Warum wollen die Norweger ein kleines Kernkraftwerk ausgerechnet auf Svalbard, einem einsamen arktischen Archipel errichten? Es könnte ein Meilenstein für die Energieversorgung in extremen Klimazonen werden. Die Russen haben es bereits vorgemacht.
Die Norweger schwimmen in Energie. Ihr ganzes Land ist Energie. Die Fjorde sind riesige Stauseen. 1.600 Stauseen stellen 90 Prozent von Norwegens Strom her. Windenergie macht einen kleinen Anteil von unter 10 Prozent aus, mit 1.500 neuen Offshore-Windrädern in Planung. „Wohl kaum“, sagte das Böckchen, als es gemolken werden sollte. Pompös tönendes Ziel ist es, die Windkraft als zweite tragende Säule neben der Wasserkraft zu etablieren. Sagen „fortschrittliche Politiker“. Sie könnten es sich sogar leisten, denn Norwegen ist einer der größten Öl- und Gasexporteure weltweit.
Die Norweger schwimmen nicht nur in Energie, sie schwimmen auch in Geld. Im Jahr 2024 erzielte Norwegen Rekordeinnahmen aus dem Öl- und Gasgeschäft. Die Exporte stiegen um 15,5 Prozent, was vor allem auf hohe Energiepreise und stabile Fördermengen zurückzuführen ist. Allein durch den gestiegenen Gaspreis verdiente Norwegen über 108 Milliarden Euro mehr, als es bei früheren Durchschnittspreisen der Fall gewesen wäre. Trotz großartigem grünen Getöse vergab die Regierung 53 neue Explorationslizenzen für Öl und Gas, um die Produktion langfristig zu sichern.
Die Einnahmen fließen größtenteils in den staatlichen Ölfonds („Government Pension Fund Global“), der aktuell einen Wert von rund 1,6 Billionen Euro hat. Dieser Fonds finanziert unter anderem Infrastruktur, Sozialleistungen und internationale Hilfen. Norwegens Reichtum kommt daher, wo ihn auch die Scheichs herbekommen. Nur tragen die Norweger statt eines Thwab oder Kandura eher einen Pullover mit typischem Muster unter der Helly Hansen Outdoorjacke (Vorsicht ihr Norweger, wenn das die Antifa erfährt) und statt einer Ghutra oder Kufyia eher eine Wollmütze auf dem Kopf. Norwegen zählt zu den reichsten Ländern der Welt – und das nicht nur wegen seines Ölreichtums.
Ein arktischer Archipel namens Svalbard
Die Norweger sind auch nicht auf den Kopf gefallen. Beim BIP liegt Norwegen mit über 101.000 US-Dollar pro Kopf unter den Top 5 weltweit. Deshalb hat es bisher auch kein Lars Klingbeil – trotz seines skandinavischen Vornamens Lars in eine Spitzenposition von Norwegens Politik geschafft. Sonst wären vielleicht ja sogar die Norweger schon kurz vor der Pleite. Lars ist die norwegische und schwedische Kurzform von Laurentius, einem lateinischen Namen, der „der Lorbeerbekränzte“ bedeutet. Die Norweger überlassen es lieber den Deutschen, dem Lars die Lorbeerkränze zu flechten, bevor ihnen auch noch die Lorbeerblätter ausgehen.
In Norwegens Inland spielt fossile Energie eine untergeordnete Rolle im Strommix. Aber Öl und Gas werden im Verkehrs- und Industriesektor reichlich und günstig genutzt. Wenn da nicht Svalbard wäre. Svalbard ist ein arktischer Archipel und einer der nördlichsten bewohnten Orte der Welt. Es liegt etwa zwischen dem norwegischen Festland und dem Nordpol, mitten im Nordpolarmeer. Der Archipel besteht aus mehreren Inseln, darunter Spitzbergen, Nordaustlandet, Edgeøya und Bjørnøya. Die größte und wichtigste Insel ist Spitzbergen, auf der sich auch die Hauptstadt Longyearbyen befindet. Die Landschaft ist geprägt von Gletschern, Fjorden und Eiswüsten. Doch trotz der Nähe zum Nordpol herrscht dort ein relativ mildes arktisches Klima, mit Durchschnittstemperaturen von -14 °C im Winter und +6 °C im Sommer. Nach meiner Meinung allerdings ist „mild“ etwas anderes. Da bleibt den Longyearbyenern ja noch ein bisschen Hoffnung auf einen Spitzbergen-Strandurlaub durch die globale Erderhitzung.
Doch Svalbard hat noch ein klitzekleines weiteres Problemchen: Russland ist einer der nächsten Nachbarn im hohen Norden, und das merkt man auch politisch: Russland hat zum Beispiel früher Bergbau in Barentsburg betrieben – einer russischen Siedlung auf Svalbard. Und laut dem Svalbard-Vertrag dürfen auch andere Länder – darunter Russland – wirtschaftlich auf Svalbard aktiv sein, obwohl die Inselgruppe unter norwegischer Souveränität steht. Der Spitzbergenvertrag von 1920 gewährt auch anderen Unterzeichnerstaaten – darunter Russland – gleichberechtigten Zugang zu wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Aktivitäten. Russland war einer der ersten Staaten, die Norwegens Unabhängigkeit 1905 anerkannten. Während des Kalten Krieges war das Verhältnis angespannt, doch ab den 1990er Jahren entwickelte sich eine enge Kooperation, besonders in der Arktis.
Laut Spitzbergenvertrag darf Norwegen Svalbard verwalten, muss aber wirtschaftliche Gleichbehandlung gewährleisten. Militärische Nutzung ist verboten, was regelmäßig zu Diskussionen führt, wenn Russland Norwegen „Militarisierung“ vorwirft. Russland betreibt bis heute die Siedlung Barentsburg, mit Bergbau und Forschung. Eine Lenin-Statue dort ist ein Symbol für die russische Geschichte auf dem Archipel. In den letzten Jahren kam es zu diplomatischen Reibungen, etwa wegen russischer Expeditionen, die Norwegen als potenzielle Sicherheitsrisiken einstuft. Russland wiederum pocht auf seine Rechte aus dem Vertrag und sieht sich durch norwegische Maßnahmen eingeschränkt. Norwegen betont regelmäßig seine Verantwortung, Svalbard als Ort für Frieden, Wissenschaft und Natur zu erhalten. Gleichzeitig sendet es durch hochrangige Besuche und symbolische Akte klare Botschaften an die internationale Gemeinschaft, dass es seinen Anspruch verteidigt.
Ein Small Modular Reactor, der in die Kälte reist
Norwegen ist eines der Länder ohne Kernenergie, weshalb ich auch bisher nicht das Glück hatte, eine Dienstreise nach Longyearbyen zu unternehmen. Zum Ausgleich wurde mir erspart, den Stadtnamen Longyearbyen als Ziel einer Dienstreise aussprechen zu lernen.
Das soll sich nun ändern. Svalbard plant nun den Bau eines bleigekühlten Kernreaktors – genauer gesagt eines sogenannten Small Modular Reactors (SMR), der mit flüssigem Blei als Kühlmittel arbeitet. Das Projekt ist noch in der Planungsphase, aber es könnte ein Meilenstein für die Energieversorgung in extremen Klimazonen werden. Der Reaktor soll in Longyearbyen, der Hauptsiedlung auf Svalbard, errichtet werden. Es handelt sich um den SEALER-Reaktor (Swedish Advanced Lead-cooled Reactor), entwickelt von Blykalla, einem Spin-off der KTH Royal Institute of Technology in Stockholm. Das Projekt wird von Svalbard Kjernekraft, einem Joint Venture zwischen Norsk Kjernekraft und Blykalla, vorangetrieben. Das Aussprechen all dieser Zungenbrecher wird wohl DIE Herausforderung für künftige Dienstreisen ins neue Kernenergieland Norwegen werden.
Was ist das für ein Reaktor? Es ist ein Reaktor, der mit schnellen Neutronen arbeitet, ein „schneller Brüter“. Das ist ein Reaktor, der nebenher auch Kernbrennstoff für andere Kernkraftwerke erzeugen, oder radioaktiven Müll verbrennen kann. Das Kühlmittel ist flüssiges Blei – ideal für hohe Sicherheit und lange Lebensdauer. Die geplante Leistung ist etwa 55 MWel, bei Bedarf erweiterbar durch mehrere Einheiten. Der Brennstoff ist auf 19,9 Prozent angereichertes Nitrit-Brennmaterial. Der Reaktor ist – wie die meisten Reaktoren der Generation vier – inhärent sicher, das bedeutet, er ist passiv sicher, denn er hat im Notfall keine aktive Kühlung nötig.
Warum ein Kernkraftwerk ausgerechnet auf Svalbard? Ursprünglich wurde die Region durch ein altes Kohlekraftwerk versorgt, doch das wurde 2023 „aus Umweltschutzgründen“ geschlossen. Seitdem wird Longyearbyen mit Dieselgeneratoren versorgt – das ist selbst für Norwegen teuer und vor allem unzuverlässig. Der neue SMR soll ganzjährig Strom und Fernwärme liefern, klimafreundlich und stabil. Das Projekt kommt mir bekannt vor. Die Norweger behaupten zwar vollmundig, das neue Kernkraftwerk könnte als Modell für abgelegene Regionen weltweit dienen. Es zeige, wie fortschrittliche Reaktortechnologie zur Dekarbonisierung beitragen kann – selbst unter extremen Bedingungen.
„Die Russen haben’s erfunden“
Da gießen wir mal etwas Fjordwasser in den süßen norwegischen Wein. Mir kommt eine Werbung in den Sinn, in der die Finnen behaupten, sie hätten ein tolles Hustenbonbon erfunden. Zupft man nun die Norweger am Svalbard-Reaktor-Saunatuch, müssen sie zugeben: „Die Russen haben’s erfunden“. In Pevek, an der Beringstraße, liegt nämlich ein schwimmendes Kernkraftwerk mit zwei kleinen Reaktoren von je 40 MW namens Akademik Lomonossow, welches das tschukotische Inselnetz und seine 100.000 Bewohner seit fünf Jahren zuverlässig mit Strom und Wärme versorgt. Achse-Leser wissen mehr – wir haben darüber berichtet.
Wir haben in diesem Zusammenhang auch darüber berichtet, dass das funkelnagelneue Kraftwerk Moorburg in Hamburg abgeschaltet wurde. Damals schrieb ich: „Wenn jetzt nicht noch die Netzbetreiber dazwischen grätschen und Moorburg als „Systemkraftwerk“ einstufen, kommt bald die Abrissbirne. Nur komplett Irre machen so etwas”. Der Netzbetreiber hat die zwei 800-MW-Blöcke nicht als „systemrelevant“ eingestuft und die komplett Irren haben es abgerissen.
Wir haben die ganze Geschichte erzählt: hier, hier und hier. Doch seien sie sicher – in Hamburg werden weder die Norweger einen bleigekühlten SMR bauen noch die Russen ein schwimmendes Kernkraftwerk anlegen lassen. Die Hamburger werden stolz ihre Semmeln für „Le Fischbrötchen“ backen, wenn der Wind weht und die Sonne scheint. Und wenn nicht, dann tut’s für den nächsten französischen Staatsbesuch auch durchgedrehter Zwieback mit Salzhering, Pökelfleisch und Sauerkraut „Le Labskaus“ – das Grauen aus der Küche. Ging ja für hunderte Jahre auf den Windjammern auch. Bon Appetit.
Manfred Haferburg wurde 1948 im ostdeutschen Querfurt geboren. Er studierte an der TU Dresden Kernenergetik und machte eine Blitzkarriere im damalig größten AKW in Greifswald. Wegen des frechen Absingens von Biermannliedern sowie einiger unbedachter Äußerungen beim Karneval wurde er zum feindlich-negativen Element der DDR ernannt und verbrachte folgerichtig einige Zeit unter der Obhut der Stasi in Hohenschönhausen. Nach der Wende kümmerte er sich für eine internationale Organisation um die Sicherheitskultur von Atomkraftwerken weltweit und hat so viele AKWs von innen gesehen wie kaum ein anderer. Aber im Dunkeln leuchten kann er immer noch nicht. Als die ehemalige SED als Die Linke in den Bundestag einzog, beging er Bundesrepublikflucht und leckt sich seither im Pariser Exil die Wunden. In seiner Freizeit arbeitet er sich an einer hundertjährigen holländischen Tjalk ab, mit der er auch manchmal segelt. Im KUUUK-Verlag veröffentlichte er seinen auf Tatsachen beruhenden Roman „Wohn-Haft“ mit einem Vorwort von Wolf Biermann.
Zum Thema kürzlich von Manfred Haferburg und Klaus Humpich erschienen:
Atomenergie – jetzt aber richtig
Das Nachwort stammt von dem Wissenschaftsphilosophen Michael Esfeld. Sie können das Buch hier in unserem Shop bestellen.
Zum Inhalt des Buches: Es ist keine Frage ob, sondern lediglich wann „die dümmste Energiepolitik der Welt“ (wallstreet-Journal) – in Deutschland euphemistisch „Energiewende“ genannt – beerdigt wird. Und was dann? Überall auf der Welt werden längst wieder die Weichen für die Kernenergie gestellt, CO2-frei wie bisher, aber intelligenter, resilienter, mobiler und preiswerter als je zuvor. Die Atomenergie kann auch hierzulande der Nukleus für einen neuen Wohlstand sein, auch diese Einsicht wird sich unter der Last des Faktischen durchsetzen. Die beiden Energieexperten Manfred Haferburg und Klaus Humpich analysieren den deutschen Irrweg und zeigen Wege aus der Sackgasse. Dieses Buch ist ein Almanach der Vernunft für alle, die in Deutschland erfolgreich wirtschaftlich tätig sind und damit fortfahren wollen.
Beitragsbild: CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Leider kann es sich Norwegen leisten, sehr links und sehr woke zu sein. Sein natürlicher Reichtum verhindert, besser als bei uns, die vorzeitige Pleite.
Leider ist, wie bei den Linken üblich, damit auch ein bemerkbarer Antisemitismus verbunden. Ob er bei den Norwegern im Volk weit verbreitet ist, weiß ich nicht. Aber das Volk ist eigentlich sehr bodenständig, denn Norwegen war vor ein paar Jahrzehnten noch ein armes, bäuerliches Land. Eine größere jüdische Gemeinde gibt es wohl nicht. So ist zu hoffen, daß dieser Antisemitismus nur ein „Projekt“ der Linken ist.
Mich wundert, dass man auf Spitzbergen nicht großflächige Windparks gebaut hat. Ach so, Norweger sind keine Deutschen. Anscheinend denkt man in Norwegen wirtschaftlich und nicht wie in Deutschland ideologisch.
Die Norweger*Innen lassen sich auch islamisieren. Deren IQ hat auch einen Knacks!
Die Welt war von dem Augenblick an unrettbar verlotrn, als es möglich wurde, „mit Abgasen zu betrügen“. Und nein, das waren nicht die Linksgrünen. Das war die verkommene Juris-Prudenz!
Hochinteressant: Der Eigenverbrauch des Reaktors Flamanville-3 liegt bei einer Leistung von 42MW. Das hat zur Folge, dass Flamanville-3 bisher mehr Strom verbraucht hat, als erzeugt. Da wäre so ein SMR mit 55MWel vielleicht vor der Küste der Bretagne besser aufgehoben, als in einem Fjord auf Spitzbergen, wo es kaum zu einem regulären Austausch kommt. Zum Glück habe ich auf die Pläne der Norweger, genau wie Herr Haferburg, überhaupt keinen Einfluss, ganz im Gegensatz zu den Russen! Die Russen haben sogar schon fertige schwimmende KKWs. Ob das gut ist, steht hier nicht zur Debatte. Aber warum sollten die Norweger irgendwas unausgereiftes bauen lassen, wenn sie ein KKW schlüsselfertig geliefert bekommen können. Falls sie das wirklich wollen. Und ausgerechnet dort ein schneller Brüter, wo jeder Baukran einfriert? Wo doch der Super Phénix längst Geschichte ist! Und das im Land der Franzosen. Wenn die Norweger so auf der abschüssigen Ebene wären, wie dieser „Plan“ glauben macht, hätten sie doch längst schon einen EPR begonnen. Aber vielleicht liefern die Chinesen dort auch ihre Solarpanels hin. Die müssen dann nur mit dem Gesicht nach unten angeschraubt werden, dann klappts schon. Immerhin hat der IPCC ja der Refelexion des Sonnenlichts am arktischen Eis einen beachtlichen Erwärmungs-Verstärkungs-Effekt zugeordnet. Dann ist da auch ganz viel zu holen, wenn die Wissenschaftler nicht verrückt sind. Oder?
„Die Norweger sind auch nicht auf den Kopf gefallen“ und haben sogar 1.600 Stauseefjorde. Und „Norwegischer Staatsfonds stößt Anteile an fünf israelischen Banken ab…Aus ethischen Gründen trennt sich der Vermögensfonds von israelischen Unternehmen. Auch Anteile eines US-Konzerns wurden verkauft – wegen möglicher Mitwirkung an Menschenrechtsverletzungen in Gaza und im Westjordanland“(Quelle spiegel de ,26.08.2025). Ein Paradies fürwahr!
Liebe Redaktion, so einen Artikel in den schicksalsschweren Tagen zu lesen, in denen der ach so erfolgreiche Energiewender Robert H. seine Sinekure in Berlin aufgibt und – ipse dixit – „ins Offene schreitet“ – dergleichen geht mir doch an die Nieren. – Sarkasmus off.