Wolfram Weimer / 25.07.2008 / 16:47 / 0 / Seite ausdrucken

Obamodern oder alt-deutschig?

Barack Obama tritt auf wie ein Lewis Hamilton der Weltpolitik. Als Popstar erobert er die Sympathien der Deutschen in Formel-1-Geschwindigkeit. Denn Obama verkörpert nicht nur den Gegen-Bush, das gute Amerika, den schwarzen Kennedy. Vor allem hat er etwas, was in Deutschland fast verloren scheint: Modernität…

Es gab einmal eine Zeit, da wollten auch hierzulande alle modern sein. Vorne dran, innovativ. Am besten Avantgarde. Jeder wähnte das Morgen an seiner Seite. Vorbei. Heute versinkt alles in der Gestern-Sehnsucht. Der Denkmalschutz – der geistige wie architektonische – blüht. In Innenstädten werden Schlösser wieder aufgebaut, in der Mode spukt Retro-Kult, in den Köpfen vagabundieren Sehnsüchte nach der guten alten Zeit, und in der Politik überbieten sich alle in Konservierungsversprechen.

Als wären wir eine Einmachglasrepublik, muss alles bewahrt werden: der Sozialstaat, die Pendlerpauschale, die Mitte, der Kündigungsschutz, das Klima. Kurt Beck will wie Helmut Kohl sein, Gabriel spielt Schröder, Steinmeier kopiert Weizsäcker, Schäuble 2008 wiederholt Schäuble 1988, Trittin imitiert Fischer, Gesine Schwan mimt Annemarie Renger, Günter Grass will Brecht sein, Martin Walser wie Thomas Mann, Jogi Löw will wie Klinsmann sein. Als wären wir die lebenden Zitate unserer selbst.

Das wahre Erfolgsgeheimnis von Angela Merkel liegt darin, dass sie in einer Republik von Gestrigkeiten einen Funken Modernität verkörpert – als erste Kanzlerin nämlich den weiblich-emanzipatorischen. Ihr ist es mit Ursula von der Leyen gelungen, in der Integrations- und Familienpolitik ein Stück am Modernisierungsrad zu drehen, das ansonsten in Deutschland allenthalben angehalten wird.

Die politischen Programme unserer Parteien lesen sich heute wie paraphrasierte Geschichtsbücher. Die Grünen wollen die Natur und ein Lebensgefühl der späten siebziger Jahre konservieren. Die CDU will „Werte bewahren“ und einen Stimmungs-Cocktail aus fünfziger und achtziger Jahren. Die Linkspartei strebt ganz in die Mottenkiste der Geschichte und will am liebsten die DDR in einer Light-Version zurückhaben. Und die SPD, die einstige Fortschrittspartei, ist zur konservativsten Kraft des Landes mutiert. Sie sieht sich – Seit an Seit mit den dinosaurierhaften Gewerkschaften – als Bestandswahrerin der rheinischen Bundesrepublik. Ihr mentaler Horizont ist ungefähr das Jahr 1975. Bis dahin kämpfte sie für Fortschritt, für Atomkraftwerke, für Autobahnen und Großtechnik. Doch irgendwann in den Siebzigern kam ihr die Moderne abhanden wie anderen Leuten Stock oder Hut. Seither lebt die SPD das Mind-Set von 1975 wie in einer Wiederholungsschleife der Zeitansage.

Der Niedergang der Sozialdemokratie hat darum nur vordergründig mit Schröders Agenda oder Becks Provinzialität zu tun. In Wahrheit hat die Partei den Zukunftsglauben verloren. Dabei gab es einmal eine Zeit, da nannten sie ihre Zeitung Vorwärts, und sie glaubten „Mit uns geht die neue Zeit“. Heute wollen sie rückwärts, bremsen, und die neue Zeit der Globalisierung geht irgendwie immer mit den anderen.
Das politische Problem, das sich bei alledem in Deutschland auftut: die SPD ist nicht alleine. Niemand in Berlin will jung sein und sich mit der Moderne verbünden. Die Gesellschaft aber treibt eben diese immer weiter voran. Der wirtschaftliche, der technologische und soziale Wandel gewinnt sogar an Fahrt, während die Politik immer retardierender auftritt. Vieles von der Politikverdrossenheit, von der neuen Skepsis an der Zukunftsfähigkeit der Demokratie rührt daher, dass die Politik milchglasig wirkt und permanent signalisiert, im Morgen lauerten nur Gefahren, die man bändigen muss.

Das geistige Inventar unserer Republik beinhaltet inzwischen einen tief sitzenden Kulturpessimismus nach dem Motto: „Fortschritt ist der Tausch eines Missstandes gegen einen anderen.“ Im Moment halten wir es daher schon für Fortschritt, wenn wir beim Rückwärtslaufen nicht hinfallen.

Verräterisch ist das Lieblingswort unserer politischen Klasse: Nachhaltigkeit. Denn es macht das „Halten“ zur Kernvokabel, zum Ziel allen Tuns. Eigentlich müssten unsere Politiker „Vordringlichkeiten“ adressieren, das tut aber keiner mehr. Schon das Wort Fortschritt ist nachhaltig verschwunden. Auch die Wortarten des politischen Sprechens haben sich verschoben. Während einst, in dynamischen Zeiten, die Verben, die Tatworte also, das Vokabular prägten (würde heute jemand wagen, mit der Brandt-Vokabel „wagen“ Wahlkampf zu machen?), wurden in der Verlangsamungsphase des Bewusstseins die verschönernden Adjektive dominant. Heute ist alles substantivisch, also statisch: Sicherheit, Mitte, Gerechtigkeit, Machbarkeit.

Wenn aber die Politik den Fortschritt, die Moderne, die Dynamik alleine der Wirtschaft überlässt, dann erwachsen daraus systematische Entfremdungen. Das Leben in Sphären völlig unterschiedlicher Geschwindigkeiten zerstört auf Dauer den Konsens darüber, wie beweglich eine Gesellschaft sein sollte. Bislang reagiert unser System auf diese Entfremdungen mit buchstäblich re-aktionärer Kritik an der Wirtschaft. Denn die ist leicht, wenn man sie mit den Klischees uralter Kapitalismuskritik anfüttert. Sie führt aber am Problem vorbei. Nicht der soziale Status unserer Ordnung ist umstritten, es ist der dynamische Status, um den es geht. Irgendjemand sollte das Einmachglas mal öffnen.

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