Manfred Haferburg / 15.05.2024 / 06:00 / Foto: Marind / 73 / Seite ausdrucken

Notre Dame: Eine Bilanz fünf Jahre nach dem Brand

Ich hoffe sehr, dass die Franzosen in Zukunft ein bisschen besser auf ihre Dame von Paris aufpassen. Ich bin so französisiert, dass auch ich eigentlich keine Lust habe, im Groll und grimmig auf die Katastrophe zurückzuschauen.

Vor gut fünf Jahren hielt die Welt für einen Moment den Atem an. Die Notre-Dame de Paris stand in hellen Flammen. Voller Entsetzen sahen die Pariser zu, wie ihre schönste Kathedrale von der Vernichtung bedroht war, sie sahen zu, wie die Pompier de Paris – die Pariser Feuerwehr – heldenhaft und letztendlich erfolgreich wenigstens das Bauwerk retteten, wenn sie schon das aus 1.100 Eichenbalken bestehende Dach und den Vierungsturm, genannt den Pfeil, nicht retten konnten. Aus den Wasserspeiern der Kathedrale floss das geschmolzene Blei in Strömen, und es grenzt an ein Wunder, dass die Pompier den Absturz der tonnenschweren Glocken und damit den Einsturz der beiden Kirchtürme verhindern konnten.

Seit fünf Jahren wird die Brandursache von einer Expertenkommission ohne jede plausible Erklärung untersucht. Zigarettenkippen als Brandursache hat wohl niemand ernst genommen, und eine elektrische Anlage gab es dort nicht. Wohl aber gab es einen Zugang von außen durch ein gigantisches Baugerüst zur Dachreparatur. Es war auch ein seltsamer Zufall, dass ausgerechnet an diesem Tag ein völlig neuer, schlecht ausgebildeter Mitarbeiter die Brandwache hatte und er auch nicht rechtzeitig abgelöst wurde. Er interpretierte den auftretenden Brandalarm falsch, und dadurch hatte das Feuer Zeit, sich auszubreiten.

Ich habe das Gefühl, dass sich in Frankreich bezüglich der Brandursache der Notre-Dame ein seltsames Schweigetabu entwickelt hat. Es ist irgendwie so ähnlich wie mit der Ursachenforschung bei den gesprengten Nordstream-Gasleitungen. Ich höre in den Medien keine Fragen zur Brandursache. Die Stimmung ist so: Lasst uns bitte sehr nach vorne schauen und die Kirche wieder in alter Schönheit aufbauen. 

Versprechen wird umgesetzt

Und die Wiederherstellung der Kathedrale hat gewaltige Fortschritte gemacht. Macron hatte versprochen, dass die Kirche in fünf Jahren wiederhergestellt sein wird. Er wurde dafür besonders aus Deutschland verlacht. Es sieht allerdings sehr danach aus, dass dieses Versprechen umgesetzt wird. Le Foret – der Wald – aus 1.100 Eichenbalken steht wieder und wartet auf seine Bleiabdeckung. Der Vierungsturm steht wieder. Auf seiner Spitze thront der neu vergoldete französische Hahn weithin sichtbar wieder über Paris. 

Die Schließung des großen Gewölbes unter der Turmspitze hat begonnen. Dies ist die letzte große Etappe der Restaurierung des Mauerwerks in der Kathedrale Notre-Dame de Paris.

Das Kreuzgewölbe unter dem Vierungsturm war eingestürzt. Dessen Reparatur war eine sehr schwierige Aufgabe. Eingangs waren die Diagonalbögen und der Druckring, der als Schlussstein fungiert, repariert worden, damit das Gerüst, das für die Wiederherstellung der Turmspitze verwendet wurde, hochgezogen werden konnte. Nachdem das Gerüst nun abgebaut wurde, kann das „große Gewölbe“ wieder vollständig geschlossen werden. Dies wird bis zum Sommer geschehen.

Am Freitag, dem 26. April, wurden die Grundsteine in über 100 Meter Höhe gelegt. Ein symbolischer Vorgang. Das große Kreuzgewölbe von Notre-Dame de Paris wird wieder geschlossen. Es war ja mit dem Zusammenbrechen der Turmspitze bei dem Brand am 15. April 2019 vollständig eingestürzt.

Andere Gewölbe, die von herabstürzenden, verkohlten Dachbalken im Kirchenschiff, im Chor und im nördlichen Arm des Querschiffs durchbrochen wurden, waren bereits restauriert worden. Am Kreuzgang des Querschiffs konnte die Operation jedoch nur in Etappen durchgeführt werden.

Die letzte große Etappe der Restaurierung

Das Vierungsturm-Gewölbe wurde in zwei Phasen rekonstruiert. In der ersten Phase, Anfang 2023, wurden die Diagonalbögen und das Zenit-Okulus, das als Schlussstein des Gewölbes fungiert, wieder aufgebaut. Anschließend wurden sie in ihrem ursprünglichen Zustand belassen, damit das Gerüst für den Wiederaufbau weiterhin zwischen den Bögen bis zu 100 Meter in die Höhe ragen und für die Wiederherstellung der Turmspitze verwendet werden konnte.

Nachdem die Rekonstruktion des Gewölbes abgeschlossen war, wurde das Gerüst bis auf die Höhe abgebaut, auf der die Gewölbe, die dreieckigen Abteile zwischen den Bögen des großen Gewölbes, wieder aufgebaut werden konnten.

Dies ist die letzte große Etappe der Restaurierung des Mauerwerks in dem Gebäude. Sie wird laut der öffentlichen Einrichtung Rebâtir Notre-Dame de Paris in diesem Sommer abgeschlossen sein. 

Ihr Präsident, Philippe Jost, lobt „das Engagement und die außerordentliche Kompetenz“ der vor Ort mobilisierten Steinmetze, die die 7.000 Steine, die für die Schließung der Gewölbe des Querschiffs benötigt werden, in der Werkstatt behauen haben und sie nun einen nach dem anderen einsetzen. Es handelt sich hierbei um eine wirklich außergewöhnliche Arbeit, die auch einen sehr wichtigen Meilenstein darstellt, da sie den vollständigen Abbau des Gerüsts der Vierung im Hinblick auf die Wiedereröffnung der Kathedrale im Dezember 2024 ermöglichen wird.

Die Wiederherstellung der Notre Dame de Paris zeigt vor allem eines: Es gibt eine ganze Menge hervorragender Handwerker in Frankreich, die noch vorindustrielle Handwerkskunst beherrschen, etwa die Zimmerleute, die den 800 Jahre alten Dachstuhl in alter Schönheit auf die historische Weise rekonstruiert haben. Dazu mussten sie Balken mit dem Beil behauen, Zapfen mit dem Stechbeitel stemmen und wissen, wie man Holznägel macht und einschlägt. Die Steinmetze konnten ein mittelalterliches Kreuzgewölbe in großer Höhe wiederherstellen, indem sie die Steine händisch behauen und angepasst haben. Aber auch unzählige andere Handwerker und Künstler haben ihr Können unter Beweis gestellt.

Was jetzt noch kommt, ist nicht zu schwierig. Dach drauf, das Innere und das Äußere von den Brand und Bauspuren ein bisschen aufhübschen, die Baustelleneinrichtung abbauen und dann unter großem Pomp die Wiedereröffnungsmesse feiern. Diese Feier haben sich die Bauarbeiter, die Offiziellen und die Kirchenvertreter wohlverdient.

Ich hoffe sehr, dass die Franzosen gelernt haben und in Zukunft ein bisschen besser auf ihre Dame von Paris aufpassen. Ich bin allerdings inzwischen schon so französisiert, dass auch ich keine Lust mehr darauf habe, im Groll und grimmig auf die Katastrophe zurückzuschauen, sondern mich mit meinen Gastgebern, den Franzosen, auf die Christmette in der Notre-Dame de Paris freue. Wenn Gott will, werde ich darüber auf der Achse berichten können.

 

Manfred Haferburg wurde 1948 in Querfurt geboren. Er studierte an der TU Dresden Kernenergetik und machte eine Blitzkarriere im damalig größten AKW der DDR in Greifswald. Wegen des frechen Absingens von Biermannliedern sowie einiger unbedachter Äußerungen beim Karneval wurde er zum feindlich-negativen Element der DDR ernannt und verbrachte folgerichtig einige Zeit unter der Obhut der Stasi in Hohenschönhausen. Nach der Wende kümmerte er sich für eine internationale Organisation um die Sicherheitskultur von Atomkraftwerken weltweit und hat so viele AKWs von innen gesehen wie kaum ein anderer. Im KUUUK-Verlag veröffentlichte er seinen auf Tatsachen beruhenden Roman „Wohn-Haft“ mit einem Vorwort von Wolf Biermann.

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Talman Rahmenschneider / 15.05.2024

Ich glaube nicht, dass es ein Anschlag war, denn so eine Sache führt aus Stolz zu einem Bekennerschreiben. Es war kolossale Schlamperei. Das Photo ist großartig. Schön, dass sie bald fertig ist. Ich fand sie immer ganz hübsch, mehr nicht. Die ganz großen Kathedralen stehen an sich in England, vielleicht auch, weil die anglikanische Religion noch lebt, während der Katholizismus, der in Italien und Spanien auch noch lebendig ist, in Frankreich leider eine Randerscheinung geworden ist. Ich ziehe viele Orte Notre-Dame de Paris vor, San Marco, Canterbury, Santiago de Compostela, Burgos, Salisbury, einige Gebäude in Rom und habe dort schon innige Stunden verbracht. Monsieur, denke ich, freut sich schon auf noch längere Schlangen und viel Mammon. Dennoch gut, dass sie wieder ersteht. Monsieur steht endlich sinnbildlich für das Hohle, das Paris entwickelt hat. Er ist an sich der Prototyp von Luis Buñuel. Dagegen war Hollande ein Gedicht, aber den wollten sie ja nicht, die Pariser. Ich nenne es inzwischen Lost City. Dank des noch lebendigen Anglikanischen und des Königshauses finde ich inzwischen London bereichernder, kulturell und menschlich. Aber das beste Weihnachten jemals habe ich in San Marco gefeiert, mit Patriarca Francesco Moraglia, wunderbarer Priester. In Schland no show, nur nebenbei, keinen Bock auf die Sülze an Weihnachten.

B. Zorell / 15.05.2024

Lucius De Geer / 15.05.2024   - Die eigene Logik muß bestätigt werden. Wenn nicht, ist ein anderer schuld. Es kann eben nicht sein, daß ein Russe so besonnen ist wie Putin. Mein Vater war im Feld bis vor Baku. Er hat immer mit Respekt über die Russen geredet. Weil er die Leistungen der Russen bestaunen und loben musste. Vor allem lobte er immer, wie einfach die Russen ihre Probleme lösten.

S. E. L. Mueffler / 15.05.2024

In Deutschland wird man derart ausgebildete Handwerker nicht in solcher Menge finden lassen. Das hängt u.a. an dem Verdikt deutscher Nachkriegsarchitekten, dass historische Bauweisen gefälligst nicht mehr zu unterrichten und anzuwenden seien. Die Ideologie der Moderne ... Was WK II von den Städten übrig gelassen hatte, wurde später zeitgemäß beseitigt, Kirchen erst “vereinfacht wieder aufgebaut” und später ... siehe “St. Horten in Ahaus ... die letzten Experten arbeiten in den wenigen Dombauhütten.

Albert Schultheis / 15.05.2024

Ich habe wohl ähnliche Vermutungen wie Sie, werter Herr Haferburg, hinsichtlich der Brandursache und des Umgangs mit ihr. Wir in der EU haben längst das Zeitalter der Aufklärung und Säkularisierung hinter uns gelassen, stattdessen herrschen wieder Obskurantismus,  Infantilisierung und Cretinisierung. Dennoch auch meine Bewunderung und Hochachtung für die Handwerker! Vielleicht ist ja das der Weg: zurück in die handwerkliche Hochkultur des Mittelalters, um einen neuen zweiten Anlauf zu finden zu einer besseren Aufklärung. Mir jedenfalls steht jeder gediegene Handwerker näher als irgendein geschwätziger Politologe oder Soziologe.

Reinmar von Bielau / 15.05.2024

Ohne Brandbeschleuniger hätte man die Eichenbalken nicht in Brand setzen können. Dazu gibt es diverse Versuche im Internet mit alten Eichenbohlen. Macron hat, um die innere Sicherheit nicht zu gefährden, jede Aufklärung verweigert. Mal sehen, wann wir Brände in den Domen von Freiburg, Köln oder Aachen haben werden. Die Islamisten werden schon aktiv werden. Aber zuerst einmal jetzt die EM…

Wolfgang Richter / 15.05.2024

“Ich habe das Gefühl, dass sich in Frankreich bezüglich der Brandursache der Notre-Dame ein seltsames Schweigetabu entwickelt hat.”—Gibts eigentlich in Frankreich immer noch -wie vor Jahren vielfach zu lesen war- Brandstiftungen und Sachbeschädigungen an christlichen Kirchen? Das ist seit “Notre Dame” insgesamt kein mediales Thema mehr.

Gisel Schinnerer / 15.05.2024

Dirk Jungnickel weist auf den Film „Notre-Dame“ bei Netflix hin, aber er ist auch in der Arte Mediathek zu sehen.

Tina Kaps / 15.05.2024

Sehr geehrter Herr Haferburg, danke dass Sie Notre Dame in Erinnerung rufen. Mittlerweile gibt es TV-Dokus die Fachleute in ihrem Stein-, Holz-, Glas-Element zeigen – für meinen Geschmack allzu dankbar für den Brand. Und es gibt einen eilig zusammengestoppelten Spielfilm an dessen Ende sich die Brandbekämpfer Kaugummis reichen. Fragen werden nicht gestellt – geschweige denn Antworten gegeben. Apropos: Auch um den Brand in Kopenhagen ist es auffällig schnell still geworden.

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