr. Günther Heinzel, Köln

Manfred Haferburg / 30.01.2014

Hier spricht mir einer aus dem Herzen. Die DDR-Versteher haben gewonnen. Es war ja auch einfach, aus dem Luxus gemütlicher Westschreibstuben mit einem Gläschen Scotch in der Had über die DDR zu jubeln, solange man nicht dort leben mußte. Und bei Expeditionen ins gelobte sozialistische Land gab es immer noch Intershop, Interrast, Interhotel, ja selbst Interklo, wo man den geliebten Drink und das weiche Klopapier für etwas harte Währung geboten bekam. Das Resultat dieser Verklärung ist, dass ein Dr. Gysi in vollkommener Amnesie und mit Tremolo in der Stimme im Bundestag das Spitzeln der Amerikaner als unerträglich für die Demokratie anprangert. Und kein einziges demokratisches Medium in unserem Land findet etwas dabei, dass ausgerechnet dieser Mann sich Doktor nennt und das staatlich organisierte Spitzeln verurteilt. Das ist unfassbar. Auch ich hatte die Ehre, das “vervollkommnete sozialistische Recht im Rechtsverwirklichungsprozess” (Doktorarbeit des Herrn Gysi) in Hohenschönhausen zu genießen. Ich habe daher die DDR anders in Erinnerung, nämlich als eine “rotlackierte Menschenbrechmaschine in sowjetischer Lizenz gebaut” (Wolf Biermann im Vorwort des Romans “Wohn-Haft”). Aber leider wollen das viele gar nicht wissen. Dann müsste man womöglich eigene Irrtümer eingestehen und alte Überzeugungen revidieren.

Waldemar Undig / 30.01.2014

Natürlich hat der Kollege recht, die Arbeit in den Knästen war nicht menschenverachtend, weil für’s verfeindete Ausland produziert wurde, sondern sie war an und für sich menschenverachtend. Aber wir sollten nicht vergessen, wir devisengeil die DDR gewesen ist. Ohne unsere gute D-Mark wären die sozialistischen Errungenschaften noch viel bescheidener ausgefallen.

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