Stefan Frank / 14.01.2020 / 16:30 / 22 / Seite ausdrucken

Nur ja nicht die Mullahs beleidigen!

Die hysterischen Reaktionen auf die gezielte Tötung des Terrorgenerals Qassem Soleimani entspringen derselben Geisteshaltung, die 40 Jahre lang die westliche Außenpolitik diktiert hat: Das iranische Regime darf man auf keinen Fall reizen. Man muss es beschwichtigen, sich ihm unterordnen, gucken, was es will und seine Wünsche so gut wie eben möglich erfüllen.

Ausdrücklich wurde die Tötung Soleimanis in deutschen Zeitungen nicht etwa deshalb kritisiert, weil es Zweifel an dessen Verbrechen gegeben hätte – nein, im Gegenteil: Eben weil Soleimani ein massenhafter Mörder und Terrorplaner war, so die bizarre Logik, hätte man ihn ungeschoren lassen müssen. Mit absoluter Sicherheit lässt sich sagen: Hätte die Rakete, die Soleimani traf, ihr Ziel verfehlt und stattdessen ein paar namenlose Unschuldige getroffen, wäre die Empörung bei weitem nicht so groß gewesen.

In der Samstagsausgabe der Süddeutschen Zeitung schrieb Stefan Kornelius unter der Überschrift „Kriegserklärung“: 

„Soleimani war ohne Zweifel der Urheber von unendlich viel Leid und Verderben im Nahen Osten. Seine Expansionsstrategie für die Islamische Republik war Quell von Kriegen und Konflikten. Sein Tod wird von vielen bejubelt. Aber vor allem wird er Anlass sein für neue Gewalt und Instabilität. Sie wird den Irak erfassen und von Jemen bis Syrien alle Landstriche, in denen Soleimani seine Marionetten platziert hat. Denn dies ist nicht nur die Erfahrung der USA: Ein Machtvakuum in Nahost wird mit Gewalt gefüllt.“

Reinhard Baumgarten, der Nahost-Kommentator des SWR, bemühte auf tagesschau.de ebenfalls eine Metapher aus der Physik:

„Mit den Hashd al-Shaabi, den Kataib Hizbollah, den Badr-Brigaden und vielen anderen Gruppierungen und Milizen hat der Iran schlagkräftige Truppen im Irak aufgestellt, die jetzt ihren wichtigsten Kopf und Impulsgeber verloren haben. Jetzt könnten Zentrifugalkräfte freigesetzt werden, die eine verheerende Wirkung im Irak entfalten können.“

Hitler-Attentäter infrage gestellt

Keinem von beiden schien es aufzufallen, dass man mit der gleichen Logik auch die versuchten Attentate auf Adolf Hitler verurteilen könnte: Wäre der Diktator ums Leben gekommen, hätten so schlagkräftige Truppen wie die Wehrmacht und die SS ihren Kopf und Impulsgeber verloren. Wer vermag zu sagen, welche Zentrifugalkräfte dieses Machtvakuum womöglich freigesetzt hätte? Keine Position ist so verrückt, dass es nicht irgendjemanden gäbe, der sie vertritt:

Tatsächlich hatte der Politikwissenschaftler Prof. Lothar Fritze 1999 aus Anlass des 60. Jahrestags des gescheiterten Attentats auf Hitler im Münchener Bürgerbräukeller vom 8. November 1939 in einem Beitrag für die Frankfurter Rundschau die „geistige Verfassung und den charakterlichen Zuschnitt“ des Attentäters Georg Elser infrage gestellt: Dieser habe „wenig Ahnung von der nationalsozialistischen Ideologie“ gehabt, „sich offenbar niemals mit einschlägigen Büchern oder Zeitschriften beschäftigt“ und sich „mit politischen Fragen nie eingehend befasst“. Elser, so Fritze, hätte die „Untragbarkeit seines geplanten Vorgehens“ erkennen und „sein Fehlverhalten“ vermeiden müssen, ihm sei „ein moralisches Versagen“ vorzuwerfen.

Das kommt einem bekannt vor: Auch dem amerikanischen Präsidenten wird immer wieder vorgeworfen, die Folgen seines Handelns nicht einschätzen zu können, angeblich verfügt er über „keine Strategie“ und „keinen Plan“. Stellvertretend für viele ähnliche Kommentare sei die Einschätzung von Matthias Koch vom SPD-nahen Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) zitiert:

„Donald Trump, darin liegt seine politische und persönliche Tragödie, besitzt keine Strategie. Keine generelle gegenüber dem Rest der Welt – und erst recht keine spezielle gegenüber einem so komplizierten Staat wie dem Iran. Bei ihm gibt es nur haltloses Hin und Her, ausgerichtet an innenpolitischen Überlegungen und den Gefühlslagen des Augenblicks.“

Woher er sein Wissen hat, verrät Koch nicht. Hat Trump ihm ins Ohr geflüstert: „Ich habe gar keine Strategie“? Als US-Präsident Barack Obama Al-Qaida-Chef Osama bin Laden in Pakistan töten ließ (ohne die pakistanische Regierung nach ihrer Meinung zu fragen), fragte da jemand, ob er eine Strategie habe oder den Befehl vielleicht nur aus der Gefühlslage des Augenblicks erteilt habe? Und was war da eigentlich mit den Zentrifugalkräften und dem Machtvakuum? Obamas Vizepräsident Joe Biden sagte damals, die Welt sei durch den Tod bin Ladens zu einem „sichereren Ort“ geworden, „nicht nur für das amerikanische Volk, sondern für alle Völker“. Jetzt klagt derselbe Joe Biden darüber, dass Trump „eine Stange Dynamit in ein Pulverfass“ geworfen habe. 

Weltkrieg „eine schlechte Idee“

Vakuum, Zentrifugalkräfte, Pulverfass: Wer nichts zu sagen hat, klammert sich an Metaphern. Natürlich durfte in den Kommentaren auch der übliche „Flächenbrand“ nicht fehlen, der im Nahen Osten angeblich permanent „droht“, während das wirkliche Feuer, etwa im syrischen Idlib, selten eine Schlagzeile wert ist. (Eigentümlicherweise erscheint dieser „Flächenbrand“ stets nur als die Folge amerikanischen oder israelischen Handelns: Niemand warnt je vor dem Flächenbrand des von Teheran finanzierten Terrorismus.)

Beim Ausmalen düsterer Prophezeiungen übertrafen sich die Kommentatoren gegenseitig und konkurrierten diesmal mit den sozialen Netzwerken. „Millionen zittern vor einem dritten Weltkrieg“, war auf einer Website zu lesen. „#WWIII“ wurde zu einem der am meisten benutzten Twitter-Hashtags. Die 18-jährige Influencerin Laura Sophie, die sonst Schminktipps gibt, erklärte auf dem Videoportal Tiktok ihren 2,2 Millionen Followern das Weltgeschehen:

„Donald Trump hat einen der wichtigsten Männer im Iran getötet. Jetzt kämpfen aber nicht nur die USA und Iran. Denn Amerika ist in der Nato. Dort sind viele Länder dabei, und diese helfen der USA. Wenn die Nato mitmacht und sich Iran mit Russland und China zusammentut, dann ist das ein Riesenteil, das da kämpft.“ 

Und das wäre nicht gut, denn:

„Der Iran verfügt über extrem viele Atombomben und gefährliche Waffen. Wenn da eine hochgeht, sind wir alle futsch.“

Chefterrorist wurde zum unschuldigen Opfer

Später entschuldigte sie sich auf Twitter, dass ihr einige Fakten durcheinandergeraten seien:

„Ich hab eingesehen, dass meine Aussagen nicht ganz stimmen, welche ich im Video genannt habe. Aber mir wurde das so weitervermittelt, und ich dachte, dass das stimmt. Sorry dafür. Ich habe es nur im guten Willen gemeint.“

Viel weiter entfernt von der Wahrheit als die Journalisten vermeintlich seriöser Publikationen, die ebenfalls auf dem Weltkriegstrip waren, war sie ja auch nicht gewesen. Etwa Zeit online:

„Es gibt Attentate, da hält die ganze Welt die Luft an und wartet bange auf das, was kommen kann. Die Ermordung des österreichischen Thronfolgers in Sarajevo am 28. Juni 1914 war so ein Anschlag. Die gezielte Tötung des iranischen Milizengenerals Kassem Soleimani in der Nacht vom 2. auf den 3. Januar 2020 in Bagdad ist ein weiteres Attentat dieser Art.“

Der Chefterrorist wurde in dieser Analogie zum unschuldigen Opfer erklärt, der grundlos aus heiterem Himmel von einem Terroristen erschossen wurde. Über das Internet verbreitete sich diese Schnapsidee wie ein feuilletonistischer Flächenbrand; so oft wurde auf Twitter der Hashtag #Franzferdinand verwendet, dass Fans der Glasgower Rockband Franz Ferdinand dachten, ihre Lieblingsband hätte ein neues Album veröffentlicht. Die Musiker sahen sich daraufhin zu einer Erklärung gezwungen:

„Nein, Soleimani ist nicht Ferdinand.“

„Damit das klar ist: Wir denken, #WWIII ist eine schlechte Idee.“

Der britische Historiker Niall Ferguson musste beruhigend eingreifen

„Nein, Soleimani ist nicht Ferdinand“.

Auf dem Höhepunkt des Kriegstaumels kam sogar der ehemalige deutsche Außenminister Sigmar Gabriel wieder aus der Versenkung, ein bekannter Freund des iranischen Regimes. Gabriels Vorschlag: Die Europäische Zentralbank (EZB) solle dem Iran Schutzgeld zahlen, mindestens „einen zweistelligen Milliardenkredit“. 

„Im Gegenzug dazu müsste der Iran zur Einhaltung des Atomabkommens zurückkehren und seine Reaktion auf das Soleimani-Attentat zumindest begrenzt halten, wenn der Iran aus seiner Sicht nicht völlig darauf verzichten kann.“ 

Eine großartige Idee. Doch Donald Trump hat sich als der bessere Geschäftsmann erwiesen: Die Reaktion des Iran blieb begrenzt, ganz ohne dass Trump vorher einen zweistelligen Milliardenbetrag überwiesen hätte.

Lange Geschichte des Terrors

Gerne vergessen wird, wer für die jüngste Runde der Eskalation verantwortlich ist. Sie begann am 27. Dezember, als die von Teheran gelenkte irakische Miliz Kataib Hisbollah die US-Luftwaffenbasis K-1 in der Provinz Kirkuk mit 30 Raketen angriff. Dabei wurden ein amerikanischer Zivilist getötet und zahlreiche amerikanische und irakische Soldaten verletzt. Daraufhin griff die US-Luftwaffe fünf Standorte der Kataib Hisbollah im Irak und in Syrien an und tötete 25 Milizionäre. Der Iran antwortete mit einem Angriff auf die US-Botschaft in Bagdad. 

Videos des Angriffs zeigen uniformierte Kämpfer der Kataib Hisbollah mit den Fahnen der iranischen Milizen. Erst als Reaktion auf diesen iranischen Angriff – auf amerikanisches Territorium! – ließ US-Präsident Donald Trump jene beiden Personen töten, die vor Ort dafür verantwortlich gewesen waren: Abu Mahdi Al-Muhandis, der Kommandant der Kataib Hisbollah, und Qassem Soleimani, der Drahtzieher des iranischen Terrors im Irak und der Region.

Die behutsame, aber deutliche Politik des amerikanischen Präsidenten ist ein Fenster, durch das frische Luft in einen stickigen Raum kommt. Seit Jahrzehnten hat die Welt den Ajatollahs alles durchgehen lassen: die immer wieder wiederholte Drohung, Israel auszulöschen, die gewaltsame Inbesitznahme ganzer Staaten – Libanon, Syrien, Irak, Jemen –, Terroranschläge auf der ganzen Welt bis hin nach Argentinien (der 1994 verübte Anschlag auf das jüdische Gemeindezentrum in Buenos Aires mit 85 Toten war der größte Anschlag auf die jüdische Diaspora seit dem Holocaust).

Außerdem Morde im Ausland, die buchstäblich vor den Haustüren der Regierenden in Westeuropa stattfanden, u.a. in WienBonnBerlin, Paris und vielen weiteren Städten. Selbst vor einem Anschlagsplan auf einen deutschen Spitzenpolitiker schreckte das Regime nicht zurück. „Wie weit können wir noch gehen, ehe uns jemand in den Weg tritt?“, müssen sich die Teheraner Terrorstrategen permanent gefragt haben. Im Frühjahr 2019 dehnten sie ihren Krieg immer weiter aus:

Mai: Angriffe auf Tanker im Golf von Oman
Juni: Die iranische Armee schießt eine amerikanische Drohne ab
Juli: Die iranische Marine kapert ein britisches Schiff.

Rudi Carrell erhielt Morddrohungen

Auf all das reagierte der amerikanische Präsident mit äußerster Zurückhaltung. Das machte das Regime noch dreister. Im September griff es Saudi-Arabiens Ölanlagen mit Drohnen und Raketen an. Wieder kam es ungestraft davon. Auch das war nicht genug. Überrascht von Massenprotesten im Irak, die sich gegen die iranische Fremdherrschaft richteten und an denen sich auch massenweise junge Schiiten beteiligten, wählte es die größtmögliche Eskalation: Es setzte seine Milizen im Irak sowohl gegen die demonstrierende irakische Bevölkerung ein als auch gegen die Amerikaner im Land und griff schließlich die amerikanische Botschaft und die im Land stationierten Truppen an.

Wo waren da die Stimmen, die vor Flächenbrand und Weltkrieg warnten? Wo waren sie überhaupt in den letzten 40 Jahren? Die Welt hat sich so sehr an das Einknicken vor den Ajatollahs gewöhnt, dass dieses Verhalten als das einzig normale und vernünftige erscheint. Als der Fernsehunterhalter Rudi Carell 1987 in seiner im öffentlich-rechtlichen deutschen Fernsehen ausgestrahlten Sendung „Rudis Tagesshow“ einen Witz über Ajatollah Khomeini machte, wurde daraus buchstäblich eine Staatsaffäre. Schon kurz nach der Sendung rief der iranische Botschafter im Auswärtigen Amt an und beschwerte sich aufs Schärfste.

Deutsche Diplomaten wurden aus Teheran ausgewiesen, das Goethe-Institut geschlossen, die Flugverbindung von Teheran nach Deutschland eingestellt, Wirtschaftssanktionen gegen Deutschland angedroht. Rudi Carrell erhielt Morddrohungen. Er entschuldigte sich „beim iranischen Volk“ und sagte, dass er niemanden habe beleidigen wollen und nicht gewusst habe, was er auslösen würde. Wenige Wochen später wurde „Rudis Tagesshow“ abgesetzt. Radio Bremen, der staatliche Rundfunksender, der die Sendung produzierte, verweigerte noch 2010 dem Haus der Geschichte – das ist das offizielle Museum für die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland – die Herausgabe eines Mitschnitts.

Der Bully von Teheran

Im Irak ging es nicht um einen Witz; es ist Blut geflossen, doch man täusche sich nicht: Die Aufregung und Empörung dreht sich nicht um den Tod zweier Terroristen, sondern – wie im Falle Rudi Carells oder auch Salman Rushdies – um die Beleidigung des iranischen Regimes. Das ist Trumps wahres Vergehen, das ihm vorgeworfen wird: Dass er es gewagt hat, das Ajatollahregime zu kränken. Wie kann er nur! Weiß er nicht, dass es sich geziemt, sich vor dem Regime klein zu machen wie Sigmar Gabriel und nie, wirklich niemals, den Zorn der Herrscher in Teheran zu erregen?

Es ist wie mit einem gewalttätigen Ehemann, dessen Frau sich selbst die Schuld daran gibt, dass ihr Mann sie schlägt, und glaubt, durch eigenes Wohlverhalten – worin immer das bestehen mag – könne sie die Wut- und Gewaltausbrüche ihres Mannes lindern, dafür sorgen, dass er seine Taten „begrenzt“ hält. So wie man einer Frau, die Opfer häuslicher Gewalt wird, sagt: „Du bist nicht schuld, dass er dich schlägt“, so muss man auch im Fall der Ajatollahs verfahren und aller Welt sagen: Wir sind nicht schuld – es sind Islamisten, die sind immer aufgebracht.

Das iranische Regime drangsaliert nicht nur einen Menschen, sondern ein ganzes Volk, die ganze Region. Und die Welt nimmt das so hin, als hätte es ein Recht dazu. 

Das Regime ist wie der riesige Bully in dem Charlie-Chaplin-Kurzfilm Easy Street von 1917, der ein heruntergekommenes Stadtviertel tyrannisiert, Leute verprügelt und ihnen das Geld abnimmt. Dann kommt ein kleiner Schutzmann (Charlie Chaplin), der gerade erst bei der Polizei angefangen hat, es nach anfänglichem Zögern mit dem Tyrannen aufnimmt und ihm am Ende aus dem ersten Stock eines Hauses einen gusseisernen Ofen auf den Kopf wirft. Anders als Charlie Chaplin im Film erntet Präsident Trump nur Undank und Schmähungen. Die Welt, scheint es, hat sich noch nicht an den Gedanken gewöhnt, dass ein neuer Schutzmann im Viertel ist und sie vor dem Bully keine Angst mehr zu haben braucht.

 

Dieser Beitrag erschien zuerst auf Mena-Watch.

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Volker Kleinophorst / 14.01.2020

Der Westen (also deren Linke) muss generell aus dem Rektum des Islam raus. Und ja, schon bei Rudi Carrell hätte man einen ganz andern Kurs fahren müssen. PS.: Obsiegt der Islam gehören Linke zu den ersten am Baukran? Da gibt es keine “Querfront”.

Friedrich Neureich / 14.01.2020

Angst vor den Konsequenzen ist nur ein vorgeschobenes Argument - die öffentlich Meinenden in Deutschland lieben und verehren die Ajatollahs. Kein Wunder, bedenkt man, dass die heutigen Chefredakteure in ihrer Studentenzeit bei den Anti-Schah-Demonstrationen dabei waren.

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