Walter Krämer / 29.09.2017 / 17:59 / Foto: Dirk maxeiner / 1 / Seite ausdrucken

Oans, zwoa, gsuffa – Der Streit um die Zahl der Wiesnbesucher

Die Unstatistik des Monats September ist der Streit um die Zahl der Oktoberfestbesucher. Im Vorfeld der Bundestagswahl erregte ein Wahlplakat der AfD, auf dem eine schlecht besuchte Feststraße der Münchner Wiesn mit dem Titel „Oktoberfest: Gähnende Leere“ zu sehen ist, erhebliche mediale Aufmerksamkeit. Mehrere Presseorgane, unter anderem das Projekt „Faktenfinder“ der Tagesschau, bezeichneten das Wahlplakat als „Fake News“, „Wiesn Lüge“ oder „Falschaussage zum Oktoberfest“. Die FAZ kritisierte die Aussagen von „Faktenfinder“ wiederum als „Fake News“, worauf diese ihre Aussagen vehement verteidigten.

Was aber sind die Fakten? Am ersten Wochenende meldete die Festleitung 600.000 Besucher - im langfristigen Vergleich eher unterdurchschnittlich, was jedoch angesichts des schlechten Wetters nicht weiter verwundern sollte. Richtig ist auch, dass im Vergleich zum Vorjahr, mit etwa 500.000 Besuchern am ersten Wochenende, der Besucherandrang angestiegen ist. Insofern haben alle Beteiligten in gewisser Weise, wenn auch nur vorschnell, recht. Inzwischen hat die Festleitung die Besucherzahlen am ersten Wochenende auf 700.000 Besucher nach oben korrigiert. Insgesamt erwarten die Veranstalter dieses Jahr 6 Millionen Besucher – diese Zahl liegt leicht unter dem langfristigen Durchschnitt aus den Jahren 1980 bis 2016 von 6,3 Millionen.

Selbst wenn aber die diesjährige Besucherzahl unter dem langfristigen Durchschnitt bleiben sollte, sind die Ursachen nicht ohne weiteres klar. Angst vor Terror könnte eine Rolle spielen – die niedrigsten Besucherzahlen der vergangenen Jahrzehnte gab es 1980, dem Jahr des Oktoberfestattentats, und 2001 (Terrorattentat in den USA). Wichtig sind aber auch das Wetter und die Dauer des Oktoberfests (die durchaus über die Jahre hinweg schwankt), oder ob gleichzeitig das Zentrale Landwirtschaftsfest auf dem Wiesngelände stattfindet und damit für die eigentliche Wiesn weniger Fläche zur Verfügung steht. Das Zuweisen monokausaler Ursachen ist damit reine Spekulation.

Fazit: Probier‘s mal mit Gemütlichkeit – wenn das bei 700.000 Besuchern an einem Wochenende überhaupt möglich ist. Prost! 

Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter www.unstatistik.de.

Foto: Dirk Maxeiner

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Leserpost (1)
Thomas Wentingmann / 29.09.2017

Der Artikel von Herrn Krämer geht haarscharf am Problem vorbei. Das besteht mMn darin, ob die ARD mit ihrem “Faktencheck” die Deutungshoheit bekommt, zusammen mit allen AfD-Gegnern—oder ob es der neutrale R. Meyer alias Don Alphonso ist. Dieser ist unabhängig und gar kein AfD-Befürworter, wie sich aus seinen diversen Blogs zweifelsfrei ergibt. Aber ein Freund des “Restes” ist er auch nicht, sondern er will mMn im besten Sinne, dass das Richtige gesagt und getan wird, und das begründet er, manchmal sehr eindrucksvoll.  Wenn es innerhalb einer Partei mit 13 % bestimmte Personen gibt, deren Äußerungen man zurückweisen muss, so gibt es bei den 87 % Rest genauso Personen, deren Äußerungen man auch zurückweisen muss, Bei Studium der mir zugänglichen Unterlagen incl. Don-Alphonso-Blogs sowie ARD WebSites muss ich sagen, Don Alphonso/R. Meyer liegt hier richtig. Die Deutungshoheit ist hier deswegen bei Don Alphonso/R. Meyer besser aufgehoben als bei der ARD. Und das ist doch schon mal was.

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