Ich hoffe sehr, dass die Franzosen in Zukunft ein bisschen besser auf ihre Dame von Paris aufpassen. Ich bin so französisiert, dass auch ich eigentlich keine Lust habe, im Groll und grimmig auf die Katastrophe zurückzuschauen.
Vor gut fünf Jahren hielt die Welt für einen Moment den Atem an. Die Notre-Dame de Paris stand in hellen Flammen. Voller Entsetzen sahen die Pariser zu, wie ihre schönste Kathedrale von der Vernichtung bedroht war, sie sahen zu, wie die Pompier de Paris – die Pariser Feuerwehr – heldenhaft und letztendlich erfolgreich wenigstens das Bauwerk retteten, wenn sie schon das aus 1.100 Eichenbalken bestehende Dach und den Vierungsturm, genannt den Pfeil, nicht retten konnten. Aus den Wasserspeiern der Kathedrale floss das geschmolzene Blei in Strömen, und es grenzt an ein Wunder, dass die Pompier den Absturz der tonnenschweren Glocken und damit den Einsturz der beiden Kirchtürme verhindern konnten.
Seit fünf Jahren wird die Brandursache von einer Expertenkommission ohne jede plausible Erklärung untersucht. Zigarettenkippen als Brandursache hat wohl niemand ernst genommen, und eine elektrische Anlage gab es dort nicht. Wohl aber gab es einen Zugang von außen durch ein gigantisches Baugerüst zur Dachreparatur. Es war auch ein seltsamer Zufall, dass ausgerechnet an diesem Tag ein völlig neuer, schlecht ausgebildeter Mitarbeiter die Brandwache hatte und er auch nicht rechtzeitig abgelöst wurde. Er interpretierte den auftretenden Brandalarm falsch, und dadurch hatte das Feuer Zeit, sich auszubreiten.
Ich habe das Gefühl, dass sich in Frankreich bezüglich der Brandursache der Notre-Dame ein seltsames Schweigetabu entwickelt hat. Es ist irgendwie so ähnlich wie mit der Ursachenforschung bei den gesprengten Nordstream-Gasleitungen. Ich höre in den Medien keine Fragen zur Brandursache. Die Stimmung ist so: Lasst uns bitte sehr nach vorne schauen und die Kirche wieder in alter Schönheit aufbauen.
Versprechen wird umgesetzt
Und die Wiederherstellung der Kathedrale hat gewaltige Fortschritte gemacht. Macron hatte versprochen, dass die Kirche in fünf Jahren wiederhergestellt sein wird. Er wurde dafür besonders aus Deutschland verlacht. Es sieht allerdings sehr danach aus, dass dieses Versprechen umgesetzt wird. Le Foret – der Wald – aus 1.100 Eichenbalken steht wieder und wartet auf seine Bleiabdeckung. Der Vierungsturm steht wieder. Auf seiner Spitze thront der neu vergoldete französische Hahn weithin sichtbar wieder über Paris.
Die Schließung des großen Gewölbes unter der Turmspitze hat begonnen. Dies ist die letzte große Etappe der Restaurierung des Mauerwerks in der Kathedrale Notre-Dame de Paris.
Das Kreuzgewölbe unter dem Vierungsturm war eingestürzt. Dessen Reparatur war eine sehr schwierige Aufgabe. Eingangs waren die Diagonalbögen und der Druckring, der als Schlussstein fungiert, repariert worden, damit das Gerüst, das für die Wiederherstellung der Turmspitze verwendet wurde, hochgezogen werden konnte. Nachdem das Gerüst nun abgebaut wurde, kann das „große Gewölbe“ wieder vollständig geschlossen werden. Dies wird bis zum Sommer geschehen.
Am Freitag, dem 26. April, wurden die Grundsteine in über 100 Meter Höhe gelegt. Ein symbolischer Vorgang. Das große Kreuzgewölbe von Notre-Dame de Paris wird wieder geschlossen. Es war ja mit dem Zusammenbrechen der Turmspitze bei dem Brand am 15. April 2019 vollständig eingestürzt.
Andere Gewölbe, die von herabstürzenden, verkohlten Dachbalken im Kirchenschiff, im Chor und im nördlichen Arm des Querschiffs durchbrochen wurden, waren bereits restauriert worden. Am Kreuzgang des Querschiffs konnte die Operation jedoch nur in Etappen durchgeführt werden.
Die letzte große Etappe der Restaurierung
Das Vierungsturm-Gewölbe wurde in zwei Phasen rekonstruiert. In der ersten Phase, Anfang 2023, wurden die Diagonalbögen und das Zenit-Okulus, das als Schlussstein des Gewölbes fungiert, wieder aufgebaut. Anschließend wurden sie in ihrem ursprünglichen Zustand belassen, damit das Gerüst für den Wiederaufbau weiterhin zwischen den Bögen bis zu 100 Meter in die Höhe ragen und für die Wiederherstellung der Turmspitze verwendet werden konnte.
Nachdem die Rekonstruktion des Gewölbes abgeschlossen war, wurde das Gerüst bis auf die Höhe abgebaut, auf der die Gewölbe, die dreieckigen Abteile zwischen den Bögen des großen Gewölbes, wieder aufgebaut werden konnten.
Dies ist die letzte große Etappe der Restaurierung des Mauerwerks in dem Gebäude. Sie wird laut der öffentlichen Einrichtung Rebâtir Notre-Dame de Paris in diesem Sommer abgeschlossen sein.
Ihr Präsident, Philippe Jost, lobt „das Engagement und die außerordentliche Kompetenz“ der vor Ort mobilisierten Steinmetze, die die 7.000 Steine, die für die Schließung der Gewölbe des Querschiffs benötigt werden, in der Werkstatt behauen haben und sie nun einen nach dem anderen einsetzen. Es handelt sich hierbei um eine wirklich außergewöhnliche Arbeit, die auch einen sehr wichtigen Meilenstein darstellt, da sie den vollständigen Abbau des Gerüsts der Vierung im Hinblick auf die Wiedereröffnung der Kathedrale im Dezember 2024 ermöglichen wird.
Die Wiederherstellung der Notre Dame de Paris zeigt vor allem eines: Es gibt eine ganze Menge hervorragender Handwerker in Frankreich, die noch vorindustrielle Handwerkskunst beherrschen, etwa die Zimmerleute, die den 800 Jahre alten Dachstuhl in alter Schönheit auf die historische Weise rekonstruiert haben. Dazu mussten sie Balken mit dem Beil behauen, Zapfen mit dem Stechbeitel stemmen und wissen, wie man Holznägel macht und einschlägt. Die Steinmetze konnten ein mittelalterliches Kreuzgewölbe in großer Höhe wiederherstellen, indem sie die Steine händisch behauen und angepasst haben. Aber auch unzählige andere Handwerker und Künstler haben ihr Können unter Beweis gestellt.
Was jetzt noch kommt, ist nicht zu schwierig. Dach drauf, das Innere und das Äußere von den Brand und Bauspuren ein bisschen aufhübschen, die Baustelleneinrichtung abbauen und dann unter großem Pomp die Wiedereröffnungsmesse feiern. Diese Feier haben sich die Bauarbeiter, die Offiziellen und die Kirchenvertreter wohlverdient.
Ich hoffe sehr, dass die Franzosen gelernt haben und in Zukunft ein bisschen besser auf ihre Dame von Paris aufpassen. Ich bin allerdings inzwischen schon so französisiert, dass auch ich keine Lust mehr darauf habe, im Groll und grimmig auf die Katastrophe zurückzuschauen, sondern mich mit meinen Gastgebern, den Franzosen, auf die Christmette in der Notre-Dame de Paris freue. Wenn Gott will, werde ich darüber auf der Achse berichten können.
Manfred Haferburg wurde 1948 in Querfurt geboren. Er studierte an der TU Dresden Kernenergetik und machte eine Blitzkarriere im damalig größten AKW der DDR in Greifswald. Wegen des frechen Absingens von Biermannliedern sowie einiger unbedachter Äußerungen beim Karneval wurde er zum feindlich-negativen Element der DDR ernannt und verbrachte folgerichtig einige Zeit unter der Obhut der Stasi in Hohenschönhausen. Nach der Wende kümmerte er sich für eine internationale Organisation um die Sicherheitskultur von Atomkraftwerken weltweit und hat so viele AKWs von innen gesehen wie kaum ein anderer. Im KUUUK-Verlag veröffentlichte er seinen auf Tatsachen beruhenden Roman „Wohn-Haft“ mit einem Vorwort von Wolf Biermann.
Beitragsbild: Marind CC BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons

Sehr geehrter Herr Haferburg,
ich trauere mit Ihnen, da ich 17 Jahre lang im Schatten (150m entfernt ) dieser Kirche wohnte und sozusagen zur Gemeinde gehörte. Ich sah mit Entsetzen den Brand. Unzählige Fachleute sämtlicher europäischer Dombauhütten eilten zur Hilfe und haben dieses großartige Wiederaufbauwerk zustandegebracht. Der neue Dachreiter auf der Vierung (kein „Turm“, bitte sehr, da er nicht im Boden gegründet , sondern als Leichtgewicht von den Gewölben der Vierung getragen ist), zeigt wieder an, daß Zivilisation über Zerstörung siegen kann. Vieles deutet auf Brandstiftung hin, worauf ich hier schon hingewiesen habe (daß z.B. durch den allen zugänglichen Fahrstuhl ins Dachgeschoß im Gerüst vor der Renovierung jeder mit einem Benzinkanister hinaufsteigen konnte). Auch viele andere Merkwürdigkeitren weisen auf Brandstiftung hin: daß sich der Brand von West nach Ost entwickelte, obwohl der Wind entgegengesetzt wehte (wie man aus der Rauchfahne sehen konnte); daß der Rauch anfangs grün war und erst langsam über rötlich sich ins Grau verfärbte, was bei dem Eichenholz des Dachstuhls zu erwarten war. Hier waren wirklich andere Chemikalien im Spiel. Dieses einzigartige Kirchengebäude wird uns wohl erhalten bleiben, und auch das Domkapitel und die wunderbaren Sänger werden wieder ihren Platz dort ausfüllen. Aber wir fühlen alle, wie bedroht wir sind.
Soll sich ein jeder selbst Gedanken machen und gerade mal die Stichworte „Anschlag auf Kirchen in Frankreich “ googlen. Da erkennt man schon klar wo der Wind herkommt. Warum gerade die Notre Dame eine Ausnahme sein soll , lass ich mir noch erklären.
Der Katholizismus feiert in Frankreich eine Art Renaissance, im Internet munkelt man, besonders die Jugend neige zu ausgeprägtem Traditionalismus. Verblüffend. Ist das schon Verzweiflung? Fehlt nur ein französischer Papst.
Frau Ulla Schneider: beim Fachwerkbau wurden, soweit Altholz eh nicht wieder verwendet wurde, das Eichenholz frisch verbaut. Der Grund hierfür war, daß das frische Holz sich im verbauten Zustande nach und nach zusammenzieht und so die Verzapfungen als auch die Holznägel immens stabilisierte. Die Lehmgefache machen das in der Regel mit, die Staken sind elastisch. Ab und zu gibt es Risse im Putz, vor allen an den Faschen der Gefache, das ist kein Problem. Schlimmer sind Plastefenster in Altbauten, wulstige Rolladenkästen statt Fensterläden und zubetonierte Höfe. Ein Graus!
Die Ungebetenen aus dem Morgenlande haben doch jede Menge Erfahrung mit der Umwidmung von Kirchen in Moscheen. Die großen Staatskirchen sind ja sowas von tolerant, da wirds beim Kölner Dom sicherlich keine Diskussion geben, diese den Erdogans zu überlassen. Nur, soweit ich weiß, gehören in Frankreich die Kirchengebäude dem Staat. Da kann sich die Toleranzschwelle zur Umnutzung in eine Moschee doch noch etwas verschieben. Worüber weniger geredet wird, ist daß Kirchen in Frankreich täglichen Vandalismus ausgesetzt sind, von wem auch immer. Vielleicht war der Brand die letzte Warnung an Frankreich, an Europa. Ein Fanal sozusagen, sich auf unsere Wertvorstellungen zu besinnen und nicht jedem zerstörerischen Zeitgeist hinterherzurennen.
In Schland hätte der Wiederaufbau 50 Jahre und ich China vermutlich 5 Monate gedauert. Schön, dass der Versuchung widerstanden wurde, irgendeinen zeitgenössischen (modernen?) Scheiß zu bauen.
Ich hoffe, das der Vollmond friedlich auf die Dame schaut und nicht irgendwann der Halbmond das Betreten der Kirche verbietet.