Gastautor / 17.08.2013 / 14:54 / 4 / Seite ausdrucken

Obama, ratlos

Hamed Abdel-Samad

Das gab es noch nie: Der US-Präsident ruft einen ägyptischen Armee-Chef an – und der nimmt nicht einmal den Hörer ab!

Am Donnerstag, bevor Barack Obama vor der Presse auf Martha’s Vineyard sein Statement zur Lage in Ägypten verlas, wollte er kurz mit Abdulfattah al-Sisi reden. Doch wenn es stimmt, was ägyptische Medien berichten, wollte der stellvertretende Ministerpräsident und faktische Regierungschef nicht mit dem US-Präsidenten sprechen.

In seiner siebenminütigen Rede beschränkte sich Obama dann auf die üblichen diplomatischen Floskeln, die am Nil niemanden beeindrucken. Er sagte ein amerikanisch-ägyptisches Militärmanöver im September ab, vermied es aber, das Vorgehen gegen die Muslimbrüder als Massaker zu bezeichnen, rechtfertigte sogar im Nachhinein die «Intervention» der Armee am 3. Juli, d.h. die Absetzung von Ex-Präsident Mohammed Mursi.
 
Dabei hatte die US-Regierung die Machthaber in Kairo wochenlang davor gewarnt, die Protestlager der Muslimbrüder gewaltsam aufzulösen. Doch al-Sisi ignorierte auch indirekte Drohungen, die Militärhilfe für seine Armee zu streichen. Seit 1979 erhält Ägypten pro Jahr rund 1,3 Milliarden Dollar als Belohnung für die Einhaltung des Friedensvertrags mit Israel.

Al-Sisi weiss, dass die Golfstaaten – allen voran Saudi-Arabien – die Amerikaner liebend gern als Geldgeber ersetzen würden.

Russland und China könnten ebenfalls mit Militärhilfe und Knowhow einspringen. Strategisch wichtig ist Ägypten nicht zuletzt wegen des Suezkanals.

Während Syrien brennt, Tunesien den Aufstand probt, Jordanien kocht und Ägypten am Rand des Bürgerkrieges steht, kann sich Washington nicht leisten, die Generäle zu verärgern. Die demokratischen Kräfte am Nil sind zu schwach, um als stabile Partner zu fungieren. Und die Muslimbrüder,  auf deren Kooperation Obama gesetzt hatte, sind aus dem Spiel.

Ein weiterer zuverlässiger Freund in der Region distanziert sich mittlerweile von der US-Regierung: Saudi-Arabien kauft lieber deutsche und russische statt amerikanische Waffen und will sich nicht mehr von den USA über Menschenrechte belehren lassen. Der saudische König Abdullah antwortete überdeutlich auf Obamas Rede: Saudi-Arabien stehe Ägypten in seinem Kampf gegen den Terrorismus bei.

Auch viele Ägypter sehen den Krieg der Armee gegen die Muslimbrüder als Kampf gegen eine Terrororganisation. Denn Mursi-Anhänger, die noch vor wenigen Tagen von Demokratie und Volkes Willen schwärmten, wüten nun durch Ägyptens Städte, um Rache zu üben für die Räumung ihrer Protestlager, setzen Kirchen, Polizeistationen und andere staatliche Einrichtungen in Brand.

Auf der Halbinsel Sinai stellen die erstarkten Islamisten auch für Israel eine deutliche Gefahr dar. Ägypten droht, im politischen und wirtschaftlichen Chaos zu versinken. In dieser Lage bleibt den USA nichts übrig, als weiter auf al-Sisi zu setzen. Die Armee ist die einzige Institution, die noch funktioniert, sie bleibt vorerst Hauptverhandlungspartner für die demokratischen Kräfte Ägyptens als auch für die internationale Gemeinschaft.

Niemand weiss dies besser als der ratlose US-Präsident. 

Zuerst erschienen im Sonntagsblick, Zürich

Siehe auch:
http://www.telegraph.co.uk/news/worldnews/africaandindianocean/egypt/8756111/Egypts-military-rulers-ignored-pleas-from-US-as-mob-attacked-Israeli-embassy.html

Sie lesen gern Achgut.com?
Zeigen Sie Ihre Wertschätzung!

via Direktüberweisung
Leserpost

netiquette:

Walter Schwarz / 18.08.2013

Die Obama-Administration ist so etwas von mies, dass man es kaum glauben kann. Obama gegenüber war ich sowieso von Anfang an ( besonders weil er in Europa so hochgejubelt wurde ) sehr skeptisch eingestellt, aber der hat meine Befürchtungen weit übertroffen. Setzt wie die Brüssel fast immer aufs falsche Pferd.

Elisabeth Lahusen / 17.08.2013

Das ist gute alte Tradition in Ägypten. A-Sisis Vorgänger Tantawi hat auch nicht den Telefonhörer abgenommen, als die israelische Botschaft im Sept 2011 gestürmt worden ist:

Alexander Bertram / 17.08.2013

Haben Sie nicht vor kurzem hier und in diversen anderen Medien, die Militärs gelobt??? Und nun? Was kocht denn Jordanien? Ägyptisches Foul ;-)? Der Waffendeal mit den Saudis findet in der Form nicht statt. Und als Ägypter müssten Sie wissen, dass es im Sinai weniger Islamisten als Beduinen sind, die ganz andere Interessen haben. Man kann sich auch als “Ägypten- und Nahost-Experte” irren, aber Größe zeichnet jemanden aus, der zugeben kann, kein Experte zu sein.;-)

Hubert Appenrodt / 17.08.2013

Der arabische Frühling ist für mich ein eiskalter Winter mit Eisesstarre in den Köpfen. Bei allem Wohlwollen- Kühl und nüchtern betrachtet, kann Ägypten nur regiert werden, wie einst Mubarak regierte. Würde mich freuen, wenn ich nicht recht behielte!

Leserbrief schreiben

Leserbriefe können nur am Erscheinungstag des Artikel eingereicht werden. Die Zahl der veröffentlichten Leserzuschriften ist auf 50 pro Artikel begrenzt. An Wochenenden kann es zu Verzögerungen beim Erscheinen von Leserbriefen kommen. Wir bitten um Ihr Verständnis.

Verwandte Themen
Gastautor / 12.10.2019 / 16:30 / 22

Das wirkliche Friedenshindernis im Nahen Osten

Von Sebastian Thormann. Der Generalanwalt des Europäischen Gerichtshofs hat vor Kurzem ein Urteil empfohlen: Bei Produkten aus – wie er es nennt – „Israelischen Siedlungskolonien“…/ mehr

Gastautor / 11.10.2019 / 12:00 / 13

Die Selbstzensur des Westens gegenüber Chinas Machthabern

Von Sebastian Thormann. Letzte Woche zeigte der Manager des Basketball-Teams Houston Rockets auf Twitter seine Unterstützung für die pro-demokratischen Demonstranten in Hongkong. Kurze Zeit später…/ mehr

Gastautor / 11.10.2019 / 06:10 / 127

Der Mann, dem sie die Sonne übelnehmen

Von Pierre Heumann. „Viel Glück mit der Publikation“, wünschte Nir Shaviv dem Reporter Doron Levin, der ihn für die Onlineausgabe des Wirtschaftsmagazins Forbes interviewt und…/ mehr

Gastautor / 03.10.2019 / 06:24 / 41

Als ich Leninistin war

Von Liana Schütz. Ernst Busch dröhnt auf voller Lautstärke durch die Wände meines Zimmers, im Regal stehen die Pflichtlektüren meines 14-jährigen Ichs: „das Kapital“, das…/ mehr

Gastautor / 26.09.2019 / 14:00 / 2

Zölle schaden Ihrer Gesundheit

Von Fred Roeder.  In New York tritt vom 17. bis zum 30. September zum 74. Mal die Weltgemeinschaft zusammen, um dringende Fragen zu diskutieren. Die Vollversammlung…/ mehr

Gastautor / 26.09.2019 / 12:00 / 27

Biden, Trump und das ewige Impeachment

Von Oliver M. Haynold. Wer solche Feinde hat wie diejenigen Donald Trumps, der braucht keine Freunde mehr. Seit der Wahl von Donald Trump sinnt die…/ mehr

Gastautor / 18.09.2019 / 16:00 / 31

Rettung für atheistische Flüchtlinge

Von Ali Utlu. Das Wasser dringt durch mehrere Löcher. Worood Zuhair sitzt dicht gedrängt auf einem Schlauchboot fernab der Küste auf dem Mittelmeer. Sie ist…/ mehr

Gastautor / 16.09.2019 / 06:25 / 47

Everyday for Future

Von Michal Kornblum. Ich sehe die Straßen von Jerusalem an mir vorbeirauschen, während ich in einem Rettungswagen sitze und mich bei rasender Fahrt im dichten Verkehr…/ mehr

Meine Favoriten.

Wenn Ihnen ein Artikel gefällt, können Sie ihn als Favoriten speichern.
Ihre persönliche Auswahl finden Sie Hier
Favoriten

Unsere Liste der Guten

Ob als Klimaleugner, Klugscheißer oder Betonköpfe tituliert, die Autoren der Achse des Guten lassen sich nicht darin beirren, mit unabhängigem Denken dem Mainstream der Angepassten etwas entgegenzusetzen. Wer macht mit? Hier
Autoren

Unerhört!

Warum senken so viele Menschen die Stimme, wenn sie ihre Meinung sagen? Wo darf in unserer bunten Republik noch bunt gedacht werden? Hier
Achgut.com