Rudolf Taschner, Gastautor / 02.09.2011 / 15:11 / 0 / Seite ausdrucken

Oettinger gegen Edison

Rudolf Taschner


„Die Edison-Glühlampe, mit der über 100 Jahre lang Licht erzeugt wurde, entspricht einfach nicht mehr dem Stand der Beleuchtungstechnik“, schreibt Günther Oettinger, EU-Kommissar für Energie, und beginnt damit wortreich eine Eloge, in der er das Verbot der 60-Watt-Glühbirnen schönfärbt.

Es mag schon stimmen, dass die klugen Ingenieure der Beleuchtungstechnik neue Produkte auf den Markt bringen, die ihren Firmen blendende Renditen verheißen. Ein Schelm, der vermutet, Günther Oettinger wisse nichts von deren geschäftlichen Interessen, wenn er treuherzig die Leser mit den Worten „Und lassen Sie uns ehrlich sein“ auf seine Seite ziehen will. Doch sind diese Produkte wirklich besser?

Die Physik sagt nein: Keine der von Oettinger aufgezählten Alternativen zur Glühlampe schenkt uns das schöne Licht der Edison-Lampe. Denn diese ahmt mit ihrer Lichterzeugung die Sonne nach. Sie ist ein sogenannter Schwarzer Strahler: Die Erwärmung eines kompakten Körpers, sei es die Sonne im Weltall, sei es der Draht in der Glühbirne, stellt jene fast ideale Strahlung her, in der die hohe Temperatur das volle Spektrum erzeugt. Mit anderen Worten: Schönes Licht ist eben jenes, das mit Wärmestrahlung einhergeht. Nichts, buchstäblich N.I.C.H.T.S., kommt diesem Licht gleich. Alle anderen Lichtquellen, wie raffiniert sie auch vorgeben, ohne Ausstoß von Wärme als „kalte Strahler“ das Licht des Temperaturstrahlers zu simulieren, belügen das Auge.

Um den wesentlichen Punkt hervorzuheben: Es ist nichts dagegen zu sagen, wenn Ingenieure Lichtquellen anbieten, die energiebewussten Konsumenten das Gefühl vermitteln, eine umweltschonende Alternative zum Temperaturstrahler angeboten zu erhalten. Man mag sogar den Käufern von Edison-Glühlampen vorhalten, den Luxus des schönen Lichtes mit der Verschwendung von Energie zu verknüpfen. Ja es ist sogar vertretbar, für diesen Luxus von staatlicher Seite angemessene Gebühren einzuheben. Aber es ist schlicht perfide, diesen Luxus ex officio zu verbieten. Und zwar offensichtlich nur deshalb, weil einerseits allein dadurch die Industrie der Glühlampen-Alternativen den gewünschten ökonomischen Erfolg erzielt und andererseits anhand dieser, im Vergleich zu den drängenden Problemen der EU geradezu läppischen Angelegenheit die europäische Kommission endlich ihre Macht beweisen kann. Und dabei nicht bemerkt, dass sie damit gegen die Idee des freien Wettbewerbs verstößt und die Bürger Europas widerwärtig wie eine viktorianische Gouvernante pädagogisiert.

Im Namen der Freiheit des Individuums darf sich dieses ein benzinverschlingendes Monster leisten und damit – auf Deutschlands Autobahnen bis hin zur Lichtgeschwindigkeit – durch die Gegend rasen. Nie würde der „Und lassen Sie uns ehrlich sein“-Energie-Kommissar dagegen auch nur aufzumucken wagen. Von unsinnigen Frachttransporten ganz zu schweigen. Ja er denkt nicht einmal daran, das mit einigem Energieverbrauch verknüpfte Pendeln der Abgeordneten des EU-Parlaments zu untersagen. Denn solche Verbote brächten keiner Lobby Gewinn.

Doch was ist mit dem Kerzenlicht, das Gesichter besonders schön zur Geltung bringt? Die Kerze, zugleich Wärme- und CO2-Spender, „entspricht einfach nicht mehr dem Stand der Beleuchtungstechnik“. Verbieten, Herr Oettinger, verbieten, verbieten!

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