Der durchschnittliche Gasverbrauch im Winter beträgt in Deutschland 4 TWh Erdgas pro Tag, an kalten Tagen unter -5°C ca. 5 TWh, an milderen Tagen sinkt er auf 3 TWh. Der Verbrauch wird gedeckt durch
- 1. Pipelinegas
- 2. LNG-Gas
- 3. Entnahme aus den im letzten Jahr gefüllten Gasspeichern
1. Die Pipeline-Importe belaufen sich zurzeit bei 2,7 TWh. 44 Prozent davon kommen aus Norwegen, 24 Prozent aus den Niederlanden und 21 Prozent aus Belgien/Frankreich. Die letzteren beiden Importe sind LNG-Gas, da sowohl die Niederlande, Belgien als auch Frankreich keine eigenen Erdgasquellen für den Export zur Verfügung haben. Das macht diese Quellen verletzlich, wenn in diesen Ländern eine eigene Knappheit vorliegt. Der Speicherstand in den Niederlanden (5. Februar) liegt bei 22,4, in Frankreich bei 28,5 Prozent.
2. Die aktuellen LNG-Importe in Deutschland belaufen sich auf etwa 0,4–0,6 TWh pro Tag über die Terminals in Wilhelmshaven, Brunsbüttel, Lubmin und Mukran. Sie können zwar auf bis zu 1 TWh hochgefahren werden. Allerdings muss berücksichtigt werden, dass eine zusätzliche Menge an LNG-Gas in Deutschland mit erheblicher Verzögerung ankommt. Die Belade- und Transportzeit eines LNG-Tankers vom Golf von Amerika nach Brunsbüttel dauert 18 Tage.
3. Die Entnahme von Erdgas aus den deutschen Speichern betrug im Januar etwa 0,4 bis 1 TWh, je nach Kältesituation. Diese Batterie für den Winter läuft langsam aber sicher leer. Der aktuelle Füllgrad der Speicher liegt bei 29 Prozent. Diese Menge ist im Prinzip auch entnehmbar. Das entscheidende Problem ist aber, dass mit sinkendem Füllstandsgrad auch der Druck sinkt und somit die Entnahmeleistung des Speichers abnimmt, wie der sehr gute Übersichtsartikel zur Versorgungssicherheit von Markus Schall beschreibt.
Schon unterhalb eines Füllstandsgrades von 50 Przent geht die Entnahmerate (Gas pro Stunde) auf Grund des geringeren Druckes zurück. Bei 35 Prozent Füllstandsgrad ist die Entnahmerate bereits um 22 Prozent gesunken. Darunter sinkt sie dann stärker als linear ab. Unterhalb von 20 Prozent ist die Entnahmerate so stark gesunken, dass die Speicher keine Nachfragespitzen mehr abdecken können, was zu einem Risiko von Versorgungsengpässen in einer Kaltwetterlage führen kann. Die meteorologische Situation in den nächsten 14 Tagen wird zunächst von leicht ansteigenden Temperaturen bis zum 12. Februar gekennzeichnet, um danach möglicherweise erneut in eine deutliche, bundesweite Frostperiode zurückzufallen. Kommt es zu dieser Entwicklung, wird Ende Februar die 20-Prozent-Marke des Füllstands deutscher Gasspeicher unterschritten.
Nach der Gasnotfallverordnung von Minister Habeck sind folgende Kriterien für die Beurteilung einer Gasnotfalllage heranzuziehen:
- „Als kritisch wird die Lage eingestuft, wenn die prognostizierte Durchschnittstemperatur der kommenden sieben Tage min. zwei Grad Celsius unter dem Durchschnitt der vorherigen vier Jahre liegt“
- „Als kritisch wird die Lage eingestuft, wenn der Füllstand unter den Speicherpfad fällt, der auf das 40-Prozent-Niveau am 1. Februar des jeweiligen Jahres führt.“
Beide Kriterien sind seit dem 1. Februar erfüllt. Es ist schon erstaunlich, dass die Bundesnetzagentur bei einem Speicherstand von unterhalb 30 Prozent immer noch abwiegelt und erklärt: „Die Gasversorgung in Deutschland ist stabil. Die Versorgungssicherheit ist gewährleistet. Die Bundesnetzagentur schätzt die Gefahr einer angespannten Gasversorgung im Augenblick als gering ein.“ Aber man versucht sich durchzumogeln und hofft auf eine Erwärmung in den nächsten vier bis sechs Wochen. Und wieder einmal stehen Landtagswahlen in Baden-Württemberg vor der Tür.
Nach Ausrufung einer Notfallstufe muss die Bundesnetzagentur Maßnahmen ergreifen, um die Versorgung von Haushalten und öffentlichen Einrichtungen zu gewährleisten. Das kann dann nur noch durch Abschalten von Industrie- und Gewerbebetrieben erfolgen. Sollte es dazu kommen, wäre das ein Alptraum für die deutsche Energiepolitik: ein Resultat des Versagens. Der schon angeschlagene Investitionsstandort Deutschland würde nachhaltig beschädigt. Warum sind wir in eine solche Situation geraten? Zum einen haben Gaseinkäufer und die Politik wohl die vier letzten milden Winter in die Zukunft fortgeschrieben. In einer allgemeinen Wahrnehmung einer Klimakatastrophe kommen sehr kalte Winter offenbar nicht mehr vor.
Zusätzlich ist aber seit dem 1. Januar 2025 die Versorgung Osteuropas mit russischem Erdgas reduziert worden, da die Ukraine den Transit des Gases zu diesem Datum gestoppt hat. Die Versorgung über die einzig noch verbliebene, über die Türkei verlaufende Turkstreampipeline reicht aber nicht aus, so dass das deutsche Gasnetz auch die Nachbarn Österreich, Tschechien und indirekt die Slowakei versorgt. Über die Slowakei und Polen erhält die Ukraine Gas in Umkehrung der bisherigen Fließrichtung (reverse Flow). Die gesamte Exportmenge ist mit 1 TWh täglich erheblich und liegt in der Höhe der täglichen Entnahme aus den deutschen Gasspeichern. Die Grafik zeigt den Anstieg der Exporte aus Deutschland seit der Schließung der Transgaspipeline aus der Ukraine.
Wie immer sich die Erdgasversorgung in den nächsten 3 Wochen entwickelt, es gäbe einen guten Anlass, die politische Debatte über die eigene Erdgasversorgung durch Schiefergas aus der norddeutschen Tiefebene zu eröffnen. Dort lagert ausreichend preiswertes Erdgas für die nächsten 30 Jahre. Die Förderung von Erdgas aus 1.000 m tiefen Gesteinsschichten ist seit 2017 durch Bundesgesetz verboten (Fracking-Verbot).
Dieser Text ist ein Ausschnitt aus Fritz Vahrenholts monatlichen Newsletter, den Sie hier bestellen können. Darin finden sie weitere Themen und auch zusätzliche erläuternde Grafiken und Quellen.
Redaktioneller Hinweis: Lesen Sie zum Thema Fracking auch dieses Interview auf Achgut.com aus dem Jahr 2022
Beitragsbild: GioRan - Own work, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
Schön sachlich geschrieben, danke. – Bitte noch einmal: Die „Habeck-Kriterien“ für einen Gasnotstand sind seit fünf Tagen erfüllt, aber die Bundesnetzagentur oder das BMWE (Katherina Reiche) lösen ihn nicht aus? Der Kanzler weilt in Oman? Und stellt fest [Zitat] „welch großes Potential wir haben“? – Ob die Golfstaaten mit Absurdistan Geschäfte machen oder des Kaisers neue Kleider kaufen möchten, kann jedenfalls bezweifelt werden, selbst falls das Land dieses Jahr durch den Gastnotstand kommen sollte. In Katar jedenfalls hat Friedrich Merz nicht vom hiesigen Potential gesprochen, sondern um LNG gebeten. Das „Potential“ ist also ein Kompensationsgeschäft: LNG gegen den schrittweisen Abverkauf der deutschen Wirtschaft.
Ich habe den Eindruck, dass das Regime uns finanzschwache Rentner eiskalt erfrieren lassen will, damit bei den LTW die Opposition nicht genügend Stimmen bekommt.
Zur vorvorletzen BT-Wahl hatten WIR uns sehr eine R-R-Gr Regierung gewünscht – damit es noch viel schlimmer wird: Denn NUR DANN kann es wieder besser werden. ALSO BITTE lieber GOTT: Bitte für GAS-Abschaltungen sorgen ! Sofort ! Unverzüglich !
Der „Golf von Amerika“ ist für mich weiterhin der „Golf von Mexico“. Man muss nicht jeden Unfug mitmachen.
Der einzig wahre Golf war natürlich der „Golf von Wolfsburg“.
(Wise Ass; nachgelesen da es mich interessiert hat:) Man unterscheidet zwischen konventionellem und unkonventionellem Fracking. Ersteres ist unter starken Sicherheitsstandards erlaubt und 5% des deutschen Erdgasverbrauchs stammen damit aus heimischer Produktion. Die nachgewiesenen konventionellen Erdgasreserven in Deutschland betragen etwa 17,5 Milliarden Kubikmeter wobei die wahrscheinlichen Reserven auf 35,6 Milliarden Kubikmeter geschätzt werden. Trotzdem noch wesentlich geringer als die angenommenen (!) 2,75 Billionen Kubikmeter des derzeit noch unkonventionellen Fracking. Eine volle Erschließbarkeit in Geschwindigkeit und Menge wäre jedoch nicht so schnell gegeben.
Seit der Antike, gab es im Bergbau immer schon Schäden an Gebäuden etc., bei aufgelassenen oder noch betrieben Minen. Auch aus der Erdölproduktion kennt man derartiges. Es liegt also immer in der Natur der Sache, wenn man an einer bestehende Struktur etwas ändert. Aber wie überall hat man inzwischen auch schon auf Mängel beim Fracking reagiert und arbeitet inzwischen schon mit Ersatzstoffen beim Füllmaterial, am Wasserverbrauch (Recycling), geringere Flächennutzung und Methanausstoß, so dass unter modernen Sicherheitsstandards keine relevanten Umweltschäden verursacht werden (Studie im Auftrag der FDP/Expertenkommission). Denn Technik und Methoden der Gasgewinnung wurden in den letzten Jahren deutlich weiterentwickelt.
„Schau mer mal, dann sehn mer scho“ (Kaiser Franz Beckenbauer)
Nach dem Schlandschen Dauer-Jubel über die jahrlange Arbeit der höchstqualifizierten Bärbeck und Habock UND zu diesem dauerversprechernden Merz und Kumpanen wundert mich nichts mehr,
Ist doch Schxxx egal – die Zustimmung der Schland-„Wähler“ für R-R-Gr in der Sonntagsfrage seit > 1 Jahr 37% ist gerade sogar gestiegen auf bis zu 38% ! Also: WAS wollt ihr Miesmacher hier – ist doch alles bestens ?!