Eran Yardeni, Gastautor / 16.03.2013 / 19:30 / 0 / Seite ausdrucken

Ökofaschismus 2

Eran Yardeni

In meinem letzten Artikel habe ich vorgeschlagen, die öko-propagandistische Funktion des deutschen Erziehungswesen durch Beteiligung von Schülern und Schülerinnen an Pro-Atomenergie-Projekten ein wenig auszugleichen. Mein Hauptmotiv war nicht unbedingt die Rettung der Atomenergie, sondern eher die Rettung der öffentlichen Diskussion vor dem verbalen Terror des Ökofaschismus. Dass diese Initiative auf Widerstand gestoßen hat, beweist, wie tief die neuen Ökotabus in der modernen Psyche verankert sind. Beunruhigen muss uns vor allem die Naivität bzw. die gut gemeinte Dummheit, mit der argumentiert wird.

Mir wurde unter anderem unterstellt, dass ich das Erziehungswesen politisieren will. Nämlich: Kinder massenhaft zu Ökoprojekten zu schicken, das ist „Erziehung“, dafür gilt die Beteiligung an Pro-Atomenergie-Workshops als politisch motivierte Gehirnwäsche. Die Frage, nach welchen Maßstäben entschieden wird, was politisch und was erzieherisch-pädagogisch sei, bleibt leider unbeantwortet.

Wer die Unterminierung der Ökohegemonie im Rahmen des Erziehungswesens als politisch definiert, der ignoriert die Tatsache, dass das Erziehungswesen per se politisch ist. Man kann es nicht entpolitisieren, man kann nur entscheiden, welcher Politik es dienen soll.

Das heutige Problem mit dem Ökofaschismus ist nicht, dass er die Schulen politisiert, sondern, dass dies das auf eine Art und Weise geschieht, die langfristig die demokratische Basis des Schulsystems zerstört.

Was ist überhaupt „Erziehungswesen“? Das Erziehungswesen ist ein Organ des Staats. Und der Staat, jeder Staat, ist ein politisches Konstrukt, welches von dieser oder jener Art von politischer Führung geleitet wird. Die politische Führung benutzt das Erziehungswesen, um die Grundideen des politischen Konstrukts, welches sie leitet, zu verbreiten und im kollektiven Bewusstsein zu verankern. Dadurch kann die Existenz des Staats im Allgemeinen und die Existenz der politischen Führung im Besonderen gewährleistet werden.

Das ist übrigens auch der Grund, warum in der modernen Geschichte das Erziehungswesen keine Revolution durchgeführt hat. Pädagogische Revolutionen waren und sind immer eine spätere Reaktion auf Turbulenzen und Machtwechsel im politischen Bereich.

Akzeptiert man diese nicht ganz neue Analyse, versteht man auch, warum das Erziehungswesen unbedingt politisch ist. Die Entscheidung, jeden Morgen die deutsche Nationalhymne am Schulhof zu singen, ist genau so politisch, wie die Entscheidung, das nicht zu tun. Die Gleichberechtigung von Mann und Frau,  von Hetero und Homosexuellen, ist genau so politisch wie eine patriarchalisch-traditionelle Gestaltung der Gesellschaft.

Als liberaler Jude finde ich den Kampf gegen Rassismus lobenswert, was ihn aber nicht zu einer apolitischen oder zu einer politisch neutralen Aktion macht. Was alle diese Beispiele gemeinsam haben, ist, dass sie dem Selbsterhaltungstrieb eines bestimmten - in diesem Fall eines demokratisch-liberalen (nicht im wirtschaftlichen Sinn des Worts) - politischen Konstrukts dienen. Politische Parteien, die solchen Werte fördern oder wenigstens im Namen dieser Werte agieren, genießen einen enormen Vorteil im Vergleich mit anderen politischen Kräften, die diese Werte für eine politische und moralische Ketzerei halten.

Mann muss das Kind beim Namen nennen: Wer behauptet, dass das Erziehungswesen politisiert wird, der meint, dass das Erziehungswesen Werte vermittelt, mit denen er, aus welchen Gründen auch immer, nicht leben kann. Aber solange die vermittelten Werte mit unserer Weltanschauung kompatibel sind, reden wir von „Erziehung“ und nicht von „Politik“. Das ist einfach ein kategorialer Fehler. 

In einer Demokratie soll man deshalb keine Angst vor einer Politisierung des Schulsystems haben, sondern nur vor einer bestimmten Art von Politisierung, die die demokratischen Grundlagen der Gesellschaft ablehnt. Und genau das macht der Ökofaschismus - mit Fleiß und Ausdauer. 

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